{"id":1666,"date":"2022-10-22T14:18:32","date_gmt":"2022-10-22T14:18:32","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1666"},"modified":"2022-10-22T14:18:34","modified_gmt":"2022-10-22T14:18:34","slug":"kurt-erlemann-wunder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1666","title":{"rendered":"Kurt Erlemann: Wunder"},"content":{"rendered":"\n<p>Kurt Erlemann: <em>Wunder. Theorie \u2013 Auslegung \u2013 Didaktik<\/em>, UTB 5657, T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto Verlag, 2021, Pb., 372 S., \u20ac 32,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.narr.de\/wunder-45657\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.narr.de\/wunder-45657\/\">978-3-8252-5657-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Kurt Erlemann ist Prof. f\u00fcr NT und Alte Kirche an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal. Sein neues Buch tr\u00e4gt einen breit gefassten Titel: <em>Wunder<\/em>. Es geht darin kaum um Wunder in der Gegenwart, und nicht um Wunder in mittelalterlichen Heiligenlegenden. Es geht \u2013 was Titel und Untertitel aber verschweigen \u2013 speziell um Wunder im NT, wobei das AT sowie die antike Religionsgeschichte fallweise zu Vergleichszwecken mit einbezogen werden. Der Fokus liegt jedenfalls auf dem NT; wenn Erlemann die \u201eBiblische Wunderterminologie\u201c (23f) bespricht, dann erkl\u00e4rt er ausschlie\u00dflich die im NT verwendeten griechischen Ausdr\u00fccke. Der Titel von Erlemanns popul\u00e4rwissenschaftlichem Buch dagegen war klar: \u201eKaum zu glauben. Wunder im Neuen Testament\u201c (2016).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Untertitel erw\u00e4hnt die <em>Didaktik<\/em>; das Buch ber\u00fccksichtigt die Verwendung des Themas \u201eWunder\u201c im Religionsunterricht sehr intensiv. Eine didaktische F\u00e4higkeit von Erlemann wird in seinem Stil erkennbar: Er verwendet eher kurze S\u00e4tze, sodass sein Buch fl\u00fcssig zu lesen ist. Erlemann erl\u00e4utert die Aspekte, die bei manchen Wundertexten im Unterricht angesprochen werden k\u00f6nnen. Die sprachliche Umsetzung des Buchinhalts auf der Ebene von Sch\u00fclern bleibt aber Aufgabe des Lehrers, denn die Ausdrucksweise in Teil 5 (<em>Exegetische Musterbeispiele<\/em>) ist anspruchsvoll, z. B. sagt er \u00fcber einen Wundertext: \u201eDer Text ist intern epideiktisch mit dikanischem Unterton [\u2026] Leserbezogen ist der Text [\u2026]&nbsp; mit symbuleutischem Unterton\u201c (227). Der Teil 6 (<em>Didaktische Impulse<\/em>) greift die Vorgaben der Lehrpl\u00e4ne auf; hier finden sich auch einfach formulierte Fragen, aber ohne dass konkrete Erfahrungen aus der Unterrichtspraxis dargelegt werden. Es geht eher um grunds\u00e4tzliche p\u00e4dagogische \u00dcberlegungen, etwa: \u201eErfahrungsr\u00e4ume, Lernperspektiven und Kompetenzerwartungen beschreiben die p\u00e4dagogischen Rahmenbedingungen [\u2026]\u201c (283).<\/p>\n\n\n\n<p>Erlemann erkl\u00e4rt die Funktion von Wundern im Rahmen einer christlichen Weltsicht (205): Wunder sind \u201eAnf\u00e4nge der sich realisierenden Gottesherrschaft\u201c, oder \u2013 in einem Vergleich aus der Medienwelt \u2013 \u201ekleine Trailer, Filmclips\u201c. Den Ruf zur Umkehr dr\u00fcckt er modern aus: \u201eDie Menschen sollen ihren Kurs korrigieren\u201c; es \u201egen\u00fcgen punktuelle Zeichen\u201c, denn: \u201eDer freiwillige Verzicht auf Machtdurchsetzung geh\u00f6rt zum Programm der \u00fcbergro\u00dfen Geduld Gottes mit seinen Ebenbildern, ist Ausdruck seiner Liebe, die den Menschen das Schlimmste ersparen m\u00f6chte.\u201c Erst \u201ebei der Parusie Christi wird sich Gott global durchsetzen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Einsch\u00e4tzung der Historizit\u00e4t der Evangelien geht Erlemann einen Mittelweg zwischen Vertrauen und Skepsis: \u201eDas historische Geschehen hinter den Wundertexten liegt im Dunkeln.\u201c (16). Aber damit dieses nicht im Dunkeln bleibt, hat Lukas nachgeforscht, sodass Theophilus sich von der Zuverl\u00e4ssigkeit des von Augenzeugen Berichteten \u00fcberzeugen kann (Lk 1,1-4). Erlemann erl\u00e4utert seine Einsch\u00e4tzung: \u201eDie Evangelien sind keine Tatsachenberichte, sondern Glaubenszeugnisse. Gleichwohl ist die Annahme einer Wundert\u00e4tigkeit Jesu plausibel. Sie erkl\u00e4rt stimmig die daraus entstandene Wirkungsgeschichte inklusive Christus- und Wunderglauben, J\u00fcngerschaft und Kirche. Welche Wunder Jesus im Einzelnen getan hat, l\u00e4sst sich nicht rekonstruieren.\u201c (16). Aber Tatsachenberichte und Glaubenszeugnisse m\u00fcssen einander nicht ausschlie\u00dfen. Joh 20,30f erw\u00e4hnt, dass Jesus Zeichen tat, und dass diese berichtet wurden, damit die Leser glauben, dass Jesus der Christus ist. Erlemann geht von der Mk-Priorit\u00e4t aus: Mt und Lk \u00fcbernahmen viele Wundertexte von Mk, wobei sie gelegentlich umgestalteten (208f).