{"id":1638,"date":"2022-10-22T13:48:42","date_gmt":"2022-10-22T13:48:42","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1638"},"modified":"2022-10-22T13:48:44","modified_gmt":"2022-10-22T13:48:44","slug":"raik-heckl-mose-und-aaron-als-beamte-des-gottes-israels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1638","title":{"rendered":"Raik Heckl: Mose und Aaron als Beamte des Gottes Israels"},"content":{"rendered":"\n<p>Raik Heckl: <em>Mose und Aaron als Beamte des Gottes Israels. Die Entstehung des biblischen Konzepts der Leviten<\/em>, VT.S 190, Leiden\u00a0\/\u00a0Boston, MA: Brill, 2022, Ln., XV+318\u00a0S., \u20ac\u00a0116,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/brill.com\/view\/title\/61139\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/brill.com\/view\/title\/61139\">978-90-04-49867-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Mit der Leviten-Thematik betritt Heckl (Vf.) dorniges Gel\u00e4nde. Die Breite und Diversit\u00e4t alttestamentlicher Aussagen zu Leviten und Priestern ist bekannt und die Zeichnung eines Gesamtbildes anspruchsvoll. Zeitliche Einordnungen spielen dabei eine erhebliche Rolle. Vf. moniert, dass Einsch\u00e4tzungen des Levitismus nach dem klassischen Modell von Wellhausen teils immer noch gelten w\u00fcrden, obwohl die Forschungslage dies nicht mehr zulasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Den methodischen Ausgangspunkt bilden nicht der Pentateuch, sondern Jer und Ez, die zeit\u00e4hnlich zur sp\u00e4tvorexilischen Anfangszeit des Dtn, aber ohne dessen programmatisch-idealistische Ausrichtung sind. Die Untersuchung ergibt, dass in Jer; Ez keine Hinweise vorliegen, dass Priester in sp\u00e4tvorexilischer Zeit Leviten waren (Ez 44: Opferkult wird zadokidischen Priestern \u00fcbertragen, Leviten \u00fcbernehmen nichtkultische Aufgaben, ohne dass damit eine Degradierung verbunden w\u00e4re). In hellenistischer Zeit (Esr-Neh; Chr) werden die Leviten mit weiteren, urspr\u00fcnglich staatlichen Aufgaben au\u00dferhalb des Opferkults (T\u00fcrh\u00fcter, S\u00e4nger, Schreiber etc.) betraut, ohne dass eine kultische Kompetenzausweitung stattfindet. Der Levitismus sei eine auf Juda beschr\u00e4nkte sp\u00e4tvorexilische Innovation. Er setze den Beamtenstaat als kulturelle Elite voraus und f\u00fcge einen speziellen \u201eStamm\u201c von Spezialisten hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei wichtige Institutionen Israels werden in den beiden Hauptfiguren des Pentateuchs vorgebildet. Levi ist Eponym der Beamtenschaft und Mose der Prototyp der Leviten. Die Geburtserz\u00e4hlung in Ex 2 als Kontrasterz\u00e4hlung zur neuassyrischen Sargon-Legende mache deutlich, was im 7. Jh. v. Chr. unter Leviten verstanden wurde. Moses Berufung zum \u201eBeamten Gottes\u201c werde in Ex 3 inhaltlich gef\u00fcllt. Als Mose loyal ergebene, \u201ezelotische\u201c Gruppe (Ex 32,26\u201329) werden auch die Leviten mit staatlichen Funktionen betraut (\u00e4hnlich Richtern und Amtsleuten). Mit Mose vergleichbar werde auch Aaron als Eponym der Priesterschaft levitisiert und im Zusammenhang mit Moses Berufung (Ex 4) eingef\u00fchrt. Er ist der \u201ePrototyp der Administration\u201c; das Priesteramt ergibt sich sp\u00e4ter, wird dann aber zur Dom\u00e4ne. In Num 8 gehe es nicht um eine Degradierung priesterlicher Leviten zugunsten der Aaroniden, sondern um einen Einbezug der nichtkultischen Leviten in den Tempeldienst unter priesterlicher Leitung (Opferkult bleibt ausgeschlossen). In der k\u00f6nigslosen Zeit des Zweiten Tempels, dem neben den kultischen auch fr\u00fchere politisch-administrative Funktionen oblag, wurden die vorexilischen Beamteneliten integriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausf\u00fchrungen zu den Leviten im Dtn und dtr Texten machen den Schluss. Dtn biete ein Ideal und k\u00f6nne nicht zur Konstruktion einer Geschichte der Leviten dienen. Im dtn Gesetz erscheinen die Leviten in sozialrechtlichen Zusammenh\u00e4ngen (<em>personae miserae<\/em>). Ihre Versorgung ist eine dtn Innovation. Die Leviten sind nicht grunds\u00e4tzlich Priester, sondern letztere sind eine Teilgr\u00f6\u00dfe der ersteren. Die Leviten erscheinen als Lehrer der Tora (27,14\u201326: Fluchreihe). Im sp\u00e4ten, priesterlich beeinflussten Text 10,8f werden sie als Tr\u00e4ger der Bundeslade, als Diener Jhwhs und Segnende geschildert und mit Landbesitzlosigkeit verbunden (nur der Ladedienst setzte urspr\u00fcnglich die Priesterzugeh\u00f6rigkeit nicht voraus, \u00e4hnlich 31,25f). Der deutlichste Hinweis f\u00fcr die Identit\u00e4t des Stammes Levi mit Priestern wird in 18,1 gesehen. Gem\u00e4\u00df Vf. wird