{"id":1704,"date":"2022-10-22T14:47:18","date_gmt":"2022-10-22T14:47:18","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1704"},"modified":"2022-10-22T14:47:19","modified_gmt":"2022-10-22T14:47:19","slug":"michael-theobald-der-prozess-jesu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1704","title":{"rendered":"Michael Theobald: Der Prozess Jesu"},"content":{"rendered":"\n<p>Michael Theobald: <em>Der Prozess Jesu. Geschichte und Theologie der Passionserz\u00e4hlungen<\/em>, WUNT 486, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2022, 906&nbsp;S., \u20ac&nbsp;209,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/der-prozess-jesu-9783161616105\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/der-prozess-jesu-9783161616105\">978-3-16-161610-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Michael Theobald (T\u00fcbingen) beginnt das Mammutwerk mit folgender Feststellung: \u201eDie Neutestamentliche Wissenschaft kennt kaum ein Thema, das seit Jahrzehnten so intensiv und leidenschaftlich behandelt wird wie der Prozess Jesu\u201c (1). Somit ist f\u00fcr Theobald die Zeit gekommen, \u201eBilanz zu ziehen\u201c, was \u201ehier geschehen\u201c soll (Vorwort). Dabei lassen der Untertitel und die ersten Fragen im Vorwort vermuten, dass es Theobald vor allem um die \u201eGeschichte\u201c des Prozesses Jesu geht. Doch die Antwort von Theobald steht schon am Anfang fest: \u201eAufschluss \u00fcber die letzten Tage Jesu versprechen die neutestamentlichen Passions- und Ostererz\u00e4hlungen. Aber sie sind keine historischen Berichte, sondern Glaubenstexte. Bereits die \u00e4lteste, wohl in den vierziger Jahren nach Jesu Tod in Jerusalem entstandene Erz\u00e4hlung, auf der die Evangelien fu\u00dfen, ist ein theologisches Konstrukt auf der Basis des Alten Testamentes\u201c (Vorwort).<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Thematik wird unter der \u00dcberschrift \u201eHinf\u00fchrung\u201c (4\u201343) weiter erl\u00e4utert. Dabei wird betont, dass sich die Exegese, wenn sie \u201edie Evangelien auf ihren geschichtlichen Bezug hin \u00fcberpr\u00fcft, den diese selbst behaupten, \u2026 unter den Bedingungen der Moderne anerkannter wissenschaftstheoretischer Standards der Geschichtswissenschaft zu bedienen hat. Auch f\u00fcr sie gilt das Analogie-Prinzip \u2026 Mit einem g\u00f6ttlichen Eingriff in die Geschichte <em>unter Aufhebung von Zweitursachen<\/em> rechnet sie nicht\u201c (8). Im Folgenden geht es auch um die Frage, wie weit der \u201emessianische\u201c Selbstanspruch Jesu reicht (9ff) und wer f\u00fcr den Tod Jesu verantwortlich sei (17ff). Schlussendlich erl\u00e4utert Theobald nochmals, worum es ihm in der Studie geht: \u201eDie Studie verfolgt ein doppeltes Ziel. Sie analysiert die vier kanonischen Passionserz\u00e4hlungen (PE) jeweils synchron, um ihr literarisches und theologisches Profil wie ihren literargeschichtlichen Zusammenhang zu erhellen. Sodann versucht wie, soweit m\u00f6glich, ihre Genese bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen, dem Archetyp der kanonischen Passionserz\u00e4hlungen. Synchrone und diachrone Fragestellungen werden gem\u00e4\u00df dem komplexen Textbefund als sich erg\u00e4nzende, nicht ausschlie\u00dfende Perspektiven begriffen\u201c (38).