{"id":1530,"date":"2022-04-27T15:39:39","date_gmt":"2022-04-27T15:39:39","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1530"},"modified":"2022-04-27T15:39:40","modified_gmt":"2022-04-27T15:39:40","slug":"armin-wenz-philologia-sacra-und-auslegung-der-heiligen-schrift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1530","title":{"rendered":"Armin Wenz: Philologia Sacra und Auslegung der Heiligen Schrift"},"content":{"rendered":"\n<p>Armin Wenz: <em>Philologia Sacra und Auslegung der Heiligen Schrift. Studien zum Werk des lutherischen Barocktheologen Salomon Glassius (1593\u20131656)<\/em>, Historia Hermeneutica Series Studia, 20, Berlin \/ Boston: De Gruyter, 2020, Hb., XIV, 892\u00a0S., \u20ac\u00a0149,95, ISBN <a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783110650556\/html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783110650556\/html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-11-064948-2<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Die umfangreiche Arbeit ist \u00fcber viele Jahre hindurch neben der Gemeindearbeit entstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Zielsetzung der Arbeit wird formuliert: \u201e(Am) Beispiel von Salomon Glassius einen fr\u00fchneuzeitlichen Vertreter reformatorischer Schrifthermeneutik (ist) zu erschlie\u00dfen, da\u00df Erbauungstheologie, dogmatische Schriftlehre, hermeneutische Grundlegung, grammatisch-rhetorische Enzyklop\u00e4die, Exegese und praktische Homiletik in ihrer Bezogenheit aufeinander ansichtig werden.\u201c (38).<\/p>\n\n\n\n<p>Salomon Glassius (1593\u20131656), zuletzt Generalsuperintendent in Gotha, d\u00fcrfte abgesehen von Kirchenhistorikern, die sich mit dem 17. Jahrhundert besch\u00e4ftigen, kaum noch jemandem bekannt sein. Dabei war er zu seiner Zeit und auch noch in den folgenden Jahrzehnten bedeutend, wenngleich er nicht den Bekanntheitsgrad seines gro\u00dfen Lehrers Johann Gerhard erreichte, dessen neunb\u00e4ndige Dogmatik (\u201eLoci theologici\u201c) als ein Standardwerk der lutherischen Orthodoxie gelten muss, das noch im 19. Jahrhundert eine Neuauflage erfuhr. Glassius war nicht nur Mitarbeiter der von Gerhard begonnenen sog. \u201eKurf\u00fcrstenbibel\u201c, auch als \u201eWeimarer Bibel\u201c oder \u201eErnestinische Bibel\u201c oder wegen ihres Erscheinungsorts auch \u201eN\u00fcrnberger Bibel\u201c genannt, die mit ihren in den Text eingeschobenen Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die damalige Zeit einen vergleichbaren Einfluss hatte wie im 20. Jahrhundert die \u201eStuttgarter Bibel\u201c mit ihren Erkl\u00e4rungen, sondern er verfasste auch die umfangreiche Einleitung zu diesem Werk, die im vorliegenden Band unter den gew\u00e4hlten Fragestellungen umfassend ausgewertet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Glassius war zudem als Gothaer Superintendent beteiligt an dem ersten, landesweit angelegten Versuch Herzog Ernsts von Sachsen-Gotha (\u201eErnst der Fromme\u201c), eine Kirchenreform \u2013 und mithin eine Reform der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse in seinem Territorium durchzuf\u00fchren. Welchen Einfluss Glassius freilich dabei hatte, ist nicht unumstritten. So will Wenz ihm deutlich mehr Bedeutung dabei zuschreiben als Veronika Albrecht-Birkner in ihrer Arbeit zu diesem Reformwerk (V. Albrecht-Birkner, <em>Reformation des Lebens<\/em>, Leipzig 2002).