{"id":1461,"date":"2022-04-26T15:59:15","date_gmt":"2022-04-26T15:59:15","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1461"},"modified":"2022-04-26T15:59:17","modified_gmt":"2022-04-26T15:59:17","slug":"joachim-j-krause-wolfgang-oswald-kristin-weingart-hg-eigensinn-und-entstehung-der-hebraeischen-bibel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1461","title":{"rendered":"Joachim J. Krause\u00a0\/ Wolfgang Oswald\u00a0\/ Kristin Weingart (Hg.): Eigensinn und Entstehung der Hebr\u00e4ischen Bibel"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Joachim J. Krause\u00a0\/ Wolfgang Oswald\u00a0\/ Kristin Weingart (Hg.): <em>Eigensinn und Entstehung der Hebr\u00e4ischen Bibel. Erhard Blum zum siebzigsten Geburtstag<\/em>, FAT 136, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2020, Ln., 628\u00a0S., \u20ac\u00a0199,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/eigensinn-und-entstehung-der-hebraeischen-bibel-9783161563843?no_cache=1\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/eigensinn-und-entstehung-der-hebraeischen-bibel-9783161563843?no_cache=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-16-156384-3<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vorliegende Aufsatzsammlung ehrt als Festschrift den T\u00fcbinger Alttestamentler Erhard Blum zum 70. Geburtstag. Die enthaltenen Aufs\u00e4tze sind sieben Bereichen zugeordnet, die in etwa den Forschungsinteressen des Jubilars entsprechen (Pentateuch, Vordere Propheten, Hintere Propheten, Schriften, Historische Fragen, Linguistische Fragen, Hermeneutische Fragen; die Titel der Aufs\u00e4tze sind zug\u00e4nglich auf der Internetseite des Verlags: <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/uploads\/tx_sgpublisher\/produkte\/leseproben\/9783161563843.pdf).\">https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/uploads\/tx_sgpublisher\/produkte\/leseproben\/9783161563843.pdf).<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grunds\u00e4tzlich stellen die meisten Aufs\u00e4tze hochspezialisierte Abhandlungen zu Teilaspekten der Forschungsschwerpunkte dar, zu deren f\u00fchrenden Vertretern viele der Autorinnen und Autoren geh\u00f6ren. Ohne umfangreiches Vorwissen wird man hier h\u00e4ufig die Tragweite der Thesen und ihren jeweiligen Beitrag nur schwer ermessen. Wer sich jedoch in die jeweiligen Fragen einarbeitet, wird hier viele anregende Beobachtungen und v.&nbsp;a. gr\u00fcndliche Darstellungen finden, von denen nur wenige entt\u00e4uschen. Aufgrund des begrenzten Raumes einer Rezension k\u00f6nnen hier nur einige Einordnungen gegeben und nur wenige Aufs\u00e4tze etwas ausf\u00fchrlicher beschrieben werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts der Bedeutung von Erhard Blum f\u00fcr die j\u00fcngere Pentateuchforschung mit seinen gewichtigen Anfragen an vermeintliche Selbstverst\u00e4ndlichkeiten, dem Aufweis \u00fcbergreifender Kompositionsb\u00f6gen, seinen methodenkritischen Reflexionen und dem Entwurf eines eigenen Pentateuchmodells ist man auf Aufs\u00e4tze zum Pentateuch in einer Festschrift f\u00fcr ihn gespannt und muss etwas entt\u00e4uscht bemerken, dass kaum Proponenten anderer Pentateuchentstehungsmodelle in der Festschrift zu Wort kommen bzw. das Wort ergreifen. Die meisten kn\u00fcpfen auf die eine oder andere Weise positiv\/zustimmend an die Thesen von Blum an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immerhin setzt sich <em>K. Schmid<\/em> (\u201eDie Datierung der Josephsgeschichte. Ein Gespr\u00e4ch