{"id":1723,"date":"2022-10-22T16:52:25","date_gmt":"2022-10-22T16:52:25","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1723"},"modified":"2022-10-22T16:52:45","modified_gmt":"2022-10-22T16:52:45","slug":"carl-r-trueman-the-rise-and-triumph-of-the-modern-self-strange-new-world","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1723","title":{"rendered":"Carl R. Trueman: The Rise and Triumph of the Modern Self \/ Strange New World"},"content":{"rendered":"\n<p>Carl R. Trueman: <em>The Rise and Triumph of the Modern Self. Cultural Amnesia, Expressive Individualism, and the Road to Sexual Revolution<\/em>, Wheaton: Crossway, 2020, Hb., 425 S., US&nbsp;$ 35,\u2013, ISBN 978-1-4335-5633-3<\/p>\n\n\n\n<p>Carl R. Trueman: <em>Strange New World. How Thinkers and Activists Redefined Identity and Sparked the Sexual Revolution<\/em>, Wheaton: Crossway, 2022, Pb., 204 S., US&nbsp;$ 18,\u2013, ISBN 978-1-4335-7930-1<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Am Anfang des Jahres klagte ein Professor des <em>Karlsruhe Institut of Technology (KIT)<\/em>: Wenn er eine Lehrveranstaltung zum Thema \u201eDieselantriebe\u201c ank\u00fcndigt, meldet sich kaum noch ein Interessent. Deshalb m\u00fcsse die geplante Vorlesung wieder abgesagt werden. Seine Botschaft: Wenn sich die Lage nicht bessert, werden zuk\u00fcnftig in Deutschland keine noch effizienteren Dieselmotoren mehr entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie bei der Entwicklung von Motoren, die nicht mit regenerativen Energiequellen angetrieben werden, ist die Situation der Philosophiegeschichte im theologischen Studium: Wer will sich schon freiwillig damit besch\u00e4ftigen, und ist diese Anstrengung f\u00fcr den Dienst \u00fcberhaupt n\u00fctzlich? Meistens f\u00fchrt die Philosophie als Pflichtschein-Nebenfach an der Theologischen Fakult\u00e4t ein Schattendasein. \u2013 Dass es sich dennoch gerade heute f\u00fcr zuk\u00fcnftige Geistliche lohnt, sich mit Philosophie und hier der Geschichte sozialistischer Ideen zu besch\u00e4ftigen, zeigt ein in den USA ver\u00f6ffentlichtes Werk des amerikanischen Theologieprofessors Carl R. Trueman: <em>The Rise and Triumph of the Modern Self. <\/em><em>Cultural Amnesia, Expressive Individualism, and the Road to Sexual Revolution<\/em> (Nov. 2020). Es wurde vom <em>Southwestern Journal of Theology<\/em> (SWJT) in Kooperation mit den Lehrenden des <em>Southwestern Baptist Theological Seminary<\/em> im Dezember 2020 als \u201eBuch des Jahres\u201c ausgezeichnet. Eine k\u00fcrzere und f\u00fcr einen breiteren Leserkreis gedachte Paperback-Ausgabe zum gleichen Thema hat der Verfasser in diesem Jahr folgen lassen: <em>Strange New World. <\/em><em>How Thinkers and Activists Redefined Identity and Sparked the Sexual Revolution<\/em> (M\u00e4rz 2022).<\/p>\n\n\n\n<p>Carl R. Trueman geht von der aktuellen Identit\u00e4tspolitik und weiteren geistigen Merkmalen der Gegenwart aus und zeigt die philosophischen Wurzeln des heutigen Individualisierungstrends und der sexuellen Revolution auf. Deshalb sind die beiden B\u00fccher besonders auch f\u00fcr freikirchliche und pietistische Gemeinden und Gemeinschaften wichtig, weil bei nachlassender Bibelkenntnis und fehlender Einsicht in die Geistesgeschichte manchmal behauptet wird, zeitgeistige Ansichten bei diesen Themen seien f\u00fcr Christen anschlussf\u00e4hig.<\/p>\n\n\n\n<p>Dagegen weist Trueman nach, wie es aufgrund philosophischer Pr\u00e4missen zur Revolution im Selbstverst\u00e4ndnis der Menschen in westlich orientierten modernen und postmodernen gesellschaftlichen Str\u00f6mungen gekommen ist. Der Verfasser will die sogenannte sexuelle Revolution der letzten sechzig Jahre, die in der Normalisierung von Transgender-Deutungen des menschlichen Selbstverst\u00e4ndnisses ihren j\u00fcngsten Triumph feiert, im Rahmen des gesellschaftlichen Transformationsprozesses verstehen, der zu diesen modernen Formen des Menschseins gef\u00fchrt hat (20).