{"id":1692,"date":"2022-10-22T14:39:55","date_gmt":"2022-10-22T14:39:55","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1692"},"modified":"2022-10-22T14:39:57","modified_gmt":"2022-10-22T14:39:57","slug":"jacob-thiessen-christian-stettler-hg-paulus-und-die-christliche-gemeinde-in-korinth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1692","title":{"rendered":"Jacob Thiessen, Christian Stettler (Hg.): Paulus und die christliche Gemeinde in Korinth"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jacob Thiessen, Christian Stettler (Hg.): <em>Paulus und die christliche Gemeinde in Korinth. Historisch-kulturelle und theologische Aspekte<\/em>, BThSt 187, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2020, kt., 181&nbsp;S., \u20ac&nbsp;40,\u2212, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/55861\/paulus-und-die-christliche-gemeinde-in-korinth\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/55861\/paulus-und-die-christliche-gemeinde-in-korinth\">978-3-7887-3479-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das vorliegende B\u00e4ndchen enth\u00e4lt f\u00fcnf Aufs\u00e4tze, die auf eine Tagung an der STH Basel im April 2018 zur\u00fcckgehen (<a href=\"https:\/\/sthbasel.ch\">https:\/\/sthbasel.ch<\/a>). \u201eSie befassen sich mit dem historisch-religi\u00f6sen Kontext der christlichen Gemeinde in Korinth, mit ihrer soziokulturellen Situation und mit der Reaktion des Paulus auf Spannungen und Probleme\u201c (7). Das knappe Vorwort (7\u20138) fasst die Beitr\u00e4ge zusammen; auf weitere deutsche oder englische Abstracts wurde verzichtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im einf\u00fchrenden Aufsatz, \u201eStreifz\u00fcge durch die Stra\u00dfen von Korinth: Wer waren die ersten Christusgl\u00e4ubigen der Stadt und wo trafen sie sich?\u201c (9\u201353) skizziert Benjamin Schliesser zun\u00e4chst die forschungs- und geistesgeschichtlichen Kontexte und stellt dann einzelne bekannte Christusgl\u00e4ubige aus Korinth vor (Gaius, der Gastgeber, der \u00c4dil Erastus, weitere prominente christusgl\u00e4ubige M\u00e4nner und Frauen). Die Gemeindemitglieder kamen nicht nur aus den untersten sozialen Schichten, \u201eDie korinthischen Christusgruppen w\u00e4ren von einem Au\u00dfenstehenden (vgl. 1Kor 14,23) wohl als ein Spiegelbild der urbanen Gesellschaft wahrgenommen worden, in die sie eingebettet waren\u201c (44\u201345). Anschlie\u00dfend diskutiert Schliesser die m\u00f6glichen Versammlungsorte (Versammlungen der Einzelgruppen, Treffen der gesamten Gemeinde sowie die sozialen Implikationen der jeweiligen Versammlungsorte). Zu den Versammlungsorten schreibt Schliesser:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eChristinnen und Christen trafen sich \u2026 dort, wo das famili\u00e4re, berufliche oder gesellige Leben stattfand. Die R\u00e4ume und Pl\u00e4tze, in denen die Christusgemeinschaften zusammenkamen \u2013 ob Villa, Werkstatt, Wirtshaus oder Garten \u2013, sind nicht neutral, sondern aufgeladen mit sozialer und teils kultisch-religi\u00f6ser Bedeutung. Die einzelnen Gruppen waren wohl flexibler und anpassungsf\u00e4higer als weithin gedacht. Sie nahmen mit den Geb\u00e4udestrukturen und Pl\u00e4tzen vorlieb, die verf\u00fcgbar und praktikabel waren; Stauraum f\u00fcr Kultgegenst\u00e4nde war nicht n\u00f6tig, nur Platz f\u00fcr die Anwesenden.