{"id":1561,"date":"2022-04-27T16:41:11","date_gmt":"2022-04-27T16:41:11","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1561"},"modified":"2022-04-27T16:41:13","modified_gmt":"2022-04-27T16:41:13","slug":"michael-blake-zwischen-gerechtigkeit-und-gnade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1561","title":{"rendered":"Michael Blake: Zwischen Gerechtigkeit und Gnade"},"content":{"rendered":"\n<p>Michael Blake: <em>Zwischen Gerechtigkeit und Gnade. Eine Ethik der Migrationspolitik<\/em>,Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (wbg academic), 2021, geb., 351\u00a0S., \u20ac\u00a036,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.wbg-wissenverbindet.de\/shop\/35052\/zwischen-gerechtigkeit-und-gnade\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.wbg-wissenverbindet.de\/shop\/35052\/zwischen-gerechtigkeit-und-gnade\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-534-27254-9<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Michael Blake, Philosophieprofessor an der University of Washington, schreibt unter dem Eindruck der Pr\u00e4sidentschaft Donald Trumps (2017\u20132021). Die Versch\u00e4rfung des Einwanderungsrechts durch Trump verurteilt Blake durchgehend als \u201eungn\u00e4dig\u201c und z.&nbsp;T. als \u201eungerecht\u201c, f\u00fchrte sie doch z. B. dazu, dass Kinder \u201eirregul\u00e4r eingereister Personen\u201c von den Eltern getrennt und in Einrichtungen verbracht wurden, \u201edie Straflagern \u00e4hneln\u201c (299). Der Satz zeigt, dass Blake den Begriff \u201eillegal\u201c nie in Bezug auf Menschen anwendet, sondern Personen, die auf nicht-erlaubte Weise einwandern, mit den Formulierungen \u201eirregul\u00e4r\u201c und \u201eundokumentiert\u201c versieht. Damit nimmt Blake das Anliegen der Aktion \u201eKein Mensch ist illegal\u201c auf, ohne deren Pr\u00e4misse der offenen Grenzen zu teilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Blakes Gerechtigkeitskonzept fu\u00dft auf dem Entwurf von John Rawls, das er um die Idee der Gnade erweitert. Deutsche Denker werden nur zitiert, wenn sie entweder in den USA lehren (wie Thomas Pogge, 138) oder schon lange tot sind (wie Immanuel Kant, 227). Damit macht Blake deutlich, wie provinziell die gegenw\u00e4rtige deutschsprachige Wissenschaft geworden ist, dass sie international kaum noch rezipiert wird, und das, obwohl Blake bei einer Summer School des philosophischen Instituts Bochum referierte. Ein Bochumer Lehrstuhlmitarbeiter, Thorben Knobloch, hat Blakes Buch ins Deutsche \u00fcbersetzt (engl. <em>Justice, Migration, and Mercy, <\/em>Oxford: UP, 2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Gerechtigkeit ist die erste Tugend eines liberalen Staates. Ein Staat handelt gerecht, wenn bei der Zuweisung von Grundrechten keine willk\u00fcrlichen Unterschiede gemacht werden. Blakes Hauptthese ist, dass Gerechtigkeit nicht grunds\u00e4tzlich offene Grenzen verlangt. Nur Fl\u00fcchtlinge (refugees) haben auf der Basis international anerkannter Fluchtgr\u00fcnde von vornherein ein Recht auf Einreise zwecks Zuflucht (refuge). Da dies in liberalen Staaten unbestritten ist, geht Blake im weiteren Verlauf nicht mehr darauf ein. Er behandelt ausschlie\u00dflich \u201eMigration\u201c, die er so definiert, dass jemand \u201ean einen neuen Ort zu ziehen und ihn zu seinem eigenen zu machen\u201c begehrt (61). Eine Person, die aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden ihr Heimatland verl\u00e4sst, ist in seinen Augen kein Fl\u00fcchtling, sondern eine \u201eMigrantin\u201c. Es hat sich blo\u00df im Deutschen eingeb\u00fcrgert, \u201eMigranten\u201c und \u201eFl\u00fcchtlinge\u201c bzw. \u201eGefl\u00fcchtete\u201c mehr oder weniger synonym zu verwenden. Blake legt stattdessen Wert auf eine exakte Terminologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen die Forderung nach offenen Grenzen sprechen \u201edie besonderen Verpflichtungen &#8230;, die Staaten gegen\u00fcber diejenigen haben, die in direkter Reichweite der staatlichen Zwangsbefugnis ihr Leben fristen\u201c (42). Aus der speziellen Beziehung zwischen Staat und B\u00fcrger folgen Rechte, die keine allgemeinen Menschenrechte sind. Wir haben zwar ein Menschenrecht auf eine Gesellschaft, in der wir mit B\u00fcrgerrechten ausgestattet sind, aber kein Menschenrecht, in dem Staat der eigenen Wahl zu leben. Das wichtigste Argument gegen eine unbeschr\u00e4nkte Einwanderung ist der Gedanke, dass der Migrant bei seinem Grenz\u00fcbertritt den Staat und seine Bewohner zu politischem Schutz verpflichtet. Und das begrenzt die Freiheit der gegenw\u00e4rtigen B\u00fcrger.