{"id":1671,"date":"2022-10-22T14:20:19","date_gmt":"2022-10-22T14:20:19","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1671"},"modified":"2022-10-22T14:20:21","modified_gmt":"2022-10-22T14:20:21","slug":"justin-winzenburg-ephesians-and-empire","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1671","title":{"rendered":"Justin Winzenburg: Ephesians and Empire"},"content":{"rendered":"\n<p>Justin Winzenburg: <em>Ephesians and Empire. An Evaluation of the Epistle\u2019s Subversion of Roman Imperial Ideology<\/em>,WUNT II\/573,T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2022, Pb., 318&nbsp;S., \u20ac&nbsp;94,\u2212, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/ephesians-and-empire-9783161611834\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/ephesians-and-empire-9783161611834\">978-3-16-161183-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Justin Winzenburg ist assoziierter Professor f\u00fcr Neues Testament und Griechisch am Crown College in St. Bonifacius (Minnesota). Das Buch ist eine revidierte Ausgabe seiner Doktorarbeit an der London School of Theology. In seiner Arbeit untersucht er den Epheserbrief auf \u00c4u\u00dferungen, die sich als Kritik am r\u00f6mischen Reich bzw. der Herrscher-Ideologie verstehen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Kapitel (A Survey of Ephesians and Empire; 3\u201331) stellt er in einem Forschungs\u00fcberblick zu der von ihm untersuchten Thematik fest, dass es in neuerer Zeit zwar Untersuchungen zum Verh\u00e4ltnis Paulus und r\u00f6misches Kaiserreich gab, aber kaum zum Epheserbrief. Er kritisiert einerseits, dass herrschaftskritische Elemente oft nicht ber\u00fccksichtigt bzw. geleugnet werden. Andere Arbeiten leiden darunter, dass aufgrund sprachlicher Parallelen zu schnell auf eine herrschaftskritische Intention geschlossen wird. Daher will Winzenburg durch ein differenziertes Fragespektrum die Beziehung zwischen dem Epheserbrief und dem r\u00f6mischen Kaiserreich kl\u00e4ren (30f).<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Kapitel (An Eclectic Hermeneutic: A Hermeneutical Grid for Assessing an Imperial-Critical Reading of Ephesians; 33-73) stellt Winzenburg seine Arbeitsmethoden vor. Er benennt drei hermeneutische Komponenten: die Unterscheidung zwischen implizitem und empirischem Autor, Leser und Kontext; die Sprechakt-Theorie und eine narrative Hermeneutik (33). Diese Komponenten erl\u00e4utert er ausf\u00fchrlich. Indem Winzenburg prim\u00e4r vom impliziten Autor (Paulus) ausgeht, umgeht er die Unsicherheit \u00fcber den Verfasser des Epheserbriefs. F\u00fcr Ausleger, die Paulus als Autor des Briefs ansehen, fallen der empirische und implizite Autor zusammen. In der Sprechakt-Theorie geht es um drei Bedeutungsebenen eines Textes (46\u201353): 1) den lokution\u00e4ren Akt, der die Handlung des \u201eEtwas Sagens\u201c, also den Wortlaut, nach linguistischen und grammatischen Regeln untersucht; 2) den illokutiven Akt, der den Vollzug der Sprechhandlung beschreibt, z.&nbsp;B. als Frage, Bitte, Befehl, Drohung; 3) den perlokutiven Akt, der das Erzielen einer Wirkung meint, z.&nbsp;B. Ver\u00e4rgern, Erschrecken, \u00dcberzeugen, Umstimmen. Zusammen beschreiben sie den Sprechakt als Handlung. F\u00fcr das Verstehen spielt der Kontext eine wesentliche Rolle. Bei der narrativen Hermeneutik geht es nicht um \u201enarrative Theologie\u201c, sondern um Erz\u00e4hlungen, die Lebensfragen bestimmen: \u201ewho are we, where are we, what is wrong, and what is the solution?\u201c (67f), also die Sicht eines Autors auf sein Leben und die Welt. Dies bestimmt als Hintergrund (substructure) auch Aussagen in Briefen. Winzenburg wendet damit in seiner Arbeit \u201ean eclectic hermeneutic to an imperial-critical reading of Ephesians\u201c an (72).<\/p>\n\n\n\n<p>Im dritten Kapitel (Empirical Life Setting of Ephesians; 77\u2013135) beschreibt Winzenburg den empirischen Hintergrund des Epheserbriefs und bestimmt so die implizite Situation des Textes. Er geht von Adressaten in Kleinasien aus, und zwar in Ephesus bzw. im Umkreis von Ephesus. Er ber\u00fccksichtigt eine fr\u00fche Datierung des Briefs um 60 mit Paulus als Verfasser sowie eine sp\u00e4te Datierung gegen Ende des 1.