{"id":1558,"date":"2022-04-27T16:38:23","date_gmt":"2022-04-27T16:38:23","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1558"},"modified":"2022-04-27T16:38:27","modified_gmt":"2022-04-27T16:38:27","slug":"susanne-schroeter-allahs-karawane","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1558","title":{"rendered":"Susanne Schr\u00f6ter: Allahs Karawane"},"content":{"rendered":"\n<p>Susanne Schr\u00f6ter: <em>Allahs Karawane. Eine Reise durch das islamische Multiversum<\/em>, M\u00fcnchen: Beck, 2021, kt., 203\u00a0S., \u20ac\u00a016,95, ISBN <a href=\"https:\/\/www.chbeck.de\/schroeter-allahs-karawane\/product\/32392617\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.chbeck.de\/schroeter-allahs-karawane\/product\/32392617\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-406-77492-8<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Wir leben in einer Zeit, in der das Bild des Islam und die Wahrnehmung von Muslimen in unserer westlichen \u00d6ffentlichkeit recht leicht auf einige problematische Aspekte reduziert wird. Vereinfacht werden Islam und Muslime mit Selbstmordanschl\u00e4gen, Gewalt, Unterwanderung der Demokratie, religi\u00f6sem \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl und wirtschaftlich und kulturell r\u00fcckst\u00e4ndigen L\u00e4ndern in Verbindung gebracht. In den letzten Jahrzehnten haben gro\u00dfe Schlagzeilen zu tages- und weltpolitischen einschneidenden Ereignissen die Wahrnehmung im Westen gepr\u00e4gt. Dabei wird schnell \u00fcbersehen, dass viele Muslime auf diesem Planeten sich eigentlich nichts anders w\u00fcnschen, als viele Menschen in der westlichen Welt, n\u00e4mlich in Ruhe und Frieden ihr Leben zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Schr\u00f6ters Buch folgt nicht den ausgetretenen Pfaden vereinfachender Verallgemeinerungen oder bagatellisierender Schematisierungen, was sich im Untertitel des Buches \u201eEine Reise durch das islamische Multiversum\u201c niederschl\u00e4gt. Dies ist bereits ein wertvoller Beitrag. Ihre bisherige Forschung z.&nbsp;B. zu Biograien von Frauen im Islam oder auch zur Gruppe der Ahmadiyya-Muslime besch\u00e4ftigte sich mit den R\u00e4ndern des Islams. Ihre Forschung an den R\u00e4ndern scheint auch in dem vorliegenden Buch immer wieder durch, nicht zuletzt bei der kritischen Auseinandersetzung mit einzelnen Aspekten ihres Themas. Das ist aber weder ein Hindernis noch ein Problem f\u00fcr das vorliegende Buch, sondern ein wertvoller Beitrag f\u00fcr wichtige Auseinandersetzungen. Es ist bedauerlich, dass manche Begrifflichkeit irritiert wie beispielsweise die \u201eeiner hermeneutischen Koranexegese\u201c (160). Exegese wird stets von einer Hermeneutik getragen und ist in diesem Sinne immer \u201ehermeneutisch\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp; Die Einblicke in das islamische Multiversum wirken wie ein Florilegium, bei dem Auswahlkriterien nicht dargelegt werden. Bisweilen sind die Entscheidungen ihrer Wahl nachvollziehbar, aber nicht immer. Aber vielleicht bestehen der Wert und die St\u00e4rke einer bunten Sammlung disparater Ph\u00e4nomene darin, dass sie einer begr\u00fcndeten und nachvollziehbaren Logik entbehrt. Man darf und sollte nicht erwarten, dass die Beispiele repr\u00e4sentativ f\u00fcr den Islam oder die Muslime in dem jeweiligen Land sind. Wenn Hijras, biologische M\u00e4nner mit weiblicher Identit\u00e4t, mit dem Untertitel \u201eZwischen Bordell und Schrein\u201c das Kapitel \u201ePakistan\u201c f\u00fcllen, ist das interessant, aber eben nicht repr\u00e4sentativ. In der Regel