<\/p>\n\n\n\n<p>Migranten d\u00fcrfen also an der Grenze abgewiesen werden, es sei denn, ein Ausschluss (exclusion) ist nicht zu rechtfertigen: \u201eWir ben\u00f6tigen eine Theorie der Gerechtigkeit im Bereich der Migration, die es uns erm\u00f6glicht, richtige Entscheidungen dar\u00fcber zu treffen, welche Formen des Ausschlusses ungerecht sind\u201c (51). Aus folgenden Gr\u00fcnden ist Ausschluss oder Abschiebung auf keinen Fall gerecht:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Ethnisch: Das ist nicht nur allgemein rassistisch, sondern trifft auch diejenigen Einwohner, die denselben ethnischen Hintergrund haben. So f\u00fchrte Trumps D\u00e4monisierung mexikanischer Einwanderer zu einer Abwertung von US-B\u00fcrgern lateinamerikanischer Abstammung.<\/li><li>Religi\u00f6s: Das ist auch dann ungerecht, wenn es wie bei Trumps sicherheitsorientiertem Travel Ban von 2017 verdeckt geschieht. Zun\u00e4chst wurde ausschlie\u00dflich B\u00fcrgern bestimmter muslimischer L\u00e4nder die Einreise verweigert. Das war diskriminierend, weil der Travel Ban Muslime unter Generalverdacht stellte und so verstanden werden konnte, dass Muslime untauglich f\u00fcr die US-Staatsb\u00fcrgerschaft seien: \u201eSelbst wenn wir Informationen \u00fcber die ethnische Zugeh\u00f6rigkeit einer Person nutzen k\u00f6nnten, um gewaltt\u00e4tige Personen auszuschlie\u00dfen, w\u00fcrden wir damit die F\u00e4higkeit marginalisierter B\u00fcrger besch\u00e4digen, sich selbst als Teil der Gesellschaft wahrnehmen zu k\u00f6nnen \u2013 und letztlich mag das moralisch bedeutsamer sein als ein Maximum an Sicherheit zu erreichen\u201c (181).<\/li><li>Wenn die R\u00fcckkehr ins Heimatland einem Todesurteil gleichk\u00e4me.<\/li><li>Wenn Alter oder Krankheit der Person dazu f\u00fchren w\u00fcrden, im Ursprungsland kein neues Leben mehr anfangen zu k\u00f6nnen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Umgekehrt haben auf der Basis der Gerechtigkeit folgende Personen keinen Anspruch auf Zuwanderung oder Aufenthalt:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Wer einfach nur in dem anderen Land leben m\u00f6chte.<\/li><li>Wer wegen Armut oder wirtschaftlichen Schwierigkeiten sein Heimatland verl\u00e4sst.<\/li><li>Wer unerlaubt eingereist und ohne Bleiberecht da ist (\u201eundokumentiert\u201c).<\/li><li>Wer zwecks Eheschlie\u00dfung einreisen m\u00f6chte (\u201eWir sind \u2026 verpflichtet, die Verantwortung daf\u00fcr zu \u00fcbernehmen, wen und wie wir lieben\u201c, 222).<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Was undokumentierte Immigranten angeht, so sind diese durch ihr unrechtm\u00e4\u00dfiges Tun ein bewusstes Risiko eingegangen, dessen Folgen sie bei Entdeckung zu tragen haben. Zudem haben sie die Beziehung zu den schon l\u00e4nger im Lande Lebenden verletzt. Eine Abschiebung ist deshalb gerecht. Anders ist es bei Kindern; sie sind keine eigenst\u00e4ndigen Akteure und d\u00fcrfen nicht abgeschoben werden und in Folge auch deren Eltern nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Blake argumentiert, dass ein gerechter Staat Migranten abschieben kann, ohne zugleich den unerlaubt Eingereisten einen <em>moralischen<\/em> Defekt zuzuschreiben. Sie haben zwar einen Gesetzesversto\u00df begangen, doch ist dieser in vielen F\u00e4llen menschlich nachvollziehbar. So sind Ausschluss und Abschiebung oft nicht ungerecht, aber doch hartherzig.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil viele Migranten gute moralische Gr\u00fcnde haben die Einwanderungsgesetze zu \u00fcbertreten, entwickelt Blake das Konzept der Gnade. Gnade ist neben der Gerechtigkeit eine eigenst\u00e4ndige politische Tugend: \u201eIch verstehe Gnade also als die Tugend, eine Person nicht so hart zu behandeln, wie es uns durch die Gerechtigkeit gestattet w\u00e4re\u201c (257). Mit der Rede von der Gnade unterscheidet sich Blake von philosophischen Kollegen. Obwohl auch sein Denken nicht auf theologischen Pr\u00e4missen ruht, sch\u00e4tzt er die religi\u00f6se Konnotation des Begriffs. Er wei\u00df das christliche Ideal der <em>misericordia<\/em> und die Tradition des Kirchenasyls (<em>sanctuary<\/em>) zu w\u00fcrdigen. Blake l\u00e4sst den Einwand nicht gelten, dass der Bezug auf Gnade \u201epervers\u201c sei (263), weil er von den Migranten Dankbarkeit verlangen w\u00fcrde. In Wirklichkeit wird von ihnen nichts erwartet, was nicht auch Staatsb\u00fcrger zu leisten haben, n\u00e4mlich die demokratische Gesellschaft zu sch\u00fctzen und zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das Konzept der Gnade spricht Blake zufolge, dass es an die