{"id":1326,"date":"2021-10-20T15:39:37","date_gmt":"2021-10-20T15:39:37","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1326"},"modified":"2021-10-20T15:39:39","modified_gmt":"2021-10-20T15:39:39","slug":"judith-e-filitz-gott-unterwegs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1326","title":{"rendered":"Judith E. Filitz: Gott unterwegs"},"content":{"rendered":"\n<p>Judith E. Filitz: <em>Gott unterwegs. Die traditions- und religionsgeschichtlichen Hintergr\u00fcnde des Habakukliedes<\/em> (Orientalische Religionen in der Antike 36), T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2020, Leinen, 571+XIV\u00a0S. + 13 Abb., \u20ac\u00a0144,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/gott-unterwegs-9783161592652\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/gott-unterwegs-9783161592652\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-16-159265-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"dwnldbtn\">[e2pdf-download id=&#8221;1&#8243;]<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Dem zu besprechenden Buch liegt eine von Prof. Dr. Angelika Berlejung betreute und 2018 von der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Leipzig angenommene Dissertation zugrunde. Darin wird das Habakuklied (Hab 3) \u00fcber dessen gesamten Wachstumsprozess hinweg bis zur Endfassung interpretiert. Dabei liegt ein besonderes Gewicht auf detaillierten Analysen der traditions- und religionsgeschichtlichen Hintergr\u00fcnde der rekonstruierten, \u00e4ltesten Fassung des Habakukliedes, wodurch der Wert der sehr zu empfehlenden Arbeit weit \u00fcber ihren Beitrag f\u00fcr die Habakuk-Forschung hinausgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Judith E. Filitz stellt in Kapitel 1 Vorgehen und methodische Schwerpunkte dar und bietet in Kapitel 2 \u00dcbersetzung und textkritische Anmerkungen (39 Seiten!) des in jeglicher Hinsicht herausfordernden Textes von Hab 3.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kapitel 3 skizziert sie nach einem forschungsgeschichtlichen \u00dcberblick zum Habakukbuch und seiner Entstehung zun\u00e4chst ihre These zum mehrstufigen Wachstum von Hab 1\u20132 und dann zur Entstehung von Hab 3. Demnach hat Hab 1\u20132 seinen Ursprung in einer Klage \u00fcber soziale Missst\u00e4nde in Juda in sp\u00e4tvorexilischer Zeit, die (hier vereinfachend) aus Hab 1,2\u20133.12\u201313; 2,5\u201316 rekonstruiert werden. Unter dem Eindruck der anr\u00fcckenden Babylonier wird darin mit der Hinzuf\u00fcgung von Hab 1,5\u201311.12b JHWHs Antwort gesehen. Als sich mit den Erfahrungen des Exils die Grausamkeit Babylons zeigt, werden die sozialkritischen Wehe-Worte in 2,5\u201317 so erg\u00e4nzt, dass sie nun als Worte der V\u00f6lker \u00fcber Babel zu verstehen sind. Ist daneben und unabh\u00e4ngig davon der urspr\u00fcngliche Kern des Habakukliedes im Umfang von Hab 3,*3\u201312 entstanden, und sp\u00e4ter um Vv.4b.6c.11a* erg\u00e4nzt, wird dieses schlie\u00dflich sowohl unter Erg\u00e4nzungen in Hab 3 (Vv.2.7a.16a.b.18\u201319b) als auch in Hab 1\u20132 (1,11b; 2,14.20) mit dem anwachsenden Habakukbuch verkn\u00fcpft. Filitz nimmt dann eine punktuelle Erg\u00e4nzung im Habakuklied (Hab 3,*13\u201315) sowie eine Erweiterung durch Hab 1,1*.6b; 2,3; 3,16c\u201317 an, die im Zusammenhang mit der Entstehung des Zw\u00f6lfprophetenbuches insbesondere der engen Relation zu Joel sowie Nahum und Zefanja steht. Liturgisch relevante Erg\u00e4nzungen in Hab 3 (Charakterisierung als \u201eBittgebet\u201c in Hab 3, der Schlussvers und die Erg\u00e4nzungen des <em>Selah<\/em>) f\u00fchren zur jetzt vorliegenden Gestalt des Habakukbuches.