{"id":1675,"date":"2022-10-22T14:22:35","date_gmt":"2022-10-22T14:22:35","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1675"},"modified":"2022-10-27T07:56:30","modified_gmt":"2022-10-27T07:56:30","slug":"jens-herzer-die-pastoralbriefe-und-das-vermaechtnis-des-paulus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1675","title":{"rendered":"Jens Herzer: Die Pastoralbriefe und das Verm\u00e4chtnis des Paulus"},"content":{"rendered":"\n<p>Jens Herzer: <em>Die Pastoralbriefe und das Verm\u00e4chtnis des Paulus. Studien zu den Briefen an Timotheus und Titus<\/em>, Hg. Jan Quenstedt, WUNT 476, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2022, 563&nbsp;S., \u20ac&nbsp;159,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/die-pastoralbriefe-und-das-vermaechtnis-des-paulus-9783161543135\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/die-pastoralbriefe-und-das-vermaechtnis-des-paulus-9783161543135\">978-3-16-154313-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Seit Jens Herzer, Professor f\u00fcr Neues Testament an der Universit\u00e4t Leipzig, vor etwa 20 Jahren begonnen hat, sich intensiver mit den Pastoralbriefen zu befassen, widerspricht er mit gleichbleibender Konsequenz der in der deutschen und internationalen Fachwelt etablierten Mehrheitsmeinung, diese drei Briefe k\u00f6nnten nicht von Paulus verfasst worden sein. Unter Verweis auf die \u201eThird Quest\u201c in der Jesusforschung und die \u201eNew Perspective\u201c in der Paulusforschung pl\u00e4diert er daf\u00fcr, auch im Blick auf die Pastoralbriefe einen Paradigmenwechsel zu vollziehen (62). Offensichtlich teilt er die von ihm zitierte \u00dcberzeugung des amerikanischen Neutestamentlers Luke Timothy Johnsons, es gebe in der neutestamentlichen Echtheitskritik eine \u201egro\u00dfe und r\u00e4tselhafte Kluft zwischen der massiven sozialen Realit\u00e4t des derzeitigen wissenschaftlichen Konsenses und der Qualit\u00e4t der Methoden und Argumente, mit denen er vermeintlich gest\u00fctzt wird\u201c (23). H.s von der Mehrheitsmeinung unabh\u00e4ngige Arbeit an den Pastoralbriefen hat ihn zu drei markanten \u00dcberzeugungen gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>(1) Seine echtheitskritische Kernthese lautet, die drei Pastoralbriefe bildeten kein Corpus Pastorale, das von nur einem Autor stamme. Diese Annahme habe sich \u201eals Holzweg, um nicht zu sagen als Mythos erwiesen\u201c (91). Die Pastoralbriefe seien weder gemeinsam literarisch echt (gegen L.&nbsp;T. Johnson) noch gemeinsam literarisch unecht (gegen P. Trummer). W\u00e4hrend der 1.&nbsp;Timotheusbrief nachpaulinisch sei, seien der 2.&nbsp;Timotheusbrief und der Titusbrief von Paulus verfasst worden. Mit diesem Ergebnis kehrt H. zu einer These zur\u00fcck, mit der vor \u00fcber 200 Jahren die deutschsprachige Echtheitskritik an den Pastoralbriefen begonnen hatte. Friedrich Schleiermacher bestritt 1807 lediglich die literarische Echtheit des 1.&nbsp;Timotheusbriefs und hielt den 2.&nbsp;Timotheusbrief und den Titusbrief f\u00fcr paulinisch.<\/p>\n\n\n\n<p>In mehreren seiner Aufs\u00e4tze arbeitet H. heraus, wie stark sich der nachpaulinische 1Tim in seiner Ekklesiologie, seiner Gegnerpolemik, seiner Metaphorik usw. vom 2Tim und vom Tit unterscheidet. Die beiden echten Pastoralbriefe lassen sich nach H. nicht (mit Eusebius und vielen sp\u00e4teren Exegeten) in eine zweite r\u00f6mische Gefangenschaft bzw. auf einer zwischen zwei r\u00f6mischen Gefangenschaften erfolgten Spanienreise datieren. F\u00fcr diese Ereignisse gebe es keine ausreichende historische Evidenz (85, 208). Der Titusbrief d\u00fcrfte auf der von Lukas berichteten Romreise des Paulus entstanden sein (90\u201391) und der 2.