{"id":1683,"date":"2022-10-22T14:26:37","date_gmt":"2022-10-22T14:26:37","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1683"},"modified":"2022-10-22T14:26:39","modified_gmt":"2022-10-22T14:26:39","slug":"johanna-koerner-sexualitaet-und-geschlecht-bei-paulus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1683","title":{"rendered":"Johanna K\u00f6rner: Sexualit\u00e4t und Geschlecht bei Paulus"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Johanna K\u00f6rner: <em>Sexualit\u00e4t und Geschlecht bei Paulus. Die Spannung zwischen \u201eInklusi\u00advit\u00e4t\u201c und \u201eExklusivit\u00e4t\u201c des paulinischen Ethos am Beispiel der Sexual- und Ge\u00adschlechterrollenethik<\/em>, WUNT 2\/512, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2020, kt., XIII+332&nbsp;S., \u20ac&nbsp;84,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/sexualitaet-und-geschlecht-bei-paulus-9783161567131\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/sexualitaet-und-geschlecht-bei-paulus-9783161567131\">978-3-16-15713-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">K\u00f6rner geht in dieser Monografie, einer geringf\u00fcgig \u00fcberarbeiteten Version ihrer Heidelberger Dissertation von 2018, der Frage nach, \u201einwieweit Paulus in materialethischer Hinsicht einfach die Gewohnheiten, \u00dcberzeugungen und Traditionen aus der j\u00fcdischen und paganen hellenistischen Umwelt \u00fcbernimmt\u201c (1). Sie orientiert sich dabei, wie sie im einleitenden Kap.&nbsp;I erkl\u00e4rt, am Ansatz Michael Wolters, der in seinen Beitr\u00e4gen zur paulinischen Ethik diese vordergr\u00fcndig in Hinblick einerseits auf ihre Affinit\u00e4t (<em>Inklusivit\u00e4t<\/em>) mit und andererseits auf ihre Divergenz (<em>Exklusivit\u00e4t<\/em>) von seiner Umwelt ergr\u00fcndet. In Kap.&nbsp;II geht es K\u00f6rner um die \u201esoziale und kulturelle Realit\u00e4t in der hellenistischen Umwelt der paulinischen Gemeinden\u201c in Bezug auf ihr Thema. Sie beschreibt in kurzen Unterpunkten g\u00e4ngige Haltungen zu Ehe und Ehescheidung, Inzest, Prostitution, Homosexualit\u00e4t, Frauen im \u00f6ffentlichen Leben sowie Geschlechterrollensymbolik. Diese vergleicht sie in Kap.&nbsp;III exemplarisch mit jeweils zwei fr\u00fchj\u00fcdischen Texten (Testamente der Zw\u00f6lf Patriarchen und Pseudo-Phokylides) und zwei paganen Autoren (Musonius Rufus und Plutarch). Kap.&nbsp;IV, das bei weitem l\u00e4ngste Kapitel, ist der Untersuchung den wichtigsten paulinischen Texten zum Thema gewidmet: Gal 3,23\u201329 (Geschlechterunterschiede), 1Thess 4,1\u20138 (Vermeidung von Unzucht), 1Kor 5,1\u201313 (Inzest), 1Kor 6,12\u201320 (Prostitution), 1Kor 7,1\u20139 (Ehe), 1Kor 7,10\u201316 (Ehescheidung), R\u00f6m 1,18\u201327\/1Kor 6,9\u201311 (Homosexualit\u00e4t), 1Kor 11,2\u201316 (Geschlechterrollensymbole) und R\u00f6m 16,1\u201316 (Frauen als Mitarbeiter des Paulus). In Kap.&nbsp;V zieht K\u00f6rner aus ihrer Untersuchung dreiundzwanzig Schl\u00fcsse, die nicht den Anspruch erheben, die paulinische Ethik als \u201egeschlossenes System\u201c darzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als kompakte Darstellung der paulinischen Sexual- und Geschlechterrollenethik ist K\u00f6rners Arbeit hilfreich. Sie vermeidet es ihrem Anliegen gem\u00e4\u00df, ein Bild des Apostels zu malen, das einer modernen Ideologie Tribut zollt, sei es als \u201eFrauenhasser und Antifeministen\u201c oder umgekehrt als \u201eWegbereiter der modernen Emanzipation\u201c (17\u201318). Sie ist \u00fcberall um eine kontextbezogene Auslegung der paulinischen Texte bem\u00fcht, die die Sperrigkeit der Texte f\u00fcr moderne (westliche) Leser nicht abschw\u00e4chen will. Sie gesteht ein, dass \u201edie sexualethische Position des Paulus f\u00fcr ihn konstitutiv mit zur Etablierung einer christlichen Identit\u00e4t hinzugeh\u00f6rt\u201c (122). Sie unterstreicht des \u00d6fteren, welche grundlegende Rolle die Vorstellung einer Sch\u00f6pfungsordnung bei der Herausbildung der paulinischen Sexualethik einnimmt (z.&nbsp;B. 152, 243). Sie konstatiert mehrmals, dass f\u00fcr Paulus \u201eder einzige legitime Ort\u201c f\u00fcr die Aus\u00fcbung sexueller Beziehungen die monogame Ehe ist (z.&nbsp;B. 152, 172). Homosexuelle Handlungen verletzen f\u00fcr ihn \u201edie sch\u00f6pfungsm\u00e4\u00dfig angelegten Geschlechterunterschiede\u201c (237). Auch eine Bibelwissenschaftlerin braucht in der gegenw\u00e4rtigen (kirchen)politischen Lage Mut, um die Positionen des Paulus so unverbl\u00fcmt darzustellen, selbst dann, wenn sie sie nicht teilt (s.&nbsp;u.