{"id":1497,"date":"2022-04-27T14:22:06","date_gmt":"2022-04-27T14:22:06","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1497"},"modified":"2022-04-27T14:36:34","modified_gmt":"2022-04-27T14:36:34","slug":"daniel-a-gleich-die-lukanischen-paulusreden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1497","title":{"rendered":"Daniel A. Gleich: Die lukanischen Paulusreden"},"content":{"rendered":"\n<p>Daniel A. Gleich: <em>Die lukanischen Paulusreden. Ein sprachlicher und inhaltlicher Vergleich zwischen dem paulinischen Redestoff in Apg 9\u201329 und dem Corpus Paulinum<\/em>, Arbeiten zur Geschichte der Bibel 70, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2021, geb., 349&nbsp;S., \u20ac&nbsp;88,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p5115_Die-lukanischen-Paulusreden.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p5115_Die-lukanischen-Paulusreden.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-374-06868-5<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Schon aufgrund der bedeutenden Rolle des Paulus in der zweiten H\u00e4lfte der Apg fasziniert ihr Paulusbild seit Jahrzehnten die Acta-Forschung. Aus ganz unterschiedlicher Perspektive und mit unterschiedlichen Pr\u00e4missen wurde dieses Bild untersucht. Dazu geh\u00f6ren etwa die vielen Vergleiche der biografischen und chronologischen Angaben der Apg mit den Daten mancher oder aller Paulusbriefe. Der Schwerpunkt in unz\u00e4hligen Aufs\u00e4tzen und mehreren Monografien lag und liegt auf dem Vergleich der pln. Theologie (wieder einiger oder aller Paulusbriefe) und der Apg als ganzer (bzw. der Theologie des lk. Doppelwerks), bzw. der Paulusteile oder, noch spezieller, der Paulus-Reden (oft unter der Pr\u00e4misse, dass gerade in den Reden die spezifische lk. Theologie besonders zu Tage tritt).<\/p>\n\n\n\n<p>In der vorliegenden Untersuchung bietet Daniel Gleich (seit 2018 Dozent am Theologischen Seminar St. Chrischona, Schweiz) einen detaillierten Vergleich des <em>gesamten<\/em> pln. Redestoffs der Apg mit den Paulusbriefen (Doktoraldiss., Evangelische Theologische Faculteit, Leuven, Belgien; Betreuung Armin D. Baum).<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der knappen Einleitung (23\u201326) beginnt Gleich mit einem auslegungs- und forschungsgeschichtlichen \u00dcberblick von der alten Kirche bis hin zu den neueren rein literarischen Untersuchungen zur Apg (27\u201359). Dabei zeigt sich, dass bereits seit dem 19. Jh. die Paulusreden gr\u00f6\u00dftenteils nicht als w\u00f6rtliche Wiedergaben, sondern als lk. Zusammenfassungen und Paraphrasen tats\u00e4chlich gehaltener Reden verstanden wurden (317). Begr\u00fcndet wird die Studie mit der Beobachtung: \u201eEine umfassende Untersuchung, in welcher das gesamte pln. Redematerial der Apg mit allen Paulusbriefen verglichen wird, gibt es bisher nicht. Eine solche Untersuchung ist allerdings notwendig, um das breite Spektrum an Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den Worten des lk. Paulus und denen der Paulusbriefe \u00fcberblicken und ein Gesamturteil \u00fcber deren Kompatibilit\u00e4t f\u00e4llen zu k\u00f6nnen\u201c (59).<\/p>\n\n\n\n<p>Dem folgen einf\u00fchrend knappe \u00dcberlegungen zur Wiedergabe von Reden bei repr\u00e4sentativen antiken Historiografen (61\u201376; der Redensatz des Thukydides, Methodenreflexionen bei Polybios, die Methoden der Redewiedergabe bei Josephus Flavius und bei Tacitus; dabei l\u00e4sst sich ein hohes Interesse an der zuverl\u00e4ssigen Wiedergabe des Redeinhalts erkennen; der exakte Wortlaut spielt aber nur eine untergeordnete Rolle) und zum vorliegenden Quellenmaterial (77\u201384; der Gesamtumfang der lk. Paulusreden, Zahl und L\u00e4nge der lk. Paulusreden, ihre Gattungen; die in <em>oratio recta<\/em> verfassten Redetexte des lk. Paulus machen 15&nbsp;% des Gesamtumfangs der Apg aus, entsprechende Texte in <em>oratio obliqua<\/em> kommen dagegen nur \u00e4u\u00dferst selten vor).