{"id":1632,"date":"2022-10-22T13:42:05","date_gmt":"2022-10-22T13:42:05","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1632"},"modified":"2022-10-22T13:42:07","modified_gmt":"2022-10-22T13:42:07","slug":"martina-weingaertner-die-impertinenz-jakobs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1632","title":{"rendered":"Martina Weing\u00e4rtner: Die Impertinenz Jakobs"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Martina Weing\u00e4rtner: <em>Die Impertinenz Jakobs. Eine <\/em>relecture<em> der Jakob-Esau-Erz\u00e4hlung vor einer text- und metapherntheoretischen Hermeneutik Paul Ricoeurs<\/em>, WMANT 165, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2021, kt., 346\u00a0S., \u20ac\u00a090,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/57370\/die-impertinenz-jakobs\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/57370\/die-impertinenz-jakobs\">978-3-525-56058-7<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Martina Weing\u00e4rtner studierte evangelische Theologie in Erlangen, Heidelberg und Berlin, promovierte an der Universit\u00e4t Koblenz-Landau und ist Stipendiatin am Coll\u00e9ge de France. Bei dem zu besprechenden Buch handelt es sich um eine \u00fcberarbeitete Druckfassung ihrer Dissertation, die von Prof. Michaela Bauks und Prof. Andreas Wagner betreut wurde. Im Zentrum der Untersuchung der Jakob-Esau-Erz\u00e4hlung steht die Linsengericht-Episode in Gen 25,29\u201334. In einer konsequenten Anwendung von Paul Ricoeurs Hermeneutik erarbeitet Weing\u00e4rtner einen Mehrwert dieses Abschnitts gegen\u00fcber gel\u00e4ufigen historisch-kritischen Auslegungen zum Text, ohne dabei besagten methodischen Zugang grunds\u00e4tzlich zu verlassen. Sie sieht in ihrer Interpretation von einer Konzentration auf die sonst \u00fcbliche negative Bewertung von Esau ab und liest den Abschnitt als eine Schuldgeschichte Jakobs. Impertinenz, sagt das W\u00f6rterbuch, sei ein in herausfordernder Weise freches oder unversch\u00e4mtes Verhalten. Genau das trifft nach Weing\u00e4rtner auf Jakob zu, als er seinen Bruder Esau um das Erstgeburtsrecht bringt: \u201eN\u00f6tigung und \u00dcbervorteilung \u2013 darunter kann Jakobs kaufm\u00e4nnisches Handeln zusammengefasst werden\u201c (186). Impertinenz, das hat mit Ricoeur aber noch eine tiefere Dimension: \u201eDie Impertinenz \u2013 sprich die Zusammenstellung nicht zusammengeh\u00f6riger Bereiche \u2013 dr\u00fcckt sich derart aus, dass die Linsenepisode eine \u00f6konomisch, vertragsrechtliche Textwelt zeichnet, in der zwei institutionell verortete Handelspartner interagieren und dies einer heilstheologischen Textwelt beigeordnet ist, in der famili\u00e4r eng verbundene Individuen in einem Beziehungsgef\u00fcge stehen\u201c (309).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weing\u00e4rtner f\u00fchrt einleitend zum Textverst\u00e4ndnis Ricoeurs hin: Hierzu geh\u00f6re zum einen die \u00dcberzeugung, dass beim Weg von der m\u00fcndlichen \u00dcberlieferung zur Verschriftung der Ereignisse die urspr\u00fcngliche Situation hinter einer interpretatorischen Verarbeitung zur\u00fccktritt. Zudem handle es sich um einen biblischen Text, sodass \u201edie versprachlichten Erfahrungen als Ereignisse einer Glaubensgeschichte apperzipiert sind\u201c (33). Der Prozess der Interpretation m\u00fcsse sich nun in einer doppelten Bewegung vollziehen: einer Distanzierung vom Text und einer \u201eWieder-Holung\u201c desselben. Der Aufbau der Arbeit zeichnet dies in seinen zwei Hauptteilen \u2013 \u201eVom