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu bem\u00e4ngeln ist an der Arbeit die teilweise fehlende exegetische Tiefe. Die Monografie ist schlicht zu kurz, als dass es ihr m\u00f6glich w\u00e4re, alle behandelten Texte mit der erforderlichen Sorgfalt auszulegen. So kann z. B. eine Arbeit, die Gal 3,23\u201328 zu einem \u201eBasistext\u201c f\u00fcr die Erschlie\u00dfung der paulinischen Sexualethik erhebt (106), die Frage nach der Datierung des Galaterbriefs nicht ganz ausblenden bzw. m\u00fcsste die bef\u00fcrwortete Position (Sp\u00e4tdatierung) gegen\u00fcber neueren Datierungshypothesen rechtfertigen. Weiterhin ist K\u00f6rner \u00fcberzeugt, dass die \u201eakute Naherwartung\u201c des Apostels eine wesentliche Rolle f\u00fcr die Gestaltung seiner Ethik spielte, bem\u00fcht sich aber nirgends zu beweisen, dass seine Naherwartung \u201eakut\u201c war. K\u00f6rner geht in ihrer Behandlung von 1Kor 6,12\u201320 auf V.&nbsp;16 gar nicht ein; es wundert dann nicht, wenn sie dem christologischen Argument des Apostels keine zentrale Bedeutung beimisst (163). Bei der Besprechung von \u201eM\u00e4nner[n] und Frauen im Gottesdienst\u201c wird 1Kor 14,33b\u201336 selbstverst\u00e4ndlich als nachpaulinische Glosse disqualifiziert; auf die intensiv gef\u00fchrte textkritische Diskussion geht sie dabei gar nicht ein. \u00dcberhaupt macht sich K\u00f6rner zu selten die M\u00fche, sich mit gegnerischen Positionen auseinanderzusetzen; man kann sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, dass sie diese, wenn sie nicht zum Mainstream der deutschen Forschung geh\u00f6ren, oft nicht kennt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch in hermeneutischer Hinsicht l\u00e4sst K\u00f6rners Arbeit zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Sie ist zwar um eine kontextgem\u00e4\u00dfe Auslegung der paulinischen Texte bem\u00fcht, aber dort, wo sie sich erlaubt, sich Gedanken \u00fcber den heutigen Umgang mit ihnen zu machen, ist der Ertrag entt\u00e4uschend. Wie oben schon erw\u00e4hnt, konstatiert K\u00f6rner, dass f\u00fcr Paulus die monogame Ehe der einzig legitime Ort ist f\u00fcr den Geschlechtsverkehr ist. Dass diese Ansicht f\u00fcr moderne Leser (im Westen) herausfordernd ist, versteht sich von selbst. K\u00f6rner sieht die L\u00f6sung darin, dem Apostel eine Freud`sche Brille zu verpassen: Dieser habe \u201emit gro\u00dfem Realit\u00e4tssinn und Pragmatismus konstatiert, dass es in jedem Fall kontraproduktiv ist, zwanghaft und verkrampft die eigene Biologie zu unterdr\u00fccken zu versuchen\u201c und w\u00fcrde vermutlich in der heutigen Zeit einsehen, dass eine von Liebe und Respekt gekennzeichnete sexuelle Beziehung auch ohne Trauschein seinen Forderungen gen\u00fcgen m\u00fcsste (190).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beunruhigender ist aber K\u00f6rners hermeneutischen Umgang mit den paulinischen Aussagen zur Homosexualit\u00e4t in R\u00f6m 1,26\u201327. K\u00f6rner ist anzuerkennen, dass sie die Aussage des Textes an sich nicht relativieren will. (Das gilt auch, wenn sie die m.\u00a0E. unhaltbare Position vertritt, das Problem sei f\u00fcr Paulus \u201ehomosexuelles Handeln <em>eigentlich<\/em> heterosexueller M\u00e4nner\u201c [234, Hervorhebung K\u00f6rner]. Dass dies im krassen Widerspruch zu ihrem n\u00e4chsten Satz steht \u2013 die moderne Erkenntnis, dass die sexuelle Orientierung eines Menschen \u201eintegraler Bestandteil seines Wesens, seiner Identit\u00e4t ist\u201c, sei Paulus fremd \u2013, f\u00e4llt ihr gar nicht auf [234].) Sie spielt aber ganz bewusst paulinische Texte gegeneinander aus. So muss ihres Erachtens \u201eGal 3 sogar gegen R\u00f6m 1 ins Spiel gebracht\u201c werden (239). Wieso das, wenn sie selbst argumentiert, dass der Galatertext um einiges situationsbezogener ist als der R\u00f6mertext (vgl. 98\u201399 mit 215) und dass es Paulus in Gal 3,28 nicht um die Aufhebung der sch\u00f6pfungsbedingten Geschlechterunterschiede geht (105)? Es scheint einzig eine Frage ihrer kulturell bedingten Pr\u00e4ferenz zu sein. Was k\u00f6nnte sie aber jemandem erwidern, dem die Aussage in R\u00f6m 1 aufgrund seines kulturellen Hintergrundes besser gef\u00e4llt? Wenn man bereit ist, altbew\u00e4hrte Prinzipien der Schriftauslegung (sola scriptura; analogia fidei) zugunsten von \u201emit Paulus gegen Paulus\u201c (239) einzutauschen, kann man nicht meckern, wenn andere den exklusiven statt den inklusiven Paulus vorziehen. \u201ePaulus mit Paulus\u201c zu lesen scheint mir trotz der Spannungen, die er mit sich bringt, immer noch der bessere Weg zu sein.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Joel White, Professor f\u00fcr Neues Testament, Freie Theologische Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johanna K\u00f6rner: Sexualit\u00e4t und Geschlecht bei Paulus. 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