{"id":1468,"date":"2022-04-26T16:12:59","date_gmt":"2022-04-26T16:12:59","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1468"},"modified":"2022-04-28T16:04:42","modified_gmt":"2022-04-28T16:04:42","slug":"rainer-albertz-die-josephsgeschichte-im-pentateuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1468","title":{"rendered":"Rainer Albertz: Die Josephsgeschichte im Pentateuch"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rainer Albertz: <em>Die Josephsgeschichte im Pentateuch. Ein Beitrag zur \u00dcberwindung einer anhaltenden Forschungskontroverse<\/em>, FAT&nbsp;153, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2021, Ln., XII+178&nbsp;S., \u20ac&nbsp;104,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/die-josephsgeschichte-im-pentateuch-9783161601002\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/die-josephsgeschichte-im-pentateuch-9783161601002\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-16-160099-9<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Werk erf\u00fcllt Rainer Albertz, langj\u00e4hriger Ordinarius f\u00fcr Altes Testament in M\u00fcnster, ein aus dem Jahre 2009 ausstehendes Versprechen, nachdem er eine ausf\u00fchrlichere Darstellung seines Ansatzes f\u00fcr ein angemessenes Verst\u00e4ndnis der Josephsgeschichte der Genesis in Aussicht gestellt hat (VIII). Dieser Verpflichtung ist Albertz in dem Ende 2021 erschienenen Beitrag in den \u201eForschungen zum Alten Testament\u201c in monografischer L\u00e4nge nachgekommen. Sein Ziel: Den langj\u00e4hrigen Streit um Thematik und Datierung der Josephsgeschichte, \u201ediese[m] Juwel unserer Bibel\u201c (VIII), durch konsequente Anwendung literar- und redaktionskritischer Methodik beizulegen. Dieser Streit l\u00e4sst sich laut Albertz in zwei Auslegungstypen einordnen: Typ 1 sieht in der Josephsgeschichte \u201eim Rahmen der famili\u00e4r konzipierten Ursprungsgeschichte Israels die Problematik und Legitimation politischer Herrschaft, speziell die des Nordreich-K\u00f6nigtums \u00fcber ganz Israel, abgehandelt.\u201c Die Datierung erfolgt vorexilisch auf das 10.\u20138. Jh. v. Chr. Typ 2 versteht die Josephsgeschichte als Diasporanovelle aus der exilischen oder eher nachexilischen Zeit (6.\u20132. Jh. v. Chr.), die Joseph als Exempel eines erfolgreichen Fremdlings unter Diaspora-Herrschaft stilisiere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um diesen diametral unterschiedlichen Lesarten zu begegnen, geht Albertz von einer strikten Unterteilung der Josephsgeschichte in (mind.) zwei Schichten und mehreren Glossen aus. Durch diese Trennung der Endgestalt des Textes w\u00fcrden sich zwei verschiedene Geschichten mit je eigenen Themen und Schwerpunkten isolieren lassen: die urspr\u00fcngliche Josephsgeschichte (JG), sodann die erweiterte Josephsgeschichte (EJG). So ergibt sich eine rekonstruierte, urspr\u00fcngliche Josephsgeschichte (30): \u201eGen 37&#8230;,3\u201327.28a\u03b1<sub>2<\/sub>\u201331.32\u201333*.34\u201335; 39,1*(ohne <bdi lang=\"he\">\u05d0\u05d9\u05e9\u05c1 \u05de\u05e6\u05e8\u05d9<\/bdi>); 40,2\u20133a\u03b1.4\u20135a.6\u201314.16\u201323; 41,1\u201311.12* (ohne <bdi lang=\"he\">\u05e0\u05e2\u05e8 \u05e2\u05d1\u05e8\u05d9<\/bdi>).13.14*(ohne <bdi lang=\"he\">\u05de\u05df \u05d4\u05d1\u05d5\u05e8<\/bdi>).15\u201334a.35\u201340a\u03b1.b.41\u201343.46b\u201349.53\u201354.57; 42,1\u201338; 43,1\u201332a.33\u201334; 44,1\u201334; 45,1\u20136.7\u20138*.9\u201328; 46,5b.6a\u03b1<sub>1<\/sub>.a\u03b2.28\u201334b\u03b1; 47,1\u201310.11* (ohne <bdi lang=\"he\">\u05d5\u05d9\u05ea\u05df \u05dc\u05d4\u05dd \u05d0\u05d7\u05d6\u05d4 und \u05d1\u05d0\u05e8\u05e5 \u05de\u05e6\u05e8\u05d9\u05dd<\/bdi>).12.27a\u201c und eine erweiterte Josephsgeschichte (37): &nbsp;\u201eGen 41,34b.40a\u03b2?.44\u201345a.55\u201356; 43,32b; 46,34b\u03b2; 47,13\u201326.29\u201331+<bdi lang=\"he\">\u05d5\u05d9\u05de\u05ea \u05d5\u05d9\u05d0\u05e1\u05e3 \u05e8\u05d2\u05dc\u05d9\u05d5 \u05d0\u05dc \u05d4\u05de\u05d8\u05d4<\/bdi> (analog zu 49,33a\u03b2); 50,1\u201311.14\u201322a.