{"id":1564,"date":"2022-04-27T16:43:10","date_gmt":"2022-04-27T16:43:10","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1564"},"modified":"2022-10-22T10:41:17","modified_gmt":"2022-10-22T10:41:17","slug":"manuel-schmid-kaempfen-um-den-gott-der-bibel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1564","title":{"rendered":"Manuel Schmid: K\u00e4mpfen um den Gott der Bibel"},"content":{"rendered":"\n<p>Manuel Schmid: <em>K\u00e4mpfen um den Gott der Bibel. Die bewegte Geschichte des Offenen Theismus,<\/em> Systematisch-theologische Monographien 27, Gie\u00dfen: Brunnen, 2020, geb., 379\u00a0S., \u20ac\u00a040,\u2013, ISBN <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/brunnen-verlag.de\/kampfen-um-den-gott-der-bibel.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/brunnen-verlag.de\/kampfen-um-den-gott-der-bibel.html\" target=\"_blank\">978-3-7655-9114-3<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Ausganspunkt von Manuel Schmids Monografie ist der grunds\u00e4tzlich zutreffende Befund, dass der Open Theism im US-Evangelikalismus eine breite Tendenz ausmacht und vielfach und kontrovers debattiert wird. Schmids Monografie ist ein Seitenst\u00fcck zu seiner, eher in systematischer Absicht publizierten Dissertation (<a href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1122\"><em>Gott ist ein Abenteurer. Der Offene Theismus und die Herausforderungen biblischer Gottesrede,<\/em> G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2019<\/a>). Durch Podcasts und Blogs strahlt dieser Einfluss auch in die deutschsprachige Szene aus und wirkt in Gemeinden in eine Richtung, die sich tendenziell mit dem Label des \u201ePost-evangelikalen\u201c verbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Grundanliegen des Open Theism identifiziert Schmid, dass Gott in seinem Wesen Liebe sei und deshalb aus dieser Liebe heraus die Welt schaffe (21f). Dies schlie\u00dfe ein, dass Gott dem Menschen Freiheit gebe. Gott gebe damit seine Allmacht preis und r\u00e4ume dem Menschen Freir\u00e4ume ein. Weitere anthropomorphe Formulierungen kommen mit ins Spiel: Gott sei ein \u201eAbenteurer\u201c, er stehe mit dem Menschen in einer Liebesbeziehung und sei mit dem Menschen gemeinsam \u201eunterwegs\u201c: eine Phraseologie, die in der etablierten landeskirchlichen Theologie und Kirche seit den sechziger Jahren begegnet. Auff\u00e4llig sind die permanenten Anthropomorphismen, die menschliche Verhaltensweisen und Orientierungen in Gott hineintragen. Zugleich pr\u00e4sentieren sich die Exponenten des Open Theism als bibelorientiert. Es gehe darum, die Spannungen und die Dynamik des biblischen Zeugnisses besser erfassen zu k\u00f6nnen als im Schema eines \u201eklassischen\u201c Theismus. Dabei wird in unterschiedlichem Ausma\u00df von dessen Schema abgewichen. Clark Pinnock etwa betont, dass Gottes Charakter und seine Ansichten unwandelbar seien, er aber in Reaktion auf die sich wandelnde Sch\u00f6pfung und sogar auf die Weltgeschichte variable Handlungen an den Tag legen k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmids Monografie ist in der pr\u00e4sentierten Form in erster Linie ein Literaturbericht, der mit Sympathie verfasst ist, aber zwischen den Zeilen immer wieder Signale setzt, selbst nicht zu sehr mit dem Open Theism identifiziert zu werden. Die Debatten, die einzelne Open Theism-Beitr\u00e4ge nach sich gezogen haben und ebenso die kritischen Reaktionen werden sehr