{"id":1580,"date":"2022-04-27T17:46:25","date_gmt":"2022-04-27T17:46:25","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1580"},"modified":"2022-04-28T16:13:38","modified_gmt":"2022-04-28T16:13:38","slug":"daniel-vaucher-sklaverei-in-norm-und-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1580","title":{"rendered":"Daniel Vaucher: Sklaverei in Norm und Praxis"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daniel Vaucher: <em>Sklaverei in Norm und Praxis. Die fr\u00fchchristlichen Kirchenordnungen<\/em>, Sklaverei \u2013 Knechtschaft \u2013 Zwangsarbeit 18, 2. Aufl. Hildesheim: Olms, 2020, VIII, kt., 358&nbsp;S., \u20ac&nbsp;68,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.olms.de\/search\/Detail.aspx?pr=2009400\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.olms.de\/search\/Detail.aspx?pr=2009400\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-487-31189-0<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr manche heutige Leser des NT geh\u00f6ren die Haustafeln, insbesondere deren Sklavenpar\u00e4nese mit der Forderung der Unterordnung, zu den problematischen Texten. Doch stellt sich die Frage nach dem Umgang mit Sklaverei als Ph\u00e4nomen und mit einzelnen Sklavinnen und Sklaven nicht erst seit der Aufkl\u00e4rung und den ersten Formulierungen der Menschenrechte. Schon fr\u00fch mussten sich Christusgl\u00e4ubige mit der in ihren Gesellschaften selbstverst\u00e4ndlichen Sklaverei auseinandersetzen. Zum einen waren auch Sklaven Teil der Gemeinden und daher aus christlicher Sicht Glaubensgeschwister, die entsprechend zu behandeln waren. Zum anderen konnten zugleich die \u00fcberkommenen Institutionen, rechtlichen Vorgaben und Hierarchien nicht einfach ignoriert werden. Welche Antworten wurden damals gefunden und wie sind sie zu bewerten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diesen Fragen stellt sich der Schweizer Althistoriker und Altphilologe Daniel Vaucher mit der vorliegenden Arbeit. Im einleitenden Kapitel skizziert er knapp die Selbstverst\u00e4ndlichkeit der Sklaverei in der Antike, den Forschungsstand und Desiderate, u.&nbsp;a. die Ber\u00fccksichtigung der Kirchenordnungen und mit ihnen verwandten fr\u00fchchristlichen pr\u00e4skriptiven Texte, zu deren Zielsetzung Vaucher schreibt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Grunds\u00e4tzlich sehen diese Texte sowie ihre sp\u00e4teren Derivate die Regelung des Gemeinschaftslebens, der \u00c4mterhierarchie, Liturgieformen u.v.m. vor, die sie mit dem Anspruch apostolischer Autorit\u00e4t f\u00fcr allgemein verbindlich erkl\u00e4ren. Sie offenbaren sich damit als problem- und situationsbezogene Schriften, die verfasst wurden, um Streitfragen und Unsicherheiten zu ihren Gunsten zu regeln. Dass dabei die Sklaverei bisweilen auch eine dieser Streitfragen war, ist f\u00fcr die vorliegende Untersuchung umso ergiebiger (13).<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Kapitel zwei<\/em> beschreibt die hier analysierten Quellen und ihren Kontext (15\u201364; Kirchenordnungen: Begriff und Kategorie in der Forschung, neuer Ansatz zur Kategorisierung der Kirchenordnungen, Entwicklung der Christengemeinden in den ersten Jahrhunderten, Pr\u00e4sentation der Kirchenordnungen und inhaltliche Schwerpunkte sowie \u00dcberlegungen zur Interpretation von Kirchenordnungen \u2013 u.