{"id":1679,"date":"2022-10-22T14:24:54","date_gmt":"2022-10-22T14:24:54","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1679"},"modified":"2022-10-22T14:24:55","modified_gmt":"2022-10-22T14:24:55","slug":"uwe-jochum-in-der-mitte-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1679","title":{"rendered":"Uwe Jochum: In der Mitte der Zeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Uwe Jochum: <em>In der Mitte der Zeit. Die neue Chronologie des Lebens Jesu<\/em>, Hildesheim u.&nbsp;a.: Georg Olms Verlag, 2021, Hardcover, 137&nbsp;S., \u20ac&nbsp;18,30, ISBN <a href=\"https:\/\/www.olms.de\/search\/Detail.aspx?pr=2010013\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.olms.de\/search\/Detail.aspx?pr=2010013\">978-3-487-08639-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Uwe Jochum war Bibliothekar an der Universit\u00e4t Konstanz. Er hat sich in die Zeitumst\u00e4nde des Lebens Jesu intensiv eingearbeitet, und legt hier einen Vorschlag f\u00fcr <em>eine<\/em> \u2013 nicht \u201edie\u201c, wie der Untertitel sagt \u2013 neue Chronologie vor. Der \u201e\u00dcbersicht\u201c am Ende des Buches sind die wesentlichen Daten zu entnehmen (127): Demnach wurde Jesus im Winter 7\/6 nach (!) Chr. in Bethlehem geboren, und im Jahr 34 gekreuzigt. Das B\u00fcchlein hat ein Kleinformat, \u00e4hnlich wie Bibel\u00fcbersetzungen. Im gr\u00f6\u00dferen Format der meisten wissenschaftlichen B\u00fccher w\u00fcrde sich eine niedrigere Seitenzahl (etwas mehr als 100 Seiten) ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Titel (\u201eMitte der Zeit\u201c) stellt ein Bekenntnis zum christlichen Glauben dar, denn Jochum erkl\u00e4rt, dass \u201esich in der Person Jesu Gott selbst der Welt in seinem Wesen zuwandte, so da\u00df alle Zeit der Welt auf diesen Augenblick der g\u00f6ttlichen Zuwendung zul\u00e4uft und alle seit dieser Zuwendung vergangene Zeit von ihr her gez\u00e4hlt wird.\u201c (7).<\/p>\n\n\n\n<p>Jochum h\u00e4lt die Angaben des Lukas f\u00fcr historisch sehr pr\u00e4zise (60), und hebt die \u201ehistorische Exaktheit des Lukas\u201c hervor (64). Daher m\u00f6chte er sich vor allem auf Lukas st\u00fctzen, tw. auch auf Johannes. Diesen Anspruch erf\u00fcllt er nur zum Teil. Die Ank\u00fcndigung der Geburt des Johannes geschah \u201ezur Zeit von Herodes, dem K\u00f6nig von Jud\u00e4a\u201c (Luk 1,5). K\u00f6nig Herodes starb 4 v.&nbsp;Chr.; Jochum nimmt aber an, dass Lukas mit diesem \u201eK\u00f6nig\u201c eigentlich einen von Herodes\u2018 S\u00f6hnen meinte, n\u00e4mlich den Ethnarchen Herodes Archelaos. Ihm hatte sein Vater Herodes der Gro\u00dfe in seinem Testament den K\u00f6nigstitel zugedacht, so dass er anfangs (d.&nbsp;h. 4 v.&nbsp;Chr.) mitunter als K\u00f6nig betrachtet wurde (so auch in Mt 2,22). Aber bei der von Jochum auf etwa 5 n.&nbsp;Chr. datierten Ank\u00fcndigung der Geburt des Johannes, also gegen Ende der Regierungszeit des Archelaos, war diese anf\u00e4ngliche Unklarheit l\u00e4ngst vorbei. Ein anderer der Herodes-S\u00f6hne, n\u00e4mlich der Tetrarch Herodes Antipas, wurde manchmal als \u201eK\u00f6nig\u201c bezeichnet, und zwar von Mt 14,9 und von Mk 6,14. Hier scheint der Begriff \u201eK\u00f6nig\u201c also allgemein f\u00fcr \u201eHerrscher\u201c zu stehen. Bei Lukas gibt es jedoch kein eindeutiges Beispiel f\u00fcr einen solchen Gebrauch des Begriffs \u201eK\u00f6nig\u201c; Lukas ist bei den Amtsbezeichnungen generell sehr genau. Als Gegenbeispiel verweist Jochum (62) auf die Rede des Stephanus, der den \u201ePharao, den K\u00f6nig von \u00c4gypten\u201c, erw\u00e4hnte (Apg 7,10). Soweit Lukas als Berichterstatter hier (mit)formulierte, so ist seine Bezeichnung aber ganz exakt, denn es handelte sich tats\u00e4chlich um den K\u00f6nig von \u00c4gypten, der in sp\u00e4terer Zeit zus\u00e4tzlich noch den Titel \u201ePharao\u201c trug.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass bei Matth\u00e4us die Geburt Jesu am Ende der Zeit des K\u00f6nigs Herodes des Gro\u00dfen, also des Vaters, stattfand, ist f\u00fcr Jochum eindeutig (61). Aber bei Mt sieht Jochum eine \u201ehochgradig theologische\u201c Erz\u00e4hlabsicht am Werk: Mt wolle Jesus als neuen Moses darstellen (12). Falls das zutrifft, so schlie\u00dft das aber nicht aus, dass Mt historisch genau berichtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Gem\u00e4\u00df Jochums Chronologie war Jesus am Beginn seines \u00f6ffentlichen Wirkens ca. 25 Jahre alt. Nun verweist Jochum selbst auf Luk 3,23, wonach Jesus damals \u201eungef\u00e4hr 30 Jahre alt\u201c war (77, 116f), und r\u00e4umt ein: \u201eAllerdings wird man kaum geneigt sein, bei einem jungen Menschen von 24, 25 oder 26 Jahren davon zu sprechen, er sei \u201aungef\u00e4hr drei\u00dfig Jahre alt\u2018 gewesen.