<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Hauptteil der Monografie tr\u00e4gt die \u00dcberschrift \u201eDie Quellen. Ihre Beschaffenheit und Herkunft im Horizont antiker Literatur\u201c (46\u2013212). Dabei geht es u.&nbsp;a. um die Struktur der \u201evier kanonischen Passionserz\u00e4hlungen\u201c bzw. der \u201ePassionserz\u00e4hlungen der vier kanonisch gewordenen Evangelien\u201c (46ff). Theobald f\u00fchrt aus, welche Rolle die \u201eSchrift Israels, die Matrix der Passionserz\u00e4hlungen\u201c, in den entsprechenden Evangelientexten spielt (55ff) \u2013 z.&nbsp;B. Ps 22 (63ff), wobei Theobald u.&nbsp;a. auch auf Justin, Dial 97,3 und Dial 106,1f sowie auf Weish 1,16\u2013224 und 4,20\u20135,23 eingeht. Im Anschluss daran unterscheidet Theobald zwischen \u201eprim\u00e4rer und sekund\u00e4rer Intention der Passionserz\u00e4hlungen\u201c (86ff). \u201eDie <em>prim\u00e4re Intension<\/em> der Erz\u00e4hlungen ist es, den Kreuzestod Jesu mit sinnstiftendem Bezug zur H\u00f6rerschaft christologisch aufzuarbeiten\u201c, w\u00e4hrend \u201e<em>sekund\u00e4re Intensionen<\/em> \u2026 sich erst im Lauf ihrer \u00dcberlieferungs- und Redaktionsgeschichte zeigen bzw. sich an sie heften\u201c (86).<\/p>\n\n\n\n<p>Unter der \u00dcberschrift \u201eAuf dem Weg zu einem integrativen literargenetischen Modell\u201c werden auf S.&nbsp;90ff verschiedene Modelle gezeichnet und erl\u00e4utert. Theobald folgert, dass Lukas und Johannes \u201e<em>auf einer gemeinsamen Passions- und Oster\u00fcberlieferung<\/em>\u201c fu\u00dfen, \u201e<em>die sie eingest\u00e4ndig weiterentwickelt haben<\/em>\u201c (95). Den Grund f\u00fcr den \u201e<em>Widerspruch zwischen den Synoptikern und Johannes in der Passionschronologie<\/em>\u201c sieht Theobald darin, dass \u201eder \u00e4lteste Evangelist\u201c (Markus), dem \u201edie beiden anderen Synoptiker\u201c folgten, \u201e<em>die fr\u00fchchristliche Paschafeier als Nacht des Gedenkens an den Tod Jesu in seine Passionserz\u00e4hlung zur\u00fcckprojiziert hat<\/em> \u2026 Lukas, auf narrative Plausibilit\u00e4t bedacht, ist diesen Weg konsequent weitergegangen\u201c (120; vgl. auch 176, wo \u201ebeide Darstellungen\u201c [von Markus und Johannes] als \u201etheologische Konstrukte\u201c bezeichnet werden). Es folgen j\u00fcdische und pagane Erz\u00e4hlungen \u00fcber den \u201eTod ber\u00fchmter M\u00e4nner\u201c aus der Zeit vom 5.&nbsp;Jh. v.&nbsp;Chr. bis zum 2.&nbsp;Jh. n.&nbsp;Chr., die mit den biblischen Darstellungen des Prozesses Jesu verglichen werden (126ff). Dabei geht es auch um griechische Gerichtsprotokolle (145ff).<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Hauptteil des Werkes tr\u00e4gt die \u00dcberschrift \u201eDie \u00e4lteste Passionserz\u00e4hlung im Spiegel ihrer kanonischen Rezeption\u201c (213\u2013527). Das Ziel dabei ist \u201eeine Rekonstruktion des Archetyps der kanonischen Passions- und Ostererz\u00e4hlungen (PE<sup>G<\/sup>) entsprechend dem Modell, das in Teil I entwickelt wurde\u201c, wobei Theobald betont, dass es einen \u201elegendenfreien\u201c Bericht \u201enie gegeben\u201c habe, und entsprechend geht es ihm auch nicht darum, einen solchen zu