\u201c Texte, die besonders quer zu JG oder EJG zu stehen scheinen, werden redaktionskritisch als nachtr\u00e4glich ausgeschieden (Midianiter 37,28; Gen&nbsp;39 in toto; die Staatsreform Gen&nbsp;47,13\u201326 sei g\u00e4nzlich \u201eeine Erfindung des Verfassers\u201c (23)). Ausgehend von dieser Rekonstruktion des eigentlichen Textbestandes der beiden Bearbeitungsschichten erhebt Albertz nun eine je eigene Thematik der JG (39\u201367) und der EJG (69\u201384), die sich gleich mit den entsprechenden Datierungen (87\u2013123) wie folgt erfassen lassen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die JG behandle die Gro\u00dfthematik innerfamili\u00e4rer Konflikte in Auseinandersetzung mit einer vornehmlich gut funktionierenden staatlichen Herrschaft. \u00c4gypten an sich sei hier noch kaum im Blick als eigentliche Bedrohung oder Gegen\u00fcber f\u00fcr Israel, sondern eher als Staatsform an sich, die \u2013 in JG noch fast durchweg \u2013 positiv als Zufluchtsort und Heimat <em>auf Zeit<\/em> zu deuten ist. In der Zeit der Erz\u00e4hler komme hier der realpolitische Hegemonieanspruch des Nordreichs \u00fcber ganz Israel zur Sprache. Dazu passend sei der historische Entstehungsrahmen die Zeit der Omriden (881\u2013845 v. Chr.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Demgegen\u00fcber versteht Albertz die EJG als echte Erweiterung und damit starke Korrektur der JG aus der Zeit vor 722 v. Chr. Sie sehe \u00c4gypten deutlich differenzierter (inklusive zahlreicher Ungenauigkeiten und Fehlinformationen zu \u00c4gypten) und grenze Israel (und seinen K\u00f6nig) st\u00e4rker vom Rivalen \u00c4gypten als eigenst\u00e4ndige politische wie soziale Entit\u00e4t ab. Der Gedanke einer verl\u00e4ngerten Dauer des Aufenthaltes in \u00c4gypten werde erst mit der Einbettung in den Hexateuch klarer, die zunehmend eigenst\u00e4ndige Rolle Israels sei hingegen ein Proprium der EJG.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es folgt eine l\u00e4ngere Diskussion um die jeweiligen Datierungen, die v\u00f6llig zu Ungunsten des 2. Auslegungstyps ausfallen und vor das Exil 722 v. Chr. deuten. Die Einbettung der Josephsgeschichte in ihren gr\u00f6\u00dferen literarischen Kontext ordnet Albertz abschlie\u00dfend ausf\u00fchrlich (125\u2013151) in acht \u00dcberlieferungsstufen bis in den Anfang des 4. Jh.s ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tritt man nach gut 170 Seiten dichter exegetischer und methodischer Einzel- und Sammelbemerkungen zur\u00fcck, bietet sich ein ambivalentes Bild. Formal legt Albertz ein hervorragend gegliedertes, mit Zwischenres\u00fcmees, Schlussbetrachtung und Indices abgerundetes und in sich schl\u00fcssig erarbeitetes Programm vor. Seine Sprache ist trotz mancher unn\u00f6tigen Verabsolutierungen (\u201eeindeutig\u201c (6, 27, 37 u.&nbsp;\u00f6.), \u201edefinitiv\u201c (9)) klar und pr\u00e4zise.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inhaltlich bietet Albertz\u2019 Entwurf jedoch viel Grund zur Skepsis. Grunds\u00e4tzlich scheint in Albertz\u2019 Arbeit von 2009 und der hier zu besprechenden ein literarisch \u00e4u\u00dferst enger Koh\u00e4renzbegriff vorzuliegen. Kleinste (absichtliche?) Spannungen m\u00fcssen ausgeschieden werden, alternative Deutungen hinsichtlich der Lebensrealit\u00e4t und Freiheit eines Autors, wie sie beispielsweise in J\u00fcrgen Ebachs weitgehend synchronem Herder-Kommentar diskutiert werden, bleiben entweder unber\u00fccksichtigt oder werden \u2013 oftmals unbegr\u00fcndet \u2013 abgetan. Es stellt sich mancherorts auch die Frage, ob die fehlende <em>Existenz<\/em> des in der Josephsgeschichte Gesagten auch tats\u00e4chlich fehlende <em>Evidenz<\/em> bedingt (z.