{"id":1406,"date":"2021-10-20T16:47:48","date_gmt":"2021-10-20T16:47:48","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1406"},"modified":"2021-10-20T16:47:50","modified_gmt":"2021-10-20T16:47:50","slug":"veronika-schmidt-endlich-gleich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1406","title":{"rendered":"Veronika Schmidt: Endlich gleich!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Veronika Schmidt: <em>Endlich gleich! Warum Gott schon immer mit M\u00e4nnern <\/em>und<em> Frauen rechnet<\/em>, Holzgerlingen: SCM, 2019, geb., 254\u00a0S., \u20ac\u00a018,99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.scm-shop.de\/endlich-gleich.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.scm-shop.de\/endlich-gleich.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-7751-5952-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"dwnldbtn\">[e2pdf-download id=&#8221;1&#8243;]<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEndlich gleich!\u201c \u2013 was steckt hinter diesem provokanten Titel? Dass alle Deutschen vor dem Gesetz gleich sind, wissen wir. Und dass Mann und Frau in k\u00f6rperlicher und seelischer Hinsicht sehr verschieden sein k\u00f6nnen, ist eine physiologische und psychologische Binsenweisheit wie auch ein St\u00fcck Lebenserfahrung. Von diesem Unterschied leben Verlagswesen und Buchhandel, aber auch politische Bewegungen, die \u201eGerechtigkeit\u201c suchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Welches Ziel hat diese Ver\u00f6ffentlichung also; in welcher Hinsicht sind Menschen in diesem Land nicht gleich, werden wom\u00f6glich sogar ungleich, ungerecht behandelt, so dass sie \u201eendlich gleichgestellt werden m\u00fcssen\u201c? \u2013 Das Buch definiert sich mit der \u00dcberschrift, bei Revolutionen sei nicht \u201ebitte\u201c zu sagen, als Streitschrift zu \u201eGeschlechterrollen in der konservativen Gemeindewelt\u201c (15). Dabei geht sie von den Themen \u201eGott, Macht und Sexualit\u00e4t\u201c aus (3, unpaginiert). Hier wird der Leser vermutlich zun\u00e4chst an die zahlenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dften konservativen Gemeindewelten denken, die r\u00f6misch-katholischen und die orthodoxen Kirchen. In diesen ist vielleicht die intensivste Diskussion n\u00f6tig, siehe Maria 2.0! Doch offensichtlich soll die engagiert geschriebene Publikation nur das konservative freikirchlich-pietistische Milieu auf den Weg der Frauenbefreiung bringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ausgangspunkt der Autorin ist ihre beratende T\u00e4tigkeit, in der aus ihrer Sicht \u201eunakzeptable\u201c Rollenbilder artikuliert werden (17). Gottes Ziel mit Mann und Frau sei jedoch \u201ebedingungslos gleichgestellte Partnerschaft\u201c (21) \u2013 Nun ist schon der \u201eRollen\u201c-Begriff f\u00fcr das Mann- und Frausein bzw. Vater- und Muttersein in biblischer Perspektive eher problematisch. Der Begriff \u201eRolle\u201c stammt etymologisch aus der Theatersprache (Grimm, DWb 14,1137). Es ist ein Unterschied, ob ich Vater bin oder auf der B\u00fchne eine Vaterrolle einnehme. Juristisch gesehen ist es etwas anderes, ob ich als Busfahrer durch leichtsinnige Fahrweise andere Menschen zu Schaden bringe, oder ob ich die Rolle des Busfahrers im Theater spiele. Hier zeigt sich ein grunds\u00e4tzliches Problem: Die Verfasserin beherrscht in ihrer Beratungspraxis das therapeutische Fachvokabular und ber\u00e4t kompetent ihre Klienten. In der Theologie hingegen zeigt die Lekt\u00fcre empfindliche L\u00fccken auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es w\u00e4re m\u00fc\u00dfig, dem Inhaltsverzeichnis des Buchs entlangzugehen und kritisch Einzelheiten zu er\u00f6rtern. Inhaltliche Grundaussagen kehren in allen Teilen wieder und werden mal hier, mal da st\u00e4rker vertieft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die erste Schwierigkeit der Ver\u00f6ffentlichung ist methodischer