&nbsp;Timotheusbrief in der in Act 28 erw\u00e4hnten einzigen r\u00f6mischen Gefangenschaft (189\u2013191).<\/p>\n\n\n\n<p>(2) Wer echtheitskritische Urteile \u00fcber antike Schriften f\u00e4llt, sieht sich unweigerlich mit der Frage konfrontiert, ob die Verfasserangaben der als pseudepigraph eingestuften Texte transparente und darum t\u00e4uschungsfreie Fiktionen waren oder ob die Autoren ihre Leser bel\u00fcgen wollten und es sich bei ihren Texten daher um literarische F\u00e4lschungen handelt. Auch auf diese Frage gibt H. eine differenzierte Antwort. Einerseits betont er \u2013 gegen Udo Schnelle, Ruben Zimmermann und andere (33\u201334) \u2013 pseudepigraphe Paulusbriefe seien \u201eder literarischen F\u00e4lschung mit einer auch im Altertum negativ beurteilten T\u00e4uschungsabsicht zuzuordnen\u201c (11\u201312). Andererseits vertritt er \u2013 gegen Marco Frenschkowski, Bart Ehrman und andere \u2013 die Meinung, neutestamentliche Pseudepigraphie k\u00f6nne nicht \u201epauschal \u2026 als F\u00e4lschung bezeichnet werden\u201c (37). Denn Schulpseudepigraphen seien ohne T\u00e4uschungsabsicht verfasst worden (65).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Blick auf die Pastoralbriefe hei\u00dft das: Nur Tit und 2Tim m\u00fcssten, falls sie nachpaulinisch w\u00e4ren, als literarische F\u00e4lschungen gedeutet werden. Der tats\u00e4chlich nachpaulinische 1Tim dagegen kann (wie der nachpaulinische Epheserbrief) als Schulpseudepigraphon ohne T\u00e4uschungsabsicht angesehen werden (65\u201366). Beim pseudepigraphen 1Tim handle es sich somit um eine \u201elegitime Form der Paulusrezeption\u201c (4\u20135). Auch an dieser Stelle nimmt H. eine These Friedrich Schleiermachers auf, der geurteilt hatte, dass die falsche Verfasserangabe des 1Tim nicht als \u201eabsichtliches Irreleiten\u201c gemeint gewesen sei. H. r\u00e4umt jedoch ein: Wie ein nachpaulinischer Paulusbrief \u201eals pseudepigraphische Fiktion rezeptionstheoretisch funktionieren sollte, ist nach wie vor unklar und bisher nicht plausibel gemacht worden\u201c (63).<\/p>\n\n\n\n<p>(3) Wer als christlicher Exeget biblischer Texte auch die Kanonfrage stellt, muss entscheiden, wie sich Pseudepigraphie und die Zugeh\u00f6rigkeit zum Neuen Testament zueinander verhalten. H. ist der Ansicht, bei der Beurteilung literarischer F\u00e4lschungen d\u00fcrfe \u201edie \u201amoralische\u2018 Frage nicht als irrelevant erkl\u00e4rt werden\u201c (65). Darum seien im Blick auf literarische F\u00e4lschungen kanonkritische Erw\u00e4gungen nur konsequent (12). Weil 1Tim keine literarische F\u00e4lschung, sondern eine pseudepigraphe Fiktion sei, stelle die falsche Verfasserangabe die Kanonizit\u00e4t nicht in Frage. W\u00e4ren dagegen Tit und 2Tim pseudepigraph und damit literarische F\u00e4lschungen, w\u00fcrde ihre Kanonizit\u00e4t \u201eauf einem Irrtum beruhen, der durch \u201araffinierte T\u00e4uschung\u2018 verursacht und durch die neuzeitliche Kritik aufgedeckt worden w\u00e4re\u201c (67). Auch an diesem Punkt stimmt H. mit Schleiermacher \u00fcberein, der geurteilt hatte, weil die falsche Verfasserangabe des 1Tim eine transparente und unschuldige Fiktion sei, werde seine \u201ecanonische Beschaffenheit\u201c dadurch nicht in Frage gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde H.s Neuansatz zu den Pastoralbriefen erfrischend, anregend und weitgehend \u00fcberzeugend. Meine wenigen Einw\u00e4nde betreffen lediglich Teilergebnisse.