{"id":1550,"date":"2022-04-27T15:59:58","date_gmt":"2022-04-27T15:59:58","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1550"},"modified":"2022-04-27T16:00:00","modified_gmt":"2022-04-27T16:00:00","slug":"michael-diener-raus-aus-der-sackgasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1550","title":{"rendered":"Michael Diener: Raus aus der Sackgasse!"},"content":{"rendered":"\n<p>Michael Diener: <em>Raus aus der Sackgasse<\/em>! <em>Wie die pietistische und evangelikale Bewegung neu an Glaubw\u00fcrdigkeit gewinnt<\/em>, Asslar: Adeo Verlag, 2021, Hb., 237\u00a0S., \u20ac\u00a020,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.adeo-verlag.de\/index.php?id=details&amp;sku=835312\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.adeo-verlag.de\/index.php?id=details&amp;sku=835312\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-86334-312-5<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Es ist ein leidenschaftliches Buch, das Michael Diener geschrieben hat. Hier hat sich einer freigeschwommen und sich befreit aus einem Korsett, das ihm zu eng geworden und aus dem er \u201eherausgewachsen\u201c ist (187). Man kann auf vielen Seiten die Verletzungen sp\u00fcren, die er davongetragen hat, die Dem\u00fctigungen, die er erfahren hat und nach wie vor empfindet und nicht selten auch die Wut, die in ihm steckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein lesenswertes Buch, weil es \u00fcber weite Strecken kluge Analysen und geistreiche Perspektiven bietet, die der Pietismus und Evangelikalismus von ihm aus vielen Predigten und Vortr\u00e4gen gewohnt ist. Dies gilt vor allem f\u00fcr die Kapitel 6 bis 10, in denen es um Richtgeist, Glaube und Vernunft, Liebe sowie Mission und Nachfolge geht. Hier entfaltet Michael Diener n\u00fcchtern und sachlich eine theologische Perspektive, die man nicht in allen Punkten teilen muss, die aber hilfreich und weiterf\u00fchrend ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles soll aber nicht im Zentrum dieser Rezension stehen. Worum es gehen soll und muss, sind die massiven Anfragen und Anklagen, die Michael Diener an den deutschen Pietismus und die evangelikale Bewegung richtet. Beide Bewegungen hat er im letzten Jahrzehnt in f\u00fchrender Position geleitet und in beide Bewegungen, die sich vielf\u00e4ltig \u00fcberlappen, hat er tiefe Einblicke.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass nun ein ehemaliger Vorsitzender des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und der Deutschen Evangelischen Allianz ein solches Zeugnis ausstellt, wie es Diener in diesem Buch tut, ist ungew\u00f6hnlich. Ich kann mich nicht erinnern, dass seine zahlreichen Vorg\u00e4nger in beiden \u00c4mtern sich in \u00e4hnlicher Weise ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tten. Diese Anklageschrift ist nur erkl\u00e4rbar aus den Verwerfungen der letzten Jahre, in denen seine theologische Entwicklung eine zentrale Rolle spielte.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Rezension tr\u00e4gt die \u00dcberschrift \u201eFragen aus der Sackgasse\u201c. Ich sehe mich und die Hochschule, das Werk und die Bewegung, f\u00fcr die ich Mitverantwortung trage, nicht in einer \u201eSackgasse\u201c. Aber Michael Diener sieht Teile der pietistischen und evangelikalen Bewegung exakt in einer solchen Sackgasse stecken. Aus seiner Ortsbestimmung ergeben sich nun auch umgekehrt manche Fragen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Was ist eine fundamentalistische und biblizistische Schriftauslegung<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grundthese Michael Dieners ist, dass \u201edas Glaubensprofil der pietistisch-evangelikalen Bewegung\u201c durch eine fundamentalistisch-biblizistische Lesart der Bibel \u201ein unserer Kultur und Gesellschaft unattraktiv\u201c wurde und \u201enicht mehr vermittelbar\u201c ist (17).