<\/p>\n\n\n\n<p>Trueman folgt in seinen Studien \u00dcberlegungen der drei Philosophen Philip Rieff, Charles Taylor und Alasdair MacIntire zur Genese des modernen \u201eIch\u201c in einer transformierten Kultur (Teil 1, 35\u2013102).<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil sucht Trueman Urspr\u00fcnge des modernen Selbstverst\u00e4ndnisses nicht bei Descartes, den er mehrmals erw\u00e4hnt. Um seine Darstellung nicht ausufern zu lassen, beginnt er im 18. Jh. mit Jean-Jacques Rousseau, kommt dann zu den Romantikern und f\u00fchrt den Leser danach zu Friedrich Nietzsche, Karl Marx und Charles Darwin (Teil 2, 105\u2013197). Bei Rousseau und der Romantik f\u00e4ngt die Konzentration auf das innere Leben und das Individuum an. Deshalb werden Gesellschaft und Kultur als den eigenen W\u00fcnschen entgegenstehend wahrgenommen. Nietzsche und Marx verst\u00e4rken diese Tendenz; gemeinsam mit Charles Darwin sind sie die Totengr\u00e4ber des teleologischen Verst\u00e4ndnisses von Mensch und Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sigmund Freud steht f\u00fcr die \u201eSexualisierung der Psychologie\u201c und die \u201ePolitisierung des Geschlechtlichen\u201c. Besonders seit Wilhelm Reich und Herbert Marcuse sind diese Themen nicht mehr voneinander zu trennen. In der Neuen Linken wird, ausgehend von diesen Grundlagen, Unterdr\u00fcckung als eine fundamentale psychologische Kategorie gesehen. Sie dr\u00fcckt sich vorrangig in der Sexualit\u00e4t aus. Auf diesem Gebiet m\u00fcssen Menschen von \u00fcberkommenen Verhaltensvorschriften befreit werden (Teil 3, 201\u2013268).<\/p>\n\n\n\n<p>Der vierte Teil des Buchs zeigt, wie die Entwicklungen der vorangegangenen Jahrhunderte Bereiche der heutigen Gesellschaft und die moderne westliche Kultur ver\u00e4ndert haben (Teil 4, 271\u2013382). Im abschlie\u00dfenden Teil (383\u2013407) \u00fcberlegt Trueman, wie sich Gemeinden und Gl\u00e4ubige in dieser Situation auf die Zukunft vorbereiten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trueman hat mit <em>The Rise and Triumph of the Modern Self<\/em> kein leicht lesbares, aber ein substanzielles Buch geschrieben. Besonders die Kapitel 3 und 4 im 2. Teil \u00fcber Rousseau und die hierzulande kaum bekannten Romantiker Wordsworth, Shelley und Blake sind f\u00fcr den deutschsprachigen Leser eher zu umfassend dargestellt. Jedoch wird schon an den vorgestellten Dichtern \u2013 und nicht erst an Feuerbach und Nietzsche \u2013 deutlich, dass pers\u00f6nliche Freiheitsideale sich von christlichen und kirchlichen Leitbildern und Vorschriften distanzieren m\u00fcssen. Ihr Atheismus ist nicht neutral, sondern bek\u00e4mpft die christliche Einehe und andere christliche Moralvorstellungen (131 u.&nbsp;\u00f6.). In bekannte Gefilde taucht dann das 5. Kapitel des 2. Teils ein, wenn Trueman die Formbarkeit (<em>plasticity<\/em>) des Individuums als Folge aus dem Denken von Nietzsche, Marx und Darwin herleitet (164). Nach dem Tod Gottes muss der Mensch selber Gott sein (170). Neue Modelle der Weltdeutung machen die Metaphysik und ein vorgegebenes Verst\u00e4ndnis der Natur \u00fcberfl\u00fcssig. Menschliche Sinngebung ersetzt die althergebrachte g\u00f6ttlich legitimierte Funktion und Aufgabe der Natur (192ff).<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Sigmund Freud wird die Sexualit\u00e4t als zentrale Kraft der menschlichen Entwicklung und des Menschseins verstanden, weil genitale sexuelle Erf\u00fcllung die st\u00e4rkste Befriedigung erfahren l\u00e4sst (Kap. 6, 205). Wenn Zivilisation durch Triebunterdr\u00fcckung entsteht, wird aus der Triebbefreiung konsequent der Kampf gegen kulturelle Verh\u00e4ltnisse, die man als Unterdr\u00fcckung deuten kann (217ff).