&nbsp;a. problemorientierter Zugang, Intertextualit\u00e4t, das Verh\u00e4ltnis von Norm, Realit\u00e4t und Utopie, Kontextualisierung der Texte \u2013; welche Positionen haben sie innerhalb der ersten Jahrhunderte im innerkirchlichen Prozess der Hierarchisierung, S\u00e4kularisierung und Kanonisierung eingenommen?). Behandelt werden die Kirchenordnungen <em>Didache<\/em>, Apostolische Kirchenordnung, Syrische <em>Didaskalie<\/em>, <em>Traditio Apostolica<\/em> (und die damit verwandten <em>Canones Hippolyti<\/em>, <em>Testamentum Domini<\/em> und Epitome) die die Sammelwerke Apostolische Konstitutionen\/Apostolischen Kanones, <em>Fragmentum Veronese<\/em>, Klementinischer Oktateuch und Alexandrinischer <em>Sinodos<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu seinem methodischen Vorgehen in den folgenden Kapiteln, die konkreten Probleme der Sklaverei bei Paulus und in den Kirchenordnungen gelten, schreibt Vaucher:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Mit der Methode der Intertextualit\u00e4t und dem Ansatz, diese pr\u00e4skriptiven Quellen als problemorientiert in einer Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Autorit\u00e4ten zu verstehen, werden nicht nur in den Texten eingeschriebene Gegnerschaften, sondern auch Alltagspraktiken herausgefiltert. Daraus ergeben sich R\u00fcckschl\u00fcsse auf das soziale Verhalten in den Gemeinden und dar\u00fcber, wie das Christentum mit der Sklaverei umging (14).<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vaucher beginnt mit einem knappen Kapitel zu Paulus und der Sklavenfrage (65\u201390; Philemon und Onesimus, Entwicklung eines Modells zur Sklavenfrage bei Paulus, Exkurs zum sklavenlosen Idealzustand und die Utopie des Epiphanes). <em>Kapitel vier<\/em> untersucht das Verh\u00e4ltnis von subversiven Tendenzen und Gehorsamsforderungen (91\u2013119). Dazu geh\u00f6ren Reaktionen auf die paulinische Botschaft (hier finden sich Kol, Eph, die Past, 1Petr), die Gehorsamsforderungen in verschiedenen Kirchenordnungen, der Umgang mit Sklavenflucht als Rezeption des Philemonbriefs und Hinweise auf den Freikauf von Sklaven in fr\u00fchchristlicher Zeit (Freikauf durch Synagogen, Ignatius und der Freikauf auf Kosten der Gemeindekasse, Freikauf in den Kirchenordnungen).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Kapitel f\u00fcnf<\/em> skizziert die Hinweise in den Kirchenordnungen zur Inklusion von Sklaven (120\u2013174; M\u00f6glichkeiten und Modalit\u00e4ten ihres Beitritts zum Christentum \u2013 u.&nbsp;a. Taufe als Wiedergeburt und sekund\u00e4re Sozialisierung \u2013, die Aufnahme von Sklaven in den Klerus \u2013Sklaven als kirchl. Funktion\u00e4re, der Ausschluss von Sklaven aus dem Klerus, Sklaven als <em>confessores<\/em> \u2013, bestand nach der Inklusion tats\u00e4chlich Gleichheit bei Gemeinschaftsm\u00e4hlern und privaten Banketten sowie in Gottesdiensten?; Exkurs zu Laktanz und christlichen Gleichheitsvorstellungen). Vaucher schlie\u00dft:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Inklusion von Sklavenbesitzern und Sklaven sollte zumindest im Taufverst\u00e4ndnis eine Gleichheit im Umgang miteinander bewirken. Dieser Anspruch scheiterte an der tiefen Verwurzelung der Christen in den <em>poleis<\/em>, der paganen Kultur und ihren Formen der Geselligkeit. Status, Reichtum und Patronage waren auch in christlichen Gemeinden wichtige Elemente der sozialen Hierarchie. In der Mahlfeier werden Sklaven daher entweder nicht dabei gewesen sein oder als Assistenten sklavische Aufgaben wahrgenommen haben. Selbst mit dem Wandel zur \u201e\u00f6ffentlichen\u201c Eucharistiefeier d\u00fcrfte sich nicht allzu viel ver\u00e4ndert haben. Auch diese Feiern waren in erster Linie von und f\u00fcr Freie. Sklaven geh\u00f6rten kaum zu den regelm\u00e4\u00dfigen Teilnehmern und waren damit alles andere als \u201egleich\u201c (169).