{"id":1646,"date":"2022-10-22T13:58:40","date_gmt":"2022-10-22T13:58:40","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1646"},"modified":"2022-10-22T13:59:03","modified_gmt":"2022-10-22T13:59:03","slug":"steffan-mathias-paternity-progeny-and-perpetuation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1646","title":{"rendered":"Steffan Mathias: Paternity, Progeny, and Perpetuation"},"content":{"rendered":"\n<p>Steffan Mathias: <em>Paternity, Progeny, and Perpetuation. Creating Lives after Death in the Hebrew Bible<\/em>, LHBOTS 696, London: t&amp;t clark, 2020, Pb., 288&nbsp;S., US&nbsp;$&nbsp;39,95, ISBN <a href=\"https:\/\/www.bloomsbury.com\/uk\/paternity-progeny-and-perpetuation-9780567703323\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.bloomsbury.com\/uk\/paternity-progeny-and-perpetuation-9780567703323\/\">978-0-567-70332-3<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Hauptgegenstand der zu besprechenden Monografie ist der Tod von kinderlosen M\u00e4nnern und die Frage der Existenz \u00fcber den Tod hinaus. Der Verf. m\u00f6chte zeigen, dass in der Hebr\u00e4ischen Bibel ein spezifisches Paradigma vorausgesetzt ist, das Begriffe von Individualit\u00e4t und Gemeinwesen, M\u00e4nnlichkeit, Weiblichkeit, Geschlecht und Geschlechterrollen, Tod, Leben nach dem Tod und Unterwelt, Bestattungen, Trauer, Denkm\u00e4ler und damit verbundene Todesrituale, Nachkommenschaft, Herkunft und Abstammung ber\u00fchrt (2). Als biblische Texte kommen Gen 19; 38; Num 27; Dtn 25,5\u201310; Rut; 1Sam 18,18; 2Sam 13 und Jes 56 in den Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer kurzen Einf\u00fchrung er\u00f6ffnet der Verf. mit einem methodischen Kapitel zu Anthropologie, Pierre Bourdieu und Geschlecht. Gegen eine Exegese, die nur Deutungen akzeptiert, die in den Texten explizit ausformuliert sind, betont er die Wichtigkeit von \u201esymbolischer Exegese\u201c, die damit rechnet, dass ein Symbol oft keine explizite Artikulation findet und darum assoziative Zusammenh\u00e4nge im Text vorhanden sein k\u00f6nnen, die in einer Kultur verstanden werden, ohne dass sie je expliziert werden (10). Vom franz\u00f6sischen Soziologen Pierre Bourdieu \u00fcbernimmt er den Terminus \u201edoxa\u201c f\u00fcr \u201edas Universum des Undiskutierten\u201c (14), d.&nbsp;h. das, was sich in einer Kultur als das Nat\u00fcrliche anf\u00fchlt. Diesen Zugang sieht er als Alternative zu einer Hermeneutik des Verdachts, die den antiken Autoren bewusste ideologische Motive zur Etablierung von Machtstrukturen unterstellt, die sie mit dem Schreiben ihrer Texte verfolgten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesem anregenden methodischen Kapitel wendet sich der Verf. den verschiedenen Themenkomplexen zu. Ausgangs- und Schlusspunkt ist das Konzept der Leviratsehe (Kap. 2 und 7), in der die verschiedenen Aspekte zusammenlaufen. Kapitel 3 befasst sich mit Tod, Bestattung und dem, was \u00fcber den Tod hinausgeht, Kapitel 4 mit der Bedeutung des Namens und dessen Weitergabe, Kapitel 5 mit Nachkommenschaft (Fortpflanzung und Sexualit\u00e4t), Kapitel 6 mit dem Vaterhaus. Dabei nimmt Mathias ein sehr breites Forschungsspektrum in den Blick, stellt immer wieder kurz, klar und fair verschiedene Deutungsans\u00e4tze vor und diskutiert auch anthropologische Fallstudien aus der ganzen Welt als m\u00f6gliche Analogien.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schwierig, in diesem Rahmen auch nur \u00fcberblicksm\u00e4\u00dfig die Argumentation nachzuzeichnen. Wichtig ist, dass dem Verf. zufolge die Toten in einer realen, substanziellen und gemeinschaftlichen Weise weiterexistieren (91), wobei die Erinnerung und Rezitation des Namens aufgrund des performativen Charakters von Namen wichtig ist f\u00fcr die soziale Kontinuit\u00e4t des Individuums (was aber patriarchale Strukturen hervorbringt und festigt) (122\u2013123). Die Weiterexistenz des Namens verbindet sich mit der Nachkommenschaft, wobei dies in der m\u00e4nnlichen Linie geschieht, indem der Vater seine Identit\u00e4t durch S\u00f6hne weiterf\u00fchrt. Fortpflanzung bedeutet