<\/p><p>Die lokalen Settings der Versammlungen k\u00f6nnen dabei ein neues Licht auf die Probleme und Debatten in der Gemeinde werfen. Jedenfalls waren die Christusgl\u00e4ubigen stets gefordert, Milieubarrieren zu \u00fcberwinden und Konventionen zu hinterfragen, gewachsene Netzwerke aufzul\u00f6sen und neue zu kn\u00fcpfen, um zu einer verbindenden Identit\u00e4t im Christusglauben zu gelangen. Dass die Gemeinde in der Lage war \u2013 allen Streitigkeiten und Spaltungsgef\u00e4hrdungen zum Trotz! \u2013 eine solche soziale Spreizung der korinthischen Gemeinde auszuhalten, ist f\u00fcr den Erfolg des Christentums in der Stadt nicht hoch genug zu veranschlagen\u201c (45\u201346).<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Harald Seubert fragt \u201eSophisten in der Gemeinde von Korinth? \u00dcberlegungen zu Typologie und Reichweite des Sophistenbegriffs in der Zeit des Apostels Paulus\u201c (55\u201376). Nach knapper Definition von Sophisten und einer Einf\u00fchrung in die Epoche der sog. Zweiten Sophistik (deren Beginn in der Forschung eher nach Paulus angesetzt wird, ca. 60\u2013230 n. Chr.), untersucht Seubert Paulus und die Unterscheidung der Geister gegen\u00fcber sophistischem und philosophischem Denken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Aufsatz \u201eDer Dionysoskult und die \u201aZungenredner\u2018 in Korinth\u201c (77\u2013113) vertritt Jacob Thiessen, dass der Dionysoskult als wahrscheinlicher Hintergrund der Missst\u00e4nde und der paulinischen Antwort in 1Korinther 12\u201314 anzusehen ist. Thiessen skizziert Wesen und Identit\u00e4t des Dionysos sowie sein Verh\u00e4ltnis zur Musik und den Frauen. Dem folgen \u00dcberlegungen zu au\u00dferbiblischem \u201eZungenreden\u201c, m\u00f6gliche Hinweise auf Zungenreden zur Zeit des Jesaja (Jes 28,11 wird in 1Kor 14,21 zitiert), zur problematischen Praxis in Korinth und zur Forderung des Paulus, dass die Erbauung der ganzen Gemeinde das entscheidende Ma\u00df f\u00fcr jegliche Aus\u00fcbung von Geistesgaben sein muss. W\u00e4hrend das Ziel der Praxis in Korinth haupts\u00e4chlich die Selbsterbauung einzelner Christusgl\u00e4ubiger gewesen zu sein scheint, stellt Paulus die geistliche Erbauung der ganzen Gemeindeversammlung in den Vordergrund (7). Zu fragen w\u00e4re, ob ein m\u00f6glicher Einfluss des Dionysos-Kults auch hinter den Missst\u00e4nden der korinthischen Herrenmahlsfeiern auszumachen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Christian Stettler steuert den Aufsatz \u201eOhnmacht und Macht Gottes nach den Korintherbriefen\u201c (115\u2013147) bei. Nach knappen Reflektionen zu Gottes Ohnmacht in der Theologie nach Auschwitz und den Thesen von John D. Caputo, der die Ohnmacht Gottes radikaler denkt als Paulus, untersucht Stettler die einschl\u00e4gigen Aussagen des Paulus, n\u00e4mlich \u201eDas Schwache Gottes ist st\u00e4rker, als die Menschen sind\u201c (1Kor 1,25), \u201eGekreuzigt aus Schwachheit\u201c (2Kor 13,4), das \u201eWort vom Kreuz\u201c als Gottes rettende Kraft (1. Kor 1,18), \u201eWenn ich schwach bin, bin ich stark\u201c (2Kor 12,10) sowie die Kraft Gottes in den Glaubenden. In der Zusammenfassung \u201eOhnmacht und Macht Gottes\u201c (140\u2013143) schlie\u00dft Stettler:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eOhnmacht und Macht Gottes sind bei Paulus kein Paradoxon. Er setzt sie nicht gleich! Indem sich Gott in seinem Sohn ganz dem Zerst\u00f6rungsgericht der Welt ausliefert und sich so der Welt gegen\u00fcber schwach macht, besiegt er die Welt und alle ihre b\u00f6sen Kr\u00e4fte, und indem seine Kraft den Sohn vom Tod auferweckt, setzt er die neue Sch\u00f6pfung in Gang, welche durch die Kraft des Geistes in und unter den Glaubenden schon Realit\u00e4t ist und dereinst durch dieselbe Kraft ihre auch leiblich-kosmische Vollendung erfahren wird\u201c (143).