{"id":1553,"date":"2022-04-27T16:36:14","date_gmt":"2022-04-27T16:36:14","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1553"},"modified":"2022-04-27T16:36:15","modified_gmt":"2022-04-27T16:36:15","slug":"heinrich-assel-elementare-christologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1553","title":{"rendered":"Heinrich Assel: Elementare Christologie"},"content":{"rendered":"\n<p>Heinrich Assel: <em>Elementare Christologie<\/em>, 3 Bde. (Erster Band: <em>Vers\u00f6hnung und neue Sch\u00f6pfung<\/em>; Zweiter Band: <em>Der gegenw\u00e4rtig erinnerte Jesus<\/em>; Dritter Band: <em>Inkarnation des Menschen und Menschwerdung Gottes<\/em>), G\u00fctersloh: G\u00fctersloher Verlagshaus, 2020, 542+360+431\u00a0S., Hardcover, \u20ac\u00a098,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Buch\/Elementare-Christologie\/Heinrich-Assel\/Guetersloher-Verlagshaus\/e402551.rhd\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Buch\/Elementare-Christologie\/Heinrich-Assel\/Guetersloher-Verlagshaus\/e402551.rhd\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-579-08136-6<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>In drei B\u00e4nden legte der Greifswalder Theologe Heinrich Assel 2020 seine Christologie vor. Dabei geht es ihm nicht um \u201earbitr\u00e4re\u201c Zusammenh\u00e4nge, sondern um einen Aufbau aus analytischen und kombinatorischen Elementen. In diesem Sinne beansprucht der vorliegende Entwurf systematische <em>Vollst\u00e4ndigkeit<\/em>. Als die grundlegende Aufgabe einer systematischen Christologie wird bestimmt, dass sie Rechenschaft abgeben soll von all den konkreten, mimetischen, sakramentalen und k\u00fcnstlerischen Ausdr\u00fccken des Glaubens an Jesus Christus (I, 20).<\/p>\n\n\n\n<p>Der gew\u00e4hlte Leitfaden stellt dabei auch einen Schwerpunkt von Assels bisherigen Ver\u00f6ffentlichungen dar. Die Christologie wird ganz auf die <em>Vers\u00f6hnung<\/em> gedeutet, die durch das Christusgeschehen gestiftet wurde. Dabei besteht der Ausgangspunkt nicht in dogmatischen Axiomen, sondern in der konkret vorliegenden Christus-Erinnerung der verschiedenen \u201eChristent\u00fcmer\u201c und ihrem Ausdruck in greifbaren Vers\u00f6hnungs\u00adhandlungen. Dies wird beispielhaft an der deutsch-polnischen Vers\u00f6hnung nach dem zweiten Weltkrieg dargestellt, bei der die jeweiligen Kirchen eine wesentliche Rolle spielte. Hieraus ergibt sich die innere Ordnung von Assels Christologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Band handelt von der <em>Vers\u00f6hnung<\/em>, die durch Christus geschieht, und hat damit material zuerst den Tod Jesu im Blick. Weil hier die Liebe Gottes wesentlich zum Ausdruck kommt, bedeutet f\u00fcr Assel eine theologia crucis zugleich eine theologia trinitatis. Vers\u00f6hnung bedeutet der Tod Jesu vor allem deshalb, weil hier eine Stellvertretung stattfindet. Welcher Art die Stellvertretung ist, wird ausf\u00fchrlich diskutiert. Dabei werden gewinnbringend die Reflexionen j\u00fcdischer Religionsphilosophen einbezogen. Mit der Auferstehung als dem zweiten Element kommt auch die <em>Neusch\u00f6pfung<\/em> in das Blickfeld. So wie die Auferstehung auf den Tod zur\u00fcckbezogen werden muss, so kann auch der Tod auf die Auferstehung hin verstanden werden. Erst hier wird Vers\u00f6hnung also vollst\u00e4ndig, n\u00e4mlich in der Rechtfertigung des Sch\u00f6pfers durch die Auferstehung, durch die \u201eschwache Macht\u201c Christi, sowie durch die konkrete Kirche (unter starkem Bezug auf Bonhoeffers weltbezogene Theologie).<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Band behandelt den <em>gegenw\u00e4rtig erinnerten Jesus<\/em>. Als die relevante \u201eErinnerung\u201c gilt hier der neutestamentliche Kanon und vor allem die vier biblischen Evangelien. Hier vor allem dr\u00fcckt sich Assels Orientierung an der neueren literaturwissenschaftlichen Exegese aus. Gesucht wird n\u00e4mlich nicht nach einem historischen Jesus hinter den Texten, sondern nach dem Jesus, an den sich durch die Texte erinnert wird. Der Gewinn dieser hermeneutischen Entscheidung liegt darin, dass die Dogmatik ihrem eigenen Anspruch nach ganz in dem Horizont steht, den der biblische Text bietet. Exemplarisch daf\u00fcr mag die Figur des Verr\u00e4ters Judas stehen, die man nach Assels Ansicht nicht uminterpretieren k\u00f6nne. Sie sei nicht \u201e\u00fcberzubestimmen\u201c, sondern in ihrer \u201eFunktion f\u00fcr die narrative Kontingenz des erinnerten Jesus zu wahren\u201c (II, 28). Christologisch fruchtbar sind f\u00fcr Assel die Gleichnissreden Jesu, die Bergpredigt, die Abendmahlseinsetzung und zuletzt das Kennzeichen Jesu als armer (und leidender) Mensch. Die Erinnerung an die Gleichnisse und die Bergpredigt deutet Jesu Leben im Zusammenhang mit seiner Predigt vom Reich Gottes, sch\u00e4rft eine christologisch erlernte Urteilskraft im H\u00f6rer und stellt Jesus als Lehrer und Vorbild vor Augen. Die Erinnerung an das Abendmahl, das dazugeh\u00f6rige Dankgebet und schlie\u00dflich an die Institution des Heiligen Geistes belebt die Stiftungen Jesu f\u00fcr die J\u00fcnger. Zuletzt