<\/p>\n\n\n\n<p>Erlemann wiederholt mehrmals (leider nur kurz) sein Argument, dass das Weiterwirken der christlichen Bewegung es als plausibel erscheinen l\u00e4sst, dass Jesus tats\u00e4chlich Wunder tat. Dieses wichtige Argument w\u00fcrde es verdienen, anschaulicher ausgef\u00fchrt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche Einsch\u00e4tzungen kausaler Zusammenh\u00e4nge bezweifle ich. Erlemann meint: \u201eWunderglaube ist nicht die Voraussetzung des Gottes- bzw. Christusglaubens, sondern seine folgerichtige Konsequenz.\u201c (114). Hier sehe ich eher eine Wechselwirkung: Das Erleben von Wundern kann zum Glauben an Christus f\u00fchren, umgekehrt beg\u00fcnstigt der Glaube an Christus das Erleben von Wundern. Das leere Grab ist m. E. ein Indiz, das dazu beitrug, dass Jesu J\u00fcnger von der Auferstehung Jesu \u00fcberzeugt wurden. W\u00e4re der Leichnam Jesu weiterhin im Grab gelegen, w\u00e4ren seine J\u00fcnger kaum zu dieser \u00dcberzeugung gekommen. Aber nach Erlemann \u201ebegr\u00fcndet die historisch plausible Erfahrung der Osterzeugen den Osterglauben <em>und<\/em> die Rede vom leeren Grab!\u201c (82, \u00e4hnlich 89). Ich stimme insoweit zu, als die nach\u00f6sterlichen Begegnungen mit Jesus entscheidend waren f\u00fcr das Entstehen der \u00dcberzeugung, dass Jesus auferstanden war. Aber diese \u00dcberzeugung produzierte nicht die Rede vom leeren Grab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRationale vs. supranaturale Erkl\u00e4rung\u201c, so stellt Erlemann gegen\u00fcber, wobei er die Begriffe \u201erational\u201c und \u201erationalistisch\u201c gleichbedeutend verwendet (115). Ich w\u00fcrde eher Naturalismus und Supranaturalismus einander gegen\u00fcberstellen. Dass sich rationales Denken und Anerkennen von Wundern nicht ausschlie\u00dfen m\u00fcssen, sagt Erlemann selbst: \u201eWunder [\u2026]&nbsp; folgen einer eigenen, rational beschreibbaren Logik.\u201c Aber kurz davor meint er: \u201eG\u00f6ttliche Eingriffe sind, rationaler Logik folgend, nicht erkl\u00e4rbar und daher unglaubw\u00fcrdig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Heilung der Schwiegermutter des Petrus, die hohes Fieber hatte, wird kein D\u00e4mon erw\u00e4hnt, wie das bei den D\u00e4monenaustreibungen der Fall ist; dennoch meint Erlemann: \u201eFieber und Epilepsie gelten als D\u00e4monenbefall.\u201c (71). Aber Jesus ber\u00fchrte die Hand der Kranken (Mk 1,31), wogegen er bei Besessenen konsequent jede Ber\u00fchrung vermied.<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201eServiceteil\u201c (= Anhang) verzeichnet u. a. Schlagw\u00f6rter, Textstellen und ntl. Wundertexte. Es werden dabei jedoch keine Seitenzahlen angegeben, sondern Kapitel-Nummern; das Auffinden der jeweiligen Stelle ist dadurch etwas m\u00fchsam. Die Belege in den Fu\u00dfnoten geben nur Autor und Jahr (und Seitenzahl) an, ohne Kurztitel. Selbst wenn der Leser einzelne B\u00fccher eines genannten Autors kennt, wei\u00df er aufgrund der Jahreszahl meist nicht, um welches Buch es sich handelt; er muss erst bei den Literaturangaben hinten nachschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch von Kurt Erlemann bietet eine Zusammenstellung zahlreicher Aspekte zum Thema \u201eWunder\u201c aus vielen Wissensgebieten, und vermag dadurch den Horizont des Lesers stark zu erweitern. Seine Analysen fordern an wesentlichen Stellen meinen Widerspruch heraus, so etwa bei seinen Vorbehalten gegen\u00fcber dem Bejahen der Historizit\u00e4t der Berichte der Evangelien.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Franz Graf-Stuhlhofer BSc, Lehrbeauftragter an der KPH Wien\/Krems f\u00fcr Kirchengeschichte und Dogmatik<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurt Erlemann: Wunder. Theorie \u2013 Auslegung \u2013 Didaktik, UTB 5657, T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto Verlag, 2021, Pb., 372 S., \u20ac<\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":1668,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-1666","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1666","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1666"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1666\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1670,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1666\/revisions\/1670"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1668"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1666"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1666"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1666"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}