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Thema der Neuen Linken und der Politisierung des Sex kommt Truemans Darstellung im 7. Kapitel zu den direkten Grundlagen des gegenw\u00e4rtigen Denkens. Durch eine Kombination marxistischer und freudianischer Elemente entstand das theoretische Grundger\u00fcst der radikalen Identit\u00e4tspolitik (225). Die politische Szene wird derzeit vom Thema \u201eIdentit\u00e4t\u201c dominiert: Rasse, Sex und Ethnie, nach denen Menschen eingeteilt werden. Opfergruppen sollen mit Hilfe dieser Abgrenzungen die Gerechtigkeit erlangen, die ihnen durch die bis dahin Vorteile genie\u00dfende T\u00e4tergruppe vorenthalten wurde. Hinter dieser Weltanschauung stehen die Vorstellungen der \u201eKritischen Theorie\u201c, Denker der Frankfurter Schule, Antonio Gramsci, Wilhelm Reich, Herbert Marcuse, Simone de Beauvoir. De Beauvoir wird f\u00fcr die konstruktivistische Sicht der Geschlechter bahnbrechend: Die Frau wird zur Frau gemacht, sie <em>ist <\/em>es nicht als K\u00f6rper, durch ihre biologische Konstitution. Die Anthropologie wird revidiert und psychologisiert. Eine sachlich begr\u00fcndete Autorit\u00e4t des physischen K\u00f6rpers wird abgelehnt (260). Trueman findet bei der \u201eNeuen Linken\u201c alle Gemeinpl\u00e4tze der Gegenwart: Frei sein bedeutet, sexuell befreit zu sein; gl\u00fccklich sein hei\u00dft, in dieser Befreiung best\u00e4tigt zu werden (268).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Revolution im Selbstverst\u00e4ndnis hat einen dreifachen Triumph als Ergebnis (4. Teil): den Triumph des Erotischen (Kap. 8), das die Feindschaft gegen das Christentum als unterdr\u00fcckerische b\u00fcrgerliche Ideologie impliziert (279); den Triumph des Therapeutischen (Kap. 9, nach Philip Rieff: Die Therapeuten sind Priester der \u201eSelbst\u201c-Religion), was sich in Gerichtsurteilen u. a. zu Abtreibung, \u201ehate crime\u201c- und \u201ehate speech\u201c-Anklagen niederschl\u00e4gt, und den Triumph der Transgender- und Queertheorie, die in der LGBTQ+Bewegung eine eigent\u00fcmliche und spannungsvolle Koalition mit lesbischen und gay-Interessen eingegangen sind. Das Denken von Judith Butler markiert ein Ende aller stabilen anthropologischen Kategorien (362). \u201eNur du entscheidest, wer du bist. Nicht dein Vater, nicht deine Mutter, nicht einmal dein K\u00f6rper kann dir dabei helfen&#8230;\u201c (378).<\/p>\n\n\n\n<p>In einem \u201eAbschlie\u00dfenden unwissenschaftlichen Prolog\u201c (383) zur zuk\u00fcnftigen Diskussion stellt Trueman Vermutungen an, wie sich die Gesellschaft im Blick auf Inzest, Homoehe, Religionsfreiheit und die Zukunft der Kirche entwickeln wird und wie sich die Kirche entwickeln muss, um in einem ver\u00e4nderten Umfeld zu bestehen. Als einen historischen Vorl\u00e4ufer sieht er die Situation des Christentums im 2. Jahrhundert, als die Kirche eine marginalisierte Sekte in einer pluralistischen Gesellschaft war.<\/p>\n\n\n\n<p>Truemans Werk <em>The Rise and Triumph of the Modern Self <\/em>hat in den evangelikalen amerikanischen Kirchen und dar\u00fcber hinaus einen breiten Meinungsaustausch \u00fcber das christliche Selbstverst\u00e4ndnis in der gegenw\u00e4rtigen Situation ausgel\u00f6st. Der auf November angek\u00fcndigten deutschsprachigen \u00dcbersetzung ist zu w\u00fcnschen, dass sie ebenfalls gro\u00dfe Resonanz findet! <a href=\"https:\/\/verbum-medien.de\/products\/der-siegeszug-des-modernen-selbst\">https:\/\/verbum-medien.de\/products\/der-siegeszug-des-modernen-selbst<\/a> <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Steinen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carl R. Trueman: The Rise and Triumph of the Modern Self. 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