{"id":1400,"date":"2021-10-20T16:43:22","date_gmt":"2021-10-20T16:43:22","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1400"},"modified":"2022-01-10T10:33:39","modified_gmt":"2022-01-10T10:33:39","slug":"thorsten-dietz-tobias-faix-transformativen-ethik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1400","title":{"rendered":"Thorsten Dietz \/ Tobias Faix: Transformative Ethik"},"content":{"rendered":"\n<p>Rezensiert von Christoph Raedel und Bernd Wannenwetsch<\/p>\n\n\n\n<p>Thorsten Dietz \/ Tobias Faix: <em>Transformative Ethik. Wege zu leben. Einf\u00fchrung in eine Ethik zum Selberdenken<\/em>, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlagsgesellschaft, 2021, geb., 414\u00a0S., \u20ac\u00a030,\u2013, ISBN <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/neukirchener-verlage.de\/catalog\/product\/view\/_ignore_category\/1\/id\/1933944\/s\/transformative-ethik-wege-zum-leben-9783761567753\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/neukirchener-verlage.de\/catalog\/product\/view\/_ignore_category\/1\/id\/1933944\/s\/transformative-ethik-wege-zum-leben-9783761567753\/\" target=\"_blank\">978-3-7615-6775-3<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"dwnldbtn\">[e2pdf-download id=&#8221;1&#8243;]<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ihren Entwurf haben die Vf. einen programmatischen (Unter-)Titel gew\u00e4hlt: eine \u201eEthik zum Selberdenken\u201c. Die Einf\u00fchrung in Begr\u00fcndungsfragen christlicher Ethik soll die Leser in ihrer \u201eEntscheidungsf\u00e4higkeit\u201c st\u00e4rken. Weitere Leitbestimmungen sind: Als \u201etransformative Ethik\u201c will das Buch auf die Ver\u00e4nderung der Gesellschaft und des Einzelnen hinwirken, und als Ethik des \u201egelingenden Lebens\u201c Konzepte der Lebensf\u00fchrung in den Horizont des Gottesglaubens einzeichnen. Schlie\u00dflich soll der Weg einer biblischen Ethik jenseits von \u201eungeschichtliche[m] Biblizismus\u201c und \u201echristliche[r] Bibelvergessenheit\u201c (22) ausgearbeitet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Zielvorstellungen werden in neun Kapiteln verfolgt, in denen sich der Motivbogen von Landkarte und Gebiet als wesentlich erweist. Landkarten werden als kulturell gepr\u00e4gte kognitiv-moralische Weltbilder verstanden, die Orientierung im Gel\u00e4nde erm\u00f6glichen, dies jedoch umso weniger leisten, je st\u00e4rker der Wandel die Gesellschaft (das \u201eGel\u00e4nde\u201c) ver\u00e4ndert. Die Bibel w\u00e4re dann der \u201eWanderatlas, der verschiedene Karten der letzten Jahrhunderte gesammelt\u201c hat (142) \u2013 sp\u00e4testens hier verrutscht die Metapher, denn der biblische Kanon ist seit Jahrhunderten abgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Entwicklung der Leitgedanken des Buches sind zwei Aspekte von besonderer Bedeutung: Zum einen gehen die Vf. \u201evon einem starken Verst\u00e4ndnis kulturellen Wandels aus\u201c (109), was sie am Wandel des Staatsverst\u00e4ndnisses von der Antike bis zur Neuzeit zeigen. So gelangen sie zu der Behauptung, dass die biblischen Texte uns keine \u201eewig-unver\u00e4nderlichen Staats- und Lebensordnungen\u201c geben (121), ohne freilich zu erw\u00e4hnen, dass die Bibel uns, was viel wichtiger ist, Aufschluss \u00fcber den Ort von Staats- und Lebensordnungen in der Heils\u00f6konomie Gottes gibt. Tats\u00e4chlich privilegiert die These vom starken Wandel gegenw\u00e4rtig vorherrschende Deutungsmuster gegen\u00fcber geistesgeschichtlichen Traditionen, die zwar verschiedentlich referiert, aber konsequent historisiert werden, sofern sie nach Einsch\u00e4tzung der Vf. nicht mehr zum \u201eGebiet\u201c passen. Was bedeutet das f\u00fcr die Interpretation der biblischen Quellen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ber\u00fccksichtigung der \u201ebiblischen Story\u201c, und dies ist der zweite Aspekt, ist den Vf. wichtig, weil sie den \u201eRichtungssinn der Selbstmitteilung Gottes\u201c erschlie\u00dft (143). Die biblische Story wird mit N.