mit Erhard Blum und Kristin Weingart\u201c) als Vertreter einer sp\u00e4ten Verkn\u00fcpfung von Erzeltern- und Exodus\u00fcberlieferung mit der daf\u00fcr zentralen Josephsgeschichte sowie der These von Blum und Kristin Weingart zur Entstehung der Josephsgeschichte im Nordreich in der Zeit Jerobeams II. auseinander, bringt Gegenargumente f\u00fcr die sp\u00e4te Entstehung als Diasporanovelle an und versucht M\u00f6glichkeiten einer Synthese zu erschlie\u00dfen. Deutlich wird an diesem Beitrag, wie stark Generalthese und Beobachtungen zu Einzelheiten im Wechselverh\u00e4ltnis stehen (vgl. 109!). Auch in dem Aufsatz von <em>R.&nbsp;G. Kratz<\/em> (\u201eSchittim. Eine narrative Verbindung zwischen Numeri und Josua\u201c) tritt ein Vertreter eines konkurrierenden Pentateuchmodells angesichts einer weiteren zentralen Nahtstelle im Pentateuch bzw. Hexateuch mit E. Blum in einen Dialog. Hier geht es um literarkritische Gewichtungen in Jos 1\u20133 und eine Bewertung, auf welcher Entstehungsstufe der Erz\u00e4hlzusammenhang zwischen dem Ankommen des Volkes Israel bei Schittim (Num 25,1) sowie dessen Aufbrechen von dort (Jos 2,1; 3,1) anzusiedeln ist. Kratz argumentiert erneut gegen Blum (und J.&nbsp;J. Krause, <em>Exodus und Eisodus<\/em>, 2014) f\u00fcr einen urspr\u00fcnglichen Erz\u00e4hlzusammenhang von Exodus, W\u00fcstenwanderung und Landnahme als Teil der Grundschicht eines \u201eHexateuch\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine instruktive Einsch\u00e4tzung der Pentateucharbeiten von E. Blum innerhalb der j\u00fcngsten Pentateuchforschung bietet <em>Rainer Albertz <\/em>(\u201eDie erstmalige Konstituierung des Pentateuch durch die sp\u00e4t-deuteronomistische Redaktionsschicht [K<sup>D<\/sup> bzw. D]\u201c): In seinen Ausf\u00fchrungen \u00fcber \u201edie sp\u00e4rliche Rezeption der K<sup>D<\/sup>-Hypothese\u201c (134) in Blums Entstehungshypothese zum Pentateuch werden eine Reihe Gegens\u00e4tze und \u00dcbereinstimmungen zwischen verschiedenen Pentateuchmodellen gut erkennbar. Albertz selbst votiert daf\u00fcr, dass an einer durchgehenden deuteronomistisch gepr\u00e4gten Komposition von Gen\u2013Dtn (K<sup>D<\/sup>) festzuhalten ist, mit der das Deuteronomium in den entstehenden Pentateuch integriert und von den nachfolgenden B\u00fcchern st\u00e4rker abgegrenzt wurde, differenziert aber deren Entstehungsverh\u00e4ltnisse weiter aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend derlei Aufs\u00e4tze in der Gefahr stehen, eher Binnendialoge innerhalb der Pentateuchforschung zu perpetuieren, verdienen doch eine Reihe weiterer Aufs\u00e4tze Beachtung, weil diese sowohl gewichtige inhaltliche Kl\u00e4rungen bieten als auch zu methodischen bzw. methodenkritischen Reflexionen einladen und somit \u00fcber den spezifischen Diskurs innerhalb einzelner Teilfragen hinausweisen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Christoph Hardmeier<\/em> (\u201eDie Noah-Flut-Erz\u00e4hlung [Gen 6,8\u20138,20] als Klimax der vorpriesterlichen Urgeschichte und ihre priesterliche Bearbeitung\u201c) geh\u00f6rte zu den f\u00fchrenden Verfechtern der Integration literaturwissenschaftlicher Ans\u00e4tze in die alttestamentliche Exegetik. In seinem Aufsatz zur Sintfluterz\u00e4hlung unterscheidet er v.