{"id":1715,"date":"2022-10-22T16:44:39","date_gmt":"2022-10-22T16:44:39","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1715"},"modified":"2022-10-22T16:44:41","modified_gmt":"2022-10-22T16:44:41","slug":"hartmut-traub-der-denker-und-sein-glaube","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1715","title":{"rendered":"Hartmut Traub: Der Denker und sein Glaube"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hartmut Traub: <em>Der Denker und sein Glaube. Fichte und der Pietismus oder: \u00dcber die theologischen Grundlagen der Wissenschaftslehre<\/em>, SuE&nbsp;II,61, Stuttgart-Bad Cannstatt 2020: Frommann-Holzboog, 2020, geb., 658&nbsp;S., \u20ac&nbsp;128,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.frommann-holzboog.de\/reihen\/57\/572\/572006110?lang=de\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.frommann-holzboog.de\/reihen\/57\/572\/572006110?lang=de\">978-3-7728-2883-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hartmut Traub, Honorarprofessor der Alanus-Hochschule, ist durch zahlreiche wegweisende Arbeiten sowohl in historisch-philologischer als auch systematischer Perspektive zum deutschen Idealismus und insbesondere zu Fichte hervorgetreten. Gem\u00e4\u00df Fichtes Selbstaussage: \u201eDie Eindr\u00fccke der ersten Erziehung sind unaustilgbar\u201c pr\u00e4sentiert dieser Band die theologischen Anf\u00e4nge des gro\u00dfen Denkers, lange vor dem Atheismusstreit und der pr\u00e4gnanten \u201eGrundlegung aus dem Ich\u201c in der ersten Wissenschaftslehre von 1794. Vorgestellt werden so gleichsam die \u201ePrima inquirienda\u201c Fichtes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Texte und Konstellationen, die Traub pr\u00e4sent macht, datieren s\u00e4mtlich aus der Zeit, bevor Fichte im Alter von 28 Jahren erstmals mit Kant und der Transzendentalphilosophie in Ber\u00fchrung kam. Die Grundlagen waren seinerzeit bereits gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seiner Sp\u00e4tphilosophie nimmt Fichte seit 1804 diesen Faden wieder auf. Wie konsistent die Einheit des Denkwegs ist, zeigt Traub pr\u00e4gnant: \u201eFichte, der Philosoph des lebendigen Denkens war ein Glaubender. Und als Glaubender war Fichte ein starker Denker\u201c (427).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eindr\u00fccklich wird so sichtbar, dass am Anfang nicht einfach die Furcht vor Determinismus und Nihilismus stand, sondern das Ethos der protestantischen Freimut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit bewundernswerter Detailgenauigkeit, dabei in kristallklarem verst\u00e4ndlichem Stil, rekonstruiert Traub die Realien von Fichtes Herkunft und fr\u00fcher Bildung in Rammenau. Bekanntlich fiel die hohe Begabung des jungen Fichte auf, als er dem Landesherrn die Sonntagspredigt wortw\u00f6rtlich aufsagen konnte. Traub gr\u00e4bt in der Kindheits- und Jugendgeschichte. Er zeigt, dass Fichtes fr\u00fche Bildung weitgehend vom Vater gepr\u00e4gt war. Der Schulalltag wird in den Kontext des Schulwesens der Zeit eingetragen: Im damaligen Sachsen spielte der Pietismus eine ma\u00dfgebliche Rolle. Es ist wesentlich, die Lehrwerke (Rambach, L\u00f6secken) (73ff) zu kennen, mit denen Fichte konfrontiert war; wobei Fichte nach eigenen schriftlichen Zeugnissen vor allem von Rambach und dessen heilsgeschichtlicher theologischer Schau gepr\u00e4gt war. Im Bildungskonzept lag die gleichm\u00e4\u00dfige Ausbildung von Herz und Verstand, womit ein gleichgewichtiges Bild von Freiheit und Determiniertheit verbunden war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein zweiter Lebenskreis f\u00fchrt in den Umkreis von Siebeneichen im Haus derer von Miltitz. Hinsichtlich der Faktenlage bleiben einige Leerstellen. Doch aus einer weitgreifenden Erhebung der Kontexte kann erschlossen werden, dass