<\/p>\n\n\n\n<p>Was er mit dieser fundamentalistisch-biblizistischen Lesart genau meint, wird allerdings nur sehr vage ausgef\u00fchrt. Lediglich an einer Stelle wird er konkreter, wenn er eine Sicht der Heiligen Schrift kritisiert, \u201edie von der absoluten und umfassenden Fehler- und Irrtumslosigkeit der Bibel ausgeht und deshalb deren Aussagen ungebrochen auf die heutige Zeit \u00fcbertr\u00e4gt\u201c, sich an konservative Werte bindet und von liberalen Str\u00f6mungen abgrenzt (53). \u201eDer Weg von der Bedeutung biblischer Aussagen in ihren Zeiten und Kulturen zu einer Beurteilung heutiger Fragestellungen in unseren Zeiten und Kulturen ist [bei dieser Auslegung] noch zu direkt und ungebrochen \u2026\u201c (54, \u00e4hnlich 69). In Kapitel 5 entfaltet Michael Diener dann skizzenhaft sein eigenes Schriftverst\u00e4ndnis. Dabei pl\u00e4diert er u.&nbsp;a. f\u00fcr die Achtung von \u201eGeschichte\u201c, \u201eSprache\u201c, \u201eZeitgenossenschaft\u201c und \u201eKultur\u201c als Gaben Gottes, die es ernst zu nehmen gelte, ebenso wie die Ver\u00e4nderungen der menschlichen Erkenntnisse und der Art des Zusammenlebens im Lauf der Geschichte (73) und gegen die direkte und unreflektierte \u00dcbertragung von Geschlechter- und Eheverst\u00e4ndnissen vergangener Epochen auf unsere heutige Zeit (74). Insgesamt bleibt es aber eine recht d\u00fcrftige Beschreibung der von ihm angegriffenen Hermeneutik, deren vermeintlich \u201etoxische\u201c Folgen auf vielen Seiten gegei\u00dfelt werden. Hier w\u00fcnschte ich mir mehr Pr\u00e4zision und Kontext.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Was ist eine sachgem\u00e4\u00dfe Schriftauslegung<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesem fundamentalistisch-biblizistischen Schriftverst\u00e4ndnis erwachsen nach Diener \u00dcberzeugungen und Haltungen, die nicht dem Evangelium entsprechen noch glaubens- und lebensf\u00f6rderlich sind, sondern \u201etoxisch\u201c, \u201ezerst\u00f6rerisch und spaltend\u201c (13f, 217). Entsprechend formuliert er den leidenschaftlichen Appell an seine Leserinnen und Leser: \u201eHolt sie [sc. die Bibel] euch von denen zur\u00fcck, die meinen, sie h\u00e4tten ein Monopol auf ihre sachgem\u00e4\u00dfe Auslegung\u201c (13).<\/p>\n\n\n\n<p>Als Vertreter einer von vielen Ausbildungsst\u00e4tten im pietistischen und evangelikalen Spektrum erlaube ich mir, diesen Vorwurf einmal auf meine Zunft zu beziehen. In unserem Bereich gibt es sehr unterschiedliche Ausbildungsst\u00e4tten mit durchaus unterschiedlichen hermeneutischen Akzentsetzungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch jene Ausbildungsst\u00e4tten, die in ihren Bekenntnisdokumenten sich zur \u201eIrrtumslosigkeit\u201c und \u201eUnfehlbarkeit\u201c der Heiligen Schrift bekennen, haben meiner Wahrnehmung nach alle ein \u201eJa\u201c zu einer historischen, methodischen und auch wissenschaftlichen Bibelauslegung, freilich mit unterschiedlichem Anspruch an das akademische Reflexionsniveau. In den allermeisten Ausbildungsst\u00e4tten legt man gro\u00dfen Wert darauf, dass man sich Rechenschaft dar\u00fcber gibt, auf welcher Grundlage exegetische Aussagen getroffen werden und dass diese sachlich und sprachlich nachvollziehbar sind. Auch wenn der Gespr\u00e4chspartner zu anderen Schl\u00fcssen kommen mag, sollte er die Textauslegung verstehen k\u00f6nnen. In der Regel ist man sich unter den Dozierenden der Notwendigkeit bewusst, biblische Texte sprachwissenschaftlich zu beleuchten, sie in ihrem historischen Kontext einzuordnen, in ihrer zeitgeschichtlichen Aussageabsicht zu erfassen, in ihrem kirchen- und theologiegeschichtlichen Verst\u00e4ndnis wahrzunehmen und sie erst dann auf die theologischen und