{"id":1431,"date":"2021-10-20T17:08:53","date_gmt":"2021-10-20T17:08:53","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1431"},"modified":"2022-04-25T05:24:16","modified_gmt":"2022-04-25T05:24:16","slug":"john-barton-die-geschichte-der-bibel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1431","title":{"rendered":"John Barton: Die Geschichte der Bibel"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">John Barton: <em>Die Geschichte der Bibel. Von den Urspr\u00fcngen bis in die Gegenwart<\/em>, Stuttgart: Klett-Cotta, 2020, geb., 717&nbsp;S., \u20ac&nbsp;38,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.klett-cotta.de\/buch\/Geschichte\/Die_Geschichte_der_Bibel\/117343\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.klett-cotta.de\/buch\/Geschichte\/Die_Geschichte_der_Bibel\/117343\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-608-94919-3<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"dwnldbtn\">[e2pdf-download id=&#8221;1&#8243;]<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das englische Original dieser deutschen \u00dcbersetzung erschien 2019 unter dem Titel \u201eA History of the Bible. The Book and Its Faiths\u201c. Der Autor John Barton, geboren 1948, war Professor f\u00fcr Bibelexegese an der Universit\u00e4t Oxford. Er beobachtet, dass die Bibel \u201ein der christlichen Glaubenspraxis\u201c seit etwa 1960 an Bedeutung gewonnen hat (22). In diesem Buch beschreibt er die Entstehung der biblischen B\u00fccher, deren Zusammenstellung als Hl.&nbsp;Schrift (also die Kanonsgeschichte), die \u00dcberlieferung der Texte (also die Textgeschichte), die Bibel-Interpretation in der Kirchengeschichte sowie die Bibel-\u00dcbersetzungen. Barton bedenkt die Fachliteratur intensiv mit; leider gibt es keine <em>Fu\u00df<\/em>noten, sondern <em>End<\/em>noten \u2013 und diese werden f\u00fcr jedes Kapitel von vorne durchnummeriert. Das macht eine diese Endnoten miteinbeziehende Lekt\u00fcre m\u00fchsam. Wertvoll sind die Register am Ende: F\u00fcr Bibelstellen sowie f\u00fcr Orte, Personen und Sachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Bezug auf die Entstehung der biblischen B\u00fccher gibt es eine breite Palette von Ansichten. Wo ist Barton diesbez\u00fcglich einzuordnen? Er tritt nach eigener Aussage \u201ef\u00fcr die moderne kritische Bibelwissenschaft\u201c ein (18). Das bedeutet konkret z.&nbsp;B.: Es sei \u201ekaum eines\u201c der biblischen B\u00fccher \u201edas Werk eines einzigen Autors: Die meisten sind aus vielen verschiedenen Vorlagen zusammengesetzt\u201c (16). Barton ist skeptisch, wenn die Bibel von einer Kirche als Autorit\u00e4t f\u00fcr Glauben und Leben bezeichnet wird, denn die Bibel \u201eist eine bunte Sammlung von Materialien, von denen sich nur wenige direkt mit der Frage besch\u00e4ftigen, was man glauben soll\u201c (17). Aber unabh\u00e4ngig von seiner pers\u00f6nlichen Einsch\u00e4tzung der Bibel stellt er fest, dass in GB und in Nordamerika eher solche Kirchen wachsen, die einen konservativen Zugang zur Bibel propagieren (23). Laut Barton ist \u201eeine Aneinanderreihung von Vermutungen \u2026 keine Seltenheit in der Bibelforschung\u201c (277). Das erinnert an meine Bezeichnung \u201eTheologie des Vermutens\u201c, die ich f\u00fcr die liberale Theologie verwende (in meinem Buch \u201eAuf der Suche nach dem historischen Jesus\u201c, 2013, 17), im Unterschied zu einer konservativen \u201eTheologie des Vertrauens\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Kap. 8 \u00fcber die Evangelien ist f\u00fcr Barton die M\u00f6glichkeit, dass Jesus die Zukunft \u2013 etwa die Eroberung Jerusalems \u2013 vorhersagte, von vornherein kein Thema: \u201eDas Matth\u00e4us- und Lukasevangelium enthalten eindeutige Verweise auf die Einnahme Jerusalems \u2026 und m\u00fcssen daher sp\u00e4ter entstanden sein\u201c (251f). Barton geht davon aus, \u201edass selbst das Markusevangelium wenigstens etwa zwanzig Jahre sp\u00e4ter geschrieben wurde als die letzten Paulusbriefe\u201c (252). Wenn diese um 60 n.