{"id":1541,"date":"2022-04-27T15:50:35","date_gmt":"2022-04-27T15:50:35","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1541"},"modified":"2022-04-27T15:50:37","modified_gmt":"2022-04-27T15:50:37","slug":"anne-sophie-overkamp-fleiss-glaube-bildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1541","title":{"rendered":"Anne Sophie Overkamp: Flei\u00df, Glaube, Bildung"},"content":{"rendered":"\n<p>Anne Sophie Overkamp: <em>Flei\u00df, Glaube, Bildung. Kaufleute als gebildete St\u00e4nde im Wuppertal 1760\u20131840<\/em>, B\u00fcrgertum Neue Folge 20, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2020, geb., 469\u00a0S., \u20ac\u00a072,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/geschichte\/geschichte-der-neuzeit\/55703\/fleiss-glaube-bildung\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/geschichte\/geschichte-der-neuzeit\/55703\/fleiss-glaube-bildung\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-525-37096-4<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Flei\u00df, Glaube, Bildung \u2013 Kaufleute als gebildete St\u00e4nde im Wuppertal 1760\u20131840<\/em> ist kein theologisches oder kirchengeschichtliches Werk, obwohl im Titel der Dissertation, auf welcher das genannte Buch beruht, vom Wuppertal als einem Kultur- und Wirtschaftsraum auch vom \u201eZion der Gl\u00e4ubigen\u201c die Rede ist. Gerade dieser Umstand macht Anne Sophie Overkamps Arbeit auch f\u00fcr kirchengeschichtlich Interessierte so wichtig, denn sie gibt Hinweise darauf, inwieweit und wie nachhaltig der christliche Glaube \u00fcber die Jahrhunderte die Tiefenstruktur Gesellschaft im Wuppertal gepr\u00e4gt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Einf\u00fchrung in Methoden und geographischer, geschichtlicher und thematischer Verortung der Arbeit im ersten und zweiten Kapitel, in denen sie auch auf die politische und \u00f6konomische Entwicklung des Wuppertals eingeht, wirft die Autorin in Kapitel 3 einen detaillierten Blick auf die Textilindustrie und auf die Entwicklung von vier Familienunternehmen und ihren unterschiedlichen Wegen, den Herausforderungen ihrer Zeit zu begegnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rationalisierung und Kommerzialisierung, zwei Entwicklungen, welche mit dem Zeitalter der Moderne einhergingen und besonders in der Textilindustrie greifbar wurden, ben\u00f6tigten ein krisenfestes Finanzmanagement, sollten Betriebe gewinnbringend aufrechterhalten werden k\u00f6nnen. Hierbei spielten neben gesetzlichen Vorgaben und Bildung auch religi\u00f6se Tugenden eine wichtige Rolle, wie Overkamp im vierten Kapitel herausstellt. Schon die Aussage: \u201eMit Gott\u201c als \u00dcberschrift des Inventars legt dar, dass Wuppertaler Kaufleute \u201eihre gesch\u00e4ftliche T\u00e4tigkeit in einen engen Bezug zum christlichen Glauben\u201c stellten. Dieses Selbstverst\u00e4ndnis findet die Autorin nicht nur bei der Familie Wuppermann, die f\u00fcr ihre Verbindung zu pietistischen Kreisen bekannt war, sondern entnimmt dies auch Widmungen aus den Gesch\u00e4ftsb\u00fcchern zahlreicher anderer Gewerbet\u00e4tigen. Auch durch auff\u00e4llige religi\u00f6se Formulierungen in der Korrespondenz der Kaufmannschaft zumindest unter Gesch\u00e4ftsfreunden best\u00e4tigt sich die christliche Motivation. Besonders dient die Anrufung von Gottes Hilfe und feststehende Formeln in Bezug auf den Allm\u00e4chtigen als Nachweis, dass die Vorstellungswelt der Kaufleute in den christlichen Kosmos eingebunden war und dies ihnen so erm\u00f6glichte, Schwierigkeiten zu ertragen und Erfolge einordnen zu