{"id":1397,"date":"2021-10-20T16:37:19","date_gmt":"2021-10-20T16:37:19","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1397"},"modified":"2021-10-20T16:37:21","modified_gmt":"2021-10-20T16:37:21","slug":"hans-martin-rieger-leiblichkeit-in-theologischer-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1397","title":{"rendered":"Hans-Martin Rieger: Leiblichkeit in theologischer Perspektive"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hans-Martin Rieger: <em>Leiblichkeit in theologischer Perspektive<\/em>, Stuttgart: Kohlhammer, 2019, kt., 317\u00a0S., \u20ac\u00a034,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/shop.kohlhammer.de\/leiblichkeit-in-theologischer-perspektive-37450.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/shop.kohlhammer.de\/leiblichkeit-in-theologischer-perspektive-37450.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-17-037450-8<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"dwnldbtn\">[e2pdf-download id=&#8221;1&#8243;]<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Vf. ist Pfarrer einer reformierten Gemeinde in der Schweiz und apl. Professor f\u00fcr Systematische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t in Jena. Das vorliegende Buch vereint thematisch einander verwandte Vorarbeiten, darunter einige, die \u201ean anderer Stelle und in anderen Zusammenh\u00e4ngen bereits ver\u00f6ffentlicht wurden\u201c (17). Leider werden die Erstver\u00f6ffentlichungsorte nicht nachgewiesen. Die Konzeption des Buches erlaubt es, die Kapitel als einzelne Essays zu lesen, zumal das Spektrum der angesprochenen Fragen sehr breit ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die <em>Einleitung<\/em> plausibiliert die Relevanz einer Theologie der Leiblichkeit, indem eine Reihe lebensweltlicher Wahrnehmungen analysiert wird. Spannend ist die Beobachtung, dass der heute verbreitete K\u00f6rperkult als eine Variante der Leibverachtung aufgefasst werden kann, was dem Vf. als Hinweis darauf dient, dass zwischen K\u00f6rper und Leib semantisch zu unterscheiden ist. Die Beobachtungen m\u00fcnden in die These, \u201edass der K\u00f6rper zum zentralen Gegenstand einer <em>diesseitsreligi\u00f6sen Sinn- und Identit\u00e4tsbildung<\/em> geworden ist\u201c (12). Im Anschluss an Dietrich Bonhoeffer m\u00f6chte der Verfasser theologische und nichttheologische Perspektiven differenzhermeneutisch einander zuordnen und in ihrer wechselseitigen Bezogenheit f\u00fcreinander fruchtbar machen. Dabei soll die Leibphilosophie wichtige Impulse liefern, f\u00fcr die Bildung theologischer Urteile aber auch die biblische Exegese herangezogen werden. Meines Erachtens wird die hier angedeutete Methodik im Buch allerdings nicht durchg\u00e4ngig greifbar. Vielmehr gibt es Kapitel, in denen leibphilosophische Einsichten aufgenommen werden, und andere, in denen prim\u00e4r biblische Texte theologisch ausgewertet werden. So verweist die Einleitung eher auf das, was die Kapitel <em>additiv<\/em> leisten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kapitel 1 ist von methodischem Charakter und soll zeigen, inwiefern wir verm\u00f6gen, uns vom Leib betreffen und belehren zu lassen. Dabei geht es um Wahrnehmungen, in denen die Leiblichkeit als Gabe Gottes und der Mensch als bed\u00fcrftig, d.