{"id":171,"date":"2017-05-01T14:28:05","date_gmt":"2017-05-01T14:28:05","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=171"},"modified":"2017-05-01T20:34:21","modified_gmt":"2017-05-01T20:34:21","slug":"thomas-levy-u-a-hg-israels-exodus-in-transdisciplinary-perspective","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=171","title":{"rendered":"Thomas Levy, u.a. (Hg.): Israel\u2019s Exodus in Transdisciplinary Perspective"},"content":{"rendered":"<p>Thomas E. Levy, Thomas Schneider, William H.\u00a0C. Propp (Hg.): <em>Israel\u2019s Exodus in Transdisciplinary Perspective. Text, Archaeology, Culture, and Geoscience<\/em>, Quantitative Methods in the Humanities and Social Sciences, New York: Springer, 2015, geb., XXVII + 584 S., \u20ac\u00a0101,64, <a href=\"http:\/\/www.springer.com\/de\/book\/9783319047676\">ISBN 978-3-319-04768-3<\/a><\/p>\n<div onclick=\"location.href='https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Levys_IsraelsExodus.pdf'\" class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<hr \/>\n<p>Dass der Neologismus <em>transdisciplinary <\/em>(seit 2003 auch mit <em>trans-<\/em> statt <em>inter-<\/em> m\u00f6glich) hier mehr als nur modische Fassade ist, deuten schon die Umst\u00e4nde der Ver\u00f6ffentlichung des vorliegenden Konferenzbandes an: In der Reihe \u201eQuantitative Methods in the Humanities and Social Sciences\u201c erschienen bisher zwei Einf\u00fchrungen in die Programmiersprache \u201eR\u201c und eine Dokumentation der Entwicklung einer Online-Datenbank. Die Konferenz an der University of California, San Diego (UCSD) vom 31.5.\u20133.6.2013 war verbunden mit einer Ausstellung zum Exodus im Stil eines Zukunftsmuseums am Qualcomm Institut \u201eCalit2\u201c auf dem Universit\u00e4tsgel\u00e4nde. Das multimediale Setting dieser Ausstellung wird in drei Beitr\u00e4gen dokumentiert (Teil III, S.\u00a0147\u2013184).<\/p>\n<p>Ganze 43 Beitr\u00e4ge \u2013 aufgeteilt auf neun Abschnitte \u2013 fasst der in durchgehendem Vierfarbdruck erschienene Band, die hier nur auszugsweise besprochen werden k\u00f6nnen. Im ersten Abschnitt kommen die f\u00fcnf Hauptredner der Konferenz zu Wort: Nach Jan Assmann (Konstanz\/Heidelberg) l\u00e4sst sich die Gewalt in der Exodus-Erz\u00e4hlung als \u201efounding violence\u201c deuten, welche radikale \u00dcberg\u00e4nge begleitet, in diesem Fall den \u00dcbergang von Polytheismus zu Monotheismus. Der \u00c4gyptologe Manfred Bietak (Wien) sieht einen historischen Hintergrund der Erz\u00e4hlung in dem Leiden von \u201eProto-Israeliten\u201c unter \u00c4gypten gegen Ende des Neuen Reichs, sowie dem Transport von Baumaterial von Pi-Ramesse nach Tanis und Bubastis. Von einer Identifikation von Proto-Israeliten mit den Hyksos (vgl. Josephus, <em>Ap <\/em>I:26\u201331) r\u00e4t er ab. Israel Finkelstein (Tel Aviv) untersucht, auf welchem Weg die nach seinem Verst\u00e4ndnis nachexilischen Autoren Wissen \u00fcber die in den Ortslisten der Tora aufgef\u00fchrten Details der Reiseroute erlangten. Einiges k\u00f6nnte aus Berichten von H\u00e4ndlern aus dem Nordreich, erste H\u00e4lfte des 8.\u00a0Jh., zusammengestellt worden sein. Vage Urspr\u00fcnge reichen bis in die Zeit des 16.\u201310.\u00a0Jh. v.Chr. zur\u00fcck. Lawrence T. Geraty (Riverside, CA) bietet auf S.