{"id":1412,"date":"2021-10-20T16:51:08","date_gmt":"2021-10-20T16:51:08","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1412"},"modified":"2021-10-20T16:51:10","modified_gmt":"2021-10-20T16:51:10","slug":"karl-heinz-fix-hg-zustimmung-anpassung-widerspruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1412","title":{"rendered":"Karl-Heinz Fix (Hg.): Zustimmung \u2013 Anpassung \u2013 Widerspruch"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl-Heinz Fix (Hg.): <em>Zustimmung \u2013 Anpassung \u2013 Widerspruch. Quellen zur Geschichte des bayerischen Protestantismus in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft<\/em>, 2 B\u00e4nde, AKIZ A 21, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2021, geb., 1933\u00a0S., \u20ac\u00a0250,\u2013\u200d, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/55638\/zustimmung-anpassung-widerspruch\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/55638\/zustimmung-anpassung-widerspruch\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-525-56036-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"dwnldbtn\">[e2pdf-download id=&#8221;1&#8243;]<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das zweib\u00e4ndige Werk ist doppelter Luxus. Bei einem Preis von 200 (E-Book) bis 250 Euro (Print) werden es sich nur wenige Menschen in das Regal stellen, zumal \u2013 wie der emeritierte Professor Ingolf Dalferth k\u00fcrzlich anl\u00e4sslich eines Verlagsjubil\u00e4ums bemerkte \u2013 die Zeit zu Ende sei, in der B\u00fccher den kirchlich-theologischen Diskurs pr\u00e4gten. Das Werk ist zudem Luxus, weil es fast 1.000 Quellen bietet, in denen nicht nur bekannte Gestalten des bayerischen Protestantismus zu Wort kommen, sondern auch unbekannt gebliebene Pfarrer sowie einzelne Kirchengemeinden und Dekanatsgremien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So stellen die B\u00e4nde eine wertvolle Fundgrube an z.&nbsp;T. verst\u00f6renden Texten dar, die man (au\u00dferhalb von Archiven) bislang nicht zu lesen vermochte. Quelle 244 beispielsweise dokumentiert eine N\u00fcrnberger Osterpredigt aus dem Jahr 1940: Als die Hohenpriester in Mt 28,11ff den Soldaten Geld geben, damit diese behaupten w\u00fcrden, der Leichnam Jesu sei gestohlen worden, meint der antisemitische Pfarrer darin die \u201eecht j\u00fcdische Tat\u201c zu erkennen, sich mit Geld eine L\u00fcge zu kaufen. Die Folge sei, wie man \u201ebis heute\u201c s\u00e4he, dass \u201edie Juden\u201c unter dem Fluch Gottes st\u00fcnden. Und schlie\u00dflich aktualisiert der Pfarrer die Auferstehungsbotschaft f\u00fcr die Gegenwart, indem er Gottes Wirken darin erkennt, dass Hitler den Anschlag im B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller \u00fcberlebt hat. So sei Ostern heute in die Wirklichkeit der Jahre 1939 und 1940 hereingebrochen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und mit Quelle 256 liegt ein Brief des Direktors des zur Gemeinschaftsbewegung z\u00e4hlenden Diakonissen-Mutterhauses Hensoltsh\u00f6he aus Gunzenhausen vor. In diesem erkl\u00e4rt Ende 1934 der Direktor, Pfarrer Ernst Keupp, dass er sich nicht Landesbischof Hans Meiser unterstellen k\u00f6nne, weil letzterer dem deutschchristlichen Reichsbischof M\u00fcller die Gefolgschaft verweigere, Keupp sich aber dem Reichsbischof gegen\u00fcber loyal wei\u00df. Keupp, der selbst zu den Deutschen Christen geh\u00f6rt, w\u00fcnscht, dass die bayerische Landeskirche weit mehr auf \u201eVolk und Staat\u201c im nationalsozialistischen Sinn R\u00fccksicht nehme als es der Landesbischof derzeit tue. So illustriert das genannte Schreiben die mittlerweile bekannte Verstrickung auch neupietistischer Kreise mit dem F\u00fchrerstaat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Titel \u201eZustimmung \u2013 Anpassung \u2013 Widerspruch\u201c fasst die drei Optionen zusammen, wie bayerische Protestanten auf den Nationalsozialismus reagieren. Zustimmung kommt z.&nbsp;B. in den beiden bereits genannten Quellen zum Ausdruck. Punktuell legt die Landeskirche auch expliziten Widerspruch gegen Entscheidungen des NS-Staats ein. So \u00e4u\u00dfern die Vertreter der mittelfr\u00e4nkischen Dekanatsbezirke Dinkelsb\u00fchl, Feuchtwangen, Gunzenhausen, Heidenheim, Wassertr\u00fcdingen und Wei\u00dfenburg im Oktober 1934 \u00f6ffentlichen Protest gegen die angeordnete Absetzung des Landesbischofs (Quelle 114). Und dieser bemerkt auf die konkrete Anfrage eines Dekans, bei der ruchbar gewordenen \u201eEuthanasie\u201c von Behinderten in der s\u00e4chsischen T\u00f6tungsanstalt Pirna-Sonnenstein \u201edie Stimme der Kirche\u201c gegen\u00fcber den Verantwortlichen \u201enachdr\u00fccklich zu Geh\u00f6r\u201c gebracht zu haben, nur ohne Erfolg (Quelle 424).