detailliert aufgenommen. Schmid l\u00e4sst den Leser durch sehr viele Pf\u00fctzen waten, damit er erf\u00e4hrt, dass es geregnet hat. Immerhin wird deutlich, dass sich der Open Theism \u00fcber Konvente, Tagungen, Resolutionen mehr artikuliert als \u00fcber einzelne Monografien. Das Interessanteste ist dabei, die sozialen, konfessionellen und Bildungshintergr\u00fcnde der Exponenten kennenzulernen. Exemplarisch bei Clark Pinnock l\u00e4sst sich eine Entwicklung vom strengen Calvinismus hin zum Arminianismus beobachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu einer Orientierung in dem Dickicht verhilft, dass der Verf. drei verschiedene Phasen der Open Theism-Bewegung unterscheidet: Eine formierende Phase, die mit fr\u00fchen Arbeiten von Pinnock, Sanders und anderen einsetzt. Richard Rices schmale Monografie <em>The Openness of God. The Relationship of Divine Foreknowledge and Human Free Will<\/em> (Nashville, Review and Herald, 1980) bezeichnet einen ersten H\u00f6hepunkt. R\u00fchrig war hier vor allem Pinnock, der eine Reihe von Sammelb\u00e4nden herausgab, Ann\u00e4herungen an die Prozesstheologie im Ausgang von Whiehtead signalisierte und einen gegen\u00fcber dem evangelikalen Kernmilieu \u201epostkonservativen\u201c Kurs (105ff) etablierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Phase wird von 1984 bis 2003 unter dem Label \u201eKontroverse Phase\u201c abgehandelt. Hier hat Gregory A. Boyds Dissertation <em>Trinity and Process<\/em>. <em>A Critical Evaluation and Reconstruction Of Hartshorne\u2019s Di-Polar Theism Towards a Trinitarian Metaphysics <\/em>(New York: Peter Lang, 1992) ihren Auftritt. Eine Fallstudie gilt der Stellung der Baptist General Conference zu Boyd. John Piper, ein weiterer \u201ePodcast-Held\u201c, erwies sich als eigentlicher Kontrahent Boyds. Piper stellte seinerzeit den H\u00e4resievorwurf in den Raum. Er kritisierte vor allem, dass mit der von Boyd vertretenen Openess of God Gott eine \u201ebodenlose Unwissenheit\u201c \u00fcber den Lauf der Welt zugeschrieben werde (153). Boyd formulierte seine eigene Position mit besonderer Pr\u00e4gnanz in dem ver\u00f6ffentlichten Briefwechsel mit seinem Vater: <em>Letters from a Skeptic<\/em> (1994, dt. <em>Briefe eines Skeptikers und Antworten auf die zentralen Fragen des Glaubens<\/em>, Neuhausen-Stuttgart: H\u00e4nssler, 1997), einem Buch, das immerhin in 20 Sprachen \u00fcbersetzt und 25.000 Mal verkauft wurde. Schmid vermutet wohl zutreffend, dass die Debatten um das Vorherwissen Gottes auch durch dieses Buch in weiteren Pastorenkreisen hei\u00df diskutiert wurde. In Kurzform artikuliert Boyd dort seine Auffassung von einem \u201eVorherwissen Gottes\u201c: Gott kenne die gesamte Realit\u00e4t. Freie Entscheidungen werden aber erst realisiert, indem sie getroffen werden. Im Zug der gleichen Sophismata unterscheidet Boyd nicht hinreichend zwischen Sch\u00f6pfer und Gesch\u00f6pf. Darin deutet sich die Tendenz an, die auch in manchen Ans\u00e4tzen analytischer Religionsphilosophie im Ausgang von Plantinga und Swinburne erkennbar ist. G\u00e4nzlich offensichtlich wird dieser Kipppunkt anthropomorpher Gottesrede, der Gott nicht mehr Gott sein l\u00e4sst, wenn sp\u00e4ter in der \u201ekonsolidierenden Phase\u201c (s.&nbsp;u.) das psychologische Standardmodell \u201eBig Five\u201c oder OCEAN (Openness im Rahmen von Conscientiousness, Extraversion, Agreeableness, Neuroticism) auf den Gottesbegriff \u00fcbertragen werden soll (299ff).