&nbsp;T. Wright als Theodrama in f\u00fcnf Akten interpretiert. Aus den Quellen der Ethik im Alten und Neuen Testament werden das Exodus-Geschehen und die Reich-Gottes-Verk\u00fcndigung Jesu besonders stark gewichtet. Hinsichtlich der Ebenen ethischer Urteilsbildung in der Bibel unterscheiden die Vf. zwischen Einzelfallurteilen, allgemeinen Regeln, universalen Prinzipien und weltanschaulichen Grund\u00fcberzeugungen. Ihre gegenwartsbezogene Auslegung wird methodisch durch drei mittlere Prinzipien geordnet: Liebe \u2013 Freiheit \u2013 Gerechtigkeit. Diese Prinzipien werden auf ihren biblisch-theologischen Begr\u00fcndungs- und ihren historischen Bew\u00e4hrungszusammenhang hin reflektiert, wobei viel wertvolles Material verarbeitet und vorgestellt wird. Dabei ist das Bem\u00fchen leitend, theologische \u00dcberzeugungen in Gegenwartsdiskurse zu \u00fcbersetzen, was wohl ein Grund daf\u00fcr ist, dass z.&nbsp;B. die Kategorie des Gehorsams, die sich als Komplement\u00e4rkonzept zur Freiheit nahezu aufdr\u00e4ngt, hier ausf\u00e4llt. Der Band schlie\u00dft mit der Darlegung einer Schrittfolge f\u00fcr ethische Entscheidungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Band ist sehr lesefreundlich gestaltet. Die Kapitel sind gut gegliedert, Schl\u00fcsselaussagen werden am Rand hervorgehoben, und Aufz\u00e4hlungen in K\u00e4stchen \u00fcbersichtlich pr\u00e4sentiert. Bei den exemplarischen Anwendungsf\u00e4llen laden Diskussionsfragen dazu ein, ins Gespr\u00e4ch einzutreten. Ein Literaturverzeichnis am Ende des Buches erschlie\u00dft die verwendete Literatur. Schlie\u00dflich laden die Vf. ausdr\u00fccklich dazu ein, die Diskussion mit ihnen aufzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch hat ausweislich der gro\u00dfen Zahl an Empfehlungen, die im Buch abgedruckt sind, Zustimmung erfahren, aber auch, wie an anderen Reaktionen ablesbar ist, scharfen Widerspruch ausgel\u00f6st. Es d\u00fcrfte nicht wenige Leser geben, die einerseits vom Charme dieses Entwurfs angezogen werden, und dennoch ein gewisses Unbehagen bei der Lekt\u00fcre empfinden, ohne vielleicht gleich sagen zu k\u00f6nnen, was genau das Unbehagen ausl\u00f6st. Die folgenden Abschnitte verstehen sich als Versuch, den Finger auf die theologischen Problemzonen des Entwurfs zu legen. Wir sehen insbesondere f\u00fcnf empfindliche Unterbelichtungen, betreffend (i) die Rolle der Bibel, (ii) der S\u00fcndenlehre; (iii) der christlichen Tradition, (iv) der Gemeinde, und (v) der Heiligung.<\/p>\n\n\n\n<p>(i) F\u00fcr Autoren mit evangelikalem Hintergrund, den diese in ihren \u201ebiographischen\u201c Einsch\u00fcben ja eigens betonen, darf als durchaus \u00fcberraschend erscheinen, wie gering die Rolle der Heiligen Schrift f\u00fcr die ethische Urteilsbildung hier <em>faktisch<\/em> gewichtet wird. Hierf\u00fcr kommt es weniger auf die Momente rhetorischer Hochsch\u00e4tzung der Bibel an als insbesondere auf die metaphorische Beschreibung der Schrift als einer \u201eLandkarte\u201c oder \u201eWanderatlas\u201c (23f). Im Bild wird die Logik deutlich. Zwar gilt den Vf. der Gebrauch einer solchen Landkarte als unumg\u00e4nglich, um sich im un\u00fcbersichtlichen Terrain ethischer Problemstellungen zu orientieren, und unter anderen Orientierungshilfen, die zu Rate zu ziehen ebenfalls empfohlen wird, firmiert die Bibel immer noch als eine Art primus inter pares (\u201ezentrale Rolle\u201c, 