{"id":1391,"date":"2021-10-20T16:33:43","date_gmt":"2021-10-20T16:33:43","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1391"},"modified":"2021-10-20T16:33:45","modified_gmt":"2021-10-20T16:33:45","slug":"matthias-haudel-theologie-und-naturwissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1391","title":{"rendered":"Matthias Haudel: Theologie und Naturwissenschaft"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Matthias Haudel: <em>Theologie und Naturwissenschaft. Zur \u00dcberwindung von Vorurteilen und zu ganzheitlicher Wirklichkeitserkenntnis<\/em>, UTB 5561, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2021, Pb., 486\u00a0S., \u20ac\u00a024,90, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/theologieundnaturwissenschaft?number=VUR0005521\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/theologieundnaturwissenschaft?number=VUR0005521\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-8385-5561-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"dwnldbtn\">[e2pdf-download id=&#8221;1&#8243;]<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Monografie von Matthias Haudel \u201eTheologie und Naturwissenschaft\u201c geh\u00f6rt ausdr\u00fccklich zur Kategorie \u201eunbedingt studierenswert\u201c. Auf 486 Seiten, in dreizehn Kapitel gegliedert, vollgepackt mit wertvollen Er\u00f6rterungen und Diskussionen rund um das notwendige Gespr\u00e4ch zwischen Theologie und Naturwissenschaft, werden sehr anschaulich aktuelle Themenfelder beider Erkenntnisbereiche diskutiert und einem sich gegenseitig inspirierenden Dialog zugef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem, das Haudel zu Beginn adressiert, lautet: Vermeintlich naturwissenschaftliches \u201eFaktenwissen\u201c auf der einen Seite steht \u2013 dem allgemein verbreiteten, negativ konnotierten Vorurteil entsprechend \u2013 der Theologie als einer vermeintlich eher nicht faktischen, \u201espekulative[n] Wissenschaft\u201c gegen\u00fcber. Da diese Vorurteile jedoch \u00fcberholt seien, beschreibt Haudel die Notwendigkeit eines erneuerten Dialogs beider Erkenntnisbereiche als gewinnbringende Chance \u2013 sowohl f\u00fcr die Naturwissenschaft(en) als auch f\u00fcr die Theologie. Dabei benennt er wesentliche Aufgaben, die dieses Dialogziel der \u00dcberwindung der gegenseitigen Vorurteile erreichen sollen (mit der Philosophie als Br\u00fccke, 245), um zu einer ganzheitlichen Wirklichkeitserkenntnis zu gelangen, die naturwissenschaftliche Einsichten mit der Relevanz des christlichen Glaubens f\u00fcr die gesamte Wirklichkeit und ihre Sinndeutung als Denkm\u00f6glichkeit zusammenzubringen vermag. Dabei orientiert er sich an den f\u00fcr die gesamte Untersuchung leitenden Grundkategorien der einen Wirklichkeit: Natur [Sch\u00f6pfung, Zeit], Kosmos, Mensch und Gott (Kap. II bis IV).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kapitel V und VI widmen sich einer historischen Analyse, wie es jeweils zu den abwertenden Vorverurteilungen gekommen ist (Kap. V) und welche denkerischen und methodischen Umbr\u00fcche im 20. Jahrhundert schlie\u00dflich zu einem Umdenken gef\u00fchrt haben (Kap. VI). Kap. V er\u00f6rtert naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus der Antike, skizziert den Paradigmenwechsel unter Galilei und er\u00f6rtert die Einfl\u00fcsse der Aufkl\u00e4rung und der Evolutionstheorie Darwins, wie zugleich auch die des naturwissenschaftlichen Dogmatismus im 19. Jahrhundert sowie der verh\u00e4ngnisvollen Selbstisolation der Theologie. Daran anschlie\u00dfend stellt Kap. VI die naturwissenschaftlichen und mathematischen Umbr\u00fcche vor, die die verkrustete Distanzierung zwischen Naturwissenschaft und Theologie wieder durchl\u00e4ssiger werden lie\u00dfen (Relativit\u00e4tstheorie, Quantenphysik, Thermodynamik, \u201eMehrdimensionalit\u00e4t der Wirklichkeit\u201c auf S. 93, physikalische Erkenntnisse der Potenzialit\u00e4t, chaostheoretischen \u00dcberlegungen u.