ethischen Fragestellungen der Gegenwart anzuwenden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Muss Schriftauslegung zu pluralit\u00e4tsf\u00e4higen Ergebnissen kommen<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch nach einem aufw\u00e4ndigen und sorgf\u00e4ltigen Verfahren der Auslegung biblischer Texte kann man zu Einsichten und Schlussfolgerungen kommen, die in einer sp\u00e4tmodernen Gesellschaft nicht \u201epluralit\u00e4tsf\u00e4hig\u201c sind. Denn es ist ja gerade das Grundprinzip wissenschaftlichen Arbeitens, dass es ergebnisoffen an Texte herangeht und nicht schon vorher festgelegt ist, dass etwas \u201ePluralit\u00e4tsf\u00e4higes\u201c dabei herauskommen muss, das vom westeurop\u00e4ischen Forum gegenw\u00e4rtigen Wahrheitsbewusstseins nicht abgelehnt wird. In der Mehrheit der Weltchristenheit und v.&nbsp;a. in den wachsenden Kirchen des Globalen S\u00fcdens wird dieses \u201epluralit\u00e4tsf\u00e4hige Wahrheitsbewusstsein\u201c als provinziell betrachtet, weshalb ihm eher weniger Zukunftspotential zugetraut wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Konkret auf den von Michael Diener immer wieder thematisierten Streitpunkt der Bewertung gleichgeschlechtlicher Handlungen bezogen, bedeutet dies, dass man nach Abw\u00e4gung nicht nur \u201eeiniger weniger Stellen in der Bibel\u201c (50), sondern des biblischen Gesamtzeugnisses zum Ergebnis kommen <em>kann<\/em>, dass es keine positive Bewertung solcher Handlungen in der Heiligen Schrift gibt, wie es u.&nbsp;a. vor 25 Jahren auch der EKD-Text \u201eMit Spannungen leben\u201c (1996) getan hat und bis heute weltweit von der \u00fcberwiegenden Mehrheit der Kirchen in \u00dcbereinstimmung mit einer 2000-j\u00e4hrigen kirchlichen Lehrtradition quer durch alle Konfessionen hindurch vertreten wird. Was an einem solchen Schriftzugang \u201efundamentalistisch\u201c oder \u201ebiblizistisch\u201c ist, erschlie\u00dft sich mir nicht, es sei denn, dass damit am Ende nur die unerw\u00fcnschten exegetisch-theologischen Ergebnisse gemeint sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wer hat ein Monopol zur Schriftauslegung<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p>In Staunen versetzt auch die Rede vom Auslegungsmonopol dieser fundamentalistisch-biblizistischen Auslegung: \u201eDie Bibel geh\u00f6rt doch zu allen Christenmenschen und es ist immer schief gegangen, wenn eine Gruppe das Auslegungsmonopol beanspruchte und diese \u201aRichtschnur\u2018 verwendet wird, um den Bibelgebrauch anderer zu entwerten\u201c (19). Dieser Satz ist ein Wort tiefer Wahrheit und man mag sich fragen, wie er in diesen Tagen in den Ohren der pietistischen Pfarrerinnen und Pfarrer in der Badischen Landeskirche klingt, denen gerade von ihrer Landeskirche untersagt wurde, auf den Webseiten ihrer Kirchengemeinden gleichgeschlechtliche Handlungen auf der Grundlage einer reflektierten, oben skizzierten Schriftexegese \u201ezu problematisieren\u201c. Wer hat hier ein Auslegungsmonopol?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde mir gerade bei dem inflation\u00e4ren Gebrauch der Begriffe \u201efundamentalistisch\u201c und \u201ebiblizistisch\u201c mehr Pr\u00e4zision, Klarheit und Eindeutigkeit w\u00fcnschen. Was ist gemeint und wer ist gemeint? Denn bevor ich der scharfen Kritik an einer fundamentalistischen oder biblizistischen Hermeneutik zustimme, w\u00fcsste ich gerne, ob es nicht meine eigene ist. Ich habe mich bislang weder f\u00fcr einen Fundamentalisten noch f\u00fcr einen Biblizisten gehalten, aber wer kann in diesen Zeiten des Umbruchs schon sicher sagen, wer oder was man ist?