21). Der Kerngedanke ist freilich so klar wie verst\u00f6rend: F\u00fcr die Vf. ist die Bibel nicht mehr als ein hilfreiches Mittel zur ethischen Wegfindung. Wie bei jedem Mittelgebrauch bleibt die Autorit\u00e4t im Vollzug allein beim urteilenden Subjekt. Als ethische Subjekte m\u00fcssen Christenmenschen jeweils entscheiden, wo und inwieweit die Landkarte Bibel tats\u00e4chlich hilfreich ist, und wo nicht \u2013 etwa, weil sie sich als veraltet erweist, wenn bestimmte Wege und Lebensoptionen in ihr gar nicht verzeichnet sind, die sich dem modernen Menschen anbieten (\u201eWenn die Karte den Weg nicht mehr zeigt \u2026\u201c; 27). Wo Orientierung suchende \u201eChrist:innen\u201c (sic!) sich der Bibel aber in einer solchen Weise bedienen, indem sie zugleich \u00fcber ihre Geltung in konkreten Szenarien urteilen, ist l\u00e4ngst aufgegeben, was die christliche und insbesondere evangelische Tradition der theologischen Ethik als ihr Proprium angesehen hat: dass die Heilige Schrift ihr eben nicht als Hilfsmittel, sondern als \u201enorma\u201c fungiert, als Autorit\u00e4t und damit (auctoritas: Urheberschaft) als Aktionszentrum eigener Art: nicht als Ressource, die man nutzt, sondern als lebendige Quelle, die ihre Leser aktiv herausfordert, orientiert und zu einer Urteilsbildung anleitet, die zuerst die Wahrnehmungsf\u00e4higkeit ihrer gl\u00e4ubigen Leser ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sinne w\u00e4re die Metaphorik umzukehren: die Schrift nicht als Landkarte, sondern eigene Topografie, die es im Leben auszuschreiten und zu explorieren gilt. Im Hebr\u00e4ischen Verst\u00e4ndnis wird die Torah nicht nur als Orientierung auf dem Weg, sondern selbst als \u201eWeg\u201c verstanden: als eine Art heilsamer Korridor, in dem es gilt, sich bewegen zu lernen, und von dem es gilt, nicht abzuirren. \u00c4hnlich hat Dietrich Bonhoeffer das in seiner Ethik beschrieben, wenn er vom biblischen Gebot als \u201eElement\u201c spricht, \u201ein dem wir leben\u201c. Von einer solchen komplexen ethischen Schrifthermeneutik ist das, was die Vf. hier vorschlagen, doch weit entfernt und erinnert eher an Hermeneutiken der Fr\u00fchaufkl\u00e4rung, in denen postuliert wurde, dass die \u201ebleibenden sittlichen Werte\u201c in der Bibel von den \u201elediglich hebr\u00e4ischen\u201c geschieden werden m\u00fcssen \u2013 und k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>(ii) Die hier insinuierte Haltung gegen\u00fcber der Heiligen Schrift spiegelt sich in der Art und Weise, wie die Vf. auf konkrete biblische Motive und Texte zugreifen, indem sie hochgradig selektiv vorgehen. Ein Beispiel liefert die Zusammenstellung der Aspekte, in denen gezeigt werden soll, was der neutestamentliche Jesus zum ethischen Zentralthema und \u201eWegweiser\u201c \u201eFreiheit\u201c beizutragen hat (277). Hier werden Aspekte genannt wie \u201eFreiheit von moralisch kulturellen Vorurteilen\u201c oder \u201eFreiheit von sozialen Banden\u201c. Doch fehlen in dieser Auflistung ausgerechnet die beiden Aspekte der Freiheitsverk\u00fcndigung Jesu, die in der Geschichte der christlichen Theologie und kirchlichen Praxis die bei weitem gr\u00f6\u00dfte Rolle gespielt haben: n\u00e4mlich die Befreiung von S\u00fcnde und Tod als den beiden st\u00e4rksten M\u00e4chten, die den Menschen knechten, indem sie seine Freiheit von au\u00dfen (Tod als Negation der Vitalit\u00e4t) und von innen (versklavende Begierden) elementar bedrohen. Angesichts dieser erstaunlichen Fehlstellen verwundert es kaum, dass im ganzen Buch die Dimension der S\u00fcndenlehre kaum mehr als den einen oder anderen polemischen Seitenhieb gegen eine ungesunde \u201eS\u00fcndenzentrierung\u201c im Christentum wert ist. Damit wird freilich vorbereitet, was unten weiter ausgef\u00fchrt ist: dass der den Gesamtentwurf leitende Begriff der \u201eTransformation\u201c soteriologisch unterbelichtet bleibt. Wo keine S\u00fcnde, da auch keine <em>rettende<\/em> Ver\u00e4nderung.