&nbsp;B. hinsichtlich der Steuerabgabe aus Gen 47,24.26). Andernorts, beispielsweise bei der Behauptung, ein reales K\u00f6nigtum sei unm\u00f6glich im Blick der Erz\u00e4hlzeit der Josephgeschichte (57), zeigt ein Blick in m\u00f6gliche Umwelttexte des AVO (f\u00fcr eine Fr\u00fchdatierung beispielsweise parallel die K\u00f6nigsmetaphorik im Kurzepos \u201eGilgamesch und Agga\u201c, f\u00fcr eine vorexilisische Datierung vgl. auch weite Teile in TUAT.NF&nbsp;2), dass die Vorstellung eines (wie auch immer institutionalisierten) K\u00f6nigtums problemlos in die Zeit passen k\u00f6nnte. Auch waren Josephs Br\u00fcder gewiss keine \u201eNormalb\u00fcrger\u201c (47), sondern Fremdlinge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders durch die oftmals recht eigenwillige Ausscheidung einzelner Halbverse oder ganzer Kapitel (Gen&nbsp;39!) fiel es bei der Lekt\u00fcre stellenweise schwer, sich dem Eindruck zu entziehen, dass JG und EJG eben genau die thematischen Schwerpunkte innenwohnen, die durch die umfangreiche literar- und redaktionskritische Unterscheidung auch intendiert waren. Ob eine solche Methodik und Annahme des Wachstums von Texten \u00fcberhaupt angesichts der hervorragenden Arbeit von Benjamin Ziemer (<em>Kritik des Wachstumsmodells<\/em>, 2020) f\u00fcr solche Texte angemessen ist, w\u00e4re dringend zu diskutieren. Nimmt man dar\u00fcber hinaus mit neueren Arbeiten wie die von F. Ede (die ebenfalls stark diachron arbeitet) oder der schon erw\u00e4hnten Kommentierung J. Ebachs durchaus gro\u00dfe inhaltliche B\u00f6gen durch die ganze Josephsgeschichte hinweg synchron wahr, scheinen nach Albertz die endgestaltlichen thematischen Br\u00fccken wohl eher der (Kon-)Genialit\u00e4t der (End-)Redaktionsstufen zu entspringen als einer \u00fcberwiegend koh\u00e4renten Josephsgeschichte, wie sie nicht selten in der neueren Forschung (wieder-)entdeckt wird. Vielleicht zeigt sich auch hier, wie stark sich Albertz in der deutschsprachig-deutschen Diskussion um diese Fragen aufh\u00e4lt. Eine Nennung oder gar Diskussion synchronerer Ans\u00e4tze aus der angels\u00e4chsischen oder asiatischen alttestamentlichen Wissenschaft wird vollst\u00e4ndig ausgelassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leider \u2013 so scheint es \u2013 ist Albertz trotz gr\u00f6\u00dfter Bem\u00fchungen keine Vermittlung zwischen der nach wie vor bestehenden Kontroverse um die Herkunft, Gestalt, Verortung und Datierung der Josephsgeschichte der Genesis gelungen. Es scheint vielmehr, dass Albertz\u2019 Vorschlag eher eine <em>Differenzierung des Typs 1<\/em> mit Zugest\u00e4ndnissen an eine ver\u00e4nderte Lage der EJG (bspw. hinsichtlich des Staats- und \u00c4gyptenbildes) bietet, nicht jedoch eine Br\u00fccke zu Typ 2. Eine Diasporanovelle lehnt er, in Thematik teilweise und Datierung vehement, ab (85): \u201eDem zweiten Auslegungstyp [&#8230;] wird durch sie [d.&nbsp;h. die diachrone Scheidung in JG und EJG] weithin die textliche Grundlage entzogen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Magnus Rabel, M.Th., Doktorand bei Prof. Dr. J\u00f6rg Frey am Lehrstuhl f\u00fcr neutestamentliche Wissenschaft an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rainer Albertz: Die Josephsgeschichte im Pentateuch. 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