{"id":1494,"date":"2022-04-27T14:13:28","date_gmt":"2022-04-27T14:13:28","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1494"},"modified":"2022-04-27T14:13:29","modified_gmt":"2022-04-27T14:13:29","slug":"klaus-wengst-wie-das-christentum-entstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1494","title":{"rendered":"Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand"},"content":{"rendered":"\n<p>Klaus Wengst: <em>Wie das Christentum entstand. Eine Geschichte mit Br\u00fcchen im 1. und 2. Jahrhundert<\/em>, G\u00fctersloh: G\u00fctersloher Verlagshaus, 2021, geb., 352\u00a0S., \u20ac\u00a022,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Buch\/Wie-das-Christentum-entstand\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Buch\/Wie-das-Christentum-entstand\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-579-07176-3<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Inge Auerbacher wurde an Silvester 1934 als Kind j\u00fcdischer Eltern im badischen Schwarzwalddorf Kippenheim geboren. Am Holocaust-Gedenktag 2022 sagte die 87j\u00e4hrige \u00dcberlebende des KZ Theresienstadt (seit 1946 lebt sie in New York) in ihrer Ansprache im Bundestag u.&nbsp;a.: \u201eIch bin ein Schwarzwaldm\u00e4del \u2026 In Kippenheim lebten Juden und Christen friedlich zusammen.\u201c Ortswechsel: Im friedlichen Miteinander sitzen <em>Synagoga and Ecclesia in Our Time<\/em> in der Bronzeskulptur Joshua Koffmans in der Universit\u00e4t Philadelphia\/USA nebeneinander. Ihr Outfit, Physiognomie und Haarschnitt sind identisch; <em>Synagoga<\/em> h\u00e4lt eine Torarolle in ihren H\u00e4nden,<em> Ecclesia<\/em> eine Bibel. Beide blicken jeweils in die Heilige Schrift der anderen. Aus gutem Grund besteht das <em>Cover <\/em>von Wengsts \u2013 das deutet er im Vorwort an \u2013 vielleicht letztem Buch aus einer Fotografie von Koffmans Plastik. Wie ein roter Faden zieht sich n\u00e4mlich durch sein Schreiben und Reden der Wunsch, dass er \u201c<em>um Gottes willen <\/em>nicht auf j\u00fcdische Mith\u00f6rer verzichten kann\u201c (so auf S. 11 seines Kommentars zu Joh [2019]).<\/p>\n\n\n\n<p>Was Wengsts Buch jedoch zum Inhalt hat, ist die gegenteilige Geschichte. Diese begann zwar vor dem NT mit dem Juden Jesus als einem selbstverst\u00e4ndlichen Glied der j\u00fcdischen Gemeinschaft seiner Zeit (21\u2013160 \u201eI Der Anfang ist j\u00fcdisch\u201c), endet allerdings im Dissens. Ab der ersten H\u00e4lfte des 2. Jh. gibt es das \u201eChristentum als eigenst\u00e4ndige Gr\u00f6\u00dfe\u201c (337). Denn die nach Ostern sich auf Jesus beziehende Gemeinschaft glaubte an Jesus als den <em>Messias schlechthin<\/em>. Infolgedessen \u00f6ffnete sie sich konsequenterweise f\u00fcr die V\u00f6lkerwelt\u201c (vgl. 159). Die folgenreiche Trennung entz\u00fcndete sich an der Frage, ob Judenchristen und Heidenchristen \u201eunter j\u00fcdischen oder nichtj\u00fcdischen Bedingungen zusammenleben\u201c (= Kapitel\u00fcberschrift von 135\u2013147). In der Fortsetzung bekommt das Stichwort \u201eBr\u00fcchen\u201c des Untertitels vielfache Gestalt, nicht zuletzt in den \u00dcberschriften der Kap. II (\u201eBruchstellen\u201c) und III (\u201eIm und nach dem Bruch\u201c). Jeden der drei Teile beschlie\u00dft Wengst mit einem \u201eR\u00fcckblick\u201c; und ganz am Ende steht dann (335\u2013345) der \u201eSchluss: Was nun?\u201c. Darin \u00f6ffnet er sein Buch ganz f\u00fcr die Gegenwart und pl\u00e4diert i.&nbsp;S. des Covers f\u00fcr einen Dialog zwischen Juden und Christen \u2013 in der \u201eBescheidenheit der Hinzugekommenen\u201c (339).<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesem ersten \u00dcberblick m\u00f6chte ich meinen Gesamteindruck sagen, sowie dann auch (An-)Fragen stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wengsts popul\u00e4rwissenschaftliches Buch schildert theologenkoh\u00e4rent, lebendig und gut lesbar geschrieben, die konfliktreiche Geschichte des Gegeneinanders von Christentum und Judentum in seinen Anf\u00e4ngen. W\u00e4hrend Bultmann in \u201eDas Urchristentum im Rahmen der antiken Religionen\u201c seinen Fokus auf den synkretistischen Hellenismus richtete und das Christentum prim\u00e4r darin lozierte, beschr\u00e4nkt sich Wengst historisch \u2013 und theologisch sicherlich richtiger \u2013 auf das Judentum.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist allerdings grunds\u00e4tzlich zu fragen, ob nicht Jesu Reden und Wirken viel mehr Sprengstoff enth\u00e4lt, als Wengst sieht. Beispielsweise nennt er (24\u201327) sechs <em>bruta facta <\/em>zum historischen Jesus und stellt am Ende dieses Abschnittes (44) fest, dass wir in den Evangelien dem Juden Jesus begegnen \u2013 \u201eund damit J\u00fcdischem und nur J\u00fcdischem.\u201c Also kein Wort von den Gegnern, Feinden und Anfeindungen Jesu.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt betont er in seiner Darstellung meiner Meinung nach zu sehr die Diskontinuit\u00e4ten und sieht zu wenig die Kontinuit\u00e4ten, die sich im NT erhalten haben. Ein differenzierteres Bild erg\u00e4be sich, wenn Wengst Kommentare zu den Evangelien, zur Apostelgeschichte und zu Paulus konsultiert h\u00e4tte, also tiefer eingestiegen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit dem Holocaust vollzog sich in unserer Gesellschaft, in Theologie und Kirche Gott sei Dank ein radikaler Wandel in der Einstellung zum Judentum. W\u00e4hrend beispielsweise \u00e4ltere Paulusdarstellungen Israel nur einen marginalen oder gar keinen Raum einr\u00e4umten, hat es bei Eichholz (Eichholz, Georg: Die Theologie des Paulus im Umriss, Neukirchen-Vluyn, 1972) und j\u00fcngstens bei Wolter (Wolter, Michael: Paulus. Ein Grundriss seiner Theologie, G\u00f6ttingen, 2021) in den Schlusskapiteln einen gewichtigen Platz bekommen. Nicht dass Wengst die Bedeutung Paulus\u00b4 prinzipiell untersch\u00e4tzen w\u00fcrde; aber er ber\u00fccksichtigt R\u00f6m 9\u201311 zu wenig \u2013 und das ist fatal! Au\u00dferdem ruft der Schriftgelehrte Paulus in R\u00f6m 15,7\u201311 Juden wie Heiden(-Christen) zur gemeinsamen Freude auf.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Gerhard Maier, Pfarrer i.\u00a0R.,\u00a0Neuffen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand. Eine Geschichte mit Br\u00fcchen im 1. und 2. 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