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insgesamt kann die Haltung der Kirchenleitung und des Mehrheitsprotestantismus als \u201eAnpassung\u201c beschrieben werden. Widerspruch \u00fcbt man nur da, wo sich der NS-Staat in kirchliche Belange einmischt. Widerspruch findet auch bei der deutschchristlichen Verabsolutierung des Rassegedankens statt. Aber auf die Novemberpogrome 1938, als die Nationalsozialisten in vielen evangelisch gepr\u00e4gten Orten die Synagogen zerst\u00f6ren, in den von Juden bewohnten H\u00e4usern randalieren und die Juden dem\u00fctigen, schlagen und ihnen die Abreise anordnen, reagiert die Kirchenleitung mit keinem Wort. Und das, obwohl einzelne Pfarrer und Dekane den Landeskirchenrat \u00fcber die Vorf\u00e4lle vor Ort informieren (Quellen 390f).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber zu diesem Zeitpunkt ist der bayerische Mehrheitsprotestantismus der NS-Ideologie schon weit entgegengekommen, wie ein Flugblatt Kurt Fr\u00f6rs zeigt, das dieser Ende 1933 in Gemeinden verteilen l\u00e4sst (Quelle 367): Die Leser erfahren, dass Gott selbst die verschiedenen Rassen geschaffen habe [wo steht das in den Sch\u00f6pfungsberichten?] und dass wir von Gott den Auftrag bekommen h\u00e4tten, \u201eunsere Rasseneigenart (\u2026) zu pflegen und zu sch\u00fctzen\u201c. Der evangelische Christ habe sich deshalb \u201ean dem Ringen um die rassische Reinheit seines Volkes\u201c zu beteiligen. Im Rassenkampf zieht Fr\u00f6r \u2013 \u00e4hnlich wie Hans Meiser in seinem ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Aufsatz von 1926 \u2013 erst dort die Grenze, wo die Angeh\u00f6rigen einer anderen Rasse \u201eals untermenschlich und mehr oder weniger tier\u00e4hnlich\u201c betrachtet werden. Freilich w\u00e4re von diesem Standpunkt her ein lauter kirchlicher Protest gegen die antisemitischen Ausschreitungen vom 9. und 10. November 1938 folgerichtig gewesen, ist aber unterblieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie der bayerische Protestantismus das nationalistische Denken in sich aufgenommen hat, belegen auch die dokumentierten Texte um die Erlanger Professoren Paul Althaus und Werner Elert (Quellen 62\u201375, 150f, 419, 766). In den Stellungnahmen von ihnen und \u00fcber sie wird deutlich, warum sie zu den einflussreichsten Gegenspielern Karl Barths z\u00e4hlen und wie die Bekennende Kirche durch diese Konfrontation fragmentiert und geschw\u00e4cht wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Herausgeber Dr. Karl-Heinz Fix, Wissenschaftlicher Angestellter an der Forschungsstelle f\u00fcr Kirchliche Zeitgeschichte in M\u00fcnchen, ist bereits vor \u00fcber 10 Jahren durch akribische Detailarbeit bekannt geworden, indem er u.\u00a0a. das \u201ePersonenlexikon zum deutschen Protestantismus 1919\u20131949\u201c sowie mehrere B\u00e4nde der fr\u00fchen \u201eProtokolle des Rates der EKD\u201c ver\u00f6ffentlichte. Fix hat die nun zusammengetragenen Quellen nach 13 Themenbereichen sortiert: von den protestantischen Reaktionen auf die Niederlage des Ersten Weltkriegs 1918 angefangen bis zu den Nachkriegsdeutungen der NS-Zeit vor 1948, \u00fcber die landeskirchlichen Debatten zur Verfassungs- und Bekenntnisfrage hin zu den Deutschen Christen, \u00fcber das Themenfeld Antisemitismus bis zur \u201eEuthanasie\u201c in diakonischen Einrichtungen. Der Einleitung zufolge will Fix durch einen \u201emultiperspektivischen Blick\u201c die Rezeption des kirchlichen Verhaltens in der NS-Zeit entemotionalisieren und von zwei Engf\u00fchrungen befreien: dass die Verstrickungen der Landeskirche entweder in apologetischer Hinsicht verharmlost werden oder dass man die heute gew\u00fcnschten moralischen Haltungen anachronistisch von damaligen Akteuren erwartet. Die zweib\u00e4ndige Dokumentation tr\u00e4gt, wenn sie denn gelesen wird, dazu bei, dass wir solche Engf\u00fchrungen vermeiden und erkennen k\u00f6nnen, welche \u201eHandlungsspielr\u00e4ume und Handlungsoptionen\u201c (Liesa Weber) Kirchenleitungen, Pfarrer und Gemeindeglieder in der NS-Zeit wirklich hatten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Gerhard Gronauer, Pfarrer der bayerischen Landeskirche, war im Rahmen seiner wissenschaftlichen Mitarbeit an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau Co-Autor der 2021 abgeschlossenen \u201eSynagogen-Gedenkb\u00e4nde Bayern\u201c.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl-Heinz Fix (Hg.): Zustimmung \u2013 Anpassung \u2013 Widerspruch. 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