liefern die Einblicke einen guten \u00dcberblick \u00fcber wichtige, h\u00e4ufig vernachl\u00e4ssigte Aspekte der jeweiligen geographischen Region, ihrer Geschichte und gesellschaftlich-politischen Dynamik. Dieser \u00dcberblick ist ein guter Einstieg und vermittelt eine hilfreiche Orientierung, was nicht zuletzt durch die Zusammenstellung wichtiger Perspektiven aus der Sekund\u00e4rliteratur gelingt. So kann Schr\u00f6ters Buch zum Einlesen in verschiedene spannende und wertvolle Aspekte und Ph\u00e4nomene f\u00fchren. Es wird die Spannung einer kolonialen Geschichte mit Spuren im politischen System und aktuellen Dynamiken beispielsweise im Falle Omans angedeutet (78\u201382). Das wird leider nicht vertieft. Ob das Programm des Opernhauses die Last von Schr\u00f6ters weitreichender Aussage tragen kann, w\u00e4re sicherlich noch einmal zu \u00fcberpr\u00fcfen: \u201eMit dem Programm seiner Oper konnte Sultan Qabus erfolgreich demonstrieren, dass eine Integration internationaler und arabisch-islamischer Kulturproduktionen m\u00f6glich ist\u201c (82). Das wirkt recht optimistisch, steht in Spannung zu dem, was sie \u00fcber das Verh\u00e4ltnis des Sultans zur religi\u00f6sen Elite zu sagen wei\u00df (87), und ist stark auf Veranstaltungen fixiert. Auch die Ebenb\u00fcrtigkeit von Opernhaus und Moschee k\u00f6nnte man noch einmal reflektieren. Ist das \u201enur\u201c mit Blick auf das Geb\u00e4ude gesagt? Was ist mit den Au\u00dfenanlagen der Moschee? Werden sie ausreichend in den Blick genommen?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Randst\u00e4ndige kommt mit ihren Forschungsinteressen bei der Darstellung des muslimischen Feminismus anhand von Amina Wadud (111\u2013117) ebenso zum Ausdruck. Schr\u00f6ter widmet diesem Aspekt auffallend viele Seiten, spricht von einer \u201emuslimischen Subkultur\u201c (115), die sich in den USA herausgebildet hat, und betont, dass dies nur ein Teil einer \u201eumfassenderen Landkarte des progressiven Islams in den USA\u201c (117) darstellt. Auch die folgenden Kapitel zu Malaysia und der Beschreibung interessanter Dynamiken bei den Minangkabau sind davon getragen. Dieser bereichernde Aspekt des vorliegenden Buches wird aber an einigen Stellen dadurch getr\u00fcbt, dass manche Perspektive und Schlussfolgerung \u00fcberraschend und missverst\u00e4ndlich wirkt. Inwiefern \u201eprofitieren in erster Linie Frauen und M\u00e4dchen\u201c von Entscheidungen, die im Kontext des <em>zar<\/em>-Kultes getroffen werden (60)? Die sich daran anschlie\u00dfenden Ausf\u00fchrungen erwecken an manchen Stellen den Eindruck, als ob dieser Kult und die zentrale Stellung von Frauen von ihnen \u201ebenutzt\u201c werden k\u00f6nnte, um eigene Ziele im Kontext einer Gesellschaft zu verfolgen, die von M\u00e4nnern dominiert wird (vgl. 67, 71). Ob diese Beschreibung den Dynamiken gerecht werden kann, bleibt fraglich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schwerpunkt auf die besondere Situation von Minderheiten (im asiatischen Kontext, insbesondere in China) und von Frauen kann als besondere St\u00e4rke angesehen werden. Insgesamt h\u00e4lt sich die Verfasserin mit wertenden Urteilen recht stark zur\u00fcck. An wenigen Stellen durchbricht sie diese Anlage und das geschieht nicht immer auf gute Weise. Sie macht bisweilen recht weitreichende Aussagen, die vielleicht mehr ihren W\u00fcnschen und ihren Zielen entsprechen als dem beschriebenen Sachverhalt. Das auff\u00e4lligste Beispiel tritt bemerkenswerterweise zutage, als sie von dem Kontext spricht, der ihr am n\u00e4chsten steht: \u201eIn