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie plural ist die evangelikale Bewegung<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Hauptproblem (von Teilen) der pietistischen und evangelikalen Bewegung sieht Michael Diener weiter darin, dass ihre fundamentalistische bzw. biblizistische Schriftauslegung nicht mehr \u201epluralit\u00e4tsf\u00e4hig\u201c ist (20), wobei er Pluralit\u00e4t \u201eals gleichberechtigte Geltung unterschiedlicher \u00dcberzeugungen in einem vorgegebenen Raum\u201c versteht (105). Entsprechend pl\u00e4diert er f\u00fcr eine \u201eglaubw\u00fcrdige Pluralit\u00e4t gerade auch in ethischen und gesellschaftspolitischen Fragen\u201c (38). Demgegen\u00fcber verabsolutiere man in (Teilen) der pietistischen und evangelikalen Bewegung den eigenen Standpunkt und grenzt Andersdenkende konsequent aus, was ein Reflex von \u201eIntoleranz\u201c und \u201ePluralit\u00e4tsverweigerung\u201c ist (37). Daraus ergibt sich f\u00fcr diese Bewegung ein Glaubw\u00fcrdigkeitsproblem (13). Entsprechend sorgt sich Diener \u2013 das ist ein sehr wesentlicher Punkt, der sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht \u2013 um die \u201eAu\u00dfenwirkung in der heutigen Zeit und Gesellschaft\u201c (21).<\/p>\n\n\n\n<p>Umgekehrt w\u00fcnscht sich Michael Diener Gemeinschaften, \u201edie einladend und offen, tolerant und nicht so auff\u00e4llig milieuverengt sind, wie seine Kinder das bisher weitgehend erfahren mussten\u201c (15). Er selbst ist froh und dankbar, dass er den Reichtum des Wortes Gottes neu erfahren kann, seit er nicht mehr mit \u201ebiblizistischen Handschellen, geknebelt und eingeengt, herumlaufen muss\u201c (72).<\/p>\n\n\n\n<p>Nun geh\u00f6rte \u201ePluralit\u00e4tsf\u00e4higkeit\u201c bislang tats\u00e4chlich noch nicht zum ethischen Kernkanon des Pietismus. Dieser war in den letzten 300 Jahren und bis heute tats\u00e4chlich st\u00e4rker darauf fokussiert, \u201erechenschaftsf\u00e4hig\u201c vor dem Richterstuhl Gottes zu sein (R\u00f6m 14,10\u201312). Allerdings konnte der Pietismus und Evangelikalismus seit dem 19. Jahrhundert immer wieder erstaunlich vielf\u00e4ltige Fr\u00f6mmigkeitsformen und Glaubensformen integrieren: Hier wurden mit der Evangelischen Allianz (1846) und dem CVJM-Weltbund (1855) die ersten internationalen \u00f6kumenischen Verb\u00e4nde geschaffen als man sich in den Landeskirchen aufgrund des landesherrlichen Kirchenregiments noch mit nationalistischen Abgrenzungen besch\u00e4ftigte. In der pietistisch-evangelikalen Bewegung kann man sich bis heute \u00fcber sehr unterschiedliche Tauf-, Abendmahls- und Kirchenverst\u00e4ndnisse sowie Fr\u00f6mmigkeitspr\u00e4gungen hinweg auch auf gemeinsame Evangelisationen, Kongresse und Projekte einigen. Seit den 90er Jahren gibt es gerade auf Allianzebene viele Beziehungen zum charismatisch-pentekostalen Fl\u00fcgel der Weltchristenheit. An pietistischen und evangelikalen Ausbildungsst\u00e4tten trifft sich m.&nbsp;E. keine geringere Bandbreite an Pluralit\u00e4t als an evangelisch-theologischen Fakult\u00e4ten, und auf Lausanner Kongressen keine geringere als bei den Vollversammlungen des \u00d6RK. Die Bandbreite ist nur an einem anderen Fl\u00fcgel des riesigen protestantischen Spektrums angesiedelt. Es ist immer eine Frage der Perspektive. Wenn ich die vielen Auseinandersetzungen \u00fcber verschiedene Fragen in der protestantischen Landschaft in den letzten drei Jahrzehnten ansehe, dann verteilen sich \u201ePluralit\u00e4tsverweigerung und Intoleranz\u201c im christlichen Spektrum ziemlich gleichm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Welche Bedeutung haben kulturelle Entwicklungen f\u00fcr ethische Entscheidungen<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p>Das leidenschaftlichste, l\u00e4ngste und vermutlich kontroverseste Kapitel ist das zw\u00f6lfte (167\u2013213), in dem es um \u201eumk\u00e4mpfte ethische Themenfelder\u201c geht. Im Anschluss an die <em>Transformatorische Ethik<\/em> von