{"id":1544,"date":"2022-04-27T15:53:08","date_gmt":"2022-04-27T15:53:08","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1544"},"modified":"2022-04-27T15:53:09","modified_gmt":"2022-04-27T15:53:09","slug":"gerd-schwerhoff-verfluchte-goetter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1544","title":{"rendered":"Gerd Schwerhoff: Verfluchte G\u00f6tter"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerd Schwerhoff: <em>Verfluchte G\u00f6tter. Eine Geschichte der Blasphemie<\/em>, Frankfurt\/Main: S. Fischer, 2021, geb., 521\u00a0S., \u20ac\u00a029,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.fischerverlage.de\/buch\/gerd-schwerhoff-verfluchte-goetter-9783103974546\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.fischerverlage.de\/buch\/gerd-schwerhoff-verfluchte-goetter-9783103974546\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-10-397454-6<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Untertitel \u201e<em>Eine Geschichte der Blasphemie<\/em>\u201c schwingen schon zwei Probleme mit: Erstens die Unsch\u00e4rfe des Begriffs Blasphemie. Sie wird definiert als \u201eSchm\u00e4hung oder Herabw\u00fcrdigung des Heiligen\u201c, umfasst also mehr als die \u201eGottesl\u00e4sterung\u201c. Schwerhoff thematisiert auch ihre jeweilige \u201ezeitgen\u00f6ssische Bewertung\u201c (12), denn erst durch die Reaktion der Umwelt gewinnt ein blasphemischer Akt historisches Gewicht. In der Geschichte wurde manchmal auch das Verbreiten einer vermeintlich falschen Lehre \u00fcber Gott als \u201eBlasphemie\u201c bezeichnet, der Begriff also \u00fcberdehnt. Seit der Aufkl\u00e4rung wird insb. in der westlichen Welt \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 eher die Verletzung religi\u00f6ser Gef\u00fchle von Gl\u00e4ubigen unter Strafe gestellt (18), also eine Aussage \u00fcber die Existenz oder das Empfinden (z.&nbsp;B. wegen einer Beleidigung) Gottes vermieden. Die Blasphemie, das Thema des Buches, ist also nicht leicht in den Griff zu bekommen, und stellenweise geht das Buch in eine allgemeine Geschichte der Intoleranz \u00fcber. Da oft ein weiter historischer Kontext des jeweiligen Ereignisses mit erz\u00e4hlt wird, kommt es zu einem 500-Seiten-Buch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das zweite Problem h\u00e4ngt damit zusammen, dass die gesamte Geschichte dargestellt werden soll, \u201evon der Zeit des Alten Testaments bis zur Gegenwart\u201c (22), \u201eaus einer westlichen Perspektive\u201c, einem \u201ereflektierten Eurozentrismus\u201c (23). Es beginnt mit dem fluchenden Mann, der zur Zeit des Mose gesteinigt wurde (Lev 24), und f\u00fchrt bis zu den blutigen moslemischen Protesten gegen Mohammed-Karikaturen in der j\u00fcngsten Vergangenheit. Der Autor Gerd Schwerhoff, bekannt f\u00fcr seine Forschungen zur Geschichte der Kriminalit\u00e4t, ist Professor f\u00fcr <em>Fr\u00fche Neuzeit<\/em> an der Technischen Universit\u00e4t Dresden; f\u00fcr die anderen, ihm ferner liegenden Epochen ist er darauf angewiesen, dass er die Angaben der Sekund\u00e4rliteratur zutreffend einordnen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch hat ein Register f\u00fcr Personen- und Ortsnamen, nicht aber f\u00fcr Begriffe. Die Anmerkungen werden als Endnoten gebracht, wodurch das Nachschlagen m\u00fchsam ist (im Falle von Kurzbelegen ist dann auch noch in der Auswahlbibliografie nachzuschlagen).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schwerhoff zitiert biblische Quellen in lateinischer \u00dcbersetzung; z.&nbsp;B. wenn der Hohepriester Jesus beschuldigte: \u201eBlasphemavit!\u201c, oder wenn Pontius Pilatus sagt: \u201eEcce Homo\u201c (84). Und Stephanus wurde beschuldigt, \u201eSchm\u00e4hworte (<em>verba blasphemiae<\/em>) gegen Mose und Gott\u201c geredet zu haben (56). Anstelle der lateinischen \u00dcbersetzung h\u00e4tte hier der Originalwortlaut im griechischen NT angef\u00fchrt werden k\u00f6nnen: <em>rhemata blasphema<\/em> (Apg 6,11). \u201eEin \u00e4hnliches Schicksal sollte sp\u00e4ter, 62 n.Chr., den Herrenbruder Jakobus ereilen\u201c (57) \u2013 inwiefern bei der Steinigung von Jakobus ein Blasphemie-Vorwurf mitspielte, sagt Schwerhoff nicht; auch hier breitet er das historische Umfeld aus, \u00fcber das engere Thema der Blasphemie hinausgehend. So auch, wenn er meint, \u201ebereits der Apostel Paulus hatte sich \u00fcberschlagen in der Charakterisierung heidnischer Gottlosigkeit&#8221;, und als Beleg R\u00f6m 1,29\u201331 zitiert. Hier entsteht ein schiefes Bild, denn Paulus will in diesen Kapiteln deutlich machen, dass alle Menschen dem Ideal Gottes nicht entsprechen, und schreibt z.