k\u00f6nnen. In wirtschaftlich bedr\u00e4ngten Zeiten appellierte man bei anstehenden Zahlungen an christlich motivierte Nachsicht. Man verwies jedoch nicht auf die \u201eVorsehung als schicksalhafte Macht\u201c, sondern war sich seiner Eigenverantwortlichkeit bewusst. Auch mit dem 19. Jahrhundert sieht die Autorin keinen Einzug einer S\u00e4kularisierung oder Entchristlichung gekommen, da in der Ratgeberliteratur von 1800 weiterhin der christliche Glaube der Bezugsrahmen bleibt und nicht nur Max Weber belegt hat, dass Religiosit\u00e4t und Profitmaximierung miteinander vereinbar sind. Der Diskussion, ob es ein kausales Verh\u00e4ltnis zwischen protestantischen \u00dcberzeugungen und kapitalistischem Geist g\u00e4be, versagt sich Overkamp (man muss sagen: leider) und historisiert lieber die Diskurse \u00fcber Konfession und \u00d6konomie. Allerdings: \u00c4hnlich wie die b\u00fcrgerlichen unterlagen auch die kaufm\u00e4nnischen Tugenden einem Prozess, bei welchem vormals religi\u00f6se Pr\u00e4gungen durch \u201eallgemein anerkannte Regeln f\u00fcr eine moralisch richtige Lebensf\u00fchrung\u201c in den Vordergrund traten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitel 5 befasst sich mit der Rolle der Bildung der Kaufmannsfamilien, wobei hier eine Institutionalisierung heraus aus kirchlichen Anf\u00e4ngen zu sehen ist. Es waren n\u00e4mlich zuerst Gemeindeschulen, welche allen Kindern im Tal offenstanden und kirchlicher Aufsicht unterordnet waren. Gleiches galt f\u00fcr die weiterf\u00fchrenden Lateinschulen. Da das Wuppertal nach den Befreiungskriegen Teil der preu\u00dfischen Rheinprovinz wurde, wurde das Schulwesen s\u00e4kularisiert. Aber auch darauf hatten die Kaufmannsfamilien wie schon zu Zeiten der kirchlichen Aufsicht Einfluss, daneben sorgten diese auch f\u00fcr die Gr\u00fcndung privater Institute. Besonders die Berufung des P\u00e4dagogen Wilberg an das Elberfelder B\u00fcrgerinstitut sorgte f\u00fcr die Einf\u00fchrung einer st\u00e4rkeren praxisbezogenen Ausbildung, bei welcher aber auch der religi\u00f6sen Bildung viel Raum gegeben wurde, auch wenn dieses Institut nur den h\u00f6heren St\u00e4nden offenstand. Auch wenn diese Wilbergsche Schule 1830 in die \u00f6ffentliche h\u00f6here B\u00fcrgerschule in Elberfeld \u00fcberf\u00fchrt wurde, blieb dieses Bildungsideal, das den Menschen in das System der Ordnung Gottes eingebunden sah, erhalten und stand nun sogar einer gr\u00f6\u00dferen Sch\u00fclerschaft offen. Ein weiterer Abschnitt des f\u00fcnften Kapitels thematisiert die Ehebeziehungen der Kaufmannsfamilien, die ja den Familienbetrieb als Lebensmittelpunkt hatten. Dabei kommt eine bedeutende Innigkeit zum Ausdruck, deren sprachliches Repertoire sich mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts erweitert. Ausz\u00fcge aus der Korrespondenz der Eheleute machen deutlich, dass der christliche Glaube, aber auch das Ideal einer \u201evern\u00fcnftigen Liebe\u201c (d.&nbsp;h.: Herz und Verstand m\u00fcssen \u00fcbereinstimmen) als richtungsweisend f\u00fcr diese Verbindungen gesehen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4user und G\u00e4rten von exemplarischen Wuppertaler Kaufmannsfamilien sind das Thema des 6. Kapitels, das an ausgew\u00e4hlten Beispielen auf die Einheit von Arbeiten und Wohnen hinweist. Dass deren G\u00e4rten h\u00e4ufig um die 5.000 qm gro\u00df waren, zeigt, dass diese nicht nur als Ziergarten, sondern als Wirtschaftsfl\u00e4che verwendet wurden. Overkamp f\u00fchrt aus, dass sich die Kaufmannszunft in einem Prozess der kulturellen Vergesellschaftung befand, in