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zusammenhang der anzuwendenden Methodik skizziert Gleich die Ermittlung, Darstellung und Klassifizierung der Parallelen und diskutiert die Brauchbarkeit der in der Forschung gebr\u00e4uchlichen Rede vom sog. Paulinismus der Apg (85\u201397). Paulinismus wird etwa gebraucht als Bezeichnung einer spezifisch paulinischen Lehre, einer bestimmten Haltung gegen\u00fcber Paulus, f\u00fcr von Paulus inspirierte Aussagen oder spezifische paulinische Terminologie und als Bezeichnung paulinischer Inhalte; in letzter Variante wird der Begriff hier aufgegriffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hauptteil der Arbeit besteht aus detaillierten Vergleichen der Abschiedsrede des Paulus in Milet (20,18\u201335, 99\u2013143; forschungsgeschichtlicher \u00dcberblick, Gliederung, Gattung, Parallelen innerhalb und au\u00dferhalb des <em>Corpus Paulinum<\/em>, thematische Parallelen zum LkEv und den Past), der Missionsreden des Paulus in Apg 13; 14 und 17 (145\u2013226), der Verteidigungsreden in Apg 22; 23; 24; 26 (227\u2013295) sowie von k\u00fcrzerem pln. Redestoff (13,10\u201311, 45\u201347; 14,22; 17,3; 18,21; 19,21; 21,13; und 28,25\u201328; 297\u2013315; \u201eNeben den l\u00e4ngeren Redetexten finden sich in der Apg auch k\u00fcrzere Redest\u00fccke des lk. Paulus, die gelegentlich ebenfalls inhaltlich ausreichend gehaltvoll sind, um sie mit m\u00f6glichen Parallelen im <em>Corpus Paulinum<\/em> zu vergleichen\u201c, 25). Bei knapp 60% aller Parallelen zeigt sich eine lediglich geringe inhaltliche \u00dcbereinstimmung der Paulusbriefe mit den lk. Paulusreden; bei 40% der Parallelen findet sich jedoch eine inhaltlich hohe \u00dcbereinstimmung. Daher gilt: \u201eTrotz ihrer besonderen thematischen N\u00e4he zu manchen Briefen des <em>Corpus Paulinum<\/em> stellt die Abschiedsrede somit mit ihren Gemeinsamkeiten zu den Paulusbriefen unter den lk. Paulusreden keineswegs einen Einzelfall dar\u201c (319). Als \u201eGegenprobe\u201c werden jeweils auch Parallelen au\u00dferhalb des <em>Corpus Paulinum<\/em> im NT und bei den Apostolischen V\u00e4tern mit den Aussagen der lk. Paulusreden verglichen. Gleich schlie\u00dft, dass dort,<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>wo es Gemeinsamkeiten mit den Texten des <em>Corpus Paulinum<\/em> gibt, das pln. Redematerial in der Apg zahlreiche Ber\u00fchrungspunkte mit den Paulusbriefen aufweist. Dass manche Aussagen des lk. Paulus im Widerspruch zu Parallelen im <em>Corpus Paulinum<\/em> st\u00fcnden, wie es beispielsweise f\u00fcr Apg 13,38\u201339; 17,22\u201323 und 20,24\u201330 gelegentlich behauptet wurde \u2026, hat sich nicht best\u00e4tigt. Vielmehr sind die Parallelen auch an diesen Stellen inhaltlich kompatibel \u2026 Es l\u00e4sst sich in den lk. Paulusreden keine besondere N\u00e4he zu einem bestimmten Brief des <em>Corpus Paulinum<\/em> (z. B. 1Thess) oder einer Gruppe von Briefen (z.\u00a0B. den Pastoralbriefen oder den umstrittenen Briefen insgesamt) nachweisen, die auf eine literarische Abh\u00e4ngigkeit deuten w\u00fcrde. \u2026 Ob der Verfasser der Apg einen oder mehrere Paulusbriefe \u00fcberhaupt kannte, l\u00e4sst sich mit den Ergebnissen der vorliegenden Arbeit weder best\u00e4tigen noch bestreiten. Der lk. Paulus h\u00e4lt seine Reden nicht nur in vielen unterschiedlichen Situationen, sondern deckt dabei auch inhaltlich eine gro\u00dfe Bandbreite an biographischen und theologischen Themen ab. F\u00fcr viele Aussagen konnten Parallelen aus dem <em>Corpus Paulinum<\/em> gefunden werden. Viele andere Aussagen in den Paulusreden der Apg gehen allerdings \u00fcber das, was sich in den Paulusbriefen findet, hinaus (322).<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die meisten Parallelen in den unumstrittenen Paulusbriefen finden sich in den Missionsreden.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Vor allem die Rede in Apg 13,16b\u201341 enth\u00e4lt mehrere inhaltliche Paulinismen, die sich nicht nur auf die Aussagen zur Rechtfertigung durch Glauben (Apg 13,38\u201339) beschr\u00e4nken. Dass diese vom lk. Paulus vorgetragene Rechtfertigungslehre mit der des R\u00f6mer- und Galaterbriefs unvereinbar w\u00e4re \u2026 hat sich nicht best\u00e4tigt. Auch in den anderen beiden Missionsreden (Apg 14,15b\u201417 und Apg 17,22\u201331) lie\u00dfen sich inhaltliche Paulinismen zu den Aussagen der Paulusbriefe \u00fcber die Sch\u00f6pfung und \u00fcber die Umkehr zu Gott finden, die ebenfalls nicht im Widerspruch zu den Briefen des <em>Corpus Paulinum<\/em> stehen (318).