Erkl\u00e4ren\u201c (Teil I) \u201e\u2026 zum Verstehen\u201c (Teil II) \u2013 nach. Beide Teile beginnen mit einem Blick auf Ricoeur und wenden sich sodann zentralen Texten der Jakob-Esau-Erz\u00e4hlung zu, allen voran der \u201eLinsenepisode\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Teil I behandelt Weing\u00e4rtner zun\u00e4chst Ricoeurs Auseinandersetzung mit der strukturalen Analyse und der Heuristik als Analyseinstrumentarium (in Anlehnung an Barthes). Der anschlie\u00dfende Blick auf den Bibeltext ist bestimmt von der durch die historisch-kritischen Pr\u00e4suppositionen erschwerte Frage, wie denn ein biblischer Text mit \u201einh\u00e4renter Geschlossenheit\u201c \u00fcberhaupt zu ermitteln sei. Weing\u00e4rtner untersucht hierzu klassische Darstellungen zur elohistischen und jahwistischen Theologie als Schl\u00fcssel zum Textverst\u00e4ndnis, und als Korrektiv hierzu sog. priesterschriftliche Texte, die Jakob als \u201erehabilitierten <em>trickster<\/em>\u201c zur Darstellung br\u00e4chten. In einem Fazit (126f) h\u00e4lt Weing\u00e4rtner fest, dass die Textgenese \u201eals Reaktion und Interaktion mit dem vorliegenden Material\u201c zu sehen und \u201edie Geltung eines Textes nicht im abgeschlossenen Vakuum, sondern in der Zirkulation der sprachlichen Manifestationen\u201c zu erfassen sei. Abschlie\u00dfend erfolgen nun eine Textanalyse und eine semantische Analyse, beides strukturalistisch orientiert: eine Analyse auf Satzebene und auf Werkebene, sowie eine Analyse innerbiblischer Bez\u00fcge (Vergleichstexte: die Erz\u00e4hlung vom erschlichenen Erstgeburtssegen Gen 27 sowie die Liebes\u00e4pfel-Episode Gen 30), die semantische Analyse unter Einbezug metaphorischer Dimensionen (Erstgeburtsrechts, Verkaufs, Schwurs).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insgesamt ergibt sich hieraus folgende Deutung des Geschehens in Gen 25: Die Ordnungen der Wirklichkeit werden gebrochen, indem der \u00c4ltere dem J\u00fcngeren dienen muss. Das ist zwar von Gott bei der Geburt der Zwillinge so angesagt (V. 23), kommt jedoch nicht auf positivem Wege zur Erf\u00fcllung: \u201eDie Sozialit\u00e4t ist gest\u00f6rt, mehr noch \u2013 die famili\u00e4re Beziehung erf\u00e4hrt einen Bruch (\u2026) Der pr\u00e4skriptive Diskurs, der hier in seiner Negation formuliert wird, zeigt dieses Ereignis als verkehrt an. Der Austausch, der hier als kaufm\u00e4nnischer Handel dechiffriert wurde, wird in Gen 25 zum Transformationssymbol von der positiven Situation der autonomen Beziehungen hin zur gebrochenen und verkehrten Situation einer heteronomen Erfahrung\u201c (174; deutlich ist Ricoeur\u2019sches Vokabular zu h\u00f6ren). Die Episode d\u00fcrfe daher nicht allein vom Urteil \u00fcber Esau interpretiert werden (\u201eSo verachtete Esau seine Erstgeburt\u201c; V. 34).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite Hauptteil der Arbeit befasst sich zun\u00e4chst mit der Metaphernforschung in alttestamentlicher Wissenschaft und sodann insbesondere mit der Metapherntheorie von Ricoeur, den dieser u.