erstellen (213). Es folgen ausf\u00fchrliche Vergleiche und Untersuchungen zu den vier Evangelien \u2013 angefangen vom Einzug Jesu in Jerusalem \u2013, um festzustellen, wie der Text von PE<sup>G<\/sup> gelautet haben k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Exkurs geht Theobald auf die \u201eBezeichnung der Gegner Jesu in den Passionserz\u00e4hlungen\u201c ein (267\u2013269). Er stellt fest: \u201eWenn Matth\u00e4us und Johannes <em>Pharis\u00e4er<\/em> den damals im Verfahren gegen Jesu Verantwortlichen hinzurechnen (Mt 27,62; Joh 11,46f.57; 18,3), entspricht dies der Situation nach 70, da jetzt nach und nach \u201adie sogenannten Pharis\u00e4er die F\u00fchrungsrolle im Rahmen einer neu aufkeimenden j\u00fcdischen Selbstverwaltung\u2018 \u00fcbernahmen [so mit Maier, Leidensgeschichte, 282]. Die PE<sup>G<\/sup> nennt sie nicht, auch nicht die anderen alten Fassungen der PE (einschlie\u00dflich Mk und Lk). Im Verfahren gegen Jesus werden sie keine Rolle gespielt haben\u201c (269). Wenige Seiten sp\u00e4ter betont Theobald hingegen, dass Johannes \u201ean zweiter Stelle die \u201aPharis\u00e4er\u2018 nennt (11,47.57), die in den kanonischen Passionserz\u00e4hlungen sonst keine Rolle spielen. \u201aSelbst im Matth\u00e4usevangelium, wo die Pharis\u00e4er meist als Hauptgegner Jesu auftreten, kommen sie in der Passionsgeschichte nur ganz am Rande vor (Mt 27,62; vgl. 21,45).\u201c (274f).<\/p>\n\n\n\n<p>Zu beachten ist dabei, dass es zumindest sp\u00e4ter in pharis\u00e4isch-rabbinischer Tradition ausdr\u00fccklich verboten war, \u201eeine Seele aus Israel\u201c an einen Nichtjuden auszuliefern (vgl. jTer 46b). Somit ist historisch verst\u00e4ndlich, warum sich die Pharis\u00e4er in Bezug auf die Anklage Jesu vor Pilatus zur\u00fcckgehalten haben \u2013 kein Evangelist bringt etwas anderes zum Ausdruck. Erst nach dem Tod Jesu mischen sie sich wieder in das Geschehen ein (vgl. Mt 27,62ff). Das bedeutet bei weitem nicht, dass sie in dem ganzen Prozess keine Rolle spielten und dass Joh 11,47.57 und Mt 27,62 nicht den historischen Fakten vor 70 n.&nbsp;Chr. entsprechen. Vielmehr spricht das stark f\u00fcr die Glaubw\u00fcrdigkeit der Evangelienberichte.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bezug auf den Prozess Jesu vor dem j\u00fcdischen Synhedrion (341ff) stellt Theobald fest, dass Lukas \u201eals Historiker Bedenken trug gegen die von Markus behauptete Versammlungszeit des j\u00fcdischen Gremiums in der Nacht\u201c und die Szene deshalb \u201eneu arrangiert\u201c habe (359). \u201eAuch bei vergleichbaren Konflikten in der Apostelgeschichte wei\u00df er nur von Sitzungen des Hohen Rats am Morgen. Das entspricht r\u00f6mischer Praxis, aber auch j\u00fcdischer, dann nach der Mischna durften Kapitalprozesse nicht des Nachts verhandelt werden\u201c (ebd.; mit Verweis auf mSanh 4,1 [\u201eLebensgerichte muss man bei Tag verhandeln und bei Tag entscheiden\u201c] und Seneca, De ira 2,7).