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das so ermittelte \u00e4lteste Habakuklied wird in Kapitel 4 auf die darin enthaltenen Traditionen und Motive und ihre alttestamentlichen und religionsgeschichtlichen Hintergr\u00fcnde untersucht. In diesem Zuge zeigt sich, dass mehrere Motive aus dem alttestamentlichen Hintergrund heraus kaum erkl\u00e4rbar sind. Dazu z\u00e4hlt Filitz insbesondere die G\u00f6tter <em>Re\u0161ef <\/em>und <em>Deber<\/em> als Begleitpersonal JHWHs (Hab 3,5), JHWHs Fahrt auf den Pferdewagen (Hab 3,8) und der Verweis auf die <em>mi\u1e6d\u1e6du<\/em>-Waffen (Hab 3,9).<\/p>\n\n\n\n<p>Im weiteren Verlauf geht Filitz der Frage nach, wie die Traditionen und Motive im \u00e4ltesten Habakuklied zu alttestamentlichen Theophanietexten (Kap. 5) und zu Prozessionen im Alten Testament und insbesondere im <em>ak\u012btu<\/em>\u2013Fest in der mesopotamischen Umwelt (Kap. 6) in Beziehung stehen, wobei die Ausf\u00fchrungen zur <em>ak\u012btu<\/em>\u2013Prozession regelrecht eine Monographie innerhalb der Monographie darstellen (132 S.!). Kapitel 6 m\u00fcndet mit einer Zusammenstellung sowohl der Motive von Hab 3, die sich nach Filitz am ehesten aus Anlehnungen an die <em>ak\u012btu<\/em>\u2013Prozession verstehen lassen, als auch der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Prozessions- und Theophaniemotiven in die These, im Umfang des \u00e4ltesten Habakuliedes (Hab 3,*3\u201312) seien Motive aus der babylonischen <em>ak\u012btu<\/em>\u2013Prozession mit Theophaniemotiven verbunden worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitel 7 fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen in Bezug auf die zeitlichen (entweder unter Nabonid oder Darius I.) und r\u00e4umlichen (in der N\u00e4he zur Stadt Babylon) Umst\u00e4nde der Entstehung des Habakukliedes (7.1) sowie in einer substantiellen theologischen Erschlie\u00dfung des Liedes in Bezug auf acht Facetten der Gegenwart Gottes (K\u00f6nigtum, Mobilit\u00e4t, Gewalt, Heil, Tempeltheologie, Universalismus, Gegen\u00fcber, Ereignis; 7.2) und \u00fcberpr\u00fcft die Annahme der in 4 Stufen erfolgten redaktionellen Erg\u00e4nzungen zum urspr\u00fcnglichen Habakuklied auf ihre Stellung zum Thema der Gegenwart Gottes hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Abgeschlossen wird das Buch durch Literaturverzeichnis und f\u00fcnf Register (Wort\u2011, Stellen-, Personen- und Figuren-, Orts-, Sachregister).<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst ist das Buch von J. Filitz ein wichtiger Beitrag f\u00fcr die Habakukforschung. Hier sollte und wird es vor allem f\u00fcr die Interpretation von Hab 3 die Referenz darstellen, mit der ausf\u00fchrlichen Diskussion der \u00dcbersetzung und der Textkritik (Kap. 2) ebenso wie mit der hervorragenden, detaillierten Kl\u00e4rung der verarbeiteten Motive und Traditionen, die Filitz aus der intensiven Pr\u00fcfung m\u00f6glicher Bez\u00fcge zur Umwelt (Syrien, Mesopotamien, \u00c4gypten) und anderen atl. Texten gewinnt (Kap. 4). F\u00fcr redaktionsgeschichtliche Fragestellungen werden sowohl der Vorschlag zum Textwachstum innerhalb von Hab 3 als auch die Ber\u00fchrungen zwischen Hab 1\u20132 und Hab 3 (zu einer anderen Deutung siehe aber unten) Ber\u00fccksichtigung finden, w\u00e4hrend die \u00dcberlegungen zur Entstehung von Hab 1\u20132 bereits vorliegenden Studien nahestehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sodann ber\u00fchrt die Studie einige Fragen zur Entstehung des Zw\u00f6lfprophetenbuches, wobei die vorsichtigen Abw\u00e4gungen zu den Beziehungen zwischen Nah 1,2\u20138 und Hab 3 (Abschnitt 3.3.7, 75\u201377) besondere Beachtung verdienen (Trotz der \u00c4hnlichkeiten sind die Unterschiede im Detail doch so deutlich, dass Nah 1,2\u20138 nicht gezielt mit Blick auf Hab 3 verfasst wurde, 76).