\u00a060f einen hilfreichen \u00dcberblick \u00fcber verschiedenste Datierungsvorschl\u00e4ge zum Exodus und damit verbundene Pharaonen. Ronald Hendel (Berkeley, CA) deutet das Lied am Schilfmeer (Ex 15) als \u00e4ltesten Ausdruck eines ethnischen Mythos, welcher die Erinnerung an den Zusammenbruch \u00c4gyptens in einen Sieg Jhwhs \u00fcber das \u201eChaos\u201c Pharao umformt.<\/p>\n<p>Die Beitr\u00e4ge von Teil II \u201eScience-Based Approaches to the Exodus\u201c besch\u00e4ftigen sich schwerpunktm\u00e4\u00dfig mit dem Ausbruch des Vulkans Thera (Santorin in der s\u00fcdlichen \u00c4g\u00e4is), welcher ins 17. Jh. v.Chr., aber auch ca. 1525 v.Chr. (Malcom H. Wiener) datiert werden kann. Der damit verbundene Tsunami und andere Folgen k\u00f6nnten die Exodus-Erz\u00e4hlung inspiriert haben. Rekonstruierte Karten der \u00e4gyptischen K\u00fcste vor ca. 4000 Jahren sowie ein Einblick in die mathematischen Grundlagen von Computersimulationen der Welle begleiten die Ausf\u00fchrungen. Michael W. Dee u.\u00a0a. vergleichen aktuelle Datierungsvorschl\u00e4ge f\u00fcr Pharaonen des Neuen Reiches sowie kanaanitische St\u00e4dte und den Thera-Vulkan mit Radiokarbonmessungen.<\/p>\n<p>Teil IV widmet sich vor allem dem \u00e4gyptischen Kontext der Exodus-Erz\u00e4hlung. Bernard F. Batto m\u00f6chte in der priesterlichen Darstellung einen mythischen Kampf Jhwhs gegen das Chaosmonster Pharao und einen Sieg \u00fcber das Meer erkennen. Dabei muss er dem Einwand begegnen, dass P gew\u00f6hnlich eher eine \u201eentmythologisierende\u201c Tendenz nachgesagt wird (191f). Susan Tower Hollis und Gary A. Rendsburg gehen auf Parallelen zwischen \u00e4gyptischen Traditionen und Eigenarten in Ex 1\u201315 (aber auch Gen und 1Sam) ein. Brad C. Sparks bietet auf S.\u00a0263\u2013265 eine hilfreiche \u00dcbersicht \u00fcber vorgeschlagene Parallelen zu \u00e4gyptischen Texten seit 1980. Er f\u00fchrt dabei auch auf, ob der Forscher den Exodus als (teilweise) geschichtliches Ereignis und\/oder Mythos betrachtet. Hilfreich ist auch der Verweis auf den Aarne-Thompson-Uther Motif Index (ATU), der einen Hinweis darauf geben kann, ob es sich bei einer motivlichen \u00c4hnlichkeit zweier Traditionen um eine Abh\u00e4ngigkeit oder ein allgemein beobachtbares Motiv handelt (274f). Scott B. Noegel zeigt, dass die beste Parallele zur Bundeslade nicht in der mesopotamischen oder arabischen Kultur, sondern in \u00c4gypten zu finden ist.<\/p>\n<p>Teil V ist der (stets quellenkritischen) literarischen Untersuchung der Texte gewidmet. Auf dem Hintergrund seiner Habilitationsschrift (2010) deutet Christoph Berner die Erz\u00e4hlung als Ergebnis nach-priesterlicher Fortschreibung eines urspr\u00fcnglich priesterlichen Dokumentes. Es mag ihm nicht gefallen haben, dass Konrad Schmid Jakob W\u00f6hrles (2012) Verst\u00e4ndnis von P f\u00fcr \u00fcberzeugender h\u00e4lt (334). Schmid gibt einen wertvollen Einblick in seine Sicht der weltweiten Situation der Forschung am Pentateuch, evangelikale Theologie ist dabei nicht auf dem Radar. Thomas R\u00f6mer untersucht nicht die literarische Entstehung des Buches Genesis (so einleitend auf S.\u00a0305), sondern des Buches Exodus, insbesondere 3,1\u20134,18 und 6,2\u20138, Stephen C. Russell befasst sich mit Ex 18,13\u201326.