<\/p>\n\n\n\n<p>(iii) Schon die im Vorwort notierte Motivierung der Vf., wonach ihnen \u201edie Idee ein Buch \u00fcber Ethik zu schreiben \u2026 schon l\u00e4nger im Kopf herumschwirrte\u201c, legt eine erste Vermutung nahe, die die Lekt\u00fcre best\u00e4tigt. Anstelle eines Ethiklehrbuchs, das in die faszinierende Tradition ethischen Denkens im (evangelischen) Christentum einf\u00fchrt und so dazu erm\u00e4chtigt, sich innerhalb dieser Tradition bewegen zu k\u00f6nnen, hinterl\u00e4sst das, was die Vf. hier vorlegen, den Eindruck, als w\u00e4re die Tradition ethischen Denkens in der christlichen Theologie eine Art Baukasten, aus dem man sich dieses oder jenes Versatzst\u00fcck herausnimmt und dann nach Gusto zusammenschraubt. Erkl\u00e4rt wird dieses Vorgehen dann tats\u00e4chlich mit dem Mut zum Eklektizismus und der Behauptung, dass einzelne Versatzst\u00fccke, die man aus einander gegenl\u00e4ufigen Denktradition entlehnt, doch \u201enicht schlechthin unvereinbar\u201c (42) w\u00e4ren, sondern sich \u201emiteinander verbinden\u201c lie\u00dfen. Diese Meinung l\u00e4sst sich ganz offensichtlich umso leichter aufrechterhalten, je weniger man in die Traditionen eintaucht und von innen her versteht, wie sich ihre jeweiligen Rationalit\u00e4ten zueinander verhalten. Beispiel: F\u00fcr den \u2013 in der Tat wichtigen \u2013 Gedanken der \u201eHaltung\u201c in der Ethik wird eine Medizinethikerin als Gew\u00e4hrsfrau f\u00fcr die Validit\u00e4t des Gedankens zitiert (35). Dies wirkt angesichts der \u00fcberragenden Bedeutung dieses Zusammenhangs in der christlichen Ethiktradition in Gestalt der hexis-Lehre, wie sie in der Aristoteles-Rezeption des Thomas von Aquin herausgearbeitet wurde, einigerma\u00dfen absurd. Umgekehrt werden politisch impr\u00e4gnierte Kategorien wie z.&nbsp;B. \u201eDiskriminierung\u201c aus dem s\u00e4kularen Diskurs \u00fcbernommen, ohne ihre Bedeutung zu erl\u00e4utern. Auch einen Hinweis auf das f\u00fcr die Frage der Kompatibilit\u00e4t und Diskompatibilit\u00e4t von ethischen Denktraditionen epochale Werk von Alasdair MacIntrye, <em>Three Rival Version of Moral Enquiry<\/em> (1990) sucht man im vorliegenden Buch vergeblich. Dies Fehlstelle erscheint keineswegs zuf\u00e4llig, sondern eher stellvertretend f\u00fcr die Provinzialit\u00e4t der Diskurshorizontes (vgl. die Bibliografie), in dem kaum internationale Anst\u00f6\u00dfe rezipiert werden. Dies ist besonders bedauerlich, weil sich gerade in der angels\u00e4chsischen Ethikdiskussion in den letzten Jahrzehnten wesentliche, erfrischende Paradigmenwechsel abgezeichnet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>(iv) Zu diesen Wendepunkten geh\u00f6rt neben der Abwendung vom Systemischen, Prinzipiengeleiteten und der Wiederentdeckung der Kraft des Narrativen gerade auch der <em>turn to community<\/em>: die Abwendung vom kantischen Ideal des individuellen Subjekts der Ethik \u2013 und die Wiedergewinnung der zentralen Bedeutung der Gemeinschaft. Hier bleibt das vorliegende Buch irritierend stumm. Die gelegentliche Betonung von \u201eTeamwork\u201c (f\u00fcr deren Begr\u00fcndung auf einen Leitfaden f\u00fcr soziale Einrichtungen verwiesen wird; vgl. 372) tut hier nichts zur Sache, wenn die Vorschl\u00e4ge zur methodischen Urteilsbildung doch so angelegt sind, dass mit ihrer Hilfe jeder \u201eselbstdenkende\u201c (eine eigenartige Vorstellung: was sonst k\u00f6nnte Subjekt des Denkens sein, wenn nicht das Selbst?) <em>Einzelne<\/em> zu