{"id":1474,"date":"2022-04-27T13:51:13","date_gmt":"2022-04-27T13:51:13","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1474"},"modified":"2022-04-27T13:51:15","modified_gmt":"2022-04-27T13:51:15","slug":"benjamin-ziemer-kritik-des-wachstumsmodells","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1474","title":{"rendered":"Benjamin Ziemer: Kritik des Wachstumsmodells"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Benjamin Ziemer: <em>Kritik des Wachstumsmodells. Die Grenzen alttestamentlicher Redaktionsgeschichte im Lichte empirischer Evidenz<\/em>, Supplements to Vetus Testamentum 182, Leiden: Brill, 2020, geb., XVI+780\u00a0S., \u20ac\u00a0154,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/brill.com\/view\/title\/39461\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/brill.com\/view\/title\/39461\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-90-04-41061-9<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Untersuchung, welche sich nicht innerhalb des klassischen redaktionskritischen Paradigmas an ausgew\u00e4hlten Texten abarbeitet, sondern zumindest einen Teil dieses Paradigmas methodisch hinterfragt, ist in der alttestamentlichen Forschung etwas Besonderes. Es handelt sich hier um die gek\u00fcrzte und \u00fcberarbeitete Fassung der 2018 in Halle angenommenen Habilitationsschrift, welche 2019 mit dem Christian-Wolff-Preis der Universit\u00e4t ausgezeichnet wurde und unter http:\/\/dx.doi.org\/10.25673\/6644 als Open-Access-Publikation zug\u00e4nglich ist (gek\u00fcrzt wurden u.&nbsp;a. die dort auf 85\u2013100 demonstrierten \u2013 am\u00fcsanten, aber auch zum Nachdenken anregenden \u2013 hypothetischen Wachstumsmodelle der Zahlenfolge \u201eEins Zwei Drei Vier F\u00fcnf Sechs Sieben Acht Neun Zehn\u201c, sowie der ersten zwei S\u00e4tze des Vorwortes der <em>Grundinformation Altes Testament <\/em>von Jan Christian Gertz). Die ersten 130 Seiten stellen das sog. Wachstumsmodell vor und hinterfragen dessen <em>logische<\/em> Grundlagen. Der Hauptteil untersucht dessen <em>empirische<\/em> Tragf\u00e4higkeit mit Hilfe ausgew\u00e4hlter \u201eempirischer Modelle\u201c des Wachstums von antiken Texten. Den Begriff \u00fcbernimmt Ziemer (4, Anm. 6) von Jeffrey Tigay, <em>Empirical Models for Biblical Criticism <\/em>(Philadelphia: UP, 1985). Wie dieser beginnt er mit dem Gilgamesch-Epos, stellt jedoch zus\u00e4tzlich elf weitere Beispiele vor (\u00e4gyptisches Totenbuch; Chronik; MT und LXX in Jeremia; in Daniel; in Esther; 3Esra; Jubil\u00e4en, Genesis-Apokryphon und Liber Antiquitatum Biblicarum; 4Q175, 4Q174, 11QPs<sup>a<\/sup>, Tempelrolle und Papyrus Nash; 1QS, CD, 1QM und Henoch; Synoptische Evangelien; Evangelienharmonien). Dabei folgt er exakt der Liste von angeblichen Belegtexten <em>f\u00fcr<\/em> literarisches Wachstum (127f), welche Reinhard Kratz in seinem Artikel \u201eRedaktionsgeschichte \/ Redaktionskritik 1. Altes Testament\u201c in der <em>TRE<\/em> 28 (1997): 367\u2013378, hier 367f auff\u00fchrt, f\u00fcgt dieser dann noch drei weitere immer wieder genannte Belege hinzu (Lev 23 und Num 28; samaritanischer Pentateuch und MT; 1QJes<sup>a<\/sup> mit Vergleich mit MT und LXX). Leider kann in der K\u00fcrze dieser Rezension hier nicht auf Einzelheiten eingegangen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch zun\u00e4chst die Frage: \u201eWorum es geht\u201c (3). Das Modell des literarischen Wachstums <em>(literary growth)<\/em> geht davon aus, dass ein Text \u00fcber viele Jahre hinweg durch Redaktionen und Fortschreibungen sukzessive gewachsen ist. Als prominente Vertreter nennt Ziemer neben Gertz und Kratz u.