&nbsp;Chr. geschrieben wurden (es k\u00f6nnte auch sp\u00e4ter gewesen sein), dann wurde demnach das MkEv fr\u00fchestens 80 n.&nbsp;Chr. geschrieben. Aber weiter oben legt Barton nahe, dass das MkEv (kurz) vor 70 n.&nbsp;Chr. geschrieben wurde (251) \u2013 das passt nicht zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Barton meint, dass der Bericht \u00fcber die Mission und Verhaftung des Paulus in der zweiten H\u00e4lfte der Apg \u201eso aufgebaut ist, dass darin an die Leiden Jesu erinnert wird\u201c (251). Ich kann darin jedoch kaum \u00c4hnlichkeiten erkennen: Jesu Verhaftung m\u00fcndete schon nach einem Tag in die Gei\u00dfelung und Kreuzigung \u2013 \u00fcber Paulus berichtet die Apg nichts vom Lebensende, und seine Gefangenschaft dauerte etwa f\u00fcnf Jahre lang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der Darstellung des AT-Kanons in Kap.&nbsp;9 erw\u00e4hnt Barton in der Mischna berichtete Diskussionen zwischen Rabbis dar\u00fcber, ob einige B\u00fccher (vor allem Hohelied und Kohelet) \u201edie H\u00e4nde verunreinigen\u201c. Barton \u00e4u\u00dfert die interessante These, dass damit nicht in Frage gestellt wurde, ob diese B\u00fccher kanonisch sind, sondern dass diese Unsicherheit (ob sie die H\u00e4nde verunreinigen) darauf beruhte, dass in diesen B\u00fcchern der Gottesname JHWH fehlt (275). Barton meint, dass die deuterokanonischen B\u00fccher im NT <em>zitiert<\/em> werden (285). Daf\u00fcr bringt er jedoch keinen Beleg, sondern verweist blo\u00df auf einen einzigen inhaltlichen <em>Anklang<\/em>: Er meint, dass der Aussage in R\u00f6m 5,12 (die S\u00fcnde kam in die Welt durch einen Menschen, und durch die S\u00fcnde der Tod, der dann zu allen kam, weil alle s\u00fcndigten) die Weisheit Salomos 2,24 zugrunde lag: \u201eDurch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt, und ihn erfahren alle, die ihm angeh\u00f6ren.\u201c (284f). Ob Paulus bei R\u00f6m 5 wirklich an diese Aussage aus der Weisheit Salomos dachte, scheint mir unsicher. Aber selbst wenn es sich so verh\u00e4lt, liegt in einer solchen nicht ausdr\u00fccklichen Bezugnahme kein Beleg daf\u00fcr, dass er dieses Buch f\u00fcr kanonisch hielt. Ein Hinweis auf kanonische Geltung w\u00e4re es, wenn Paulus ausdr\u00fccklich zitieren w\u00fcrde, insbesondere mit der Einleitung \u201edie Schrift sagt\u201c oder so \u00e4hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Bezug auf die AT-Apokryphen (d.&nbsp;h. die deuterokanonischen B\u00fccher) sagt Barton zuerst, dass u.&nbsp;a. \u201edie Lutheraner \u2026 sie \u2026 als zweitrangig gegen\u00fcber der eigentlichen Heiligen Schrift ansehen\u201c (280), und sodann sagt er, dass sie u.&nbsp;a. in der katholischen Kirche \u201eals uneingeschr\u00e4nkt biblisch behandelt, wenn auch \u2026 als zweitrangige Bestandteile der Heiligen Schrift\u201c (280f). Bei der katholischen Kirche trifft diese Aussage (\u201ezweitrangig\u201c) nicht zu; in Aufz\u00e4hlungen der B\u00fccher des ATs ist keine Unterscheidung erkennbar, und es wird auch nicht extra darauf verwiesen, dass bei Daniel und Ester die Zus\u00e4tze mitgemeint sind (siehe z.