dort jedoch \u201enur eine gemeinsame Aussage \u00fcber die Teilgr\u00f6\u00dfe der levitischen Priester und \u00fcber die Gesamtgr\u00f6\u00dfe des Stammes gemacht\u201c (218). Das Priestergesetz (18,1\u20138, Grundbestand: 18,3\u20135a) sei sp\u00e4tnachexilische Fortschreibung und unterscheide sich kaum vom Konzept des Num-Buchs. Analog wird auch der Levi-Segen (33,8\u201311) als sp\u00e4te Fortschreibung (im R\u00fcckblick auf Num 17) eingestuft. Darin werde das administrative Handeln von Mose und Aaron insgesamt und ihre Typik als Jhwhs Beamte aufgenommen. Die Ri-Anh\u00e4nge 17f und 19f sind dtr und verdeutlichen, dass \u201eLeviten die ihnen zugedachte Rolle erst in der sp\u00e4teren Zeit des Staates einnehmen\u201c (254).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Schlusskapitel formuliert Vf. seine Synthese unter dem Titel: \u201e,Levi\u2018 und ,Leviten\u2018 als Bezeichnungen f\u00fcr eine Gruppenidentit\u00e4t und Teil der Stammeskonzeption der Hebr\u00e4ischen Bibel\u201c (258). Der Ursprung der Leviten als nichtkultischer Elite in sp\u00e4tvorexilischer Zeit erkl\u00e4re deren Bedeutung in der Sp\u00e4tzeit, wobei die fr\u00fchesten Texte, die von Levi und den Leviten sprechen (Gen 49,5\u20137 mit Levi-Kritik, 8. Jh. v.&nbsp;Chr.), sich als \u201eDiskursfragmente\u201c einordnen lie\u00dfen. Die Vorgeschichte reiche mit Blick auf die priesterliche Ursprungsgestalt (Aaron) zur\u00fcck ins Nordreich. Nach dessen Fall kam es zur Binnenmigration der Eliten und deren Integrierung in die Administration Judas. In nachexilischer Zeit wurde eine radikalere Trennung zwischen sakralen\/profanen Bereichen bzw. kultisch\/nichtkultischen T\u00e4tigkeiten n\u00f6tig. Stellvertretend f\u00fcr das Volk \u00fcbernehmen die Leviten nun nicht-opferkultische Aufgaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die St\u00e4rke von Heckls Studie liegt in der sorgf\u00e4ltigen Analyse relevanter Texte. Die Neubestimmung der Levitenfrage nach Aufl\u00f6sung des Quellen- und Zeitparadigmas von Wellhausen ist konsequent. Die Preisgabe der auf Konflikttheorien fokussierten Verst\u00e4ndnisse zwischen Priester und Leviten bzw. innerlevitischen Gruppen erscheint angemessen. Dass am Zweiten Tempel eine Verst\u00e4rkung und Diversifizierung an kultischen und nichtkultischen Funktionstr\u00e4gern zu konstatieren ist, wird man kaum bestreiten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Belastbarkeit seiner Grundthese, dass nicht-kultische Eliten sp\u00e4tvorexilisch sich zu Leviten formierten und als \u201eStaatsbeamte\u201c in verschiedenen Chargen dienten, wobei ein Teil (Aaroniden) zu Funktionstr\u00e4gern im Opferkult wurden, wird sich zeigen m\u00fcssen. Dies w\u00fcrde eine \u201eUmkehrung\u201c implizieren, denn religionssoziologisch bedurfte Israel (wie andere Nationen) von Beginn an \u201eVermittlungsinstanzen\u201c (= Leviten?) zwischen Gott und dem Volk, wogegen die einen gr\u00f6\u00dferen Beamtenapparat voraussetzenden K\u00f6nigt\u00fcmer sp\u00e4ter entstanden. Angesichts \u00e4gyptischer Einfl\u00fcsse lie\u00dfen sich die Anf\u00e4nge von Mose und den Leviten (Etymologien), aber auch der Lade (Analogien) auch sp\u00e4tbronzezeitlich ansetzen. Die Gegenposition eines fr\u00fchen Levitismus findet sich bei Mark Leuchter (<em>The Levites and the Boundaries of Israelite Identity<\/em>,New York 2017). Angesichts der Daten kommen weder Heckl noch Leuter ohne gewagte Folgerungen aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Heckls neuer Gesamtentwurf bringt eine bessere \u00dcbereinstimmung mit dem g\u00e4ngigen Forschungsparadigma, l\u00e4sst aber die Schere zwischen erz\u00e4hlter Zeit und Erz\u00e4hlzeit (weiter) aufgehen. Sein konstruktivistischer Ansatz resultiert in einer Sp\u00e4tansetzung des Levitentums. Vielleicht w\u00e4re es angezeigt, \u00fcber die Levitenstellen hinaus vermehrt auch nicht levitisch \u201emarkierte\u201c Texte, hinter denen sich \u00e4hnliche Dienste, Funktionen und Tr\u00e4gerkreise andeuten (Hos?; Asaph-Psalmen? \u2026), in das Gesamtbild einzubeziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Raik Heckl ist f\u00fcr seinen anregenden und neue Wege beschreitenden Beitrag zu den Leviten zu danken. Er wird f\u00fcr die weitere Forschung zu konsultieren sein.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Beat Weber, Pfr. Dr. theol., Basel; Research Associate am Department of Ancient and Modern Languages and Cultures, Universit\u00e4t Pretoria, S\u00fcdafrika<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Raik Heckl: Mose und Aaron als Beamte des Gottes Israels. 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