&nbsp;a.). Forscher wie I.Newton, A.&nbsp;Einstein, A.&nbsp;Friedmann, G.&nbsp;Lemaitre, M.&nbsp;Planck, E.&nbsp;Schr\u00f6dinger, W.&nbsp;Heisenberg, I.&nbsp;Prigogine, K.&nbsp;G\u00f6del u.&nbsp;a. werden mit ihren jeweiligen Beitr\u00e4gen zu ihrem Wissenschaftsgebiet nachvollziehbar und sachgerecht eingef\u00fchrt. Plausibel m\u00fcnden diese \u00dcberlegungen in Kap. VI, 6 ein, in dem aufgrund der genannten Forschungsertr\u00e4ge das \u201eneue naturwissenschaftliche Weltbild und die theologischen Implikationen\u201c benannt werden (228\u2013233), anhand der neuen naturwissenschaftlichen Einsichten, die nach den Zeiten des sich abschottenden naturalistisch-materialistischen Dogmatismus und der Selbstisolation der Theologie erneut M\u00f6glichkeiten eines echten Gespr\u00e4chs auf Augenh\u00f6he er\u00f6ffnet haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kap. VII besch\u00e4ftigt sich mit \u201ahochspekulativen\u2018 Ans\u00e4tzen wie der Stringtheorie (mikrophysikalisch) und mit unterschiedlichen Multiversumstheorien etc. (makrophysikalisch), w\u00e4hrend Kap. VIII vertiefend die wesentlichen Grundlagen des Dialogs hervorhebt. Kap. IX f\u00fchrt Beispiele an, wie der konstruktive Neubeginn des Dialogs zwischen Theologie und Naturwissenschaft im 20. Jahrhundert beispielhaft ausgesehen hat (K.&nbsp;Heim, P.&nbsp;Teilhard de Chardin, C.&nbsp;F.&nbsp;v.&nbsp;Weizs\u00e4cker), um anschlie\u00dfend in Kap. X Beispiele zu nennen, wie der Dialog erneut durch einen fragw\u00fcrdigen und bedauerlichen \u201ematerialistisch-atheistischen Reduktionismus\u201c in Frage gestellt wird, der dem Wesen der Theologie und den neueren Einsichten der Naturwissenschaften und der Mathematik nicht gerecht wird (R.&nbsp;Dawkins, U.&nbsp;Kutschera, S.&nbsp;Hawking u.&nbsp;a.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kap. XI kanalisiert die Er\u00f6rterungen, Diskussionen, Debatten und die \u00dcberwindungsbem\u00fchungen von gegenseitigen Vorurteilen der Kapitel II bis X in einem auch systematisch-theologisch zutiefst spannenden und aussagekr\u00e4ftigen \u201eBrain-Pool\u201c unter der \u00dcberschrift \u201eDer dreieinige Gott als Sch\u00f6pfer vor dem Hintergrund aktueller Naturwissenschaft\u201c (288\u2013386). Dabei werden die in Kap. II bis IV eingef\u00fchrten und seitdem vielf\u00e4ltig im Buch diskutierten Grundkategorien Kosmos, Mensch und Gott theologisch miteinander in Beziehung gesetzt, auch aus kosmologischer, evolutionstheoretischer und neurowissenschaftlicher Perspektive. Bemerkenswert bei Haudel ist, dass er zu den Theologen geh\u00f6rt, die bewusst und absichtlich die christliche Trinit\u00e4t als Gottesverst\u00e4ndnis in diesen mit der Naturwissenschaft zu f\u00fchrenden Dialog integrieren (so bereits 102ff u.