<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abschlie\u00dfend skizziert J\u00f6rg Frey \u201eDas Ringen des Paulus um die Einheit der Gemeinde: Der erste Korintherbrief als Vermittlungsschreiben und seine integrative Argumentationsstruktur\u201c (149\u2013181). Frey beschreibt Differenzen und Konflikte in der korinthischen Gemeinde und den korinthischen \u201eParteienstreit\u201c und charakterisiert die unterschiedlichen Gemeinde-Gruppen (150\u2013159). Auf diesem Hintergrund analysiert Frey die integrative Argumentation des Paulus in den zentralen Diskursen in den einzelnen Abschnitten des Briefs (1Kor 1\u20134; 12\u201314; 8\u201310; die Ausf\u00fchrungen zum Herrenmahl in Kap. 11 bleiben au\u00dfen vor). Nach Frey erscheint \u201edieses Schreiben als ein eindr\u00fcckliches Bem\u00fchen des Apostels, mit den unterschiedlich gepr\u00e4gten Gruppen in der korinthischen Gemeinde in Wertsch\u00e4tzung und Korrektur so umzugehen, dass diese auf der Basis des Kreuzes Christi zueinander und auf die Einheit des Leibes Christi hingef\u00fchrt werden. Dies l\u00e4sst sich erkennen an der Art und Weise, wie die verschiedenen Teile des Briefes und ihre jeweilige Argumentation aufeinander bezogen und miteinander verschr\u00e4nkt sind\u201c (149). Frey weist darauf hin, dass Liebe und R\u00fccksichtnahme als Kriterien eines gemeinschaftsf\u00f6rdernden Verhaltens in der Argumentation des Paulus nicht einfach eingefordert werden,<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201esondern durch eine subtile Kunst der \u00dcberzeugung gleichsam schmackhaft gemacht (so in 1. Kor 13) und durch den R\u00fcckgriff auf ein g\u00e4ngiges Bild (vom Leib; siehe 1. Kor 12,12\u201326) sowie auf das Vorbild des Apostels selbst (1. Kor 9) plausibilisiert. Sofern die Adressaten dieses Vorbild als authentisch anerkennen konnten, musste sich ihnen auch die Motivation bieten, ihre \u2013 sehr wohl gegebenen \u2013 Freiheiten nicht r\u00fccksichtslos, egoistisch oder gedankenlos auszuleben, sondern in ihrem Verhalten auf die Folgen f\u00fcr andere und den Nutzen f\u00fcr das Ganze zu sehen. So praktiziert der Apostel im ersten Korintherbrief Gemeinde-Aufbau, Integration der unterschiedlichen Gruppen und Motivation der Gemeindeglieder zu eigenem integrativem Verhalten\u201c (178).<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die anregenden Aufs\u00e4tze fassen aktuelle Forschungsergebnisse zum 1. Korintherbrief zusammen und bieten eine Reihe frischer Perspektiven. Angesichts des hier Gebotenen freut man sich auf weitere Studientage an der STH Basel und ihre Ergebnisse.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Prof. Dr. Christoph Stenschke, Biblisch-Theologische Akademie Wiedenest <\/em><em>und Department of Biblical and Ancient Studies University of South Africa<\/em><em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jacob Thiessen, Christian Stettler (Hg.): Paulus und die christliche Gemeinde in Korinth. 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