{"id":1620,"date":"2022-10-22T13:26:11","date_gmt":"2022-10-22T13:26:11","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1620"},"modified":"2022-10-22T13:26:12","modified_gmt":"2022-10-22T13:26:12","slug":"simon-weyringer-an-der-schwelle-zum-land-der-verheissung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1620","title":{"rendered":"Simon Weyringer: An der Schwelle zum Land der Verhei\u00dfung"},"content":{"rendered":"\n<p>Simon Weyringer: <em>An der Schwelle zum Land der Verhei\u00dfung. Rhetorik und Pragmatik in Dtn 9,1\u201310,11<\/em>, BZAR 26, Wiesbaden: Harrassowitz, 2021, geb., XVI+256\u00a0S., \u20ac\u00a068,\u2013\u200d, ISBN <a href=\"https:\/\/www.harrassowitz-verlag.de\/An_der_Schwelle_zum_Land_der_Verhei%C3%9Fung\/titel_6961.ahtml\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.harrassowitz-verlag.de\/An_der_Schwelle_zum_Land_der_Verhei%C3%9Fung\/titel_6961.ahtml\">978-3-447-70332-3<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um eine Dissertation, die von Dominik Markl am <em>Pontificium Institutum Biblicum<\/em> in Rom betreut wurde. Die synchron angelegte Arbeit fragt nach der Rhetorik und Pragmatik in Dtn 9,1\u201310,11. Die Unterscheidung von Rhetorik und Pragmatik zielt auf die textinterne (Rhetorik) und textexterne (Pragmatik) Kommunikationsebene. In dieser methodisch insgesamt sorgf\u00e4ltig durchgef\u00fchrten Unterscheidung, die konsequent zwischen textinterner und textexterner Kommunikation differenziert, liegt der innovativste Aspekt der Studie, deren Resultate insgesamt doch wenig \u00fcberraschend sind.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Einleitung, die kurz, aber informativ in die Textpragmatik einf\u00fchrt und die Methodologie der Studie darlegt, findet die Verortung der Studie in Bezug auf die bisherige Forschungsgeschichte statt. Weyringer benennt als offene Fragen: 1. Die Beziehung der verschiedenen Abschnitte innerhalb von Dtn 9,1\u201310,11 zueinander, insbesondere die Funktion der Ermutigung zur Landnahme in 9,1\u20133, aber auch der Warnung vor falscher Selbstzuschreibung in 9,4\u20136 f\u00fcr das Gesamte der Passage. 2. Die Frage der textexternen Kommunikation, wie sich die erz\u00e4hlte Ursprungsgeschichte zur tats\u00e4chlichen Geschichte Israels verh\u00e4lt und was sie vermitteln will. Dazu geh\u00f6ren auch spezifische Fragen, etwa die Bedeutung der Lade in der textexternen Kommunikationsebene.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Heranf\u00fchrung an den Text, legt Weyringer diesen im Hauptteil entlang seiner Textstruktur aus: Dtn 9,1\u20133: Moses Ermutigung; Dtn 9,4\u20136: Warnung vor der falschen Selbstzuschreibung; Dtn 9,7\u201310,11: Geschichtsr\u00fcckblick. Diese Auslegung wird in den beiden Schlusskapiteln zur textinternen und textexternen Kommunikation verwertet, wobei diese Vorgehensweise zu einigen Redundanzen f\u00fchrt, da vieles schon in der Auslegung selbst gesagt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Blick auf die textinterne Kommunikation arbeitet Weyringer \u00fcberzeugend heraus, dass die mosaische Rhetorik nicht in einer \u00dcberredungskunst besteht, sondern dass die einzelnen Abschnitte der Rede zusammen eine \u201eDynamik der \u00dcberwindung\u201c entstehen lassen: Israels Fortexistenz als Volk Gottes ist der mosaischen F\u00fcrbitte und der g\u00f6ttlichen \u00dcberwindung des Zorns am Horeb zu verdanken, die Gabe des Landes also keine Belohnung f\u00fcr Bew\u00e4hrung, sondern Gnadengabe. Besonders aufschlussreich sind die intertextuellen Beobachtungen zwischen Ex 32\u201334 und Dtn 9\u201310, die deutlich machen, dass sich manche rhetorischen Spitzen in Dtn 9\u201310 gerade aus der Intertextualit\u00e4t ergeben. Hermeneutisch ist diese Einsicht wichtig, weil sie ein weiteres Mal den Nachweis erbringt, dass das Deuteronomium nicht isoliert vom Tetrateuch gelesen werden kann, ohne dass wesentliche Aspekte der Kommunikation des Deuteronomiums \u00fcbersehen werden. Wichtig ist die Einsicht aber auch, weil Weyringer nachweist, dass Dtn 9,1\u20136 intertextuell genauso mit Ex 32\u201334 verbunden ist wie Dtn 9,7\u201310,11, was oft \u00fcbersehen wurde, weil Dtn 9,1\u20136 unter dem Primat einer diachronen Exegese meist schon vom Folgenden abgetrennt ist, bevor es \u00fcberhaupt zu intertextuellen Wahrnehmungen kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die textexterne Kommunikation betrifft, so ist v.