&nbsp;a. auf der Basis sprachph\u00e4nomenologischer Beobachtungen zwischen einer vorpriesterlichen Noah-Flut-Erz\u00e4hlung und deren sp\u00e4terer priesterlicher Bearbeitung. Er zeigt \u00fcberzeugend, welch theologischer Gewinn darin liegt, zwei verschiedene \u201eStimmen\u201c in der Fluterz\u00e4hlung wahrzunehmen. Problematisch bleibt es jedoch, wenn die Text-Rekonstruktion nur durch Texteingriffe plausibilisiert werden kann (so l\u00e4sst sich Gen 6,13 nur einer vorpriesterlichen Erz\u00e4hlung zuweisen, wenn man das Vorkommen von \u201eElohim\u201c als priesterliche Ver\u00e4nderung des urspr\u00fcnglichen Gottesnamens JHWH annimmt; 12\u201314). Auch die Metapher der \u201eSymphonie\u201c scheint mir nicht so recht den Ph\u00e4nomenen in der Fluterz\u00e4hlung gerecht zu werden. Nicht so leicht umgehen sollte man aber die auf literaturwissenschaftlicher Basis erhobene Differenzierung, egal ob man sie \u201eStimmen\u201c, \u201eAspekte\u201c oder \u201ePerspektiven\u201c nennt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Matthias K\u00f6ckert<\/em> (\u201eDie Traumerz\u00e4hlung Genesis 28 im Licht altorientalischer Tempeltheologie und Tempelbaunachrichten\u201c) kn\u00fcpft in Bezug auf Gen 28 an Arbeiten von E. Blum an und ist v.&nbsp;a. zu beachten, weil er auf Basis altvorderorientalischer Parallelen wichtige inhaltliche Z\u00fcge der \u201eTraumerz\u00e4hlung\u201c sowie deren Bezug zu Heiligtumsgr\u00fcndungen und ihrer kosmologischen Bedeutung erhellt. Wie schwierig freilich Datierungen auf Basis solcher Parallelen sind, legt K\u00f6ckert vorbildlich auseinander. Unbedingt lesen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Thomas B. Dozeman<\/em> (\u201eInner-biblical Interpretation of Gilead in the Wars against Sihon and Og and in the Tribal Territory East of the Jordan River\u201d) geht minuti\u00f6s den verschiedenen Gr\u00f6\u00dfen nach, die mit Gilead in Num 20\u201321; 32; Dtn 2\u20133 und Jos 12\u201313 bezeichnet sind. Bedeutsam ist darin u.&nbsp;a. der Hinweis darauf, dass in den jeweiligen Texten verschiedene Raumkonzepte vorliegen: Num 32 ist auf St\u00e4dte orientiert, w\u00e4hrend Dtn auf das Territorium blickt. Josua verkn\u00fcpft dann beide miteinander. Der Beitrag ruft nicht nur die komplexen Probleme in Erinnerung, vor die Num 20\u201321 + Num 32 sowie deren Verh\u00e4ltnis zu Dtn 2\u20133 stellen (und diese Texte zu Zentraltexten f\u00fcr jegliches Modell der Pentateuchentstehung machen), er kann v.&nbsp;a. als hilfreicher Ausgangspunkt daf\u00fcr genommen werden, dass die Landnahme der ostjordanischen Gebiete auf unterschiedliche Aspekte hin erz\u00e4hlt wird und worin diese bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer f\u00fcr einen Erweis der Einheitlichkeit alttestamentlicher B\u00fccher auf \u201eneuere Ans\u00e4tze\u201c verweist, sollte an dem Beitrag von <em>Jean Louis Ska<\/em> (\u201eDoes David Think or Remember? Some Basic Features of David\u2019s Character in 1\u20132 Samuel\u201c) nicht vorbeisehen. Der ausgewiesene Spezialist narratologischer Exegese im Alten Testament votiert auf der Basis narratologischer Beobachtungen zur Figur des David f\u00fcr einen anthologischen Charakter der Samuelb\u00fccher. Damit ist m.&nbsp;E. keineswegs das letzte Wort \u00fcber den literarischen Charakter alttestamentlicher Historiographie gesprochen. Den damit verbundenen Herausforderungen aber sollte man mit diesem Aufsatz nicht aus dem Wege gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unbedingt empfehlenswert ist des Weiteren der Beitrag von <em>Hermann-Josef Stipp <\/em>(\u201eApologetik, Propaganda, Rivalit\u00e4ten. Zu den Triebkr\u00e4ften der Entstehung des Jeremiabuchs\u201c), der dezidiert an dem Anliegen von Erhard Blum zu einer reflektierten Exegetik ankn\u00fcpft und mit seinem \u00dcberblick zur Entstehung von Jer 25\u201352 einen ganz wichtigen methodenkritischen Beitrag leistet. Anlass f\u00fcr seine Ausf\u00fchrungen ist die v.