begr\u00fcndet die Armut Jesu ein humanchristologisches Glaubensbekenntnis, in dem er zugleich Richter wie auch Richtma\u00df der g\u00f6ttlichen Gerechtigkeit darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Band hat zuletzt die <em>Inkarnation<\/em> zum Thema. Hier geht es Assel allerdings nicht allein um die Menschwerdung Gottes, sondern vor allem auch um die <em>Menschwerdung des Menschen<\/em>. Den gr\u00f6\u00dften Teil dieses Bandes bildet eine ausf\u00fchrliche Darstellung der Inkarnationsdiskussion von der fr\u00fchen Kirche bis in die Gegenwart. Hier wird unterschieden zwischen der Epoche vor Calcedon, nach Calcedon, der Reformation und schlie\u00dflich der (christologiekritischen) Neuzeit und Moderne. Anhand dieser Darstellung soll nun das Wesentliche an der Inkarnation reflektiert werden. Das Ziel ist allerdings keine Konstruktion einer christologischen Metaphysik von Sch\u00f6pfung, Offenbarungsgeschichte und Erl\u00f6sung. Stattdessen wird angenommen, dass gerade in den (innovativen) Unterbrechungen der jeweils herrschenden Inkarnationsmodelle das Wesentliche zu entdecken ist. Das Ziel ist also eine Nachzeichnung der Transformation der Inkarnationslehre. Seine eigene Position entwickelt Assel zuletzt in Orientierung am j\u00fcdischen Philosophen Emmanuel Levinas, der seiner Meinung nach den markantesten neueren Fortschritt zur Philosophie der Inkarnation darstellt (III, 216). Vor allem hier l\u00f6st Assel seinen Anspruch ein, religionsdialogisch vorzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vorliegende Christologie zeichnet sich durch ihren ungew\u00f6hnlichen Umfang und durch ihr starkes Interesse an der interdisziplin\u00e4ren Arbeit aus. So finden sich ausf\u00fchrliche theologie-geschichtliche, exegetische und philosophische Exkurse. Anerkennen muss man auch die gro\u00dfe Gelehrtheit des Autors, die inhaltlich und im Duktus zum Ausdruck kommt. Hier kann man allerdings auch kritisch anmerken, dass eine komplizierte Sprache den Zugang erschwert.<\/p>\n\n\n\n<p>Assel orientiert sich bewusst an der neueren literaturwissenschaftlichen Exegese, etwa an Mois\u00e9s Mayordormo. Wesentliches Kennzeichen der ausf\u00fchrlichen Einzelauslegungen ist damit der Fokus auf der Erz\u00e4hlung (<em>plot<\/em>) und der dazugeh\u00f6rigen Meta-Erz\u00e4hlung (<em>Fabel<\/em>), au\u00dferdem die Festlegung der Funktion einzelner Figuren und die Frage nach den verschiedenen intendierten Lesern. Der Gesamtentwurf ist explizit als eine textsemiotische und rezeptions-narratologische Christologie zu verstehen. Diese enge Bindung an die Auslegungswissenschaft muss gerade aus evangelikaler Sicht positiv hervorgehoben werden. Gleichzeitig tritt an einigen Stellen die Frage auf, ob der biblische Text manchmal nicht allzu sehr von der Wirklichkeit getrennt wird, die er beschreiben will.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Einbezug j\u00fcdischer Religionsphilosophie erweist sich in weiten Teilen als fruchtbar und ist allgemein \u00e4u\u00dferst lehrreich. Dies betrifft etwa wichtige Themen wie die Stellvertretung und verschiedene exegetische Teilst\u00fccke. Gleichzeitig ger\u00e4t Assel auch an die Grenzen des spezifisch Christlichen. So bleibt es fraglich, ob sich Assels religionsdialogisch bedingtes Inkarnationskonzept bew\u00e4hren kann. Dieser Grenzgang kann grunds\u00e4tzlich als ein Merkmal unterschiedlicher Gestalten moderner Theologie gelten, und er ist auch im Fall von Assels Christologie eine bewusste Entscheidung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Resultat ist insgesamt eine sehr lehrreiche und weit gefasste Reflexion dar\u00fcber, was es hei\u00dft, sich im Namen Jesus Christus zu orientieren (I, 17). Der Leser findet nicht nur einen eigenen christologischen Entwurf, sondern an vielen Stellen auch ein ausf\u00fchrliches Lehrwerk vor. Interessant ist dieses Werk Assels vor allem f\u00fcr diejenigen, die sich im Rahmen theologischer Arbeit mit dem Gebiet der Christologie auseinandersetzen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Viktor Martens, M.A., ist Gemeindereferent der ECB G\u00fcnzburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heinrich Assel: Elementare Christologie, 3 Bde. (Erster Band: Vers\u00f6hnung und neue Sch\u00f6pfung; Zweiter Band: Der gegenw\u00e4rtig erinnerte Jesus; Dritter Band:<\/p>\n","protected":false},"author":38,"featured_media":1556,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1553","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1553","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/38"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1553"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1553\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1557,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1553\/revisions\/1557"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1556"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1553"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1553"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1553"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}