Fichte dort mit dem Pietismus Zinzendorfscher Pr\u00e4gung in Ber\u00fchrung kam. Auch eine evangelische Mystik in Jacob B\u00f6hmescher Tradition lernte er auf diese Weise kennen. Und obwohl Fichte der \u00dcberzeugung war, dass der selbstdenkende Philosoph notwendigerweise Protestant sein m\u00fcsse, kam er durch den weiteren Bildungskreis mit der konfessionellen Vielheit, mit Protestanten und Katholiken, Reformierten und Lutheranern in Ber\u00fchrung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Traub rekonstruiert liebevoll auch die geistig-geistlichen Physiognomien der Pfarrer, mit denen der junge Fichte Kontakt hatte. Die Dinndorf, Nestler, Wagner, die man sonst \u00fcbersehen w\u00fcrde. Man muss sich den jungen Fichte auch als Predigth\u00f6rer vorstellen, \u00e4hnlich wie die vorsokratischen Philosophen nach Nietzsche Zuseher der antiken Trag\u00f6die sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Schulpforta, der Elitebildungsanstalt Sachsens, deren Z\u00f6glinge von Klopstock bis Nietzsche Weltruf erlangten, weitet sich der Horizont noch einmal betr\u00e4chtlich. Der Ort \u00fcbt selbst durch seinen Zauber eine indirekte Lehre aus, das Kloster fasziniert ihn. Verschiedene Gymnasiallehrer, die eigentlichen Ordinarien, pr\u00e4gen den jungen Fichte: Er wird Famulus beim Mathematiker Schmidt (204), einem von Crusius gepr\u00e4gten Bengelianer, analysiert die Konfessionsgeschichte im Licht der Bibel: Die Typologie des johanneischen oder paulinischen Christentums wird ihm zum Leitfaden. Sie kehrt sp\u00e4ter bei Schelling und Hans Urs von Balthasar wieder. Am neologischen, bibelkritischen Protestantismus \u00fcbt Fichte harsche Kritik. Daf\u00fcr war er, was man nicht \u00fcbersehen darf, k\u00fcnftig nicht mehr empf\u00e4nglich. So formuliert er in einem fr\u00fchen Text: \u201eWas ist denn die ganze moderne, die Bibel zu ihrer flachen Vernunft bekehrende Theologie anders, als die \u2026Geringsch\u00e4tzung des orthodoxen Lehrbegriffs, und aufgeben die Heiligkeit des Sinnes\u201c (224).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den von der Lutherischen Orthodoxie geschm\u00e4hten \u201eSchw\u00e4rmern\u201c konnte Fichte dagegen einiges abgewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Studienzeit in Jena, Leipzig und Wittenberg schlie\u00dft sich an. \u00dcber Ernst Platner lernte er in Leipzig den Einspruch von Crusius gegen die in der Wolffischen Schulphilosophie als ausnahmslos behauptete G\u00fcltigkeit des Satzes vom Grund kennen: die Verteidigung der Freiheit des Willens. In Wittenberg wurde er mit der deutschen Popularphilosophie von Franz Volkmar Reinhard und Gotthold Schocher vertraut, die in der Tradition von Crusius standen. Schochers \u201eganzheitliche Lehrmethode\u201c st\u00e4rkte in Fichte die Tendenz zu einem ersten, vorkantischen Systembegriff. Hier ist nicht weniger grundgelegt als Fichtes Rehabilitation von Begriff und Sache der transzendentalen Einbildungskraft als h\u00f6chster Denkform.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus Schochers grammatikalischen \u00dcberlegungen erwuchs ihm die Unterscheidung einer genetisierenden, verbalisierenden Denkform gegen\u00fcber dem faktischen substantivierenden Denkmodus. Die hohe Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Sprache, die weit mehr ist als nur ein Transportmittel f\u00fcr den Gedanken, erwarb sich Fichte wohl in dieser Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonderes Gewicht in Traubs Darstellung liegt auf der Ausarbeitung der \u201eTheologia dogmatica\u201c nach den Thesen von D. Petzold. An den Leipziger Rektor wandte sich Fichte in einer offensichtlichen Krise seiner fr\u00fchen Laufbahn. Die Finanzierung durch Frau von Miltitz lief aus, er suchte nach einer neuen tragf\u00e4higen Anstellung