&nbsp;\u00f6.) und gerade nicht ein oftmals popul\u00e4res, aber weitgehend nichtssagendes deistisches oder a-personales Gottesbild verwenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Haudels grundlegende Pr\u00e4misse f\u00fcr die gesamte Untersuchung besteht darin, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts diese oben erw\u00e4hnten paradigmatischen naturwissenschaftlichen und mathematischen Umbr\u00fcche gegeben habe, die (a) ein statisch geschlossenes physikalisches Weltbild \u00fcberwunden h\u00e4tten und die (b) dadurch den Dialog mit der (Sch\u00f6pfungs\u2011)Theologie innovativ und konstruktiv m\u00f6glich gemacht h\u00e4tten. Dieser bedeutende Umbruch samt dem Potential der Ann\u00e4herung an theologische Erkenntnisse und den Gottesglauben sei bisher noch kaum ins \u00f6ffentliche Bewusstsein gedrungen (\u201eInformationsdefizite\u201c, 19 u.&nbsp;\u00f6.) und m\u00fcsse \u2013 so die Zielsetzung des Buches \u2013 durch aufkl\u00e4rende Information \u00f6ffentlich gemacht und verbreitet werden. Zudem erweise sich eine \u201erein naturalistisch-technische Weltbetrachtung und -beherrschung \u2026 als ambivalent und als Gef\u00e4hrdung\u201c (26), da der Mensch in seiner vorfindlichen Weltbew\u00e4ltigung darin noch gar nicht adressiert sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch gewisse Fehlorientierungen der Theologie, sich als lediglich auf Sittlichkeit und Ethik reduzierte Disziplin festlegen zu lassen (u.&nbsp;a. Neukantianismus etc.) oder sich in eine \u201aschlechthinnige Abh\u00e4ngigkeit\u2018 der Innerlichkeit zur\u00fcckzuziehen (u.&nbsp;a. Schleiermacher etc.), w\u00fcrden einer ganzheitlichen Wirklichkeitsverantwortung nicht gerecht. Das Verst\u00e4ndnis der Wirklichkeit gerade aus der Perspektive des (Sch\u00f6pfungs\u2011)Glaubens als \u201eAntwort auf die Frage nach dem letzten Grund der Wirklichkeit\u201c (31) k\u00f6nne einen ma\u00dfgeblichen Beitrag im Gespr\u00e4ch mit den neuen naturwissenschaftlichen Einsichten liefern (z.&nbsp;B. \u201e<em>h\u00f6here Kompatibilit\u00e4t<\/em> <em>mit der theologischen bzw. biblischen Sicht<\/em> eines Anfangs und eines Endes der Welt bzw. des Kosmos\u201c, 228f). Wie ein naturwissenschaftlich propagierter methodischer Atheismus mit dennoch quasi-religi\u00f6sen Ambitionen oder wie eine sich in die Innerlichkeit des religi\u00f6sen Subjekts zur\u00fcckgezogene Theologie mit je ihren sich gegenseitig ablehnenden Vorurteilen \u00fcberwunden werden und stattdessen zum gemeinsamen Dialog motiviert werden k\u00f6nnten, dazu leistet Haudels Monografie einen ausgezeichneten und wegweisen Beitrag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Plausibilisierung der \u00dcberwindung kontr\u00e4rer Einsichten von (Sch\u00f6pfungs-)\u200cTheologie und Naturwissenschaft im Blick auf das Menschsein stellt faszinierende Einzelbeobachtungen zur Diskussion (288\u2013386). Die auch naturwissenschaftlich wahrnehmbaren Aporien und offensichtlichen Unvollkommenheiten oder \u201aDefizite\u2018 des biologisch-nat\u00fcrlichen Menschseins (im Sozialen, Formen des B\u00f6sen [Theodizee], samt den neueren Erkenntnisses in der Erforschung von Geist oder Bewusstsein, inkl. der Neurowissenschaften usw.) werden durch die heilsgeschichtlich-trinitarische Deutung in Anlehnung an das biblische Zeugnis von Sch\u00f6pfung, Erl\u00f6sung und Vollendung, aus der Perspektive der Theologie und des Evangeliums einer theologischen Sinngebung zugef\u00fchrt (vgl. z.&nbsp;B. 316\u2013346 u.