&nbsp;h. auf andere angewiesen, verstanden wird. Damit markiert der Vf. sogleich eine Grundentscheidung, die quer liegt zur Tendenz neuzeitlicher Anthropologien, die den Menschen oft ganz von seiner Selbstbestimmung her zu erfassen suchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im zweiten Kapitel wird eine Wahrnehmung der Leiblichkeit in der ersten und zweiten (im Kontrast zur den Menschen verdinglichenden dritten) Person stark gemacht. Im Durchgang durch zahlreiche leibphilosophische Konzeptionen wird die Bedeutung des gelebten und erlebten, des wahrnehmenden, des gesp\u00fcrten und praktischen, des gegebenen und sedimentierten, des lebendigen und beseelten, sowie des vern\u00fcnftigen und belehrenden Leibes herausgearbeitet. Die philosophischen Er\u00f6rterungen sollen zeigen, dass dem den Menschen objektivierenden, naturwissenschaftlichen Zugang zum Leib nicht eine neue Monopolstellung des eigenen leiblichen und praktischen Selbsterlebens entgegengesetzt werden darf, sondern eine \u201egewisse Mitte\u201c zu wahren ist (70), Leiblichkeit also \u201e<em>situationssensibel<\/em> und <em>lebenslaufsensibel<\/em> zu begreifen\u201c (70) sei. Auch wenn der am Ende dieses Kapitels stehende Ertrag, gemessen am zuvor betriebenen philosophischen Aufwand, \u00fcberschaubar erscheint, ist zu w\u00fcrdigen ist, dass der Zugang zum Leib \u00fcber dessen Lebendigkeit und Verletzbarkeit nicht in ein Konkurrenzverh\u00e4ltnis zum objektivierenden Zugang der Naturwissenschaften ger\u00fcckt, sondern das respektive Recht beider Zugangsweisen anerkannt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Kapitel 3 wird die Leibwahrnehmung im Horizont des Alten und Neuen Testaments thematisiert. Hier greift der Verfasser die exegetische Diskussion um das Verst\u00e4ndnis des menschlichen Leibes auf. Markant ist die sprachliche Fassung biblisch bezeugter Leibph\u00e4nomene, und hier insbesondere der Ausdruck des \u201egottesdienstlichen Leibes\u201c (88). Wer mit der Fachdiskussion zur biblischen Anthropologie vertraut ist, wird hier jedoch kaum neue Entdeckungen machen. Das vierte Kapitel stellt eine in sechs Punkten gegliederte \u201eZusammenschau\u201c der an den biblischen Texten gewonnenen Wahrnehmung der Leiblichkeit dar (wobei die Ziffer 5 in der Nummerierung irrt\u00fcmlich zweimal vergeben ist).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das meines Erachtens st\u00e4rkste Kapitel des Buches tr\u00e4gt den Titel \u201eLeibliches Erkennen\u201c. Hier will der Vf., der 2010 mit einer Monografie zur Bedeutung Blaise Pascals im Kontext religionsphilosophischer Begr\u00fcndungsmodelle der Moderne hervorgetreten ist, zeigen, welche Bedeutung und Reichweite einer <em>teilnehmenden<\/em> Wirklichkeitserfassung im Gegen\u00fcber zu einer diskursiv-rationalen Vernunftst\u00e4tigkeit zukommen. Ausgehend von Max Scheler und Martin Heidegger wird zun\u00e4chst die M\u00f6glichkeit einer Fundierung der Erkenntnis in einer partizipativen Weltbeziehung aufgezeigt. Wichtiger jedoch ist, dass der Vf. die Kontextabh\u00e4ngigkeit der erkennenden Vernunft bereits bei Pascal vorgebildet sieht, demzufolge \u201eleibliche Gewohnheiten so etwas wie die zweite Natur des Menschen darstellen und seinen Erkenntnisprozess pr\u00e4figurieren\u201c (120). Anders gesagt: \u201eDer Mensch findet die Bedingungen der M\u00f6glichkeit seines Denkens und Erkennens als leiblich gegeben vor\u201c (121). Die menschliche Vernunft ist somit immer schon eingebettet in eine habitualisierte Leiblichkeit. Der Vf. erweist sich als versiert in der Diskussion zur Bedeutung von Gef\u00fchlen bzw. Emotionen f\u00fcr das Erkennen, wenn auch nicht deutlich wird, warum die Arbeiten der US-amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum hier unber\u00fccksichtigt bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das sechste Kapitel eruiert, kurz gesagt, die Bedeutung der Menschlichkeit Christi f\u00fcr das Gottesverst\u00e4ndnis, die darin liege, dass Gott sich in Jesus Christus selbst dazu bestimmt habe, \u201ek\u00f6rperlich-leiblich zu werden und sich vom k\u00f6rperlich-leiblichen Leben <em>ber\u00fchren<\/em> zu lassen\u201c (161). Kapitel 7 entfaltet die theologischen Grundstrukturen einer Ethik des Leibseins, die sich zwischen den Fehlformen einer Instrumentalisierung des Leibes einerseits und einer Verg\u00f6tterung des Leibes andererseits bewegt. Der Vf. arbeitet heraus, dass der \u201eleibliche Gottesdienst\u201c in der Bejahung bzw. Annahme der Gabe des Leibes sowie der Aufgabe besteht, verantwortlich mit dem eigenen Leib umzugehen. Die kritischen Einlassungen zur Gesundheit als Lebensziel sind \u00fcberzeugend, wenn es u.