<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl sich die \u201eCommitted Pastors\u201c (Gegenbewegung zu den \u201eConcerned Pastors\u201c in der US-amerikanischen \u201eBaptist General Convention\u201c) zun\u00e4chst mit Boyd solidarisch erkl\u00e4rten, f\u00fchrte die Diskussion letztlich zum R\u00fccktritt von Boyd als Professor an der Huntington University. Eine Parallelaktion ereignete sich in der \u201eEvangelical Theological Society\u201c (ETS) um zwei weitere Vertreter des Offenen Theismus, John Sanders und Clark Pinnock. Trotz breiter Unterst\u00fctzung verschiedener Kreise f\u00fchrt auch diese zur K\u00fcndigung der Universit\u00e4tsstellen. Ebenfalls in jener Phase kommt es zu einer Reihe umfangreicherer Monografien aus dem Umkreis des Open Theism. Schmid spricht von \u201eGesamtentw\u00fcrfen\u201c von Sanders und Pinnock.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab ca. 2003 flauten die hitzigsten Debatten ab und es trat eine \u201ekonsolidierende Phase\u201c ein, mit Konzentration auf analytisch-philosophische Feinmechanik und entsprechende Debatten: im Fokus stehen das Vorauswissen Gottes und der ontologische Status der Zukunft. Zugleich beginnt die Historisierung dieser \u201eBewegung\u201c. Es werden bereits Dissertationen \u00fcber sie geschrieben, darunter auch die oben erw\u00e4hnte von Schmid selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>In den weiterf\u00fchrenden \u00dcberlegungen (285ff) versucht Schmid, den Offenen Theismus als \u201emodernes\u201c Ph\u00e4nomen einzuordnen. Die Begrifflichkeit ist an diesem neuralgischen Punkt bemerkenswert unscharf. So finden sich keine trennscharfen Schnitte zwischen \u201emodern\u201c und \u201epostmodern\u201c. Dass Subjektivit\u00e4t und Zeitgeist eine legitime Rolle im Konzept des Open Theism spielen sollen, ist ein durchgehendes Pl\u00e4doyer. Eine \u201eReformbewegung, die den \u00fcberkommenen Glauben neu zu begreifen\u201c suche, trage die Signatur der eigenen Zeit (243). Das mag so sein. Sie sollte sich aber an der Heiligen Schrift und der Vernunft, nicht zuletzt am Magnus Consensus pr\u00fcfen, anstatt Pirouetten im Binnendiskurs zu ziehen. Weder von Augustin noch von Luther ist hier die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Schmids Dissertation, die nicht Gegenstand dieser Rezension ist, durch eine weitgehende Aussparung der eigentlichen Mitte des Verh\u00e4ltnisses zwischen Gott und Mensch auff\u00e4llt, ist hier nur am Rand relevant: Im Blick auf das abschlie\u00dfende \u201efr\u00f6hliche Bekenntnis\u201c zu dem Mensch gewordenen Gott als einem \u201eDeus ridiculus\u201c kommt freilich das Ganze der Gotteslehre zur Sprache (321).<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf kann mit dem Spitzensatz von Luthers R\u00f6merbriefvorlesung 1515\/16 am pr\u00e4zisesten geantwortet werden: \u201eDeus est mutabilis quam maxime\u201c. In h\u00f6chstem Grade ver\u00e4nderlich ist Gott n\u00e4mlich, indem das menschliche Herz ihn Gott sein lassen oder ihn zum D\u00e4mon oder Teufel machen kann.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Harald Seubert, Ordentlicher Professor f\u00fcr Philosophie, Religions- und Missionswissenschaft an der Staatsunabh\u00e4ngigen Theologischen Hochschule Basel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manuel Schmid: K\u00e4mpfen um den Gott der Bibel. 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