{"id":1418,"date":"2021-10-20T16:57:05","date_gmt":"2021-10-20T16:57:05","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1418"},"modified":"2021-10-20T16:57:06","modified_gmt":"2021-10-20T16:57:06","slug":"thomas-kloeckner-heinrich-alting-1583-1644","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1418","title":{"rendered":"Thomas Kl\u00f6ckner: Heinrich Alting (1583\u20131644)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thomas Kl\u00f6ckner: <em>Heinrich Alting (1583\u20131644).Lebensbild und Bedeutung f\u00fcr die reformierte Historiografie und Dogmengeschichtsschreibung des 17. Jahrhunderts<\/em>, Reformed Historical Theology 56, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2019, 431\u00a0S., Pb., \u20ac\u00a079,99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/53535\/heinrich-alting-1583-1644?number=VUR0002518\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/53535\/heinrich-alting-1583-1644?number=VUR0002518\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-525-51699-7<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"dwnldbtn\">[e2pdf-download id=&#8221;1&#8243;]<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vorliegende Studie zum bedeutenden reformierten Gelehrten Heinrich Alting (1583\u20131644) \u2013 einem \u201eVertreter der dritten Generation reformierter Theologen\u201c (33) \u2013 liefert neben einer ausf\u00fchrlichen Biografie vor allem eine Einordnung seiner Lehrt\u00e4tigkeit und (posthumen) Ver\u00f6ffentlichungen im Umfeld der sp\u00e4ter so bezeichneten Dogmengeschichte. Die von Herman Johan Selderhuis betreute Untersuchung des als Prediger der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Kaiserlautern t\u00e4tigen Verfassers wurde 2018 in Apeldoorn als Dissertation angenommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Arbeit st\u00fctzt sich vor allem auf posthum ver\u00f6ffentlichte und noch unver\u00f6ffentlichte Quellen, um das Leben des bisher noch kaum erforschten Protagonisten zun\u00e4chst in Grundz\u00fcgen darzustellen und anschlie\u00dfend seine bedeutendsten Werke zu analysieren. Der Fokus auf diejenigen Schriften, die sowohl ihrer zeitgen\u00f6ssischen Bedeutung als auch ihrer Rezeptionsgeschichte nach herausstechen, und die damit einhergehende Vernachl\u00e4ssigung seines im engeren Sinn katechetischen und kirchenpolitischen Wirken ist sicher angemessen. Die methodische und inhaltliche Einleitung \u00fcberzeugt insgesamt (Kapitel 1).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im zweiten Kapitel wird Alting in seine umfassenden Netzwerke eingezeichnet. Er stammt aus einer angesehenen Familie des Emder Exulantenmilieus, erh\u00e4lt bei seiner Ausbildung in Herborn ramistische Einfl\u00fcsse, macht erste p\u00e4dagogische Erfahrungen in Sedan und bew\u00e4hrt sich als Pr\u00e4zeptor dreier Wetterauer Grafen, bis er schlie\u00dflich eine Professur in Heidelberg erh\u00e4lt. Die Zeit an der dortigen kurpf\u00e4lzischen Universit\u00e4t wird mit Recht nicht nur hinsichtlich seines theologischen Wirkens als seine \u201eBl\u00fctezeit\u201c (77) bezeichnet: Alting genoss als Hoftheologe auch weit \u00fcber die Universit\u00e4t hinaus gro\u00dfes Ansehen, wie seine Entsendung als kurpf\u00e4lzischer Delegierter an die Dordrechter Synode zeigt. Dort wurde ihm nach der englischen Delegation formal der zweite Rang zugewiesen und als herausgehobener Vertreter der Contraremonstranten genoss er \u201eh\u00f6chste Aufmerksamkeit\u201c (114). Diese Bl\u00fctezeit fand jedoch mit dem Ausbruch des drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges und der Flucht an die Universit\u00e4t von Groningen zumindest teilweise ein Ende. Doch auch dort f\u00fchrte Alting nicht nur Visitationen durch (166), sondern war als Revisor auch an der <em>Statenvertaling<\/em>, der neuen niederl\u00e4ndischen \u00dcbersetzung der Bibel, beteiligt (169). In Heidelberg und Groningen zeigt sich also gleicherma\u00dfen \u201esein modern anmutendes Dr\u00e4ngen auf eine an der Wirklichkeit der Kirche interessierte Theologie\u201c (177). Insgesamt kam Alting in seinem \u201evon Unstetheit und Unruhe gepr\u00e4gte[n] Milieu\u201c (151) gewiss eine herausgehobene Rolle als \u201ereformierter und d.