&nbsp;B. im <em>Katechismus der Katholischen Kirche<\/em> von 1993, Nr.&nbsp;120). Barton weiter: \u201ein den orthodoxen Kirchen des Ostens werden mehr B\u00fccher anerkannt als in der r\u00f6misch-katholischen Kirche, und noch mehr in \u00c4thiopien\u201c (281). Diese Aussage \u00fcber die \u201eorthodoxen Kirchen des Ostens\u201c stimmt nicht; im Allgemeinen haben sie denselben Kanon wie die katholische Kirche (etwa in den Bibelausgaben), wobei aber einige der deuterokanonischen B\u00fccher nicht im Gottesdienst verwendet werden. Im Kapitel \u00fcber die <em>Bibel und die Naturwissenschaft<\/em> meint Barton, dass \u201edie sogenannten Kreationisten noch heute\u201c die Meinung teilen, dass die Sch\u00f6pfung im Jahr 4004 v.&nbsp;Chr. stattfand (534). Das vertritt jedoch aktuell kaum ein Kreationist, auch nicht ein \u201eKurzzeit-Kreationist\u201c (ein \u201eLangzeit-Kreationist\u201c sowieso nicht) \u2013 eine solche pauschale Aussage \u00fcber \u201edie Kreationisten\u201c ist jedenfalls unzutreffend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Kap. 12 bespricht Barton die handschriftliche NT-\u00dcberlieferung. Die Einsch\u00e4tzung von Seiten der Textkritiker veranschaulicht er durch konkrete Beispiele (363ff). Die Rekonstruktion des Urtextes ist kompliziert, aber es ist \u00fcbertrieben, wenn Barton behauptet, dass \u201efr\u00fchere Versuche, den \u201aUrtext\u2018 eines jeden Buches zu rekonstruieren, inzwischen weitgehend zur\u00fcckgestellt wurden \u2013 zugunsten des Nachvollzugs der Geschichte verschiedener Handschriften-\u201afamilien\u2018 \u2026\u201c (358). Denn jede Ausgabe des griechischen NTs versucht, den Urtext zu rekonstruieren. Das gilt laut David Trobisch auch f\u00fcr \u201eDie 28.\u00a0Auflage des Nestle-Aland\u201c (so der Titel seiner Einf\u00fchrung von 2013, 5): Diese Ausgabe bem\u00fcht sich, \u201eaus der F\u00fclle der erhaltenen Lesarten den \u00e4ltesten Text des griechischen Neuen Testamentes zu rekonstruieren\u201c. Auch in diesem Bereich zeigt Barton fachliche Schw\u00e4chen. \u201eDer Codex Vaticanus stammt aus \u00c4gypten\u201c, sagt Barton, vermutlich zutreffend, aber kurz davor nennt er ihn eine \u201em\u00f6glicherweise \u2026 r\u00f6mische Handschrift\u201c (360). R\u00e4tselhaft ist folgende Angabe Bartons: \u201eLaut Eusebius\u2019 <em>Kirchengeschichte<\/em> lebte Papias von 70 bis 163\u201c (368). Den genauen Fundort gibt Barton nicht an, aber bei Eusebius kann man wohl kaum Lebenszeitangaben nach der noch heute benutzten christlichen Zeitrechnung finden, die Dionysius Exiguus im Jahr 525 n.\u00a0Chr. erstmals berechnet hat. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">John Barton verfasste ein umfangreiches Werk, um die Geschichte der Bibel darzustellen. F\u00fcr dieses umfassende Buchthema wendet er sich vielen Einzelthemen zu, die jeweils gr\u00fcndliche Sachkenntnis erfordern. Da ist vermutlich ein einzelner Gelehrter \u00fcberfordert. Barton zieht zwar viel Fachliteratur heran, aber bei deren Verwertung unterlaufen ihm immer wieder Fehler. Durch seine eigene theologisch liberale Position, die er oft als die allgemein anerkannte hinstellt, wird er Leser mit konservativer Tendenz eher nicht ansprechen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Franz Graf-Stuhlhofer BSc, Lehrbeauftragter an der KPH Wien\/Krems f\u00fcr Kirchengeschichte und Dogmatik<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>John Barton: Die Geschichte der Bibel. 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