<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem aber stellt die Arbeit eine wichtige Orientierung f\u00fcr die Bestimmung und Charakterisierung von \u201eTheophanietexten\u201c im Alten Testament \u2013 und somit auch f\u00fcr damit in Verbindung stehende Themen der Theologie des Alten Testaments \u2013 dar. Filitz bietet dazu nicht nur wichtige Kritikpunkte gegen fr\u00fchere Darstellungen, die Theophanie im Rahmen einer Kulterfahrung, als Gattung oder mit problematischer Konzentration auf ein inhaltliches Element deuteten, sondern unterscheidet zwischen narrativen und poetischen Theophanietexten und bestimmt letztere als Motivkomplex, in dem JHWHs Herrschaft und Macht sich in dessen Ortsver\u00e4nderung ausdr\u00fccken und zu dem die Motive Bewegung, Lichteffekte, Wetterph\u00e4nomene, (Chaos-)Kampf und Kosmosreaktionen in unterschiedlichen Kombinationen je nach Funktion als konstituierende Elemente geh\u00f6ren (Kap. 5).<\/p>\n\n\n\n<p>Damit erhellt die vorliegende Studie schlie\u00dflich von der Interpretation von Hab 3 und seiner traditions- und religionsgeschichtlichen Hintergr\u00fcnde her mit der K\u00f6nigsherrschaft JHWHs, Aspekten der Gegenwart JHWHs, Heil, Tempeltheologie, Gewalt bzw. Chaos-Kampf JHWHs etc. wichtige Themen alttestamentlicher Theologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade weil die Studie so gr\u00fcndlich erarbeitet ist sowie viele Methoden, Texte und Kontexte ber\u00fccksichtigt, regt sie auch zu Nachfragen an. Sicher weiterer Reflexion bedarf die Frage, wie angemessen die Unterscheidung zwischen narrativen und poetischen Theophanietexten ist, wenn in beiden vorkommende Motivkomplexe wohl das Entscheidende f\u00fcr ihre Identifikation sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Bedenkt man die zeitlich und r\u00e4umlich weite Verbreitung sowohl des <em>ak\u012btu<\/em>-Festes als auch des <em>Enuma Eli\u0161<\/em> in Mesopotamien, dass Filitz f\u00fcr einige Z\u00fcge der Parallelen zwischen Hab 3 und <em>ak\u012btu<\/em>-Prozession eher auf die neuassyrischen Varianten zur\u00fcckgreift (z.&nbsp;B. K 1356) als auf neubabylonische und die <em>Re\u0161ef<\/em>-Gottheit (Hab 3,5) eher im syrisch-ph\u00f6nizischen Raum von Bedeutung ist, lie\u00dfe sich f\u00fcr das angenommene unabh\u00e4ngige Habakuklied auch an andere Entstehungsszenarien als im babylonischen Exil denken (Nordreich in neuassyrischer Zeit?).<\/p>\n\n\n\n<p>Inwiefern \u00fcberhaupt die Rekonstruktion eines urspr\u00fcnglich unabh\u00e4ngigen Habakuk\u00adliedes gelingen kann, mag angesichts weiterer wahrzunehmender terminologischer Verbindungen zwischen Hab 1\u20132 und Hab 3 sowie bei anderer methodischer Gewichtung (umfangreichere poetologische Analyse, differenzierte pragmatische bzw. sprechakt-theoretische Analyse) neu zu bewerten sein. Auf diesem Wege lie\u00dfe sich schlie\u00dflich sowohl umfangreicher als auch differenzierter die Funktion von Hab 3 im Zusammenhang der gesamten Habakukschrift bestimmen. Doch dahin wird man nicht an der vorliegenden Studie vorbei, sondern nur durch sie hindurch gelangen, deren Lekt\u00fcre unbedingt zu empfehlen ist.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Torsten Uhlig, Professor f\u00fcr Altes Testament an der Evangelischen Hochschule Tabor, Marburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Judith E. Filitz: Gott unterwegs. 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