&nbsp;a. positiv zu w\u00fcrdigen, dass Weyringer explizit danach fragt, welche Eigenheiten des Textes auf textexterne Adressaten hin gelesen werden k\u00f6nnen. Dabei hebt er den Einschub der Erz\u00e4hlstimme in Dtn 10,6\u20139 hervor. W\u00e4hrend das \u201eHeute\u201c in der Moserede (9,1.3) textintern als Moab-Heute zu lesen ist (sich also auf die Erz\u00e4hlsituation vor der Landnahme bezieht), sei das \u201eHeute\u201c der Erz\u00e4hlstimme in 10,8 auf die textexterne Adressatenschaft zu beziehen, die aus gr\u00f6\u00dferer zeitlicher Distanz auf das Horeb-Ereignis zur\u00fcckblickt. Dadurch finde ein Br\u00fcckenschlag von der erz\u00e4hlten Welt zur Welt, in der erz\u00e4hlt wird, statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage, wo diese textexterne Adressatenschaft geschichtlich zu verorten ist, wird dann methodisch wenig reflektiert, sondern sogleich beantwortet und zwar auf eine Weise, bei der unklar bleibt, was die Voraussetzung und was das zu Beweisende ist. Weyringer pr\u00fcft weder verschiedene historische M\u00f6glichkeiten, noch die M\u00f6glichkeit einer bewussten Offenheit, die eine Engf\u00fchrung auf eine einzige textexterne Situation vermeiden will. Die in Dtn 9\u201310 erz\u00e4hlten Ereignisse sind gleichsam Chiffren f\u00fcr die Welt der Autoren: Die Horebkrise steht f\u00fcr die Zeit vor dem Exil, die Verschonung und Erneuerung der Tafeln f\u00fcr die Exilszeit, Moab f\u00fcr die persische \u00dcbergangszeit, die Landnahme f\u00fcr die Heimkehr aus dem Exil. Das Muster passt in groben Z\u00fcgen, doch passt es nur auf eine Situation in Israels Geschichte? Und wie gut passt es in den Details? Warum gibt der Text der Erneuerung der Tafeln und der Lade ein so gro\u00dfes Gewicht, wo doch gerade die Lade im Exil verlorengeht und keine neuen Steintafeln angefertigt werden? Nach Weyringer sprach \u201edas Motiv der Lade \u00fcber die Symbolik der Bewahrung hinaus von einem Weg in das Land der Verhei\u00dfung, der mit der Errichtung des Tempels seinen Abschluss finden sollte\u201c (220). Er bezieht kurzerhand die Lade auf den Tempel: \u201eNicht das Objekt steht im Augenmerk, sondern die Bewahrung des Bundes, die die Lade in Dtn 10 versinnbildlicht\u201c (222).<\/p>\n\n\n\n<p>Dass das Deuteronomium eine textexterne Kommunikationsebene hat, wird in dieser Studie an Dtn 9\u201310 plausibel aufgezeigt. Dass diese textexterne Kommunikation aber (im ganzen Deuteronomium!) \u00e4u\u00dferst offen gehalten ist, so dass verschiedene Generationen in verschiedenen geschichtlichen Kontexten angesprochen sein k\u00f6nnen, verdiente eine ausf\u00fchrlichere Reflexion. Die schnelle Aufl\u00f6sung auf den Exilskontext hin steht dem eher im Weg. Immerhin \u00f6ffnet Weyringer die textexterne Ebene in seinem allerletzten Abschnitt auch auf uns hin, wenn er schreibt, dass die Botschaft all jenen gelte, die sich angesprochen wissen: \u201eDenn der Abschnitt erz\u00e4hlt davon, dass Gott unbeschadet aller Widerst\u00e4nde willens ist, seine Verhei\u00dfungen an uns zu erf\u00fcllen. Seine Gnade geht uns voraus, aber nicht an uns vorbei.\u201c Man wird diese Studie mit Gewinn lesen, auch wenn man von der Fixierung der textexternen Adressatenschaft auf eine einzige, spezifische Situation in der Geschichte Israels hin nicht \u00fcberzeugt ist.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Benjamin Kilch\u00f6r, Staatsunabh\u00e4ngige Theologische Hochschule Basel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Simon Weyringer: An der Schwelle zum Land der Verhei\u00dfung. 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