&nbsp;h. in seinem Fall melanchtonianisch-calvinisch-ursinisch gesinnter orthodoxer Theologe\u201c (368) zu. Ein umfangreiches Orts- und Personenregister gibt beeindruckende Einblicke in die Netzwerke dieser Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Blick auf die Ausf\u00fchrungen zur Rezeptionsgeschichte ist dem Autor besonders daf\u00fcr zu danken, dass er jeder Verlockung einer hagiographischen \u00dcberzeichnung Altings widersteht. Er wei\u00df sehr wohl, dass es \u201ekein grunds\u00e4tzlich neuer, epochemachender Entwurf\u201c (350) ist, den Alting vorlegt. Seine Kompendien sind \u201eetwas anspruchslos geratene Leitf\u00e4den, die der kurpf\u00e4lzischen Prinzenerziehung dienten und dieser wohl auch gen\u00fcgten.\u201c (198) Die recht \u00fcberschaubare Rezeptionsgeschichte von Leben und Werk k\u00f6nnte ihren Grund darin haben, dass Alting seine <em>Theologia Historica <\/em>(1664) nicht hat vollenden k\u00f6nnen, die doch wohl sein \u201eOpus magnum\u201c (283) h\u00e4tte werden sollen. Nach der biographischen Betrachtung \u201ejenes Sitzes im Leben\u201c (335) wendet sich Kl\u00f6ckner dann dem Schwerpunkt des Wirkens Altings zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Behandlung der kirchen- und profangeschichtlichen Kompendien (Kapitel 3), besonders der <em>Historia Ecclesiae Palatinae<\/em> und der <em>Theologia Historica <\/em>(Kapitel 4) weist Kl\u00f6ckner kundig viele Parallelen zu fr\u00fcheren Werken und zu Zeitgenossen auf. Leitend ist die Frage nach der Neuartigkeit des durch Alting geleisteten Entwurfes, der differenziert zu beantworten ist. Er hat \u201eals einer der Begr\u00fcnder der Auffassung von Dogmengeschichte als einer selbstst\u00e4ndigen Disziplin neben der Dogmatik\u201c (15) zu gelten, obschon \u201efreilich in einem noch vorkritischen und vormodernen Stadium\u201c (ebd). Inwiefern das Stadium tats\u00e4chlich als \u201evorkritisch\u201c zu gelten hat, sei an dieser Stelle dahingestellt. Die weiteren Ausf\u00fchrungen zeichnen jedenfalls eine Entwicklung nach, deren Richtungssinn treffend beschrieben wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die traditionelle Grundierung seiner Geschichtsschau zeigt sich im leitenden Begriffspaar von <em>deformatio <\/em>und <em>reformatio<\/em>, das die Struktur seiner Werke vorgibt (360). Allerdings zeigt er sich st\u00e4rker an der Territorialgeschichte interessiert, vor allem in seiner <em>Historia Ecclesiae Palatinae<\/em>. Diese ist weniger martyrologisch und apokalyptisch. Vielmehr zeigen sich \u201etheologische Entspannung und territoriale Aufwertung\u201c (364). Bez\u00fcge zur Heidelberger Irenik, insbesondere in der Vereinnahmung der Wittenberger Reformation und die Betonung der geschichtlichen Entstehung der Bekenntnisse, weisen hier den Weg. (272\u2013275) Dieser gem\u00e4\u00dfigten Haltung entspricht, dass Alting in seiner reformierten Position nur mehr die \u201egereinigtere Variante innerhalb des konfessionellen Spektrums\u201c (271) sieht. Statt eines Dualismus aus reiner Lehre &#8211; Irrlehre macht Alting blo\u00df quantitative Unterschiede aus, was indes nicht einen v\u00f6lligen Verzicht antilutherischer und antipapistischer Spitzen impliziert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr diesen angesichts der leidvollen Erfahrungen des Exilanten gem\u00e4\u00dfigteren Tonfall gibt es aber einen theologischen Grund. Denn es f\u00e4llt auf, \u201edass der fr\u00fchneuzeitliche Geschichtsschreiber im Rahmen seiner territorialgeschichtlichen Darstellung der historischen Prozesse auf die Einbeziehung von Gott und seinem Gegenspieler als unmittelbar beteiligte Agenten verzichten kann.