<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kapitel sechs untersucht die Hinweise auf die Exklusion von Sklaven im Zusammenhang von Bem\u00fchungen um die Einheit und Reinheit der Kirche (170\u2013196; die Kirche als K\u00f6rper, Bu\u00dfe und Bu\u00dfpraxis). Dieses Bem\u00fchen zeigt sich im Ausschluss von (Sklaven-)Berufen (<em>Traditio Apostolica<\/em> 16; Schwerpunkte in den Berufsverboten; erstaunlicherweise sind Sklavenh\u00e4ndler nicht ausgeschlossen!) und Ausschluss unreiner Spender. Kapitel sieben gilt der christlichen Behandlung von Sklaven auf dem Hintergrund des paganen Diskurses, fr\u00fchchristlichen Forderungen zur milden Sklavenbehandlung und dem Ausschluss grausamer Sklavenbesitzer aus der Kirche (197\u2013231; Exkurs zur Sklavenbehandlung in Clemens von Alexandriens <em>Paedagogus<\/em> III.11\u201312).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kapitel acht analysiert den Umgang mit dem sexuellen Missbrauch von Sklaven (232\u2013264). Untersucht werden die Aussagen des Paulus im j\u00fcdischen Kontext (Sexualmoral und Paulus\u2018 Beurteilung der Ehe, der Gebrauch der Sklaven und die Prostitution, Ausschluss von Prostituierten?), die sog. Zwei-Wege-Lehre, <em>Traditio Apostolica<\/em>, syrische Didaskalie sowie die nachkonstantinische Entwicklung in dieser Frage.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Band endet mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse, einem detaillierten Appendix zur \u00dcberlieferung der Kirchenordnungen (269\u2013296) und einer Synopse der verbotenen Berufe in verschiedenen altkirchlichen Quellen (297\u2013308). Dem folgen Bibliografie und Stellen-, Namens- und Sachregister.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Antworten der Alten Kirche auf die verschiedenen Fragen, die mit der Sklaverei verbunden waren, fielen unterschiedlich aus. Nach Vaucher \u201ebesteht kein Zweifel, dass mit der Jesusbewegung und der paulinischen Mission etwas ausgel\u00f6st wurde, was in der Folge zu vielen Unsicherheiten gef\u00fchrt hat\u201c (265). Jedoch ist gerade in der Sklavenfrage keine eindeutige Paulus-Rezeption festzustellen (f\u00fcr ihn war der rechtliche Status irrelevant, da mit der erwarteten Parusie weltliche Unterschiede ohnehin aufgehoben waren). Dabei liefern die Kirchenordnungen uns \u201espannende Einblicke in die Ansichten christlicher Autoren; es w\u00e4re aber verfehlt, immer von den Texten auf soziale Praktiken zu schlie\u00dfen. Die Frage nach Anspruch und Umsetzung, nach Ideal und Realit\u00e4t, kann in den wenigsten F\u00e4llen eindeutig beantwortet werden. Zumindest aber machen die Schriften umstrittene Themen sichtbar\u201c (266). St\u00e4rker als die paganen Vorl\u00e4ufer und Zeitgenossen konnten die christlichen Autoren \u201e\u00fcber die Sklaverei und ihre Rechtm\u00e4\u00dfigkeit reflektieren und durchaus Kritik an der Sklaverei \u00e4u\u00dfern. Die Botschaften der Jesusbewegung und des Paulus h\u00e4tten die Sklaverei innerhalb der Gemeinde aufheben k\u00f6nnen\u201c (266). Wahrscheinlich war ihnen das missionarische Interesse wichtiger: \u201eDie Sklaverei war so selbstverst\u00e4ndlich, dass radikale Forderungen das Ansehen der Gemeinden gesch\u00e4digt h\u00e4tten. Sklavereikritik und das Ideal einer sklavenlosen Gemeinde blieben deshalb ideell oder utopisch, und selbst wo diese Ideale in Normen f\u00fcr die Gemeinden formuliert