Art. Die Verfasserin l\u00e4sst keine Differenzierung biblisch-theologischer, historischer, psychologischer, soziologischer und weiterer Zug\u00e4nge erkennen. Sie \u201ebelegt\u201c eine biblische Aussage mit einer naturwissenschaftlichen Erkenntnis, kritisiert Bibelstellen von modern-soziologischer Warte aus usf. Dabei zitiert sie ebenso wenig differenziert liberale und konservative Theologen, Schriftsteller, Psychotherapeuten und Politiker, gespickt mit eigenen biographischen Erfahrungen (74f). Der theologische Primat der Heiligen Schrift als Ma\u00dfstab f\u00fcr Lehre und Leben der Kirche wird nicht deutlich, auch wenn die Autorin an einer Stelle f\u00fcr die Irrtumslosigkeit der Bibel pl\u00e4diert (140). Insgesamt wirkt die Art der Bibelverwendung eher illustrativ als konstitutiv. 1Tim 2,11\u201315 wird in seinem biblischen Zusammenhang mit den grundlegenden Aussagen \u00fcber Sch\u00f6pfung und Fall aller Menschen nicht ernstgenommen (65\u201381). Daf\u00fcr wird in klassisch liberaler Manier Gal 3,28 auf die \u00c4mterfrage bezogen (z.&nbsp;B. 126), die Paulus im Zusammenhang dieser Stelle aber nicht diskutiert. Wer das \u201eHaupt\u201c-Sein des Mannes in Eph 5,23.28f nicht von der christologischen Analogie der Liebe Christi zur Gemeinde her liest, sondern in das Schema \u201ePatriarchat\u201c einordnet, hat die Gr\u00f6\u00dfe dieser Aussage wohl kaum verstanden bzw. verstehen wollen. Sp\u00e4testens wenn Aussagen fallen wie \u201eJesus m\u00f6chte starke Frauen\u201c und \u201eJesus kann gar nicht anders, als Feminist zu sein\u201c (87, 91), wird der Ruf nach einer Fortschreibung der Leben-Jesu-Forschung laut. St\u00e4rker kann man nicht seine eigenen zeitgeistigen Voraussetzungen in einen biblischen Text hineinlesen. Drastische Rhetorik mag heute zwar hier und da als notwendig erscheinen, um in der Menge an Literatur \u00fcberhaupt noch wahrgenommen zu werden, kann eine biblisch-theologische Argumentation aber dennoch nicht ersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das zweite Problem der Publikation ist sein konstitutiv einbezogener biographischer Ausgangspunkt (z.&nbsp;B. 30f, 34, 141, 171f, 180, zur Kritik des Zehnten 197f). Negative Lebenserfahrungen und ersch\u00fctternde Lebensf\u00fchrungen von Christen, denen sie in ihrer therapeutischen Praxis begegnet (z.&nbsp;B. 109f), verbinden sich bei der Verfasserin zu einer leider auch emotional aufgeladenen Polemik gegen evangelische Kreise, in denen Glaube und Christsein nicht so zeitgen\u00f6ssisch gelebt werden, wie sie selber es f\u00fcr richtig h\u00e4lt und praktiziert. Eine solche Argumentation \u00fcbergeht den alten, wenn auch in seiner Herkunft nicht belegten Grundsatz <em>abusus non tollit usum, sed confirmat substantiam <\/em>(\u201eMissbrauch hebt den richtigen Gebrauch nicht auf, sondern best\u00e4tigt das Wesen\u201c). An vielen Stellen argumentiert die Verfasserin vom Abusus m\u00e4nnlicher \u201epatriarchaler\u201c Vorrangstellung und Macht aus und sieht andererseits die \u201eRettung\u201c darin, das Christentum zu modernisieren. Das Historische wird fast ausschlie\u00dflich im Spiegel der Probleme gesehen, die das Christentum \u2013 in weitestem Sinne verstanden \u2013 hervorgebracht hat. Die erstrebte Transformation dagegen gl\u00e4nzt im Licht der positiven Effekte, die man von ihr erwartet, wobei deren Schw\u00e4chen \u00fcbersehen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Strategie holt f\u00fcr den freikirchlich-pietistischen Raum nach, was in den westlichen evangelischen Kirchen in den letzten 200 Jahren seit Schleiermacher, aber besonders seit den 1960er Jahren geschehen ist und noch geschieht. Die alleinige biblische Basis kirchlichen Handelns wird damit jedoch nicht wiedergewonnen. Schmidt sieht offensichtlich keinen Ermessensspielraum daf\u00fcr, dass Gemeinden und Kirchen in Amts-, Ordnungs- und Leitungsfragen aufgrund der Bibel unterschiedliche Entscheidungen treffen