Thorsten Dietz und Tobias Faix bekennt sich Diener im Rahmen einer Verantwortungsethik zu den grundlegenden Prinzipien der Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit und der ethischen Leitfrage, wo etwas \u201egut\u201c ist (im Gegensatz zur Frage, wo etwas hingeh\u00f6rt bzw. wie etwas sein soll). Vor diesem Hintergrund fordert Diener dazu auf, bei der ethischen Urteilsfindung dem \u201etiefgreifenden Wandeln zwischen \u201adamals und heute\u2018\u201c Rechnung zu tragen, \u201edurch den sich die Rahmenbedingungen des Lebens weitreichend ver\u00e4ndert haben\u201c (177). Auch hier ist Diener die \u201eGlaubw\u00fcrdigkeit der pietistisch-evangelikalen Bewegung in der Gegenwart ein wesentliches Anliegen (178).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zentrum des Kapitels steht die Auseinandersetzung um die Sexualethik, welche die zweite H\u00e4lfte der Amtszeiten Michael Dieners sowohl als Gnadauer Pr\u00e4ses als auch als Vorsitzender der Evangelischen Allianz so stark gepr\u00e4gt hat. Er erz\u00e4hlt hier zun\u00e4chst sehr offen und ehrlich von seinem eigenen biographischen Weg, der ihn zu einer grundlegend neuen Sicht auf dieses Thema gef\u00fchrt hat und ihn \u201einnerlich hinauswachsen\u201c lie\u00df \u00fcber Leitungsverantwortungen in der pietistischen und evangelikalen Welt (187). Seine neue Bewertung der \u201eBedeutung kultureller Entwicklungen f\u00fcr ethische Entscheidungen\u201c ist f\u00fcr ihn der Schl\u00fcssel f\u00fcr seine ethische Neuorientierung nicht nur in sexualethischen Fragen. Ein anderer ist die Einsicht, dass die biblischen \u00dcberlieferungen (und \u00fcberhaupt die antike Welt) das Ph\u00e4nomen homosexueller Orientierung und Identit\u00e4t nicht kannten und die einschl\u00e4gigen Belege zur Thematik \u201everantwortlich gelebte Liebesbeziehungen zweier gleichberechtigter Menschen\u201c nicht vor Augen hatten. Entsprechend tritt Diener mittlerweile konsequent f\u00fcr die \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c und die uneingeschr\u00e4nkte Gleichstellung von homosexuellen zu heterosexuellen Partnerschaften auch im Raum der Gemeinde ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ver\u00e4nderten kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind wiederum der ausschlaggebende Grund, warum verantwortlich gelebte Sexualit\u00e4t ihren Rahmen nicht nur in einer Ehe finden kann.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie vermeidet man ein \u201eanything goes\u201c in der Sexualethik<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist im Rahmen einer Rezension nicht der Ort, \u00fcber die Deutung der biblischen und antiken Texte zu diskutieren. Ich m\u00f6chte aber die Frage stellen, ob Michael Dieners absichernde Bemerkung am Ende seines Pl\u00e4doyers f\u00fcr eine sexualethische Liberalisierung, dass es ihm nat\u00fcrlich nicht um ein \u201eanything goes\u201c geht (202), nicht ein Dilemma offenbart. An die Stelle biblischer Ordnungen und Gebote tritt nun eine Art postmoderner Workshop, in dem anhand verschiedener \u201eGrundakzente\u201c wie Freiwilligkeit, Verantwortlichkeit, Verbindlichkeit, Respekt vor dem Gegen\u00fcber, Ehrlichkeit und Bereitschaft zur Treue und zu Vergebung und Neuanfang\u201c ein \u201everantwortlicher Gestaltungsraum neu bearbeitet wird\u201c (202). Ich w\u00fcnsche allen Eltern, Teenager-, Jugendkreis- und Gemeindeleitungen viel Spa\u00df dabei! Hier wird Sexualethik im Rahmen eines Do-it-yourself-Bastelkurses formatiert, bei dem die leitenden Prinzipien und Grundakzente in etwa so viel Hilfe bieten wie eine Bauanleitung auf Chinesisch. Wie sollen 13- und 14j\u00e4hrige Teenager, um die es hier geht, mit etwas zurechtkommen, mit dem schon Erwachsene \u00fcberfordert sind? Der Gedanke, dass sich in Gottes Ordnungen der Sch\u00f6pfer seinen Gesch\u00f6pfen in einer Weise mitteilt und offenbart, die hilfreich und lebensf\u00f6rdernd ist, kommt hier nicht mehr in den Blick.