<\/p>\n\n\n\n<p>Fakt ist, dass Lk 22,66 (\u2026 \u03b1\u0313\u03c0\u03b7\u0301\u03b3\u03b1\u03b3\u03bf\u03bd \u03b1\u03c5\u0313\u03c4\u03bf\u0300\u03bd \u03b5\u03b9\u0313\u03c2 \u03c4\u03bf\u0300 \u03c3\u03c5\u03bd\u03b5\u0301\u03b4\u03c1\u03b9\u03bf\u03bd \u03b1\u03c5\u0313\u03c4\u03c9\u0342\u03bd) ausdr\u00fccklich erw\u00e4hnt, dass der Prozess Jesu bei Tagesanbruch vom Haus des Hohepriesters \u2013 wo nur das kleine Gerichtsgremium von 23 Mitglieder tagen durfte \u2013 in das \u201eRathaus\u201c \u2013 wo das ganze Synhedrion mit allen 71 Mitgliedern tagte \u2013 verlegt wurde, was Mt 27,1 (\u201eAls es aber Morgen geworden war, hielten alle Hohepriester und \u00c4ltesten des Volkes eine Ratsversammlung [\u03c3\u03c5\u03bc\u03b2\u03bf\u03c5\u0301\u03bb\u03b9\u03bf\u03bd] gegen Jesus, um ihn zu Tode zu bringen\u201c) und Mk 15,1 (\u201eUnd alsbald\/sofort\/schnell am fr\u00fchen Morgen [\u03b5\u03c5\u0313\u03b8\u03c5\u0300\u03c2 \u03c0\u03c1\u03c9\u03b9\u0308\u0301] f\u00fchrten die Hohepriester mit den \u00c4ltesten und Schriftgelehrten und dem ganzen Synhedrion sogleich eine Ratsversammlung [\u03c3\u03c5\u03bc\u03b2\u03bf\u03c5\u0301\u03bb\u03b9\u03bf\u03bd] durch, und sie banden Jesus und f\u00fchrten ihn weg und \u00fcberlieferten ihn dem Pilatus.\u201c) offensichtlich voraussetzen. Von einem gewissen Verh\u00f6r Jesu im Haus des Hohepriesters ist bereits in Mt 26,59ff und Mk 14,55ff die Rede, w\u00e4hrend \u201edas gro\u00dfe Sanhedrin Israels\u201c (mit allen 71 Mitgliedern) seine Ratsversammlungen offiziell im \u201eRathaus\u201c bzw. laut mMidd 5,3f in der \u201eQuader-Kammer\u201c auf dem Tempelberg durchf\u00fchrte. Sicher um dem Prozess Jesu den Anstrich des Rechts zu verleihen, wurde er bei Anbruch des Tages dorthin verlegt, zumal Personengerichte nicht nur am Tag durchgef\u00fchrt werden sollten, sondern auch nur vom gesamten Synhedrion entschieden werden konnten (vgl. mSanh 1,5). Die Tatsache, dass Personen nicht am selben Tag verurteilt und hingerichtet werden durften (vgl. mSanh 4,1), ist sicher auch Grund daf\u00fcr, dass man eifrig bestrebt war, Jesus durch Pilatus hinrichten zu lassen. Die Evangelienberichte widersprechen sich somit nicht, sondern best\u00e4tigen sich vielmehr gegenseitig. \u00dcbrigens zeigt besonders Joh 18,13ff, dass der \u201eHof\u201c bzw. \u201ePalast\u201c des Hannas auch derjenige des Kaiphas war, dass Jesus also das Geb\u00e4ude nicht verlassen hat, als er von Hannas zu Kaiphas gef\u00fchrt wurde. Dabei handelt es sich h\u00f6chstwahrscheinlich um die Villa, die heute als \u201eWohl-Museum\u201c bzw. als \u201eHannas-Palast\u201c bekannt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im dritten Hauptteil (529\u2013726) m\u00f6chte Theobald eine \u201ehistorische Re-Konstruktion\u201c der letzten Tage Jesu erstellen. Zuerst geht er dabei auf die rechtshistorischen Hintergr\u00fcnde des Verfahrens ein. Es wird ausgef\u00fchrt, was es bedeutete, dass Jud\u00e4a unter r\u00f6mischer Verwaltung und ein \u201eAnnex\u201c der Provinz Syrien war (531ff), wobei auch die Rechtshoheit des Pr\u00e4fekten ein Thema ist (538ff) und ebenso auch Pontius Pilatus als Pr\u00e4fekt von Jud\u00e4a (548ff) sowie die \u201eElite von Jerusalem\u201c als F\u00fchrungsgremium der Juden (559ff). In Bezug auf die Machtverteilung zwischen Sadduz\u00e4er und Pharis\u00e4er betont Theobald, dass die Quellen (Josephus, Neues Testament, tannaitische Literatur) \u201ekeine gesicherten Aussagen dar\u00fcber\u201c