<\/p>\n\n\n\n<p>Die sehr feingliedrige Arbeit umfasst \u00fcber das Einleitungskapitel hinaus f\u00fcnf gro\u00dfe Abschnitte, die sich einerseits mit Fragen der Philologie besch\u00e4ftigen (Kap. 2\u20135) und andererseits das exegetische Werk (Kap. 6) und die homiletisch-poimenische Zielsetzung der Schriftauslegung untersuchen (Kap. 7). Kap. 8 schlie\u00dflich ist \u00fcberschrieben \u201eDie kanonisch-sakramentale Hermeneutik \u2013 Zusammenfassung und Ausblick\u201c. Darin wird deutlich sichtbar, was sich in den unterschiedlichen Fragestellungen und Zug\u00e4ngen bei der Behandlung der Schriftlehre bei Glassius reichlich zeigt. Wenz spricht von einer trinit\u00e4tstheologisch geleiteten kondeszendentalen Selbstoffenbarung Gottes in der Schrift (786f; vgl. 444). Diese Denkfigur korrespondiert mit der Kondeszendenz des Gottessohnes am Kreuz, \u201evon dem her sich das Blut Christi, die Grenzen von Raum und Zeit \u00fcberwindend, heilsstiftend ergie\u00dft auf alle Gl\u00e4ubigen des Alten Testaments wie der Kirche\u201c (787). An dieser Stelle gibt Wenz \u2013 unter R\u00fcckverweisen auf die entsprechenden Behandlungen der Lehraussagen von Glassius (440ff) \u2013 der Parallelit\u00e4t der Kondeszendenz der Gottesoffenbarung im Wort der Schrift und im Gottessohn seine f\u00fcr ihn entscheidende Wendung: \u201eDie christologische exinanitio erstreckt sich auch auf das Buch der Schrift, so da\u00df von ihr gesagt werden kann, sie sei gleichsam mit dem Blut Christi geschrieben\u201c. Dabei geht es um eine Anwandlung des sich offenbarenden Gottes an den Menschen \u201ein seiner Leibhaftigkeit mit allen Sinnen\u201c (788), wodurch der ganzheitlich akkomodierte \u201eewige Logos\u201c durch seine Vita auch das Leben der Seinen heiligt. \u201eIn diesem Geschehen ist die Schrift Alten und Neuen Testaments das im israelitischen Gottesvolk wie in der neutestamentlichen Kirche aus Juden und Heiden in menschliche Sprachen \u00fcberlieferte kanonische Dokument und sakramentale Medium testamentarischer Selbstverpflichtung und Heilszueignung.\u201c (788). Die Schrift erh\u00e4lt somit g\u00f6ttliche Eigenschaften, ohne selbst mit Gott identisch zu werden (788) und sie bekommt damit einen sakramentalen Charakter \u2013 mehr noch sie ist \u201egegenw\u00e4rtig wirksames Sakrament\u201c (800).<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Versuch, Glassius theologiegeschichtlich einzuordnen, werden zun\u00e4chst die Ankl\u00e4nge zusammengetragen, die von den Kirchenv\u00e4tern, Martin Luther und \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 Johann Gerhard u.&nbsp;a. bekannt sind (808\u2013811), bevor eine auf den ersten Blick \u00fcberraschende Verbindung in das Jahrhundert nach Glassius gekn\u00fcpft wird: zu Johann Georg Hamann (1730\u20131788), dem \u201eMagus des Nordens\u201c und K\u00f6nigsberger Antipoden Immanuel Kants. Dieser hatte dem Kantschen Dogmatismus, Skeptizismus und Kritizismus das \u201eDreigestirn\u201c \u201e\u00dcberlieferung, Erfahrung und Sprache\u201c entgegengesetzt (812f). Wenz folgert: \u201eSo entdeckt Hamann in fruchtbarer Aufnahme der lutherischen Christologie und Abendmahlslehre den sch\u00f6pferisch-sakramentalen Charakter der Sprache und \u00fcberwindet von daher die Diastase von Empirismus und Idealismus\u201c und \u201eDer christologische Topos der <em>communicatio idiomatum<\/em> [\u2026] wird daher zur Grundlage f\u00fcr Hamanns Metakritik der reinen Vernunft\u201c (813).<\/p>\n\n\n\n<p>Damit scheint Wenz zum eigentlichen Ziel seiner Arbeit gekommen zu sein: Die M\u00f6glichkeit der \u201eAnkn\u00fcpfung an pr\u00e4kantianische Hermeneutik zu einer metakritischen Hermeneutik\u201c (817), wie sie bei Hamann zu finden ist. Neben Hamann werden weitere Beispiele gezeigt, anhand derer vorgef\u00fchrt wird, dass solche \u201emit Glassius\u0315 Arbeit kompatiblen hermeneutischen und exegetischen Ans\u00e4tze [\u2026] sich durch dadurch aus(zeichnen), da\u00df sie die Intertextualit\u00e4tsperspektive der klassischen traditions- oder wirkungsgeschichtlichen Perspektive vorziehen.