<\/p>\n<p>Der Beitrag von Baruch Halpern \u201eFracturing the Exodus, as Told by Edward Everett Horton\u201c f\u00e4llt v\u00f6llig aus dem Rahmen. Es scheint sich um eine Art dekonstruktivistisch ironisierenden <em>reader response<\/em> zu handeln (besagter Horton ist ein amerikanischer Kom\u00f6diant aus den 1930er Jahren, der Text selbst schweigt zur Funktion des Namens im Titel). Bedauerlich, dass die Herausgeber in dem Vorwort zu diesem Artikel offensichtlich keinen Anlass gesehen haben, auf die Absicht des Textes einzugehen. Etwas erhellend ist die sichtbare \u201ePerformance\u201c des Vortrages, zug\u00e4nglich wie auch alle anderen Vortr\u00e4ge der Konferenz in voller L\u00e4nge auf <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/calit2\">https:\/\/www.youtube.com\/calit2<\/a> in der Playlist \u201eUCSD Exodus Conference\u201c.<\/p>\n<p>Teil VI ber\u00fccksichtigt die Rezeption des Exodus bei Origenes und Augustinus (Joel S.\u00a0Allen), Philo (Ren\u00e9 Bloch), Artapanos von Alexandria (Caterina Moro), im Islam (Babak Rahimi) und der j\u00fcdisch-heidnischen Polemik (Pieter W. van der Horst).<\/p>\n<p>Teil VII ist der Funktion des Exodus als kulturellem Ged\u00e4chtnis gewidmet. Gerade diesen Ansatz hinterfragt im einleitenden Beitrag William G. Dever, der indes die Frage nach den Fakten nicht aufgeben m\u00f6chte (\u201eWhat Really Happened?\u201c). Darum unterscheidet er drei Kategorien: Was wussten die Schreiber? Was bildeten sie sich ein? Was haben sie vergessen? Aren M. Maeir deutet den Exodus als \u201eliterary matrix of <em>mnemo-narratives<\/em>\u201c (S.\u00a0409). Donald B. Redford fragt nach m\u00f6glichen Urspr\u00fcngen der Exodus-Tradition. Victor H. Matthews tr\u00e4gt biblische Erinnerungen an \u00c4gypten zusammen. Zur Illustration der Frage nach Historizit\u00e4t f\u00fchrt der Mitherausgeber William H.C. Propp die Legende des \u201eEngel von Mons\u201c aus dem ersten Weltkrieg an. Seiner Ansicht nach ist eine historische Untersuchung des Exodus nach heutigem Informationsstand nicht m\u00f6glich: \u201ethe historian must avoid the Exodus, put it into a black box, lock it up, and then hide but not discard the key\u201c (436). \u201eFor the Exodus, we must simply resign ourselves to ignorance\u201c (429).<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz fragen die Beitr\u00e4ge in Teil VIII nach den Umst\u00e4nden der Entstehung von \u201eIsrael\u201c, erste au\u00dferbiblische Erw\u00e4hnung auf der Merenptah-Stele, 1208 v.\u00a0Chr.. Avraham Faust und Robert A. Mullins geben einen guten \u00dcberblick \u00fcber die zur Zeit vertretenen Alternativen zu einem Exodus. Zwar wird oft eine kleine Exodus-Gruppe postuliert, grunds\u00e4tzlich seien die \u201e(Proto-)Israeliten\u201c jedoch Kanaaniter. Emmanuel Anati m\u00f6chte Har Karkom mit Sinai identifizieren. Brendon C. Benz sieht aufgrund seiner Analyse der Amarna-Briefe nicht nur gesellschaftliche Au\u00dfenseiter, sondern (auch) Insider in der Gruppe des sp\u00e4teren Israel vertreten. Daniel E. Fleming vertritt die Ansicht, dass es sich um Viehhalter handelte. Nadav Na\u2019aman argumentiert f\u00fcr die Befreiung einer Gruppe von einem \u00e4gyptischen Joch, jedoch innerhalb Kanaans. Wenn er davon ausgeht, dass Amos und Hosea die fr\u00fchesten Zeugnisse des Exodus darstellen (S.\u00a0528, vorsichtiger formuliert R\u00f6mer auf S.