<\/p>\n\n\n\n<p>(1) Ich teile die theologische \u00dcberzeugung, dass literarische F\u00e4lschungen nicht denselben kanonischen Rang haben k\u00f6nnen wie literarisch echte Paulusbriefe. Denn ihre Autoren haben ihre Leser mindestens \u00fcber ihre Identit\u00e4t und theologische Autorit\u00e4t get\u00e4uscht und dadurch manipuliert. Daher w\u00fcrde ich literarische F\u00e4lschungen als deuterokanonisch oder apokryph einstufen: \u201eder Heiligen Schrift nicht gleich gehalten und doch n\u00fctzlich und gut zu lesen\u201c (Martin Luther). So hat die Christenheit es in den ersten Jahrhunderten gehalten und es gibt keinen Grund, es heute anders zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich teile ebenfalls die Meinung, dass transparente Pseudepigraphen grunds\u00e4tzlich kanonf\u00e4hig sind. Die Deutung neutestamentlicher Pseudepigraphen als t\u00e4uschungsfreie Fiktionen ist darum ein eleganter und theologisch unproblematischer Weg, ihre Kanonzugeh\u00f6rigkeit zu verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<p>(2) Ich bin allerdings nicht davon \u00fcberzeugt, dass es in antiken \u00c4rzte- oder Philosophenschulen als legitim galt, posthum Briefe unter dem Namen des jeweiligen Schulhauptes zu publizieren. Und ich sehe auch nicht, woran die Leser pseudepigrapher Sokrates- oder Platonbriefe erkennen sollten, dass diese nicht von Platon oder Sokrates sein wollten. Soweit ich die antiken Quellen zum Thema kenne, bieten sie keine ausreichende St\u00fctze f\u00fcr die beliebte These von einer t\u00e4uschungsfreien Schulpseudepigraphie. Darum bin ich auch nicht davon \u00fcberzeugt, dass es sich beim 1.&nbsp;Timotheusbrief, falls er nachpaulinisch ist, um ein unschuldiges Pseudepigraphon handelt. Er w\u00e4re genauso als literarische F\u00e4lschung einzustufen wie 2Tim und Tit.<\/p>\n\n\n\n<p>(3) Meines Erachtens sind sich die drei Pastoralbriefe so \u00e4hnlich, dass sie nur gemeinsam echt oder unecht sein k\u00f6nnen. Damit bestreite ich nicht, dass es zwischen den beiden Timotheusbriefen auch erhebliche Unterschiede gibt; aber gibt es entsprechende Unterschiede nicht auch zwischen den allgemein als echt anerkannten Paulinen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtiger als diese kritischen R\u00fcckfragen ist aber etwas anderes: Dass H. als deutscher Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr Neues Testament in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft in der Reihe ThHK einen wissenschaftlichen Kommentar zu den Pastoralbriefen vorlegen wird, in dem er nach allen Regeln der Kunst die gut begr\u00fcndete Meinung vertritt, zwei der drei Pastoralbriefe seien paulinisch, ist eine bemerkenswerte Perspektive. Denn in der deutschsprachigen Theologie ist der Verdacht, historische Einw\u00e4nde und Alternativen zu etablierten Echtheitsurteilen seien letztlich dogmatisch begr\u00fcndet, wohl besonders ausgepr\u00e4gt. Es sieht zwar nicht danach aus, als w\u00fcrde H. mit seinem Paradigmenwechsel in K\u00fcrze eine gro\u00dfe Anh\u00e4ngerschaft hinter sich versammeln. Aber mir scheint (oder ich hoffe wenigstens), dass j\u00fcngere Bibelwissenschaftler in Echtheitsfragen nicht mehr ganz so festgelegt sind wie viele ihrer akademischen Lehrer und einer erneuten \u00dcberpr\u00fcfung der historischen Evidenz offener gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Armin D. Baum, Professor f\u00fcr Neues Testament an der Freien Theologische Hochschule Gie\u00dfen und an der Evangelische Theologische Faculteit Leuven<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jens Herzer: Die Pastoralbriefe und das Verm\u00e4chtnis des Paulus. Studien zu den Briefen an Timotheus und Titus, Hg. 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