und auch noch heute dabei bleiben wollen, weil sie deren Biblizit\u00e4t und auch das Gute, nicht nur Problemf\u00e4lle ihrer Positionen sehen. An die Stelle der von Schmidt problematisierten, weil durch Verfehlungen fragw\u00fcrdig gewordenen Leitungsstrukturen setzt sie eine Art Lehramt der Humanwissenschaften. Damit wird das klassische Problem des Verh\u00e4ltnisses von Hl. Schrift und Tradition, Gotteswort und Menschenmeinung ber\u00fchrt, welches bereits in der Augustinus zugeschriebenen Aussage auf den Punkt gebracht wird: \u201eIn ecclesia non valet: Hoc ego dico, hoc tu dicis, hoc ille dicit, sed: Haec dicit Dominus\u201c (\u201eIn der Kirche gilt nicht: Dies sage ich, dies sagst du, dies sagt jener, sondern: So spricht der Herr\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hauptschwierigkeit der Abhandlung liegt allerdings darin, dass sie die Geschichte im Sinn des feministischen Paradigmas \u00fcberwiegend als Historie der Fehler von M\u00e4nnern und Diskriminierung von Frauen deutet und die problematischen geistesgeschichtlichen Hintergr\u00fcnde des Feminismus in allen seinen Schattierungen nicht sieht oder nicht benennt. (Carl R. Trueman hat in <em>The Rise and Triumph of the Modern Self. Cultural Amnesia, Expressive Individualism, and the Road to Sexual Revolution, <\/em>Wheaton: Crossway, 2020, diese Geschichte aufgearbeitet). Das zeigt sich u.&nbsp;a. an den nicht sehr klaren Voten zu den Fragen von Abtreibung und Ehescheidung (182f, 188f). Kirchengeschichtliche Fakten werden im Buch gelegentlich positiv rezipiert, wenn sie durch den Filter \u201estarke Frauen\u201c passen (mittelalterliche Klosterkultur und Frauenbewegung seit Beginn des 19. Jh.). Dabei wird die historische Hochsch\u00e4tzung von Eva (trotz des S\u00fcndenfalls!) und Maria (als \u201eGottesmutter\u201c) allerdings nicht genannt. Die Beauftragung von Frauen im Kontext der Heiligungsbewegung und ihrer Glaubensmissionen (Hudson Taylor u.&nbsp;a.) wird \u00fcberwiegend positiv gesehen, obwohl deren fragw\u00fcrdige eschatologische Motivation (dr\u00e4ngende Naherwartung) hier in die \u00dcberlegungen mit einbezogen werden m\u00fcsste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem des heutigen Mannseins bestimmt Schmidt mit der soziologischen Kategorie des \u201eSystems\u201c gesellschaftlicher und kirchlich-gemeindlicher Strukturen (37), nicht aber \u2013 wie es eine biblische Anthropologie verlangen w\u00fcrde \u2013 in der S\u00fcnde und kontinuierlichen Anfechtbarkeit durch den Teufel. Zustimmend zitiert Schmidt: Feminismus ist ein Kampf \u201egegen Zw\u00e4nge und f\u00fcr mehr freie, eigene Entscheidungen &#8230;\u00a0 ,Was f\u00fcr ein Mensch willst du sein?\u2018\u201c (98). Das ist durchaus nachvollziehbar im Sinne des ber\u00fchmten Diktums von Immanuel Kant zur Aufkl\u00e4rung. Dennoch w\u00e4re aus theologischer Sicht die biblische Grundlage der vern\u00fcnftigen Bem\u00fchung <em>vor<\/em>zuordnen. Wer das Buch zur Seite legt, sollte nach Meinung des Rezensenten anschlie\u00dfend zum Vergleich eine biblisch-theologische Abhandlung zur christlichen Sexualethik lesen, zum Beispiel das im gleichen Verlag erschienene Werk des Gie\u00dfener Neutestamentlers Joel White <em>Was sich Gott dabei gedacht hat<\/em> (2021). Schmidts Ver\u00f6ffentlichung macht deutlich, dass heute dringender denn je zwei Dinge gekl\u00e4rt werden m\u00fcssen: Wenn ein junges christliches Paar heiraten will, muss es angesichts potentieller Konflikte durch verschiedene Ehemodelle vorher einig geworden sein, welche Art der Partnerschaft in Arbeit und Familie beide nach der Hochzeit verwirklicht sehen wollen. Und: Gemeinden m\u00fcssen heute klarer denn je den Gemeindegliedern und nach au\u00dfen kommunizieren, welche Leitungsstrukturen sie haben und welche sie ablehnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Veronika Schmidt: Endlich gleich! 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