<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Bei Aussagen in den lk. Paulusreden, zu denen es keine Parallelen im <em>Corpus Paulinum<\/em> gibt, handelt es sich zumeist um autobiographische Aussagen. Andere Aussagen ohne Parallelen beziehen sich auf die Geschichte Israels oder auch auf die Adressaten der jeweils erz\u00e4hlten Situation. Aber auch f\u00fcr einige theologische Aussagen des lk. Paulus gibt es keine Parallelen. Dabei ist dieser thematische Unterschied zumindest teilweise auf die jeweils unterschiedliche rhetorische Absicht der Texte zur\u00fcckf\u00fchren (322). So enthalten die an nichtchristliche Juden und Heiden adressierten Missionsreden Aussagen, die in den an christliche Gemeinden gerichteten Paulusbriefen vorausgesetzt sein d\u00fcrften und daher nicht explizit genannt zu werden brauchen. Insgesamt handelt es sich bei der Apg \u201eum eine eigenst\u00e4ndige \u00dcberlieferung der Paulustradition, deren historische Authentizit\u00e4t nicht in jedem Fall an den (unumstrittenen) Paulusbriefen gemessen werden kann. Da die lk. Paulusreden sich aber an so vielen \u00fcberpr\u00fcfbaren Stellen als inhaltlich pln. erwiesen haben, ist es historisch plausibel, dass auch die nicht \u00fcberpr\u00fcfbaren Abschnitte authentische Aussagen des Paulus enthalten\u201d (323).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Untersuchung leistet Gleich einen wichtigen Beitrag zur Diskussion des Verh\u00e4ltnisses zwischen dem lk. Paulusbild und den Briefen des Paulus. Es gelingt ihm, eine Reihe von Pr\u00e4missen (eher als solide Ergebnisse) der Acta-Forschung \u00fcberzeugend in Frage zu stellen. Seine gr\u00fcndlich recherchierten und methodisch reflektierten Ergebnisse bieten wichtige Impulse f\u00fcr die ntl. Einleitungswissenschaft. Dass etwa \u201eeine literarische Abh\u00e4ngigkeit der Abschiedsrede des lk. Paulus von einem oder mehreren Paulusbriefen \u2026 weniger plausibel ist als die Verarbeitung eines Augenzeugenberichts \u2026 oder einer oder mehrerer pln. Quellen\u201c (318) wirft ein interessantes Licht auf die Einsch\u00e4tzung der sog. Wir-Berichte der Apg (u.&nbsp;a. 20,5\u201321,17) und auf den Verfasser als Reisegef\u00e4hrten des Apostels.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der pln. Redestoff der Apg sehr differenziert wahrgenommen wird, bleibt die Vergleichsgr\u00f6\u00dfe \u201ePaulusbriefe\u201c dagegen vage. Es w\u00e4re in dieser Art von Untersuchung zu ber\u00fccksichtigen, dass die Paulusbriefe auch gepr\u00e4gt sind von den unterschiedlichen Mitverfassern, den herangezogenen Sekret\u00e4ren (vgl. R\u00f6m 16,22), den \u00fcber die Mitverfasser hinaus jeweils gegenw\u00e4rtigen Mitarbeitenden (vgl. die Gru\u00dflisten), der Aufnahme von unterschiedlichen Traditionen (etwa aus Jerusalem oder Antiochia), dem Einfluss der Situation am Abfassungsort und der bewussten Aufnahme von Lokalkolorit, wie etwa Michael Immend\u00f6rfer k\u00fcrzlich f\u00fcr den Epheserbrief gezeigt hat. Jedenfalls sind diese Faktoren zu ber\u00fccksichtigen. W\u00fcrden sie die Ergebnisse von Gleichs Studie modifizieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Zu fragen w\u00e4re ferner, wie sich das in der Apg dargestellte Wirken des Paulus zu den entsprechenden expliziten Aussagen und den impliziten Voraussetzungen in seinen Briefen verh\u00e4lt (etwa die Darstellung des fr\u00fchen Wirkens in Gal 1\u20132 oder im Rechenschaftsbericht in R\u00f6m 15). <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Christoph Stenschke, Dozent der Biblisch-Theologischen Akademie, University of South Africa, Pretoria<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniel A. Gleich: Die lukanischen Paulusreden. 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