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Soll eine Bewegung ihre Theologie und Ethik \u00e4ndern, um ihre Au\u00dfenwirkung zu verbessern<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine letzte Frage bezieht sich auf die gro\u00dfe Sorge um die \u201eAu\u00dfenwirkung [sc. der pietistischen und evangelikalen Bewegung] in der heutigen Zeit und Gesellschaft\u201c (21). Dass diese Bewegung vor diesem Forum wieder Glaubw\u00fcrdigkeit gewinnt, ist das Grundanliegen dieses Buches, wie der Untertitel verdeutlicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael Diener greift damit ein neutestamentliches Anliegen auf. Die Gemeinde Jesu Christi soll keinen Ansto\u00df erregen, \u201eweder bei Juden noch bei Griechen\u201c (1Kor 10,32f), und einen \u201eguten Ruf\u201c haben (vgl. 1Tim 3,7), damit sie \u201eihr Licht leuchten lassen kann vor den Menschen\u201c (Mt 5,16). So weit, so klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings liegt es niemals nur an einer Gemeinde bzw. Bewegung, wie die Au\u00dfenwelt sie wahrnimmt. Als man die fr\u00fchen Christen im R\u00f6mischen Reich im Rahmen des Kaiserkultes n\u00f6tigen wollte, dem als Gott verehrten Kaiser ein Opfer zu bringen, waren f\u00fcr die Gemeinde die Spielr\u00e4ume f\u00fcr eine positive Au\u00dfendarstellung und Imagepflege pl\u00f6tzlich ziemlich eingeschr\u00e4nkt. Ihre Glaubw\u00fcrdigkeit gewann sie damals nicht durch eine Steigerung ihrer Pluralit\u00e4tsf\u00e4higkeit, sondern dadurch, dass sie Gott mehr gehorchte als den Menschen und den Weg des Leidens ging. Nun stehen wir in unserer s\u00e4kularisierten Gesellschaft nicht vor der Herausforderung der fr\u00fchen Christenheit, das will ich sehr deutlich sagen. Aber mir erschlie\u00dft sich nicht, warum die Au\u00dfenwirkung auf die sp\u00e4tmoderne Gesellschaft in Westeuropa und Nordamerika das ausschlaggebende Argument f\u00fcr die theologische und ethische Kurs\u00e4nderung einer \u00fcber 300 Jahre alten Bewegung sein soll.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Warum sollte sich der Pietismus an der Pluralit\u00e4tsf\u00e4higkeit der EKD ein Beispiel nehmen<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Pl\u00e4doyer Michael Dieners w\u00fcrde mich deutlich mehr \u00fcberzeugen, wenn sich der von ihm gelobte EKD-Protestantismus mit seiner vorbildlichen Pluralit\u00e4tsf\u00e4higkeit vor Zulauf nicht mehr retten k\u00f6nnte und die Massen bei seinen offenen, einladenden, toleranten und in keiner Weise milieuverengten Gemeinden die Kirchent\u00fcren einrennen w\u00fcrden. Mir w\u00fcrde es auch schon reichen, wenn es wenigstens die eigenen Mitglieder tun w\u00fcrden. Aber dieser Protestantismus verliert gerade jedes Jahr etwa 2% seiner Mitglieder. Selbst an den Heiligabendgottesdiensten hat sich die Zahl der Besucher in 14 Jahren von 51% im Jahre 2005 um 30% auf 21% im Jahr 2019 (und das war vor der Pandemie!) reduziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum soll der Pietismus der Hermeneutik, Theologie und Ethik eines Protestantismus folgen, der sich in Europa gerade im freien Fall befindet?