&nbsp;Jahrhunderts oder sp\u00e4ter mit einem deuteropaulinischen Verfasser. In Bezug auf den Kontext des r\u00f6mischen Reichs hebt er drei Aspekte heraus: <em>maiestas<\/em>-Gesetzgebung, Herrscherkulte und Eschatologie des r\u00f6mischen Reichs. Die <em>maiestas<\/em>-Gesetze verurteilen Handlungen und Worte, die sich gegen das Konzept der \u00dcberlegenheit der r\u00f6mischen Bev\u00f6lkerung, des Reichs und seines Kaisers richten (94f). Wegen der Gefahr strafrechtlicher Verfolgung wird Kritik an der r\u00f6mischen Herrschaft eher implizit bzw. indirekt ge\u00e4u\u00dfert. Gegen Ende des 1. Jahrhunderts entwickelte sich der Herrscherkult st\u00e4rker zu einer Ideologie mit Anspruch auf ewige r\u00f6mische Herrschaft, Verg\u00f6ttlichung der Kaiser und neuer Ordnung (120f). Kennzeichnend f\u00fcr die Eschatologie des r\u00f6mischen Kaiserreichs ist die Rede vom Anbruch des Goldenen Zeitalters mit Augustus, von der weltweiten r\u00f6mischen Herrschaft und dem g\u00f6ttlichen Ursprung des Kaisers, die unter den Nachfolgern von Augustus weiterentwickelt wurde (133). Dieser Kontext ist f\u00fcr die Rekonstruktion der impliziten Situation der Adressaten des Epheserbriefs wesentlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Im vierten Kapitel (Implied Life-Setting of Ephesians; 137\u2013167) erhebt Winzenburg, was sich aus dem Epheserbrief zur Charakterisierung des impliziten Autors und der impliziten Leser ergibt. Trotz der Unsicherheit \u00fcber den empirischen Autor stellt er zum impliziten Autor fest: Er ist Judenchrist und kennt die griechisch-r\u00f6mische Kultur, also auch die zeitgen\u00f6ssische Ideologie des r\u00f6mischen Reichs. Er befindet sich in r\u00f6mischer Gefangenschaft. Die impliziten Leser sind \u00fcberwiegend Heidenchristen. Da der Autor bei ihnen Kenntnis des Alten Testaments voraussetzt, nimmt Winzenburg an, dass sie \u201eGottesf\u00fcrchtige\u201c waren, sich also fr\u00fcher zur j\u00fcdischen Synagoge gehalten haben. Sie leben im sozialen, politischen und religi\u00f6sen Kontext Kleinasiens in Ephesus bzw. in Orten der Umgebung.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Kapiteln f\u00fcnf und sechs untersucht Winzenburg verschiedene Texte, die entweder bereits herrscherkritisch gelesen werden oder das Potential dazu haben (206f). W\u00e4hrend im f\u00fcnften Kapitel eine vorl\u00e4ufige herrschaftskritische Lesung der Texte erfolgt, wie sie verschiedene Wissenschaftler vorschlagen, werden dieselben Texte im sechsten Kapitel analysiert und die St\u00e4rken und Schw\u00e4chen ihrer Interpretation im Blick auf ihre Kritik an der Herrschaft des r\u00f6mischen Reichs beurteilt. \u00dcberzeugt hat mich diese insbesondere zu Eph 2,11\u201322 (218f) und 4,4\u20136 (224\u2013226). Bei anderen Texten l\u00e4sst eine solche Interpretation zus\u00e4tzliche Aspekte f\u00fcr die Auslegung aufleuchten. Winzenburg verweist bei Eph 2,1\u201310 (216\u2013218) und 5,21\u201332 (230\u2013234) auf zus\u00e4tzliche m\u00f6gliche Verst\u00e4ndnishintergr\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p>Da vor allem die Eschatologie und Christologie des Epheserbriefs herrschaftskritisch verstanden werden, geht er auf beide Themen gesondert ein (238-250). Er kommt zum Ergebnis: Die kosmische und Christus-zentrierte futurische Eschatologie des Epheserbriefs \u201eis meta-narratively contradictory\u201c zur realisierten Eschatologie des r\u00f6mischen Reichs (246). Im zeitgeschichtlichen Kontext wirken die christologischen Aussagen als Herausforderung der Ideologie des Herrscherkults und fordern die impliziten Adressaten auf, nicht mehr daran teilzunehmen (248). Die Christologie des Epheserbriefs steht in Spannung zum Anspruch des r\u00f6mischen Kaisers: Wer bringt der Welt Frieden und Erl\u00f6sung? Wer steigt zum Himmel auf? Wer sitzt \u00fcber allen M\u00e4chten und Gewalten? (256f). Das siebte Kapitel bietet eine detaillierte Zusammenfassung (253\u2013258).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verfasser zeichnet sich durch eine differenzierte Argumentation und Beurteilung aus. Zu w\u00fcrdigen ist der interdisziplin\u00e4re Horizont, der den zeitgeschichtlichen Hintergrund f\u00fcr die Exegese im Blick auf die r\u00f6mische Herrschaft ausleuchtet und so zum Verst\u00e4ndnis beitr\u00e4gt. Zuzustimmen ist Winzenburg, dass der Epheserbrief durch implizite bzw. indirekte Sprechakte den politisch-religi\u00f6sen Herrschaftsanspruch in Frage stellt, ohne dies explizit zu formulieren. Bei den untersuchten Texten des Epheserbriefs scheinen mir einzelne Beurteilungen als herrschaftskritisch eher fraglich, teilweise durch eine andere Exegese bedingt, etwa von Eph 4,8\u201310 oder 6,12. Insgesamt stellt das Buch eine lesenswerte Arbeit dar, die der Auslegung neue Einsichten zu geben vermag.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Wilfrid Haubeck, Professor em. f\u00fcr Neues Testament und Griechisch an der Theologischen Hochschule Ewersbach in Dietzh\u00f6lztal<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Justin Winzenburg: Ephesians and Empire. 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