\u201c (117) F\u00fcr dieses Problem bietet Jochum verschiedene, m.&nbsp;E. unbefriedigende Erkl\u00e4rungen. Dagegen w\u00fcrde eine traditionelle Chronologie \u2013 Jesu Geburt um 5 v.&nbsp;Chr., Beginn seines \u00f6ffentlichen Wirkens im Jahr 27 n.&nbsp;Chr. \u2013 zu dieser Angabe des Lukas gut passen (eine ausf\u00fchrliche Begr\u00fcndung einer solchen Chronologie bietet der Theologe und Mathematiker Neidhart: <a href=\"http:\/\/www.ludwig-neidhart.de\/Downloads\/AlsDieZeit.pdf\">www.ludwig-neidhart.de\/Downloads\/AlsDieZeit.pdf<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Jochum verliert sich argumentativ in manche nebens\u00e4chliche Seitenzweige; so meint er etwa kritisierend, dass \u201ewir uns den charismatischen Jesus als einen reifen Mann denken\u201c (116) und deshalb uns gegen die Vorstellung wehren, dass Jesus am Beginn seines \u00f6ffentlichen Wirkens erst 25 Jahre alt war (und nicht schon 30 Jahre). Aber so gro\u00df ist dieser Unterschied von 5 Jahren nicht. Daher sind Jochums Vergleichsbeispiele aus der Geschichte unerheblich; er verweist z.&nbsp;B. darauf, dass Napoleon den Italienfeldzug schon im Alter von 27 Jahren unternahm. Ich w\u00fcrde die Reden und Taten Jesu weder einem 25-j\u00e4hrigen noch einem 30-j\u00e4hrigen Menschen zutrauen; aber wenn es sich um den Sohn Gottes handelt, so ist der menschliche Altersunterschied von 5 Jahren kaum bedeutsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Die von Jochum kritisierte traditionelle konservative Datierung hat tats\u00e4chlich zwei Schwierigkeiten \u2013 diese will Jochum durch seine alternative Chronologie \u00fcberwinden: Erstens die von Kaiser Augustus angeordnete Volksz\u00e4hlung (Luk 2,1); ein Erkl\u00e4rungsversuch besteht darin, <em>prote<\/em> als Adverb zu verstehen: Demnach geschah sie, <em>bevor<\/em> Quirinius als Statthalter ebenfalls eine solche durchf\u00fchrte. Zweitens die Angabe, dass Johannes der T\u00e4ufer im 15.&nbsp;Jahr der \u201eHegemonie\u201c von Kaiser Tiberius aufzutreten begann, als Pontius Pilatus das Hegemon-Amt in Jud\u00e4a aus\u00fcbte (Luk 3,1); ein Erkl\u00e4rungsversuch: Es wurde vom Jahr 12 n.&nbsp;Chr. weg gerechnet, als Tiberius Mitregent wurde. Diese beiden Schwierigkeiten vermeidet Jochum durch seine Alternative, aber dabei entstehen andere Schwierigkeiten, indem Jochum Aussagen des von ihm so gesch\u00e4tzten Lukas als ungenau hinstellen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Uwe Jochum hat einen eigenen chronologischen Entwurf (6\/7 n.\u00a0Chr. \u2013 34 n.\u00a0Chr.) sorgf\u00e4ltig ausgearbeitet. Er breitet die einzelnen Indizien kenntnisreich aus, wodurch der Leser zu einem intensiveren Eindringen in die Quellenlage gef\u00fchrt wird. Jochum orientiert sich prim\u00e4r am Lukas-Evangelium. F\u00fcr seinen Entwurf muss er jedoch die Aussagen des Lukas zum Teil abschw\u00e4chen sowie die Kindheitsgeschichte des Matth\u00e4us als unhistorisch beurteilen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Franz Graf-Stuhlhofer BSc, Lehrbeauftragter an der KPH Wien\/Krems f\u00fcr Kirchengeschichte und Dogmatik<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Uwe Jochum: In der Mitte der Zeit. Die neue Chronologie des Lebens Jesu, Hildesheim u.&nbsp;a.: Georg Olms Verlag, 2021, Hardcover,<\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":1680,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-1679","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1679","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1679"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1679\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1682,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1679\/revisions\/1682"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1680"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1679"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1679"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1679"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}