welchem \u201ebisherige regionale, soziale, st\u00e4ndische und religi\u00f6se Differenzen, wenn nicht ausgeschaltet, so doch \u00fcberbr\u00fcckt\u201c wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im 7. Kapitel finden wir Hinweise auf das Erscheinungsbild der gebildeten St\u00e4nde in der \u00d6ffentlichkeit und damit auch den umfangreichsten Beitrag \u00fcber Religiosit\u00e4t in diesem Band. Dieses gestaltete sich in Form der kirchlichen \u00d6ffentlichkeit, aber auch privater Innerlichkeit. Die Autorin f\u00fchrt aus, dass die These der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit religi\u00f6s motivierter Gruppen mittlerweile nicht mehr vertreten wird, da \u201eS\u00e4kularisierung\u201c ein zu ungenauer Begriff sei und moderne Gesellschaft, s\u00e4kularer Staat und Religion nicht als Gegensatz zu denken w\u00e4ren, sondern auf vielerlei Weise verkn\u00fcpft seien. Auch widerlegt sie das Missverst\u00e4ndnis, dass die Aufkl\u00e4rung die Religion aus dem \u00f6ffentlichen Leben verbannen wollte, dagegen sei sie sogar eine Bewegung mit religi\u00f6sem Gehalt gewesen. Auch w\u00e4re der Pietismus als charakteristisch neuzeitlich zu deuten und wie die Aufkl\u00e4rung Teil des langfristigen Modernisierungsprozesses der Neuzeit. Damit best\u00e4tigt Overkamp auch Thesen Andreas Pecars, welcher in seinem Buch \u201eFalsche Freunde\u201c bestreitet, dass die Aufkl\u00e4rung \u201edie\u201c Geburtsstunde der Moderne war. Nach einer kurzen Reformationsgeschichte des Wuppertals, in welcher die Autorin darauf hinweist, dass sowohl der reformierte als auch der lutherische Protestantismus die Gegend erfasst hatten, wird ein Blick auf deren Gemeindegr\u00fcndungen im 18. und 19. Jahrhundert geworfen. Diese protestantischen Gemeinden lebten von der aktiven Mitarbeit ihrer Mitglieder in der umfangreichen kirchlichen Infrastruktur. Allerdings wurden mit der Zeit oligarchische Tendenzen bemerkbar, was man auch daran festmachen kann, dass Vorstandmitglieder teilweise Landbesitzer sein mussten. Dieses Privileg wurde in Elberfeld jedoch teilweise aufgel\u00f6st, da die aufstrebende kaufm\u00e4nnische Oberschicht bald die meisten Mitglieder des \u00c4ltestenrates stellte. Overkamp findet die \u201eenge personelle Verschr\u00e4nkung von kirchlichem Vorstand und \u00f6rtlicher Regierung\u201c auffallend und nennt daf\u00fcr zahlreiche Beispiele. Allerdings ist \u00e4hnliches auch aus anderen Gegenden der Reformation bekannt, da es ja f\u00fcr \u00c4ltestenwahlen einen biblischen Kriterienkatalog gibt, welcher auch zu \u00f6ffentlichen \u00c4mtern bef\u00e4higt. In Bezug auf die theologische Ausrichtung bemerkt die Autorin, dass es in Elberfeld zwar radikalpietistische Str\u00f6mungen gab, was sich besonders an der seltsamen \u201eZionitengemeinde\u201c, den sogenannten Ronsdorferianern um das Ehepaar Eller zeigen sollte. Im Allgemeinen kann man jedoch von einer theologisch orthodoxen Ausrichtung der Wuppertaler Pfarrer sprechen, auch, weil diese ihre Ausbildung an der Landesuniversit\u00e4t Duisburg erhielten. Diese war im 18. Jahrhundert von der Aufkl\u00e4rung kaum ber\u00fchrt worden. Herausgefordert wurde diese reformierte Orthodoxie durch die Auseinandersetzung mit pietistischen Str\u00f6mungen und Gruppen, die evangelisches Christsein im Wuppertal bis ins 20. Jahrhundert gepr\u00e4gt haben.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Gottfried Sommer, Trossingen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anne Sophie Overkamp: Flei\u00df, Glaube, Bildung. 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