{"id":1711,"date":"2022-10-22T16:41:02","date_gmt":"2022-10-22T16:41:02","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1711"},"modified":"2022-10-22T16:41:29","modified_gmt":"2022-10-22T16:41:29","slug":"christian-volkmar-witt-lutherische-orthodoxie-als-historisches-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1711","title":{"rendered":"Christian Volkmar Witt: Lutherische \u201eOrthodoxie\u201c als historisches Problem"},"content":{"rendered":"\n<p>Christian Volkmar Witt: <em>Lutherische \u201eOrthodoxie\u201c als historisches Problem. Leitidee, Konstruktion und Gegenbegriff von Gottfried Arnold bis Ernst Troeltsch<\/em>, Ver\u00f6ffentlichungen des Instituts f\u00fcr Europ\u00e4ische Geschichte in Mainz. Abteilung f\u00fcr Abendl\u00e4ndische Religionsgeschichte 264, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2021, Hb., 297&nbsp;S., \u20ac&nbsp;70,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/56908\/lutherische-orthodoxie-als-historisches-problem?number=VUR0007567\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/56908\/lutherische-orthodoxie-als-historisches-problem?number=VUR0007567\">978-3-525-50194-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Ob im kirchengeschichtlichen Unterricht oder Lehrbuch, noch immer ist \u201ealtprotestantische\u201c oder \u201elutherische Orthodoxie\u201c die \u00fcbliche Bezeichnung f\u00fcr jene Phase der nachreformatorischen protestantischen Kirchen- und Theologiegeschichte, von der sich Pietismus und Aufkl\u00e4rung abgrenzen. Christian&nbsp;V. Witt, Privatdozent an der Evangelisch-theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Mainz und Heisenberg-Stipendiat, hinterfragt nun diese historiographische Kategorisierung in einer f\u00fcr den an der Kirchengeschichtsschreibung interessierten Leser instruktiven Studie. Witt verbindet dabei methodisch Begriffsgeschichte und institutionstheoretische \u00dcberlegungen und zeigt anhand der Analyse wirkungsgeschichtlich bedeutsamer historiographischer Entw\u00fcrfe, angefangen von Gottfried Arnold bis zu Ernst Troeltsch, die Entwicklung eines Konzepts von Orthodoxie im Spannungsfeld von Rechtgl\u00e4ubigkeits- und historischer Periodenbezeichnung. Nebenbei zeichnet der Verf. auch die Entwicklung einer kritischen, wissenschaftlichen Kirchengeschichtsschreibung nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie ist klar gegliedert in sieben Teile, wobei das erste Kapitel der methodisch-theoretischen Einf\u00fchrung dient, das letzte dem Fazit und weiterf\u00fchrenden \u00dcberlegungen. Die Arbeit ist sorgf\u00e4ltig redigiert, die Analyse und Interpretation der ausgew\u00e4hlten Quellenschriften liest sich ausgesprochen gut, und didaktisch \u00fcberlegt bietet der Verf. dem Leser immer wieder einen \u201eZwischenstand\u201c. Allein das erste Kapitel (11\u201344) ist in seiner Fachsprache f\u00fcr den mit Theorien der Geschichts- und Kulturwissenschaften weniger vertrauten Leser nicht leicht zug\u00e4nglich, wenn auch verst\u00e4ndlich ist, dass diese Ausf\u00fchrungen der fachwissenschaftlichen Verortung dienen. F\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der folgenden Untersuchung wichtig ist, dass der Verf. mit dem begrifflichen Instrumentarium von \u201eLeitidee, Konstruktion und Gegenbegriff\u201c (so auch der Untertitel der Studie) die religi\u00f6se Leitidee \u201eOrthodoxie\u201c untersucht als eine Identifikations- und zugleich Abgrenzungskategorie (zur Heterodoxie), \u201eum Aufkommen, Etablierung, Begr\u00fcndung und Entwicklung der wissenschaftssprachlichen Rede von \u201aOrthodoxie\u2018 im Rahmen der historischen Darstellung des fr\u00fchneuzeitlichen Luthertums zu beleuchten\u201c (42).<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Entwicklung und Transformation von \u201eOrthodoxie\u201c zu einer negativ konnotierten Bezeichnung f\u00fcr eine Gruppe von Theologen und deren Lehre nachzuzeichnen, trifft der Verf. in den folgenden f\u00fcnf Kapiteln (II\u2013VI) eine Auswahl aus prominenten Werken der protestantischen Kirchengeschichtsschreibung vom sp\u00e4ten 17. Jahrhundert bis ins fr\u00fche 20. Jahrhundert und stellt diese in chronologischer Reihenfolge vor, wobei er bei Gottfried Arnold beginnt. Denn in der <em>Unpartheyischen Kirchen- und Ketzer-Historie<\/em> des Pietisten Arnold erf\u00e4hrt die Leitidee Orthodoxie eine Umwertung, indem Arnold \u201edie von den Gro\u00df- und Konfessionskirchen Verfolgten und Verketzerten zu den eigentlichen Nachfolgern Christi\u201c (51f.) erkl\u00e4rt und damit die bisherige Wahrnehmung umkehrt: \u201eDie von Anbeginn an geschichtlich existente und durch erleuchtete Historiographie identifizierbar gemachte wahre Orthodoxie ans Licht zu bringen, als deren Tr\u00e4ger gerade die vermeintlich Heterodoxen zu stehen kommen, ist somit das ma\u00dfgebliche Programm des zu diesem Zweck unparteiischen \u2013 im Sinne von \u00fcberkirchlichen \u2013 Geschichtsschreibers\u201c (62). Arnold beh\u00e4lt das kontr\u00e4re Begriffspaar Orthodoxie\/Heterodoxie als darstellungsleitende Kategorie seiner Kirchengeschichte bei, aber er historisiert \u201eOrthodoxie\u201c auch und versteht sie als eine pejorative historiographische Kategorie. Obwohl Arnolds Geschichtsschreibung zeitgen\u00f6ssisch f\u00fcr heftigen Widerspruch sorgte, war sein Ansatz so einflussreich, dass die nachfolgenden Kirchengeschichtsdarstellungen des 18. bis fr\u00fchen 20. Jahrhunderts das Konzept von \u201eOrthodoxie\u201c entweder in Anlehnung an oder \u2013 h\u00e4ufiger \u2013 in Abgrenzung von Arnold entfalteten.