und beabsichtigte offensichtlich, sich von der Theologie ab- und der Jurisprudenz zuzuwenden. Auch innere Gr\u00fcnde sprachen f\u00fcr diese weitgreifenden \u00dcberlegungen: Fichtes Theologieverst\u00e4ndnis stand quer zum Zeitgeist, eben weil er dem planen Rationalismus der Neologen ebenso fremd gegen\u00fcberstand wie einer denkfernen Orthodoxie. Viel spricht daf\u00fcr, dass die \u201eTheologia dogmatica\u201c in diesem Kontext entstanden ist, auch wenn sich nicht vollst\u00e4ndige philologische Gewissheit erreichen l\u00e4sst. In Aneignung und Anverwandlung der Vorlesung Petzolds gelingt Fichte weit mehr als eine blo\u00dfe Rezeptionsleistung. Traub liest sie konsequent in Kenntnis des gesamten sp\u00e4teren Religionsdenkens Fichte als \u201eTheologia et philosophia in nuce\u201c. Dies ist vielleicht leicht \u00fcberzeichnet, insgesamt aber durch Nachweise gest\u00fctzt und \u00fcberzeugend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Glauben und Denken wuchsen im Horizont des Kollegs des verehrten Lehrers zusammen. Traub zieht von der kommentierten Vorlesungsnachschrift die Verbindungslinie zu Fichtes erster religionsphilosophischer Schrift \u201eVersuch einer Critik aller Offenbarung\u201c von 1792, die den Atheismusstreit ausl\u00f6ste. Seinerzeit hatte Fichte dann bereits eingehend Kant studiert. Doch die leitende Argumentation besteht darin, dass die Kongruenz zwischen dem Vorbild Jesu und dem Menschen als seinem Nachbild durch den lebendigen Geist Gottes hergestellt wird. Der Schriftbeweis allein kann diese Kongruenz in einer theologisch disparaten Situation nicht mehre tragen. Fichte l\u00e4sst Jesus Christus sagen: \u201eDiese Lehre ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat: glaubet nicht mir, glaubet dem Vater, der von mir zeuget\u201c (514, in Bezug auf Joh 14,24).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass Fichte affirmativ formulieren kann: \u201eWirklicher Glaube, welcher nichts anderes ist, als die Wissenschaftslehre selbst\u201c, ist in diesem Verst\u00e4ndnis der auf der geschehenen Auferstehung beruhenden Pr\u00e4senz des Auferstandenen f\u00fcr den Glauben grundgelegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufgrund des ausgebreiteten Materials arbeitet Traub konsequent auch die Differenzen zwischen Kants und Fichtes Glaubensverst\u00e4ndnis heraus. Geht es Kant prim\u00e4r um die Unterscheidung und funktionale \u00dcbersetzung und die Grenzmarkierung, so Fichte um die Durchdringung beider in einem transrationalen, transempirischen Verst\u00e4ndnishorizont. Das Kreuz und die Auferstehung m\u00fcssen dabei gleicherma\u00dfen beglaubigt und zusammengedacht werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich gestehe, dass mich selten ein gelehrtes Werk der j\u00fcngeren Zeit so beeindruckt und vielfach geistig bereichert hat. Was Traub aus komplexen Archivquellen ans Licht bringt, kann eine Inspirationsquelle f\u00fcr evangelisch-evangelikales Glaubens-Wissen und Selbstverst\u00e4ndnis im 21. Jahrhundert sein. Indem er die Materialien viel breiter anlegt als die konstellationsanalytische Schule Dieter Henrichs und seiner Epigonen, schafft Traub einen Zugriff aus geistesgeschichtlich-interdisziplin\u00e4rer Perspektive, der f\u00fcr Theologen und Philosophen, f\u00fcr Theorie und Praxis der Apologetik gleicherma\u00dfen gro\u00dfen Ertrag bringt. Und: Dieses Buch ist mit Leidenschaft und N\u00fcchternheit geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Prof. Dr. Harald Seubert, Ordentlicher Professor f\u00fcr Philosophie, Religions- und Missionswissenschaft an der Staatsunabh\u00e4ngigen Theologischen Hochschule Basel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hartmut Traub: Der Denker und sein Glaube. 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