angeblich validen Urteilen kommen kann. Wenn der Apostel Paulus hingegen zur Urteilsbildung aufruft, geschieht dies in den allermeisten F\u00e4llen dezidiert im gemeindlichen Plural. Im Zentrum einer biblisch gegr\u00fcndeten Ethik steht darum nicht das isolierte Individuum, sondern der Leib Christi als Urteilsgemeinschaft (\u201eauf dass ihr pr\u00fcfen k\u00f6nnt, was das sei der Wille Gottes\u201c; R\u00f6m 12,2). Zu der heute so \u00fcberaus dringlichen und durchaus komplexen Aufgabe, wie Glaubensgemeinschaften zu gemeinsam gefundenen und verantworteten Urteilen gelangen, erf\u00e4hrt man in diesem Buch aufgrund des auf das Individuum verengten Horizonts nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>(v) Angesichts der in der Summe doch befremdlichen Vergessenheit im Hinblick auf elementare Grundfesten der christlichen Ethik (Schrift, Tradition, S\u00fcnden\u2011\/Gnadenlehre, Gemeinde) vermag es dann auch kaum zu verwundern, wenn der Begriff, der den Titel des Buches bildet: \u201eTransformation\u201c hier in einer Verengung gebraucht wird, der der Tradition theologischer Ethik in keiner Weise gerecht wird. Was die Vf. unter \u201eTransformation\u201c verstehen, ist im Kern nichts anderes als das Konglomerat von verschiedenen Transformationsprozessen von Individuum und Gesellschaft, wie diese von verschiedenen empirischen Disziplinen beschrieben werden. In der Rhetorik des \u201eErnstnehmen-m\u00fcssens\u201c solcher Prozesse wird undeutlich, dass die christliche Ethik von einer sehr spezifischen Vorstellung von Transformation geleitet ist: der \u201eHineingestaltung in das Bild Christi\u201c, oder traditionell gesprochen: der Heiligung. Eine Ethik ist dann als christliche greifbar, wenn sie den geistgewirkten Vorgang der Transformation des alten Adam in die neue Sch\u00f6pfung in seiner Tiefensch\u00e4rfe konturiert, gerade auch im erhellenden Kontrast zu den vielf\u00e4ltigen s\u00e4kularen Transformationsprozessen, in die auch Christenmenschen eingespannt sind \u2013 \u201eSchematisierungen\u201c (R\u00f6m 12,2), die es aus dem Geist des Evangeliums her zu erkennen, zu beurteilen und denen es gegebenenfalls zu widerstehen gilt. So bietet sich hier ein Buch, von dem zu fragen bleibt, inwiefern es tats\u00e4chlich als Lehrbuch christlicher Ethik verstanden werden will und fungieren kann. Wie die drei aneinander gereihten Titel des Werkes \u201eTransformative Ethik \u2013 Wege zum Leben \u2013 Einf\u00fchrung in eine Ethik zum Selberdenken\u201c andeuten, in denen \u201echristlich\u201c gar nicht vorkommt, haben wir es hier eher mit einem weiteren von zahlreichen B\u00fcchern auf dem gegenw\u00e4rtigen Markt zu tun, in dem eine selbstgestrickte Anleitung zum \u201egelingenden Leben\u201c geboten wird, zu dem hier auch die ethische Reflexion als dazugeh\u00f6rig verstanden wird. Hierf\u00fcr bedienen sich die Vf. gewiss auch einer langen Reihe ausgew\u00e4hlter Gedanken und Motive aus der christlichen Tradition. Dies mag das Buch f\u00fcr ein christliche Leserschaft interessant machen, es sollte aber nicht mit einem Lehrbuch christlicher Ethik verwechselt werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Christoph Raedel, Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Theologiegeschichte an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Dr. habil. Bernd Wannenwetsch, lehrte als Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Ethik an den Universit\u00e4ten Oxford und Aberdeen, gegenw\u00e4rtig an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezensiert von Christoph Raedel und Bernd Wannenwetsch Thorsten Dietz \/ Tobias Faix: Transformative Ethik. Wege zu leben. 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