Ehre, was gerade f\u00fcr Frauen auch mit Leid verbunden sein kann (was die biblischen Texte nicht verschweigen). An dieser Stelle betont der Verf., dass die Texte aus einer feministischen Perspektive zwar problematisch sein m\u00f6gen, dass es aber naiv w\u00e4re, sie als pure Ideologie zu betrachten, da sie vielmehr Ausdruck einer \u201edoxa\u201c zwischen Autor und Leser, Mann und Frau, seien (162). Dazu geh\u00f6re auch, dass auch der m\u00e4nnliche K\u00f6rper eine Sexualisierung erfahre, da er f\u00fcr die Fortpflanzung zust\u00e4ndig ist. Gelingt es ihm nicht, seinen Namen oder Samen weiterzugehen, ist die nat\u00fcrliche Linie der Nachkommenschaft abgebrochen und der Mann versagt in seiner performativen M\u00e4nnlichkeit (163). Der Fokus der Texte liegt letztlich nach Mathias nicht auf der Sexualit\u00e4t an sich, sondern auf der Integrit\u00e4t der Familie. Diese ist die stabile soziale Einheit der Gesellschaft. Durch die Weitergabe des Namens des Vaters wird sie fortgef\u00fchrt, w\u00e4hrend der Vater seinerseits zu seinen V\u00e4tern versammelt wird. Das Schlimmste, was einem Individuum geschehen kann, ist, von der Familie \u201eabgeschnitten\u201c zu sein (das Verb \u05db\u05e8\u05ea wird an verschiedenen Stellen f\u00fcr den Samen, Namen oder Individuen gebraucht) (189).<\/p>\n\n\n\n<p>All diese Aspekte f\u00fchrt der Verf. zusammen, wenn er sich in Kapitel 7 ausf\u00fchrlich der Leviratsehe (Dtn 25,5\u201310; Gen 38; Rut) und einigen weiteren Texten zuwendet. Auch wenn sie sich z.&nbsp;T. in der Terminologie unterscheiden (als wichtigste W\u00f6rter hebt er \u05e9\u05c1\u05dd, \u05d6\u05e8\u05e2, \u05d7\u05d9\u05d9\u05dd, \u05e0\u05d7\u05dc\u05d4 hervor), sind sie Ausdruck desselben Paradigmas, das um die Fortdauer der Familie durch die m\u00e4nnliche Linie kreist. In einem abschlie\u00dfenden Kapitel bezeichnet der Verf. dieses Paradigma als \u201ereproductive futurism\u201c. Das afrikanische Sprichwort \u201eEs braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen\u201c, kehrt er um in \u201eEs braucht ein Kind, um ein Dorf aufzuziehen\u201c (250\u2013251).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lesererwartungen werden schon in der Einleitung ziemlich stark gesch\u00fcrt, der Verf. hat hohe, vielleicht zu hohe Ambitionen, ein spezifisches, alle Aspekte verbindendes Paradigma zu pr\u00e4sentieren. So bleibt etwa ungekl\u00e4rt, wie sich das \u201eNachleben\u201c durch Nachkommenschaft (Kind, Monument, Erbe) zum Nachleben des Verstorbenen in der Unterwelt und der Versammlung der V\u00e4ter verh\u00e4lt; auch bleibt weitgehend unreflektiert, was das Paradigma nicht nur f\u00fcr die kleine Familie, sondern f\u00fcr Israel als Volk (und damit in gewissem Sinne Gro\u00dffamilie Abrahams bedeutet; man beachte z.&nbsp;B. die in Lev 19 und Dtn gebr\u00e4uchliche Bezeichnung des Mitisraeliten als \u201eBruder\u201c). Das ganz gro\u00dfe Aha-Erlebnis bleibt letztlich aus, doch als Leser wird man mit manchem kleineren Aha-Erlebnis belohnt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Benjamin Kilch\u00f6r, Staatsunabh\u00e4ngige Theologische Hochschule Basel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Steffan Mathias: Paternity, Progeny, and Perpetuation. Creating Lives after Death in the Hebrew Bible, LHBOTS 696, London: t&amp;t clark, 2020,<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":1647,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-1646","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-altes-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1646","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1646"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1646\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1649,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1646\/revisions\/1649"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1647"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1646"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1646"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1646"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}