&nbsp;a. im deutschen Sprachraum inzwischen dominante \u201eGeneralthese\u201c, wonach die vielen intertextuellen Bez\u00fcge in den Prophetenb\u00fcchern Erweis daf\u00fcr sind, dass es sich bei der Literaturproduktion und -rezeption um ein elit\u00e4res und auf einen kleinen Kreis begrenztes Unternehmen von \u201eSchriftgelehrten f\u00fcr Schriftgelehrte\u201c (K. Schmid, <em>Literaturgeschichte des Alten Testaments<\/em>, 2008, 49) handele. Dem stellt Stipp anhand der von ihm rekonstruierten Entstehungsstufen und unterschiedlichen literarischen Vorstufen innerhalb von Jer 25\u201352 ihre verschiedenen Funktionen in der \u00d6ffentlichkeit (!) entgegen. Stipp kommt zu dem Schluss: \u201eDie hier er\u00f6rterten Zeugnisse dienten \u00fcberwiegend nicht der internen Verst\u00e4ndigung und Best\u00e4rkung von \u00dcberzeugungsgemeinschaften, sondern sie fungierten als Instrumente politischer Theologie, mit denen die Verfasser auf \u00f6ffentlicher B\u00fchne f\u00fcr konkrete Ziele k\u00e4mpften, indem sie andere davon zu \u00fcberzeugen suchten.\u201c (407). Es ist eine gewichtige Erinnerung an den engen Zusammenhang zwischen Textfunktion, soziologischem Setting sowie Auswahl und Gewichtung exegetischer Methoden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich verdient der Aufsatz von <em>Helmut Utzschneider<\/em> (\u201eL\u00e4sst sich der ,Endtext\u2018 sachgem\u00e4\u00df auslegen \u2013 und wenn ja, welcher? Ein Gespr\u00e4ch mit Erhard Blum samt einer Auslegung von Exodus 19,20\u201325\u201c) eine aufmerksame Lekt\u00fcre, um sich zu einem reflektierteren Gebrauch der Schlagworte \u201esynchrone Auslegung\u201c und \u201eEndtext\u201c bzw. \u201eEndgestalt\u201c n\u00f6tigen zu lassen.&nbsp; Er versucht im Gespr\u00e4ch mit E. Blum und dessen pointierten \u00c4u\u00dferungen zum Charakter alttestamentlicher Literatur, zur \u201esynchronen Analyse\u201c und zum \u201eEndtext\u201c auszuloten, welcher Text auszulegen ist, wie alttestamentliche Literatur zu charakterisieren ist und wie sie schlie\u00dflich auszulegen ist. Es ist zu hoffen, dass diesbez\u00fcglich sein Votum gegen alle Ver\u00e4chter synchroner Auslegung ernst genommen wird, wonach \u201eeine literarisch-\u00e4sthetische Lesart eigentlich kein Interesse daran haben kann, den Text zu harmonisieren, wie dies der synchronen Auslegung des Jetzttextes immer wieder vorgehalten wird.\u201c (599). Die sich so ergebende dreifache Aufgabe der Auslegung als synchrone, historisch-diachrone und literarisch-\u00e4sthetische f\u00fchrt Utzschneider schlie\u00dflich an Ex 19,20\u201325 mit wertvollen Beobachtungen und Wertungen vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine Schlussworte schlie\u00dfen zugleich die Festschrift ab und k\u00f6nnten passender nicht sein: \u201eEine wissenschaftliche Exegese indessen, die die Bande zur \u201areligi\u00f6sen Applikation\u2018 l\u00f6sen und sich auf den innerakademischen Diskurs beschr\u00e4nken wollte, w\u00fcrde sich m. E. selbst den Boden entziehen.\u201c (608).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Prof. Dr. Torsten Uhlig, Professor f\u00fcr Altes Testament an der Evangelischen Hochschule Tabor, Marburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joachim J. 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