wurden, ist es h\u00f6chst zweifelhaft, inwiefern diese umgesetzt wurden\u201c (266). Zu ber\u00fccksichtigen ist, dass die meisten der christlichen Autoren wohl selbst Sklavenbesitzer waren und von Sklaven direkt oder indirekt profitierten. Der Nutzen der Herren wird in den Texten nirgends erw\u00e4hnt! (266). Zu Recht erinnert Vaucher abschlie\u00dfend:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDas Christentum\u201c hat es in den ersten Jahrhunderten allerdings nicht gegeben. Statt von \u201eeiner Kirche\u201c zu sprechen, muss die Vielfalt an verschiedenen Lehren und Lehrern erkannt werden, die sich alle als christlich verstanden. Erst im Verlauf einer Orthodoxisierung werden gewisse Schriften marginalisiert. Die Diversit\u00e4t des christlichen Glaubens spiegelt sich auch in der Sklavereifrage wider: die fr\u00fchesten christlichen Schriften beziehen dazu keine einheitliche Position (268).<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vauchers Untersuchung f\u00fchrt zum einen gekonnt in die Welt der fr\u00fchchristlichen Kirchenordnungen ein und zeigt deren Ertrag, aber auch Grenzen im Studium der Alten Kirche (vgl. 267). Dass dabei Norm, also die Vorgaben der Kirchenordnungen, und die tats\u00e4chliche Praxis nicht immer deckungsgleich waren, zeigt schon der Titel der Untersuchung. Dass das Thema Sklaverei in diesen Ordnungen immer wieder auftaucht, ist ein Hinweis, dass Handlungsbedarf vorhanden war. Die hier geleisteten Vorarbeiten lassen sich auch auf andere Fragestellungen in der Erforschung der Alten Kirche anwenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum anderen bietet Vaucher neben seinem eigenen Beitrag durch den Fokus auf die Kirchenordnungen einen guten deutschsprachigen und aktuellen \u00dcberblick \u00fcber die in der englischsprachigen Forschung intensiv gef\u00fchrte Debatte um die Sklaverei in der Antike im Allgemeinen und in der Alten Kirche im Besonderen (vgl. M. Zeuske, <em>Handbuch der Geschichte der Sklaverei: Eine Globalgeschichte von den Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart<\/em>, Berlin \/ Boston: De Gruyter, 2013).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ferner zeigt Vauchers Studie, dass die aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbaren, sp\u00e4rlichen Hinweise im Neuen Testament (nur die wenigen Vorkommen in den Haustafeln \u00e4hneln den sp\u00e4teren Kirchenordnungen) der sp\u00e4teren ethischen Entfaltung und Konkretisierung bedurften. Dabei ist nicht prim\u00e4r die Beobachtung dieses Sachverhaltes interessant und die m\u00f6glichen Schlussfolgerungen f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis von Schrift und Tradition, sondern die Frage, nach welchen Kriterien diese Entfaltung und Aktualisierung geschah (etwa in Anlehnung an die Werte der paganen Gesellschaft) und welche Lektionen Christen sp\u00e4terer Zeiten bis in die Gegenwart aus diesen Erfahrungen lernen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Studie und Thematik bilden zudem eine instruktive und ern\u00fcchternde Fallstudie \u00fcber den Umgang des fr\u00fchen Christentums mit den rechtlichen und gesellschaftlichen Normen der damaligen Zeit. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Prof. Dr. Christoph Stenschke, Biblisch-Theologische Akademie Wiedenest and Department of Biblical and Ancient Studies, University of South Africa<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniel Vaucher: Sklaverei in Norm und Praxis. 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