christliche Theologie, an die neuere F\u00fcrsorgeethik, wie auch an die klassische kantische Philosophie anschlussf\u00e4hig ist und deshalb von vielen Denkrichtungen mitgetragen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Gnade bedeutet in der Migrationspolitik, dass ein Staat den Menschen die Einreise gestattet, obwohl er den Aufenthalt aus Gerechtigkeitsgr\u00fcnden verweigern k\u00f6nnte. Gnade erlaubt es Wirtschaftsmigranten und ausl\u00e4ndischen Ehepartnern genauso zu bleiben wie solchen, die viele Jahre ohne Aufenthaltspapiere im Land gelebt haben. Der Einwand ist berechtigt, dass das eine Sogwirkung mit sich bringt. Doch unsere moralische Pflicht wiegt mehr, sodass \u201eein zuk\u00fcnftiger Anstieg irregul\u00e4rer Migration der Preis w\u00e4re, den wir zu zahlen bereit sein sollten, um uns nicht eines Mangels an Gnade im Hier und Jetzt schuldig zu machen\u201c (295).<\/p>\n\n\n\n<p>Blake nennt ein Problem beim Namen, das viele seiner linksliberalen Kollegen nicht sehen wollen, n\u00e4mlich dass durch Zunahme der Migration mehr und mehr Menschen das Vertrauen in ihren Staat verlieren k\u00f6nnten: Linke wehren sich ja gegen die Behauptung, das Boot sei voll, aber es geht nicht darum, ob das Boot voll ist, \u201esondern ob diejenigen, die momentan an Bord dieses Bootes sind, auch weiterhin <em>rudern<\/em> werden\u201c (190). Politische Entit\u00e4ten stehen vor der tragischen Entscheidung, entweder die Zuwanderung einzud\u00e4mmen oder Gefahr zu laufen, dass die Demokratie von den im Lande lebenden Bewohnern untergraben wird. Ein Staat w\u00fcrde in beiden F\u00e4llen ein St\u00fcck seines moralischen Charakters einb\u00fc\u00dfen. Blake r\u00e4umt ehrlicherweise ein, dass das Projekt der liberalen Gerechtigkeit mit gro\u00dfen Risiken verbunden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem Vergleich mit dem Original leuchtet mir die \u00dcbersetzung bei einigen Begriffen nicht ein: Knobloch \u00fcbersetzt \u201ebigot\u201c mit \u201eHeuchler\u201c, obwohl vom Kontext her ein nationalistischer Eiferer gemeint ist (192). Mit \u201ev\u00f6lkisch\u201c gibt er \u201etribal\u201c (stammesm\u00e4\u00dfig) wieder und tr\u00e4gt damit eine NS-Konnotation in den Text hinein (188). Und er verwendet den unsch\u00f6nen Anglizismus \u201eTrump-Administration\u201c \u2013 ungeachtet dessen, dass Administration im Deutschen Verwaltung und nicht Regierung bedeutet. Dass im deutschen Text \u201eMigrantinnen\u201c steht, wo das Original von \u201emigrants\u201c spricht, ist eine gendersprachliche Entscheidung des \u00dcbersetzers.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ganze Buch \u201eZwischen Gerechtigkeit und Gnade\u201c besteht aus einem durchgehenden Gedankengang. Ein kontextloses Herauspicken einzelner S\u00e4tze oder Kapitel w\u00fcrde den Inhalt verzerren. In einer Zeit, in der die F\u00e4higkeit verloren geht, einer elaborierten Argumentation zu folgen und in der aus dem Kontext gerissene Aussagen ausreichen, \u201eShitstorms\u201c und Hasskommentare zu produzieren, ist ein Buch wie dieses heilsam. In Diskussionen \u00fcber die Migrationspolitik hilft uns Blake einen reflektierten Standpunkt zwischen Rechts und Links einzunehmen. Und er motiviert uns zu der Ehrlichkeit, die Risiken einer moralisch verantworteten Einwanderungs- und Fl\u00fcchtlingspolitik offen zu benennen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Gerhard Gronauer, Pfarrer der bayerischen Landeskirche und Lehrbeauftragter f\u00fcr Kirchengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts am CVJM-Kolleg Kassel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Blake: Zwischen Gerechtigkeit und Gnade. Eine Ethik der Migrationspolitik,Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (wbg academic), 2021, geb., 351\u00a0S., \u20ac\u00a036,\u2013, ISBN 978-3-534-27254-9<\/p>\n","protected":false},"author":54,"featured_media":1562,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1561","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1561","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/54"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1561"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1561\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1563,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1561\/revisions\/1563"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1562"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1561"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1561"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1561"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}