&nbsp;B.: \u201ejeder Mensch ist L\u00fcgner\u201c (R\u00f6m 3,4). Aber Gott achtet darauf, wenn Menschen Gutes tun \u2013 egal ob Juden oder Griechen (R\u00f6m 2,10). Es geht Paulus in den ersten Kapiteln des R\u00f6merbriefs also nicht darum, speziell die heidnische Religiosit\u00e4t zu kritisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das 4. Kapitel tr\u00e4gt die \u00dcberschrift \u201eDas Christentum an der Macht\u201c, und behandelt die Epoche ab Kaiser Konstantin. Aber eigentlich war damals nicht das \u201eChristentum\u201c an der Macht, sondern r\u00f6mische Kaiser, die \u2013 aus verschiedenen Gr\u00fcnden \u2013 das Christentum, oder genauer: eine bestimmte Richtung innerhalb der verschiedenen christlichen Str\u00f6mungen, unterst\u00fctzten und schlie\u00dflich den Untertanen vorschrieben. Inwieweit etwa christliche Bisch\u00f6fe etwas zu sagen hatten, hing letztlich vom Kaiser ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der Darstellung des historischen Kontexts erw\u00e4hnt Schwerhoff, dass zur Zeit des von den Hasmon\u00e4ern regierten j\u00fcdischen Staates, also in den Jahrzehnten um 100 v.Chr., \u201eNichtjuden vertrieben, zwangsbekehrt und get\u00f6tet\u201c wurden; sp\u00e4testens damals kam es erstmals zu einem starken Judenhass, der in den folgenden Jahrhunderten weiterwirkte (51). Neben dem Antijudaismus wird umgekehrt auch die oft unbeachtete j\u00fcdische Polemik gegen den christlichen Glauben angesprochen, etwa im babylonischen Talmud oder in den <em>Toledot Jeschu<\/em> (86\u201388).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst ab etwa 1200 n.&nbsp;Chr. wird die Blasphemie zu einem wichtigen Thema, denn nun werden f\u00fcr sie von der Kirche und vom Staat Strafen verh\u00e4ngt (115). Hier lag auch eines der Aufgabengebiete der Inquisition. Die Zeit der Reformation, das 16. und 17. Jh., brachte in der Bek\u00e4mpfung von Blasphemie nichts grunds\u00e4tzlich Neues, aber eine weitere Steigerung (193). Die problematische Haltung des alten Luther zu den Juden wird neuerdings oft angesprochen. Schwerhoff weist aber darauf hin, dass Luther den Vorwurf der Gottesl\u00e4sterung benutzte, um unterschiedliche Gegner zu d\u00e4monisieren: Neben Juden auch Papst und Papisten, T\u00e4ufer und Spiritualisten sowie aufst\u00e4ndische Bauern (98). Die T\u00e4ufer der Gottesl\u00e4sterung zu beschuldigen, bezeichnete der Reformator Wolfgang Capito als verfehlt, w\u00e4hrend Philipp Melanchthon dieses Beschuldigen verteidigte und damit einflussreich war (220f).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der \u201eaufgekl\u00e4rten\u201c westlichen Welt kommt es mitunter zu neuen Heiligt\u00fcmern. So wurde 2019 in Iowa (USA) der vorbestrafte Adolfo Martinez zu 15 Jahren (!) Gef\u00e4ngnis verurteilt, weil er eine Regenbogenflagge der LGBTQ-Bewegung von einem Kirchenportal herunterholte und verbrannte (450). Die US-Flagge dagegen kann straflos verbrannt werden, denn der <em>Supreme Court<\/em> beurteilte einen solchen Akt als \u201eeinen legitimen Ausdruck von Meinungsfreiheit\u201c (445).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Blasphemie-Vorwurf dient oft als Begr\u00fcndung, um gegen Andersdenkende vorgehen zu k\u00f6nnen. Aber es gilt auch das Umgekehrte: K\u00fcnstler k\u00f6nnen provozieren und \u2013 u.\u00a0a. durch kirchliche Proteste \u2013 Aufmerksamkeit erregen; so werden ihre Werke beachtet und der K\u00fcnstler ber\u00fchmt. In Bezug auf \u00d6sterreich w\u00e4re etwa der Aktionsk\u00fcnstler Hermann Nitsch zu nennen, der mit Tierblut religi\u00f6se Inhalte nachahmt (\u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Orgien-Mysterien-Theater\">Orgien-Mysterien-Theate<\/a>r\u201c), oder das Buch \u201eDas Leben des Jesus\u201c (2002) vom Karikaturisten Gerhard Haderer (Jesus wird darin als st\u00e4ndig vom Weihrauch high dargestellt). Diese Beispiele kommen in diesem Buch jedoch nicht vor. Jedenfalls zeigt Schwerhoffs Buch, welche Urteile \u00fcber blasphemische \u00c4u\u00dferungen in den einzelnen Geschichtsepochen zu finden sind.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Franz Graf-Stuhlhofer BSc, Lehrbeauftragter an der KPH Wien\/Krems f\u00fcr Kirchengeschichte und Dogmatik<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerd Schwerhoff: Verfluchte G\u00f6tter. Eine Geschichte der Blasphemie, Frankfurt\/Main: S. 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