\u201c Glassius\u2018 Arbeit ist, so Wenz, \u201eauch \u00fcber die zeitliche Distanz hinweg kontextualisierbar\u201c (831). Sein Abschlussvotum lautet: \u201eSo f\u00fchrt multimediale, kanonisch-sakramentale Bibelhermeneutik im Horizont der gesch\u00f6pflichen und kulturellen Lebenskontexte des Menschen zum Programm einer \u201ageistlichen Ph\u00e4nomenologie, die ihren Grund im Glauben hat, da\u00df Gott sichtbar geworden ist, wo man es nicht vermutet h\u00e4tte: in einem Menschen, der doch \u00fcber sich hinaus den Weg weist zu Gott, weil er selbst Gott ist\u2018 (zit. von Anselm Steiger)\u201c (835).<\/p>\n\n\n\n<p>Was sich bei der Lekt\u00fcre des ganzen Bandes mehr als nur andeutet, dass es n\u00e4mlich vornehmlich um eine systematisch orientierte Frage, n\u00e4mlich die der Bibelhermeneutik geht, tritt mit dem Schlusskapitel klar hervor. Auch f\u00fcr seine Glassiusdarstellung w\u00e4hlt Wenz die \u201eIntertextualisierungsperspektive\u201c, womit die traditions- und\/oder wirkungsgeschichtliche Perspektive nicht v\u00f6llig \u00fcbersehen wird, aber deutlich zur Seite tritt. Auch die prominent hervorgehobene Parallele zu Johann Georg Hamann ist nicht wirkungsgeschichtlich zu betrachten, l\u00e4sst dieser doch keine Anregung oder gar Beeinflussung durch Glassius erkennen. In der theologischen Sprache des 17. Jahrhunderts w\u00fcrde man die Abhandlung von Wenz als \u201ethetische\u201c oder \u2013 gar nicht anr\u00fcchig gemeint! \u2013 als \u201ekontroverstheologische\u201c Arbeit klassifizieren. Damit ist der Bedeutung dieser Monografie, die ohne bewundernswerten Flei\u00df und die Akribie nicht h\u00e4tte zustande kommen k\u00f6nnen, kein Abbruch getan. Salomon Glassius, ein auf weite Strecken in Vergessenheit geratener Theologe des 17. Jahrhunderts wird neu ins Licht gestellt. Anhand der Darstellung dieses Theologen lassen sich die klassischen Topoi des orthodoxen Bibelverst\u00e4ndnisses gut nachschlagen. Bei Glassius als Sch\u00fcler Johann Gerhards l\u00e4sst sich auf diesem Weg wohl gut erkennen, was sich in den \u2013 lateinisch geschriebenen \u2013 Werken des Lehrers f\u00fcr viele nicht so leicht nachlesen l\u00e4sst. F\u00fcr die an der Bibelhermeneutik der lutherischen Orthodoxie interessierten Forscher bietet dieses Werk also einen guten Einstieg. Dass dabei die Darstellung deutlich noch anderen Interessen als die der theologiegeschichtlichen Aufarbeitung folgt, gilt es bei der Lekt\u00fcre zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den zu den erwartenden Quellen-, Literatur- und Personenverzeichnissen, gibt es ein sehr ausf\u00fchrliches Bibelstellenregister und eine Reihe von Abbildungen, die ein Portr\u00e4t von Glassius, seine sich in Gotha befindliche Grabplatte und die Titelbl\u00e4tter einiger seiner Werke zeigen. Das Titelkupfer der \u201eKurf\u00fcrstenbibel\u201c ist leider nicht der ersten Auflage aus dem Jahr 1649, sondern einer sp\u00e4teren, n\u00e4mlich aus dem Jahr 1670, entnommen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Klaus vom Orde, Edition Spenerbriefe, S\u00e4chsische Akademie der Wissenschaften, Halle an der Saale<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Armin Wenz: Philologia Sacra und Auslegung der Heiligen Schrift. 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