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie ver\u00e4ndert Gott seine Gemeinde<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p>Die grundlegende Frage, die Michael Diener in seinem Buch stellt, ist die Frage nach der Ver\u00e4nderung der Gemeinde im Wandel der Zeiten. Diese Ver\u00e4nderungen hat es in der Geschichte des Volkes Gottes im alten und neuen Bund immer gegeben und sie stehen auch Kirche und Pietismus bevor. Davon bin auch ich \u00fcberzeugt. Aber diese Ver\u00e4nderungen vollziehen sich nie einfach durch die Anpassung an eine dominierende Leitkultur, sondern weil Gott neu handelt, in neuer Weise wirkt durch neu ge\u00f6ffnete Augen f\u00fcr das Wort Gottes (Martin Luther und die Reformation), durch das Wirken seines Geistes in Zeiten der Erweckung, durch das Wachstum oder das Zusammenwachsen seines Volkes (Evangelische Allianz, Weltchristenheit). Es ist immer Gottes Wort und Geist, die seine Gemeinde ver\u00e4ndern und die Gemeinde wird dieses ver\u00e4ndernde Wirken Gottes auch in seinem Wort wiedererkennen. Genau das ist das Problem an unserer leidigen Diskussion um die Bewertung homosexueller Handlungen: Zu viele Menschen k\u00f6nnen nicht erkennen, dass der geforderte Wandel durch Gottes Wort und Geist best\u00e4tigt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gemeinde kann ihre Theologie und Ethik nie allein deshalb \u00e4ndern, weil sich das Wahrheitsbewusstsein der jeweiligen Gegenwart ver\u00e4ndert hat und ihre Au\u00dfendarstellung deshalb unattraktiv ist. Sie kann die \u201eGestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung\u201c nicht \u201edem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen \u00dcberzeugungen \u00fcberlassen\u201c (2. These der Barmer Theologischen Erkl\u00e4rung von 1934). Sie kann und muss zweifellos ihre evangelistische Verk\u00fcndigung neu formulieren, damit Menschen sie verstehen, sie wird ihre Homepage und den Schaukasten immer wieder attraktiv gestalten, damit man sie \u00fcberhaupt ansieht, aber sie kann nicht die Quelle manipulieren, von der sie lebt. Vielmehr darf sie glauben, dass Gott es in seiner Offenbarung gut mit uns meint und er uns das, was wir brauchen, nicht vorenth\u00e4lt \u2013 auch wenn wir nicht alles bekommen, was wir uns w\u00fcnschen. Wer ver\u00e4ndern will, muss in der Schrift und den geistlichen Sch\u00e4tzen der Gemeinde zu graben beginnen und darum beten, dass Gottes Geist seiner Gemeinde Frieden und Freude \u00fcber den neuen Wegen gibt. Nur so wird man den Kompass im Blick behalten und die Gemeinde f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael Diener hat an die pietistische und evangelikale Bewegung viele Anfragen gestellt und manche Anklage erhoben. Inwieweit diese Streitschrift bei dem m\u00fchsamen Weg durch die in der Tat einschneidenden Ver\u00e4nderungen der Gegenwart hilft, wird sich zeigen. Was das Buch erreicht ist eine Sch\u00e4rfung des Blicks auf grundlegende Fragen des Glaubens, des Bibelverst\u00e4ndnisses und der Ethik. Dabei hat der Autor bewusst provoziert. Auch das sch\u00e4rft den Blick und kl\u00e4rt die Fronten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ja, soviel Ehrlichkeit muss am Ende dieser Rezension sein: Es gibt in der pietistischen und evangelikalen Bewegung vieles, wof\u00fcr auch ich mich sch\u00e4me: Es gibt fromme Querdenker, Verschw\u00f6rungstheoretiker, Corona-Leugner, Homo-Hasser, Trump-Fans, Rechtsextreme und PEGIDA-Demonstranten, die auch mir Mails und Briefe schreiben und den Alltag eintr\u00fcben. Auch mir ist vieles peinlich, was so alles unter der Flagge des Pietismus oder Evangelikalismus daherkommt. Aber es sind und bleiben Schwestern und Br\u00fcder, die man manchmal aushalten muss, so wie auch Michael Diener mein Bruder bleibt, der mich und den ich aushalten muss, auch wenn sich unsere Perspektiven unterscheiden. Es sind Zeiten, in denen wir es lernen m\u00fcssen, Menschen, Konflikte und Trennungen auszuhalten. M\u00f6ge es Gott schenken, dass auch wieder Zeiten kommen, in denen wir wieder zueinander finden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Volker G\u00e4ckle, Rektor der Internationalen Hochschule Liebenzell<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Diener: Raus aus der Sackgasse! 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