&nbsp;a.&nbsp;Christoph Levin, Uwe Becker und Konrad Schmid (20\u201330). Er gesteht ein, dass auch er selbst dieser Vorstellung in seiner Dissertation zum Opfer fiel (14 Anm. 22; 85). Das Wachstumsmodell findet u.&nbsp;a.&nbsp;Anwendung in redaktionsgeschichtlichen Schichtenmodellen, in Fortschreibungsmodellen, bei der Annahme \u201esekund\u00e4rer\u201c Textelemente, bei der Verteilung eines Textes auf \u201emehrere H\u00e4nde\u201c (76\u201385). Das m\u00e4chtige Bild des nat\u00fcrlichen Wachstums (eines Baums mit Jahresringen, eines Schneeballs [<em>rolling corpus, <\/em>William McKane], eines stratigraphisch zerlegbaren Tells) suggeriert die M\u00f6glichkeit der Altersbestimmung verschiedener Schichten durch Experten, sowie des Heraussch\u00e4lens eines urspr\u00fcnglichen Kerns. Der Text w\u00e4chst als autonomes Subjekt quasi von selbst (40). Dass jede Kopie ein neues Exemplar <em>neben<\/em> der Vorlage ist, tritt in den Hintergrund (38f), ebenso die Vorstellung eines <em>master scribes<\/em> (Sara Milstein) aus Fleisch und Blut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ziemer positioniert sich dabei keineswegs als Vertreter der kanonischen Vorstellung, die einzelnen biblischen B\u00fccher stammten von einzelnen Autoren. Als Beweis nennt er \u00dcberschriften der Prophetenb\u00fccher, welche (warum eigentlich?) nicht von den Propheten stammen k\u00f6nnten (43), sowie das Buch Jesaja, welches \u201eunzweifelhaft\u201c Informationen aus dem 8. Jh. und \u201emit derselben Sicherheit\u201c aus dem 6.&nbsp;Jh. enthalte (6f; vgl. 187). Diese Argumentation ber\u00fchrt die Frage der Legitimit\u00e4t von Redaktionskritik auf Basis eines Urteils \u00fcber die (Un)M\u00f6glichkeit von echter Prophetie. Ziemer stimmt also der Idee ausdr\u00fccklich zu, dass die biblischen B\u00fccher w\u00e4hrend ihrer \u00dcberlieferung ver\u00e4ndert wurden und mehrere Personen an der Entstehung beteiligt waren (43). Was er jedoch ablehnt, ist die M\u00f6glichkeit, dies genau zu <em>rekonstruieren<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine These lautet nun, dass es unm\u00f6glich ist, allein aus einem Bibeltext ohne externe Evidenz (schriftliche Textzeugen) mit Sicherheit eine Vorform zu rekonstruieren, geschweige denn <em>mehrere<\/em> Wachstumsstufen. In keinem seiner 15 Beispiele ist eine korrekte Rekonstruktion der \u00e4lteren Fassung allein durch Analyse der j\u00fcngeren m\u00f6glich (700). \u00c4hnliches prognostizierte bereits Stephen Kaufman, \u201eThe Temple Scroll and Higher Criticism\u201c, <em>HUCA<\/em> 54 (1982): 29\u201342 (zit. auf S.&nbsp;99). Mit Hans-J\u00fcrgen Tertel, <em>Text and Transmission. An Empirical Model for the Literary Development of Old Testament Narratives<\/em> (BZAW 221, Berlin: De Gruyter, 1994), sieht Ziemer einen eklatanten logischen Fehler hinter dem bis heute vorherrschenden Optimismus hinsichtlich der Rekonstruierbarkeit von Vorstufen. Eine solche ist n\u00e4mlich nur dann m\u00f6glich, wenn folgende Vorbedingungen erf\u00fcllt sind: (a) Der Redaktor verzichtete vollst\u00e4ndig auf K\u00fcrzungen, Ersetzungen oder Umstellungen (14, 32) seiner Vorlage, f\u00fcgte ihr lediglich Text hinzu (Additives Prinzip). Durch Hinzuf\u00fcgungen vers\u00fcndigte er sich also immer nur einseitig an der doppelten Kanonformel in Dtn 4,2; 13,1 (46f). (b) Die Hinzuf\u00fcgungen setzen sich so stark von der Vorlage ab, dass sie erkennbar sind (Differenzprinzip). (c) Die \u201eUpdates\u201c der B\u00fccher m\u00fcssen als Unikate tradiert oder \u2013 \u00e4hnlich wie in Verschw\u00f6rungstheorien behauptet \u2013 alle abweichenden Kopien systematisch vernichtet worden sein (28, Singularit\u00e4tsprinzip).