&nbsp;\u00f6.). Der Mensch als Homo Sapiens als Produkt scheinbar selektiv zufallsgesteuerter biologisch-evolutiver Prozesse, die neuerdings etliche \u00dcberlegungen hinsichtlich der ausgezeichneten Besonderheit des Menschen in Natur und Kosmos zulassen (so die Naturwissenschaft), bekommt eine denkerisch plausibilisierte W\u00fcrde als Ebenbild des drei-einen Sch\u00f6pfer-Gottes zugesprochen, seine vorhandenen individuellen und sozialen Defizite (theologisch quasi im \u201ade statu corruptionis\u2018) werden dem Erl\u00f6sungshandeln Gottes als zumindest \u201edenkw\u00fcrdige\u201c Deutungs- und Antwortm\u00f6glichkeit im Dialog gegen\u00fcbergestellt (so die christliche Theologie).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die klugen, sachkundigen Diskussionen beider Erkenntnisbereiche (Naturwissenschaft und Theologie), samt den guten Hinweisen, wie der christliche Glaube Antworten zur Sinngebung anbieten k\u00f6nnte, sind ebenso nachvollziehbar wie die kosmologischen und anthropologischen Dialogbem\u00fchungen (Anfang und Ende bzw. Zukunft der Welt, anthropisches Prinzip, Komplexit\u00e4t des Lebens, die Besonderheit des Menschen in der Natur, Geist und Bewusstsein des Menschen auf S. 346\u2013374 usw.). Auch die differenzierten und gut abgewogen durchdachten Antworten der Theologie auf das nat\u00fcrlich-biologische Menschsein (z.&nbsp;B. hinsichtlich der evolutiven Anagenese usw.) er\u00f6ffnen neue Dialoghorizonte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Haudels Antworten faszinieren in vieler Hinsicht aufgrund ihres Kenntnisreichtums und der dargelegten gelungenen Argumentation (Kap. XI u.\u00a0\u00f6.). In diese vorgestellte Richtung m\u00fcsste der von Haudel eingeschlagene Weg weitergegangen werden, um zu vertiefen, wie ggfs. noch pr\u00e4ziser der anagenetisch entwickelte Homo Sapiens (Naturwissenschaft) mit den theologischen Sinngebungen beispielsweise der sch\u00f6pfungsm\u00e4\u00dfigen Gott-Ebenbildlichkeit, des S\u00fcnderseins, der Erl\u00f6sung durch das Christusevangelium oder die Vollendung im Sinne des ewigen Lebens (Theologie) dialogisch in einer \u201eh\u00f6heren Kompatibilit\u00e4t\u201c verkn\u00fcpft und ausgesagt werden k\u00f6nnte. Haudel hat diesbez\u00fcglich Beachtliches als theologische Deutungs- und Antwortm\u00f6glichkeiten dargelegt (z.\u00a0B. 295f, 305f, 316\u2013346, 374ff, 391f u.\u00a0\u00f6.). Darauf kann k\u00fcnftig gut im Dialog von Vertretern der unterschiedlichen Erkenntnisbereiche aufgebaut werden. Das Buch, das die Wirklichkeitsrelevanz des Glaubens ebenso aufweist wie die ganzheitliche Einbindung und Sinndeutung naturwissenschaftlicher Einsichten, ist durchgehend lesenswert, faszinierend, tiefgreifend und mehr als informativ. Es er\u00f6ffnet wichtige und aktuell sehr notwendige Gespr\u00e4chsr\u00e4ume zwischen Theologie und Naturwissenschaft, die um des Menschen als eines ganzheitlichen Wesens Willen geboten sind. Der in der trinitarischen Gottesbeziehung erkennbare Sinn der kreat\u00fcrlichen Existenz im Kosmos wird nicht ignoriert, sondern bewusst integriert. Die Untersuchung ist f\u00fcr Interessierte vieler universit\u00e4rer Disziplinen sowie f\u00fcr alle am Thema Interessierten zu empfehlen, insbesondere zur Horizonterweiterung auf dem Weg zu einer ganzheitlichen Wirklichkeitserkenntnis.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Berthold Schwarz, Hochschuldozent f\u00fcr Systematische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias Haudel: Theologie und Naturwissenschaft. 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