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das 18. Jahrhundert zeigt der Verf. dies in Kapitel III (73\u2013112) an vier Autoren, darunter Johann Lorenz von Mosheim. Mosheim (<em>Ketzergeschichte<\/em>, 1746) und sein Sch\u00fcler Johann Matthias Schroeckh (<em>Christliche Kirchengeschichte<\/em>, 1772) verzichten in Abgrenzung zu Arnold bewusst auf Kategorisierungen wie Orthodoxie und Heterodoxie. Sie behalten die Leitidee einer Orthodoxie aber bei, w\u00e4hrend der Aufkl\u00e4rungstheologe Johann Salomo Semler \u201ekeinen positiven Begriff von lehrm\u00e4\u00dfig gebundener Orthodoxie\u201c (110) mehr kennt. Mit dem Verzicht auf die Kategorie Orthodoxie ringen die Theologen um eine wissenschaftliche Darstellung der Kirchengeschichte, in die der eigene, religi\u00f6s und konfessionell gebundene Wahrheitsbegriff nicht mehr einflie\u00dfen soll. \u201eEs scheint demnach im 18. Jahrhundert ein waches Bewusstsein daf\u00fcr zu geben, dass \u201aOrthodoxie\u2018 ohne Wertung [&#8230;] schlicht nicht zu haben ist\u201c (115).<\/p>\n\n\n\n<p>Die weitere Entwicklung des Konzepts Orthodoxie zeichnet der Verf. in den Kapiteln IV (Vom 18. ins 19. Jahrhundert: Ludwig Timotheus Spittler und Gottlieb Jakob Planck; 113\u2013146), V (Das 19. Jahrhundert: Karl von Hase, Ferdinand Christian Baur und August Tholuck; 147\u2013202) und VI (Vom 19. ins 20. Jahrhundert: Ernst Troeltsch, 203\u2013250) anhand der Quellentexte nach. An dieser Stelle k\u00f6nnen nur einzelne Aspekte hervorgehoben werden: So ist es der G\u00f6ttinger Theologe Ludwig Timotheus Spittler, der in seinem <em>Grundri\u00df der Geschichte der christlichen Kirche<\/em> (1782) den Begriff der (lutherischen) Orthodoxie als Gegenbegriff zum Pietismus verwendet, wenn er \u00fcber den Konflikt Speners mit den \u201eOrthodoxen\u201c schreibt. Die Professionalisierung der Kirchengeschichtsschreibung im 18. Jahrhundert f\u00fchrte dann dazu, dass einerseits die religi\u00f6se Leitidee Orthodoxie im Dienste einer neutralen, wissenschaftlichen Darstellung nicht mehr wahrnehmungsleitend ist. Andererseits etabliert sich die Rede von der lutherischen Orthodoxie als eine Bezeichnung f\u00fcr protestantische Theologen des sp\u00e4ten 16. und 17. Jahrhunderts, die durch \u201e\u00e4ngstlichen Dogmatismus, z\u00e4nkischen Bekenntnispositivismus und geradezu manische Streitsucht\u201c (150) auffallen. Dieses Verst\u00e4ndnis verfestigt sich in den kirchengeschichtlichen Darstellungen des 19. Jahrhunderts, etwa bei Karl von Hase oder Ferdinand Christian Baur. Auch bei Ernst Troeltsch \u201ebleiben die dunklen Z\u00fcge der altb\u00f6sen Feindin von Pietismus und Aufkl\u00e4rung bestimmend\u201c und ebenso der Eindruck von \u201eErstarrung, Verfall, Herrschsucht, Streitlust, Dekadenz und Lebensferne\u201c (266). Die nun als historiographische Kategorie etablierte \u201elutherische Orthodoxie\u201c erf\u00e4hrt erst im 20. Jahrhundert eine positivere Deutung.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kapitel VII (251\u2013282) bietet der Verf. abschlie\u00dfend weiterf\u00fchrende \u00dcberlegungen (ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis (283\u2013295) sowie ein Personenregister (297) folgen noch). Angesichts der Ergebnisse seiner Studie fragt er, \u201ein welcher Weise der Begriff \u201aOrthodoxie\u2018 als historiographische Kategorie [&#8230;] \u00fcberhaupt Verwendung finden kann oder soll\u201c (273). Witt schl\u00e4gt vor, in der Kirchen- und Theologiegeschichte zun\u00e4chst von einem \u201efr\u00fchneuzeitlichen Luthertum\u201c (281) zu sprechen. Folgt man diesem (nach der Lekt\u00fcre \u00fcberzeugenden) Vorschlag, so h\u00e4tte freilich der Verzicht auf das Konzept der lutherischen Orthodoxie Konsequenzen f\u00fcr die Definition von Pietismus und Aufkl\u00e4rung. Der Verf. spricht dies kurz an, und der Leser wird (wie \u00fcberhaupt durch diese lesenswerte und gelungene Studie) angeregt, hier weiterzudenken. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Ulrike Treusch, Professorin f\u00fcr Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Volkmar Witt: Lutherische \u201eOrthodoxie\u201c als historisches Problem. 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