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Keines dieser drei Axiome ist beweisbar, im Gegenteil: die 15 Beispiele aus dem Alten Testament und seinem Umfeld zeigen, dass in der Antike nicht Wachstum, sondern Selektion der entscheidende Prozess bei einer kreativen Neuverschriftlichung war: in den meisten F\u00e4llen wurde bewusst ausgew\u00e4hlt (also auch: ausgelassen) und umformuliert. Sobald jedoch der Text einer Vorlage ver\u00e4ndert wird oder sogar verschwindet, ist die Rekonstruktion dieser Vorlage reine Spekulation. Allenfalls kann gehofft werden, das zu identifizieren, was der Autor aus seiner Vorlage ausgew\u00e4hlt und in eigenen Worten integriert hat (699).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schw\u00e4che und St\u00e4rke der Argumentation Ziemers ist der steile programmatische Einstieg in das Thema. Wenn er bereits auf S.&nbsp;24 formulieren kann, dass es an der Zeit ist, \u201esich von den Axiomen des Wachstumsmodells unwiderruflich zu verabschieden\u201c, unterstreicht dies nicht gerade den deduktiven Charakter der Untersuchung. Man gewinnt den Eindruck: Ziemer hat Gl\u00fcck, dass die empirischen Modelle im Nachhinein das best\u00e4tigen, was auf den ersten Seiten bereits bewiesen ist. Andererseits ist es ja oft die Einleitung eines Werks, welche als letztes verfasst wird und bereits das Ganze im Blick hat. Mit seinen konsequenten Forderungen eckt der Autor dort an, wo sich andere bisher mit Kompromissen (etwa mit der unvollst\u00e4ndigen oder spekulativen Rekonstruktion einer Vorlage, 21) abgefunden haben. Auch die Aussage, dass eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Argumenten f\u00fcr konkrete Schichten sinnlos ist, weil Fortschreibungen und Redaktoren alle Einw\u00e4nde immer in Luft aufl\u00f6sen (123), ist zwar schl\u00fcssig, stellt jedoch den Sinn tausender Forschungsprojekte in Frage. Trotz dieser schmerzhaften Nebeneffekte bedeutet die logisch stringente und beharrliche Infragestellung des additiven Prinzips einen enormen methodischen Fortschritt. Das eigentliche Problem der Redaktionskritik ist damit freilich nicht gel\u00f6st. Sieht man einmal von dem Streit um die M\u00f6glichkeit von vorausschauender Prophetie und Offenbarung ab: Die rein exegetischen Argumente daf\u00fcr, <em>dass<\/em> \u00fcberhaupt mit \u201eheimlichen\u201c kreativen Neueditionen biblischer B\u00fccher zu rechnen ist, bleiben \u00e4u\u00dferst d\u00fcnn. Die moderne Beurteilung von Inkonsistenzen im Text hat sich als \u00e4u\u00dferst problematisch herausgestellt. Gerade dass Quellen (Num&nbsp;21,14; Jos 10,13) und Fortschreibungen (Jer&nbsp;51,64) sonst oftmals klar markiert werden, deutet darauf hin, dass verborgene Ver\u00e4nderungen der heiligen Texte auch in der Fr\u00fchphase der Entstehung als illegitim angesehen wurden (Dtn 4,2; 13,1).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die bibliographische Dokumentation kann nur als vorbildlich bezeichnet werden und gibt einen tiefen Einblick in die aktuelle Diskussion im deutsch- und englischsprachigen Raum. Ein ausf\u00fchrliches Sach- und Stellenregister, sowie 31 Illustrationen er\u00f6ffnen dem Leser einen hervorragenden Zugang zu dem Werk.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Siegbert Riecker ist Lehrer an der Bibelschule Kirchberg und Affiliated Researcher an der Evangelischen Theologischen Faculteit in Leuven.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Benjamin Ziemer: Kritik des Wachstumsmodells. 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