erlaubten, \u201ewelche Rolle die beiden \u201aParteien\u2018 spielten\u201c (574). Die Dom\u00e4ne der Sadduz\u00e4er sei Jerusalem gewesen, wo sie nach Josephus \u201e\u00c4mter\u201c (\u03b1\u0313\u03c1\u03c7\u03b1\u03b9\u0301) aus\u00fcbten, und zwar \u201edas Amt des Hohepriesters und nachgeordnete \u00c4mter\u201c (575). Ausdr\u00fccklich wird von Josephus zwar nur Hannas II., Sohn von Hannas I., als Sadduz\u00e4er bezeichnet (Ant 20,199), doch nimmt Theobald (sicher mit Recht) an, \u201edass die Familie insgesamt der sadduz\u00e4ischen Richtung angeh\u00f6rte (576).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Anschluss daran will Theobald feststellen, \u201ewas sich historisch-plausibel \u00fcber die letzten Tage Jesu sagen l\u00e4sst\u201c (601ff), wobei er betont, dass es heikel sei, die letzten Tage und Stunden Jesu historisch rekonstruieren zu wollen (601). \u201eWenn die \u00e4lteste Fassung der Passionserz\u00e4hlung, die am Ursprung der Evangelien steht (= PE<sup>G<\/sup>), zur Grundlage des historischen Diskurses genommen wird, besteht eine gewisse Aussicht auf Erfolg. Der Einwand, dass diese \u00e4lteste Fassung nichts anderes sei als ein hypothetisches Konstrukt, das aus literar- und \u00fcberlieferungskritischen Analysen hervorgegangen sei (Teil II), trifft zu. Aber es gibt keinen anderen Weg als den \u00fcber die PE<sup>G<\/sup>. Die Evangelienproduktion, die erst mehr als vierzig Jahre nach Jesu Tod einsetzt, erlaubt keinen unmittelbaren Absprung in die Geschichte\u201c (601). Und zwar erlaube PE<sup>G<\/sup> \u201edort einen Blick in die historische Welt, wo Differenzen zwischen \u201aharten Fakten\u2018 und Deutungskontexten aufscheinen. \u201aHartes Faktum\u2018 ist zweifelsohne der gut bezeugte Kreuzestod Jesu selbst\u201c (ebd.). Ebenso ist f\u00fcr Theobald die \u201eSpannung zwischen ihrer schriftges\u00e4ttigten K\u00f6nigstheologie und dem sperrigen <em>titulus<\/em> [die Inschrift am Kreuz, die ausf\u00fchrlich besprochen wird] \u2026 deutliches Indiz seiner Historizit\u00e4t\u201c (604).<\/p>\n\n\n\n<p>Der vierte und letzte Hauptteil (727\u2013797) steht unter dem Thema \u201eTheologische Perspektiven- Geschichte und Theologie\u201c. Dabei wird Hans Joas einleitend mit folgenden Worten zitiert: \u201e\u201aDas historische Denken\u2018 ist kein \u201aAngriff auf den Glauben\u2018, sondern der \u201aK\u00f6nigsweg\u2018 zu seiner \u201aRelativierung\u2018\u201c (727). Entsprechend f\u00e4llt auch das Ergebnis der Studie aus. \u201eAn den Gekreuzigten als Messias Israels und \u201aHerrn\u2018 der V\u00f6lker zu glauben, bleibt ein Wagnis. Wer es eingeht, wei\u00df, dass Jesu Leben und Sterben auch andere Deutungen zulassen\u201c (733).<\/p>\n\n\n\n<p>Diese \u201ekurze\u201c Beschreibung des Inhalts des Mammutwerkes von Michael Theobald stellt einen Versuch dar, dem Werk gerecht zu werden, damit der Leser dieser Rezension einen sachlichen Einblick bekommt. Das Werk stellt ganz sicher eine gro\u00dfe Flei\u00dfarbeit dar, aber weniger in historischer als vielmehr in \u201eliterarkritischer\u201c Hinsicht. Obwohl das Werk auch an einigen Abschnitten auf au\u00dferbiblische historische Quellen eingeht und versucht, diese f\u00fcr die Exegese konstruktiv zu verwerten, sollten diese \u2013 wie oben sichtbar wurde \u2013 an einigen Stellen doch genauer ber\u00fccksichtigt werden. Dabei w\u00fcrde dann wohl auch deutlich werden, dass die historische Exegese schlussendlich viel plausibler ist als solche spekulative Deutung, die gewisse Standpunkte (wie die Markuspriorit\u00e4t und die sp\u00e4te Entstehung der neutestamentlichen Evangelien) voraussetzt, welche ihrerseits hinterfragt werden m\u00fcssten.