&nbsp;a. hei\u00dft, dass das Verh\u00e4ltnis des modernen Menschen zur Gesundheit der Formel folge: \u201eDepotenzierung des Schicksals, Potenzierung der Machbarkeit\u201c (202). Den Ausf\u00fchrungen zur leiblichen Gemeinschaft in der geschlechtlichen Liebe fehlt jedoch die erotische Dynamik, die in der Zweigeschlechtlichkeit von Mann und Frau wurzelt. Hier m\u00f6chte der Vf. offensichtlich in den aktuellen kirchlichen und theologischen Debatten nicht \u201eanecken\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Explizit ethischer Natur ist dann die Auseinandersetzung mit dem Verst\u00e4ndnis der leiblichen W\u00fcrde anhand des Testfalls Demenz. Der Vf. sieht die Menschenw\u00fcrde als ein Prinzip mittlerer Reichweite, das f\u00fcr unterschiedliche Begr\u00fcndungen offen ist und seiner Funktion nach als Platzhalter f\u00fcr die Unverf\u00fcgbarkeit des menschlichen Lebens durch den Menschen steht. Konkret wird die Bedeutung der menschlichen W\u00fcrde bezogen auf die Pflegepraxis in der Achtung der Scham, an der hier noch einmal unterschieden wird nach Intimit\u00e4tsscham, Konformit\u00e4tsscham, und Gewissensscham (52). Den insgesamt neun Kapiteln des Buches, denen eine in Thesenform gehaltene Zusammenfassung (Kapitel 10) folgt, ist neben dem Literaturverzeichnis dankbarerweise auch ein Personenregister beigegeben. Der Vf. hat ein sehr gelehrtes Buch vorgelegt, dessen Inhalt sich nicht in einer einzigen Leitaussage zusammenfassen l\u00e4sst. Den gr\u00f6\u00dften Gewinn d\u00fcrften Leser haben, die im Blick auf sie interessierende Fragestellungen das bzw. die jeweiligen Kapitel dazu lesen, insofern sie hier umsichtig und kenntnisreich an die Fachdiskussion herangef\u00fchrt werden. Angesichts der Tatsache, dass einer Theologie der Leiblichkeit eine hohe lebensweltliche Relevanz zukommt, hat sich der Vf. jedoch keinen Gefallen damit getan, durch seine au\u00dferordentlich komplexe und gelegentlich schwerg\u00e4ngige Ausdrucksweise den Leserkreis von vornherein auf ein Fachpublikum zu beschr\u00e4nken. Dennoch ist diese Arbeit verdienstvoll, insofern sie sich neuzeitlichen Tendenzen einer Mentalisierung im Verst\u00e4ndnis des Menschen widersetzt und einer in der Perspektive der Gottesbeziehung gegr\u00fcndeten Wahrnehmung der Leiblichkeit des Menschen ein hohes Ma\u00df an Plausibilit\u00e4t verleiht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Prof. Dr. Christoph Raedel, Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Theologiegeschichte an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Martin Rieger: Leiblichkeit in theologischer Perspektive, Stuttgart: Kohlhammer, 2019, kt., 317\u00a0S., \u20ac\u00a034,\u2013, ISBN 978-3-17-037450-8 Der Vf. ist Pfarrer einer reformierten<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":1398,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1397","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1397","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1397"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1397\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1399,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1397\/revisions\/1399"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1398"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1397"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1397"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1397"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}