\u00a0307), dann w\u00e4re es eine Untersuchung wert, die Abh\u00e4ngigkeitsrichtung gegen\u00fcber der Tora pr\u00e4zise zu bestimmen und einen relativ zuverl\u00e4ssigen <em>terminus ante quem<\/em> zu finden. Dies ist m\u00f6glicherweise die Achillesverse einer nachexilischen Datierung der Exodus-Tradition in P (und nicht-P). Christopher B. Hays erkennt hinsichtlich des eigenen Landes eine gemeinsame \u201eDrei-Zonen\u201c-Ideologie in biblischen und \u00e4gyptischen Traditionen. Der als \u201eConclusion\u201c (Teil IX) bezeichnete Beitrag des Mitherausgebers Thomas Schneider (der Vergleich von Ex 12 mit einem \u00e4gyptischen Ritual zum Schutz des Pharaos vor der \u201ePlage des Jahres\u201c) h\u00e4tte wohl auch in Teil IV verortet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt auf, mit welcher Sorge die Mehrzahl der Konferenzredner ausdr\u00fccklich jeden Verdacht von sich weist, mit dem eigenen Vortrag in irgendeiner Weise die Historizit\u00e4t der Exodus-Erz\u00e4hlung unterst\u00fctzen zu wollen. Immer wieder wird hier auf den Mitveranstalter William H.C. Propp verwiesen, dessen Stimme eine gro\u00dfe Autorit\u00e4t genie\u00dft. So zitiert ihn beispielsweise Harris zustimmend mit dem Urteil: \u201eTo believe that the Bible faithfully records a concatenation of improbable events [&#8230;] demands a perverse fundamentalism, that blindly accepts the [..] accuracy of biblical tradition\u201c (Propp, <em>Exodus 1\u201318<\/em>, AncB, New York: Doubleday, 1999, 348, zitiert auf S.\u00a098). Zwar ist es wieder schick geworden, von historischen Ereignissen auszugehen, welche die Erz\u00e4hlung inspiriert haben, doch das Wort \u201eHistorizit\u00e4t\u201c ist ein Tabu. Der \u00c4gyptologe James K. Hoffmeier (Trinity Evangelical Divinity School, Deerfield\/IL) beugt sich diesem Klima nicht, sondern findet einen nachahmenswerten Weg, ein solches Problem anzusprechen. Zum einen verweist er auf die historischen Wurzeln dieses Denkens in den Bereichen der \u00c4gyptologie (Alan Gardiner und T.\u00a0E. Peet in den 1930er Jahren) und biblischen Arch\u00e4ologie (William Dever in den 1970ern und 1980ern). Am Beispiel G\u00f6sta Ahlstr\u00f6m zeigt er, was passieren kann, wenn \u00c4gyptologen den Theologen das Feld \u00fcberlassen. Sein Beitrag endet mit dem Ergebnis einer Umfrage unter \u00c4gyptologen: Viele der Befragten scheuen davor zur\u00fcck, sich zu einem Thema mit bedeutenden religi\u00f6sen Implikationen zu \u00e4u\u00dfern, weil es ihrer Glaubw\u00fcrdigkeit schaden k\u00f6nnte. Doch alle befragten \u00c4gyptologen glauben, dass der Exodus ein historisches Ereignis ist.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist das wirklich leserfreundliche Layout des Konferenzbandes mit einf\u00fchrendem Abstract, zweispaltigem Text und zumeist recht aktuell gehaltener Bibliographie f\u00fcr jeden einzelnen Aufsatz. Ein Bibelstellenregister wird schmerzlich vermisst. Viele der vorgetragenen Thesen sind nicht wirklich neu, etwa wenn Jan Assmann \u00fcber das kulturelle Ged\u00e4chtnis, Monotheismus und Gewalt referiert. Der Wert dieses Bandes liegt f\u00fcr Alttestamentler jedoch in der M\u00f6glichkeit, mit einem Griff und wenig Aufwand (viele der Aufs\u00e4tze umfassen nur zehn Seiten) einen differenzierten Einblick in den aktuellen historisch-kritischen Forschungsstand zum Thema zu gewinnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dr. Siegbert Riecker, Dozent an der Bibelschule Kirchberg<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas E. Levy, Thomas Schneider, William H.\u00a0C. 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