Deutschland haben sich trotz einer starken Pr\u00e4senz islamistischer Organisationen bemerkenswerte Ans\u00e4tze progressiver muslimischer Theologien herausgebildet. Das ist das Ergebnis der Einrichtung islamischer Lehrst\u00fchle an staatlichen Hochschulen. Parallel zu diesem wissenschaftlichen Aufbruch lassen sich auch in der Praxis neue Formate erkennen\u201c (157). Im ersten Satz k\u00f6nnte man im Grunde \u00fcber jedes einzelne Adjektiv diskutieren. Die Reihenfolge der beiden folgenden S\u00e4tze und ihre gegenseitige Zuordnung wirft eine Vielzahl an Fragen auf. Der optimistische Ton der Aussage wird sich in den n\u00e4chsten Jahren erst noch bewahrheiten m\u00fcssen. Die Wirkungen von Khorchides Entw\u00fcrfen k\u00f6nnen m.&nbsp;E. im Moment nicht bewertet werden. Man mag Schr\u00f6ters Begeisterung (\u201eNiemand hat den Islam hierzulande in einer sympathischeren Weise gezeichnet, hat ihn glaubhafter entd\u00e4monisiert und dadurch einen unsch\u00e4tzbaren Beitrag gegen Islamfeindlichkeit geleistet\u201c; 161) f\u00fcr Khorchide teilen oder auch nicht. Es ist bedauerlich, dass wichtige Aspekte der Dynamik seiner Ablehnung durch muslimische Verbandvertreter von Schr\u00f6ter nur kurz erw\u00e4hnt und bedauert, aber nicht vertiefend reflektiert werden. Die Frage, wie \u201eliberale Initiativen\u201c von Muslimen hierzulande wahrgenommen werden, beantwortet Schr\u00f6ter bezeichnenderweise auf einer guten Seite mit einer pers\u00f6nlichen Begegnung, die sie hoffnungslos beschreibt, und mit der Aussage, dass eine liberale Moschee in Berlin nach vier Jahren \u201egut etabliert\u201c sei (171).<\/p>\n\n\n\n<p>Schr\u00f6ters Gegen\u00fcberstellung von Ourghi und Khorchide ist aufschlussreich: \u201eW\u00e4hrend Khorchide fest in multireligi\u00f6sen akademisch-theologischen Kreisen verankert ist, bewegte sich Ourghi eine Zeitlang in den Netzwerken s\u00e4kularer Muslime und agiert zunehmend als Einzelk\u00e4mpfer\u201c (162). Die Pr\u00e4sentation von Ourghi ist von der Einsch\u00e4tzung gepr\u00e4gt, dass seine Gedanken \u201eradikaler, zorniger und unvers\u00f6hnlicher\u201c (162) sind. Dabei kommen wichtige Aspekte zur Sprache wie die Beschreibung Muhammads und Interpretation seiner Person in diesen Entw\u00fcrfen. Allerdings ist bedauerlich, dass man auf diesen Seiten vergeblich nach Hinweisen sucht, welche Bedeutung diese Frage f\u00fcr Muslime durch die Jahrhunderte und mit Blick auf ihre Quellentexte hat, um diese Beschreibungen einordnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Heiko Wenzel, Ph.D. (Wheaton), ist Mitarbeiter am Akkreditierungsprojekt Campus Danubia in Wien<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Susanne Schr\u00f6ter: Allahs Karawane. Eine Reise durch das islamische Multiversum, M\u00fcnchen: Beck, 2021, kt., 203\u00a0S., \u20ac\u00a016,95, ISBN 978-3-406-77492-8 Wir leben<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":1559,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1558","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1558","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1558"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1558\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1560,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1558\/revisions\/1560"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1559"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1558"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1558"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1558"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}