{"id":1535,"date":"2022-04-27T15:45:28","date_gmt":"2022-04-27T15:45:28","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1535"},"modified":"2022-04-27T15:45:30","modified_gmt":"2022-04-27T15:45:30","slug":"rainer-hirsch-luipold-michael-trapp-hg-ist-beten-sinnvoll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1535","title":{"rendered":"Rainer Hirsch-Luipold \/ Michael Trapp (Hg.): Ist Beten sinnvoll?"},"content":{"rendered":"\n<p>Rainer Hirsch-Luipold \/ Michael Trapp (Hg.):<em> Ist Beten sinnvoll? Die 5. Rede des Maximos von Tyros<\/em>, Scripta Antiquitatis Posterioris ad Ethicam REligionemque pertinentia (SAPERE) 31, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2019, Ln., 216\u00a0S., \u20ac\u00a064,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/ist-beten-sinnvoll-9783161539534\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/ist-beten-sinnvoll-9783161539534\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-16-153953-4<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Ist Beten sinnvoll, wenn ein allm\u00e4chtiger Gott schon vorher wei\u00df, was ich brauche oder auch nur will? \u2013 Diese Frage besch\u00e4ftigt nicht nur Christen. Die kleine Schrift des Philosophen Maximos von Tyros aus der zweiten H\u00e4lfte des zweiten Jahrhunderts belegt im Kontext antiken Denkens und religi\u00f6ser Praxis, dass schon andere das Problem erkannt und L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge vorgetragen haben. Maximos belegt in dem kurzen, gut \u00fcberschaubaren Vorlesungstext seine These: Es ist nutzlos, etwas von den G\u00f6ttern zu erbeten. Will ich etwas Gutes, wird es mir auch ohne Gebet zuteil. Schlechtes w\u00fcrden die G\u00f6tter mir nicht geben, weil es nicht ihrem Wesen entspricht. Wahres philosophisches Gespr\u00e4ch ist keine Bitte, sondern die Unterredung mit einem Gott \u00fcber Dinge, die es schon gibt. Das Gebet kann bestenfalls eine Bitte um einen tugendhaften Lebenswandel sein; dieser wird durch philosophische Bildung erreicht (46\u201361, vgl. Anm. 88 auf S. 71).<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Vorwort (VII\u2013IX) informiert der Herausgeber Rainer Hirsch-Luipold \u00fcber die <em>oratio<\/em> (5) des Maximos, der sich mit dieser Schrift als \u201eeinzigartiger Zeuge der Bildungsvermittlung in der fr\u00fchen Kaiserzeit\u201c erweist. Gelebte Religion ist bei Maximos Ausgangspunkt philosophisch-theologischer \u00dcberlegungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinsam mit dem Herausgeber Michael Trapp gibt Hirsch-Luipold eine Einf\u00fchrung in das Thema, Leben und Werk des Verfassers der Gebetsschrift und seine religi\u00f6s-theologischen Vorstellungen (Teil A, 3\u201343). Das Bittgebet war ein beliebtes Ziel des Spotts, aber auch Ansto\u00df f\u00fcr das Denken (4f). Philosophie ist f\u00fcr Maximos eine Lebensschule, die das Ziel hat, den Menschen zur Tugend zu f\u00fchren (12). Die Wirkungsgeschichte der Vorlesung \u00fcber das Gebet weist besonders auf byzantinische Denker im 9. und 10. Jahrhundert. Verst\u00e4rkt rezipiert wurde sie auch im Westen seit dem sp\u00e4ten 16. Jahrhundert. (39, 42).<\/p>\n\n\n\n<p>Der eigentliche Text der Vorlesung umfasst acht meist nur zur H\u00e4lfte bedruckte griechische und die gleiche Anzahl gut gef\u00fcllter deutschsprachiger Textseiten sowie elf Seiten mit hilfreichen Anmerkungen aus der antiken Philosophie und Religion (Teil B,. 45\u201372). Spannend f\u00fcr Theologen sind besonders die f\u00fcnf Essays in Teil C, die den antiken Kontext der Gebetsabhandlung des Maximos erl\u00e4utern und ihn z.&nbsp;T. auch mit der neutestamentlichen und altkirchlichen Gebetspraxis vergleichen (Teil C, 73\u2013188). Franco Ferrari kommt in seinem Aufsatz \u00fcber platonische Elemente in der Gebetslehre von Maximos zum Ergebnis, dass alle wesentlichen philosophischen Aspekte der Rede inhaltlich direkt oder indirekt in den platonischen Schriften belegt werden k\u00f6nnen (81).<\/p>\n\n\n\n<p>Rainer Hirsch-Luipold vergleicht die Gebetstheorie und -praxis bei Maximos von Tyros und Lukas, <em>Joseph und Aseneth<\/em> und Plutarch (93\u2013116). Unterschiede zwischen den untersuchten Autoren ergeben sich aus dem jeweils implizierten Gottesbegriff. Ein erheblicher Unterschied besteht beim Thema der W\u00fcrdigkeit, die im philosophischen Gebet vorausgesetzt wird, w\u00e4hrend im christlichen Glauben Gott gn\u00e4dig gibt, weil wir bitten, nicht weil wir w\u00fcrdig w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Alfons F\u00fcrst arbeitet philosophische Aspekte der Gebetsabhandlung von Origenes heraus (117\u2013146). Die antiken christlichen Traktate \u00fcber das Beten sind immer auf das Vaterunser konzentriert (125). Gottes Vorsehung darf nicht als Determinismus verstanden werden (138f): \u201eNicht, weil es erkannt ist, geschieht es, sondern weil es geschehen wird, ist es erkannt.