\u201c (274) Wo das geschichtliche Geschehen nicht direkt an Gott als Autor r\u00fcckgebunden wird, kann scharfe Wertung und deutliche Polemik unterbleiben. Ohne diese theologische Grundierung h\u00e4tte die Historisierung der Dogmen keinen \u201eS\u00e4kularisierungsschub\u201c (274) ausl\u00f6sen k\u00f6nnen, mit der sich die Trennung von der Profangeschichte anbahnt. In diesem \u201eleisen Entstehungsprozess einer Abl\u00f6sung des biblisch-reformatorischen Geschichtsbildes durch ein auf Empirie und Analyse historischer Vorg\u00e4nge beruhendes Wirklichkeitsverst\u00e4ndnis und dessen historiografische Einrahmung\u201c (364) sieht der Verfasser zurecht evolution\u00e4re und nicht revolution\u00e4re Entwicklungen. Zum geschichtlichen Verst\u00e4ndnis dieser Entwicklung leistet diese Detailstudie einen bemerkenswerten Beitrag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als theologische und nicht blo\u00df historische Arbeit zeichnet sich das Buch in seiner Systematisierung der Gedankeng\u00e4nge Altings aus, die sogar zu einem m\u00f6glichen Kritikpunkt an dieser Entwicklung f\u00fchren. Denn mit dem Ausscheiden Gottes als Handelnden wird nicht nur eine m\u00f6gliche Verst\u00e4ndigung mit dem Luthertum, sowie eine eigenst\u00e4ndige Entwicklung der Profangeschichte m\u00f6glich, sondern verliert die Geschichtsschreibung auch das \u201eprophetisch-kontrafaktische Element\u201c (361). Alting behandelt seine G\u00f6nner aus dem kurf\u00fcrstlichen Haus der Wittelsbacher in Heidelberger alles andere als kritisch. Inwiefern eine um Neutralit\u00e4t und Objektivit\u00e4t bem\u00fchte Geschichtsschreibung, die auf der Singularit\u00e4t der Ereignisse beharrt, tats\u00e4chlich Gegenwartsbedeutung entfaltet, ist eine m.\u00a0E. offene Flanke nicht nur der Profangeschichte. Insgesamt liefert die Studie also eine ausgezeichnete, kritische Biografie Altings im Rahmen der gelehrten Netzwerke seiner Zeit, aber auch einige interessante Beobachtungen in diesem Werk eines \u201eVorl\u00e4ufers\u201c (23) der Disziplin der Dogmengeschichte, wie sie sich w\u00e4hrend der Aufkl\u00e4rung herausbildet. Die Schlussfolgerungen und Rekonstruktionen sind aber leider nicht immer vollst\u00e4ndig klar. Die Frage nach den Gr\u00fcnden des Ausscheidens Gottes aus der direkten Akteursperspektive h\u00e4tte etwa klarer und differenzierter untersucht werden m\u00fcssen: Liegt es an der Hinwendung zur Territorialgeschichte, f\u00fcr welche die Bibel weniger Material bereithielt als die Universalgeschichte? Liegt es am Verlust des prophetisch-kontrafaktischen Momentes als Ausdruck der pers\u00f6nlichen Verbundenheit zum Herrschergeschlecht? Liegt es an der Sehnsucht einer Auss\u00f6hnung mit den anderen Teilen der reformatorischen Bewegung vor dem 30-j\u00e4hrigen Krieg? Diese Fragen hat der Autor der gelehrten Welt zumindest als Denkaufgabe mitgegeben. F\u00fcr alle an der reformierten Geschichte dieser Zeit und an der Entwicklung der modernen Geschichtswissenschaften Interessierten ist das Buch jedenfalls zu empfehlen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Jan Reitzner ist Vikar in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Bexhoevede und hat seine kirchengeschichtliche Dissertation \u00fcber die Rezeption der Apopthegmata Patrum im 12. Jahrhundert bei Prof. Dr. Tobias Georges (G\u00f6ttingen) eingereicht. Er ist dar\u00fcber hinaus Schriftleiter der theologischen Zeitschrift ichthys (ichthys-online.de).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Kl\u00f6ckner: Heinrich Alting (1583\u20131644).Lebensbild und Bedeutung f\u00fcr die reformierte Historiografie und Dogmengeschichtsschreibung des 17. 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