&nbsp;a. in Auseinandersetzung mit Max Blacks und mit J\u00fclichers Gleichnistheorie entwickelte. Weing\u00e4rtner arbeitet folgende entscheidende Kriterien der Metapher nach Ricoeur heraus: (1) die semantische Polysemie, die neben den pertinenten auch nichtpertinente Interaktionen herausstellt, (2) ihre heuristische Funktion als Neubeschreibung der Wirklichkeit, indem die mimetische Nachbildung von Wirklichkeit eine ontologisch Funktion evoziert und damit \u201ejede schlummernde Daseinspotentialit\u00e4t <em>als<\/em> entfaltet, jede latente Handlungsf\u00e4higkeit <em>als<\/em> wirklich geworden\u201c darstellt (ein Ricoeur-Zitat, 227), und (3) die metaphorischen Narration, die ihre \u201emimetische Funktion auf metaphorischem Weg\u201c entfaltet. Dies f\u00fchrt dazu, dass Gen 25 nicht streng in seinem vorliegenden Wortlaut, sondern nunmehr als \u201eneu formulierter Text\u201c (248) verstanden werden m\u00fcsse. Weing\u00e4rtner gibt eine \u201ezweite \u00dcbersetzung\u201c, der diesen als eine Etablierung einer \u00f6konomischen Ordnung liest (249).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Interpretation kann nun aber nicht bei der Feststellung einer gest\u00f6rten Ordnung \u2013 also der Schuld \u2013 stehen bleiben, sondern hierzu geh\u00f6rt nun im Sinne Ricoeurs auch die Frage der Vers\u00f6hnung und Vergebung (vgl. \u201eGed\u00e4chtnis, Geschichte, Vergessen\u201c; deutsch 2004). Dieses Thema sei dem Erz\u00e4hlabschnitt als einer Schulderz\u00e4hlung dadurch inh\u00e4rent, als jeder Konflikt erz\u00e4hlerisch gel\u00f6st werden wolle (vgl. 251) \u2013 und in Gen 32f kommt es zur Wiederherstellung der Pertinenz.: \u201eDie Disproportionalit\u00e4t zwischen der Tiefe der Schuld und der H\u00f6he der Vergebung ist so \u00fcberwunden. Jakob hat nicht <em>etwas<\/em> gegeben, keine Kompensation, keine Ersatzleistung, sondern nicht weniger als <em>sich selbst<\/em>. Er selbst stellt sich voran und wirft sich nieder zu Boden (Gen 33,3). Er selbst bezeugt die Erfahrung der Gabe als einen g\u00f6ttlichen Akt der Gnade in hymnischer Form (Gen 22,5b)\u201c (301).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Werk von Martina Weing\u00e4rtner ist durchzogen von philosophischer, linguistischer und hermeneutischer Fachbegrifflichkeit, Argumentationsgang sowie sprachphilosophische und textbegriffliche Fragestellungen sind dicht und komplex \u2013 keine leichte Lekt\u00fcre, selbst f\u00fcr den kundigen Leser. Ein gro\u00dfer Vorzug der Arbeit ist, dass hier ein konkreter au\u00dferdisziplin\u00e4rer Ansatz, n\u00e4mlich der von Ricoeur (fast 40 Titel im Literaturverzeichnis) und seinem hermeneutischen Vorgehen, konsequent und fl\u00e4chendeckend in Erprobung seiner Tragweite und Auslotung seiner Grenzen, sowie in seinem semantischen Ertrag als Bereicherung der Interpretationsweite und -tiefe, an einem konkreten biblischen Textbereich ausgelotet wird, und nicht \u2013 wie so h\u00e4ufig \u2013 eklektisch und wenig reflektiert Einzelgedanken aus Linguistik, Sprachphilosophie, Hermeneutik und anderen angrenzenden Disziplinen Aufnahme finden. Die Ausf\u00fchrungen Weing\u00e4rtners zeigen \u2013 jenseits der Frage, inwieweit man mit ihren Ausf\u00fchrungen einverstanden ist \u2013 vor allem \u2013 und darin sehe ich einen besonderen Gewinn und einen wesentlichen Gespr\u00e4chsbeitrag f\u00fcr neuere exegetische \u00dcberlegungen \u2013 dass der Textbegriff der traditionellen historisch-kritischen Zugangsweise zu biblischen Erz\u00e4hlungen einerseits zu kurz greift, und dass eine Textbetrachtung sich keineswegs in einer Konzentration auf textgenetische Fragen, wie sie lange Zeit in der Exegese dominierten, ersch\u00f6pfen muss.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Andreas K\u00e4ser, <\/em><em>Dozent an der Theologischen Akademie Stuttgart<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martina Weing\u00e4rtner: Die Impertinenz Jakobs. 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