\u201c Im Beten geschieht eine geistige Begegnung zweier Freiheiten: einerseits die ungezeugte Freiheit Gottes, andererseits die geschaffene Freiheit des Menschen, die in dieser Begegnung ihre Erf\u00fcllung findet (140).<\/p>\n\n\n\n<p>Anschaulich ist der Beitrag von Barbara E. Borg zur Ikonographie des Betens durch beigegebene Abbildungen von Betenden in antiken Kontexten (147\u2013176). Beim Gebet steht das Bittgebet im Vordergrund, es ist Ausdruck der pietas der Dargestellten, und das sind \u00fcberwiegend Frauen (147, 175). Im Gebet gibt es etablierte Konventionen und formale Regeln (147). In der griechischen und r\u00f6mischen Kultur h\u00e4lt sich das Repertoire an Gebeten in relativ engem Rahmen, es ist weitgehend auf Bitte und Dank beschr\u00e4nkt. Bitten sind in der \u00dcberzahl belegt. Ein Lob der Gottheit ist oft Teil des Gebets, reine Kontemplation oder Anbetung dagegen sehr selten. Mit Ausnahme von mythologischen Abbildungen auf Vasen existieren als Quellen ausschlie\u00dflich Selbstdarstellungen der Auftraggeber auf Denkm\u00e4lern; hier wird die Gebetspraxis in idealtypischer Form dargestellt (147). \u00dcblicher Kontext des Gebets ist das Opfer. Es besteht ein reziprokes Verh\u00e4ltnis zwischen Betendem und Gott: Der Stifter ehrt die G\u00f6tter und bringt ihnen Gaben, wof\u00fcr diese wiederum den Stiftern Gutes tun. (148). In den fr\u00fchesten Gebetsdarstellungen sind die Handfl\u00e4chen auf die Gottheit bzw. ihr Bild gerichtet. Oranten kommen zun\u00e4chst in Heiligtums- und Opferszenen vor, bei einer Prozession zum Altar oder zum G\u00f6tterbild. Au\u00dferhalb dieser Situation findet man sie selten abgebildet. Bei kaiserzeitlichen Orantinnen wird die pietas gegen\u00fcber dem Staat, dem \u00f6ffentlichen Beruf und der Familie als eine der wichtigsten und \u00e4ltesten Tugenden \u00fcberhaupt ger\u00fchmt (158, 165).<\/p>\n\n\n\n<p>Christliche Oranten werden ohne Opfer abgebildet. Daniel in der L\u00f6wengrube und die drei M\u00e4nner im Feuerofen sind idealtypische alttestamentliche Szenen betender M\u00e4nner, die aus der Not errettet werden wollen (168).<\/p>\n\n\n\n<p>Umstritten ist die Deutung weiblicher Orantinnen besonders in der Katakombenmalerei, ob es sich dabei um Verstorbene oder die Seele der Verstorbenen handelt (168f). Barbara Borg pl\u00e4diert f\u00fcr ein individuelles Verst\u00e4ndnis dieser Figuren, weil die Grabpflege Teil der weiblichen pietas war. Es kann auch sein, dass in Gestalt der Orans die pietas als Tugend ehrend dargestellt wurde, nicht eine individuelle Gebetssituation (171). \u2013 Im letzten Beitrag des Bandes pr\u00e4sentiert Vincenzo Vitiello religionsphilosophische Meditationen \u00fcber \u00d6dipus und Jesus im Gebet (177\u2013188).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gebetsvortrag des Maximos und die Aufs\u00e4tze, die thematisch das antike Umfeld der philosophischen Schrift erhellen, sind nicht nur f\u00fcr Altphilologen und Historiker wertvoll, sondern auch f\u00fcr Theologen. Der augenf\u00e4llige Unterschied zwischen dem antiken und dem christlichen Gebet in der Frage vorausgesetzter W\u00fcrdigkeit verweist auf das Zentrum christlicher Gebetspraxis: Wir beten nicht, weil wir w\u00fcrdig sind, sondern weil es Gott will. Christus hat es befohlen (\u201eBittet, so wird euch gegeben\u201c, Mt 7,7) und im Vaterunser ein Beispiel gegeben. Das Gebet gleich dem Verhalten eines Kindes, das seinen Vater best\u00fcrmt (actus directus), dem erst mit zeitlichem Abstand das Nachdenken \u00fcber dieses Vorgehen folgt (actus reflexus). Durch die theologisch-philosophische Reflexion wird aber das kindliche Verhalten im Gebet nicht ersetzt, sondern verstandesm\u00e4\u00dfig nachvollzogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch ist wie die vorangegangenen B\u00e4nde der Reihe SAPERE vorz\u00fcglich ausgestattet. Wie andere Publikationen des Verlags Mohr Siebeck ist es nicht nur im publizistischen Tagesgesch\u00e4ft auf den Markt geworfen, sondern f\u00fcr l\u00e4ngere Gebrauchszyklen geplant. Wer sich als interessierter Studierender die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig teuren B\u00e4nde nicht leisten kann, kann sie bis auf die neusten der letzten beiden Jahre im Open Access kostenlos lesen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rainer Hirsch-Luipold \/ Michael Trapp (Hg.): Ist Beten sinnvoll? Die 5. 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