<\/p>\n\n\n\n<p>Lukas bezieht sich in seinem Evangelium dem Prolog zufolge auf Ereignisse, \u201edie sich unter uns zugetragen haben\u201c (Lk 1,1). Und er betont, dass er \u201ealles von Anfang an genau\/akribisch erforscht\u201c hat, damit Theophilus \u201edie Zuverl\u00e4ssigkeit\/Sicherheit der Dinge\u201c, in denen er unterrichtet worden ist, genauer kennen lernt (Lk 1,3f). Lukas ist somit nach eigener Aussage ein Zeitgenosse \u2013 wenn auch nicht Augenzeuge \u2013 des Wirkens und Sterbens Jesu, und sein Bericht geht demnach auf Augenzeugenbefragung zur\u00fcck. Dabei m\u00fcssen die \u201etheologischen Deutungen\u201c der Ereignisse nicht als Widerspruch zu ihrer Geschichtlichkeit betrachtet werden. Wenn Paulus z.\u00a0B. in 1Kor 15,3f betont, dass Jesus \u201enach den Schriften\u201c f\u00fcr \u201eunsere S\u00fcnden\u201c gestorben und auferstanden ist, so kam Paulus nicht durch die Schriftforschung zu der \u00dcberzeugung, dass Jesus gestorben und auferstanden sei. Bei dem Schriftbezug geht es vielmehr um die Deutung bzw. um die heilsgeschichtliche Bedeutung des Todes und der Auferstehung Jesu. Historische Fakten und \u201etheologische\u201c Deutung geh\u00f6ren also eng zusammen und erg\u00e4nzen sich gegenseitig und sollten deshalb gerade in der Bibel-Exegese nicht gegeneinander ausgespielt werden. Und warum es der modernen Wissenschaft entsprechen soll, das \u201e\u00fcbernat\u00fcrliche\u201c Wirken Gottes aus der Bibel zu verbannen, bleibt ein R\u00e4tsel. Dass eine solche Theologie \u201esachlich\u201c sein kann, ist ausgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Jacob Thiessen, Professor f\u00fcr Neues Testament an der Staatsunabh\u00e4ngigen Theologischen Hochschule Basel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Theobald: Der Prozess Jesu. Geschichte und Theologie der Passionserz\u00e4hlungen, WUNT 486, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2022, 906&nbsp;S., \u20ac&nbsp;209,\u2013, ISBN 978-3-16-161610-5<\/p>\n","protected":false},"author":104,"featured_media":1705,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-1704","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1704","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/104"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1704"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1704\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1707,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1704\/revisions\/1707"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1705"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1704"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1704"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1704"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}