{"id":1735,"date":"2022-10-22T17:26:55","date_gmt":"2022-10-22T17:26:55","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1735"},"modified":"2022-10-22T17:26:57","modified_gmt":"2022-10-22T17:26:57","slug":"hansguenter-ludewig-mein-leben-sei-ein-wandern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1735","title":{"rendered":"Hansg\u00fcnter Ludewig: Mein Leben sei ein Wandern"},"content":{"rendered":"\n<p>Hansg\u00fcnter Ludewig: <em>Mein Leben sei ein Wandern. Die geistliche Biografie Gerhard Tersteegens, <\/em>Gie\u00dfen: Brunnen, 2019, geb., 544 S., \u20ac 48,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/brunnen-verlag.de\/229112\/mein-leben-sei-ein-wandern.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/brunnen-verlag.de\/229112\/mein-leben-sei-ein-wandern.html\">978-3-7655-9112-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Hansg\u00fcnter Ludewig war als promovierter Pfarrer Dozent am Missionsseminar in Hermannsburg, als Pastor unter anderem in L\u00fcbeck, Braunschweig und Wolfenb\u00fcttel und als pers\u00f6nlicher Referent von Bischof Ulrich Wilckens in L\u00fcbeck t\u00e4tig. Im Ruhestand besch\u00e4ftigt er sich weiterhin mit dem Herzensgebet im Pietismus und f\u00f6rdert kommunit\u00e4res Leben und Einkehrtagungen zu geistlichen Themen. Im Jahr 2005 ver\u00f6ffentlichte Ludewig in der Reihe \u201eGeistlich leben\u201c im Brunnen-Verlag Gie\u00dfen ein erstes Taschenbuch zum Herzensgebet im Leben von Gerhard Tersteegen (<em>Gottes Gegenwart erleben<\/em>, ISBN 3-7655-5451-0). In diesem geistlichen Wegweiser entwickelt der Autor in Form eines Briefwechsels mit seinem Freund J\u00fcrgen Fr\u00f6chling Themen und Probleme, die sich in der Praxis des Herzensgebets ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ludewig bekennt in dem Taschenbuch, dass er mit dem knappen <em>Jesus<\/em>gebet der Ostkirche Schwierigkeiten hatte (2005, 11). Dann entdeckte er aber w\u00e4hrend seines T\u00fcbinger Theologiestudiums f\u00fcr sich das Thema Gelassenheit und von Madame Guyon die Schrift \u201eKurzes und sehr leichtes Mittel zu beten\u201c (2005, 16, 18). Tersteegen verwirklicht sein eremitisches Leben nicht wie Radikalpietisten in der Einsamkeit des Waldes von Berleburg oder Germantown (Pennsylvania), sondern in der Stadt (2005, 34). Auch bei gro\u00dfem Zulauf nach der M\u00fclheimer Erweckung um Wilhelm Hoffmann und in gut besuchten Versammlungen bleibt er der menschenscheue, geistliche Einzelg\u00e4nger, der Gleichgesinnte anzieht (2005, 76f). Von Tersteegens geistlichem Leben geht bis heute eine bleibende Wirkung aus, die ihn schon zu seiner Zeit von konkurrierenden Bewegungen wie Philadelphia, den Herrnhutern, Wiedert\u00e4ufern, Theosophen, und Separatisten unterscheidet (2005, 82f). Auch Querelen mit den verfassten Kirchen k\u00f6nnen nicht verhindern, dass sich das Herzensgebet in Konflikten, in Belastungssituationen und beim Ordnen des Alltags bew\u00e4hrt (8. Kap.).<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Leben sei ein Wandern\u201c ist nun die gro\u00dfe geistliche Biografie \u00fcber Gerhard Tersteegen (1697\u20131769), die Ludewig zum 250. Todestag des gro\u00dfen christlichen Glaubensvorbilds 2019 herausgegeben hat. Wie im Taschenbuch von 2005 ist f\u00fcr den Vf. das Herzensgebet der Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis von Tersteegens geistlicher Biografie (31f). Ludewigs umfangreiches Werk belegt eindrucksvoll, dass es im Leben des christlichen Mystikers noch immer einiges zu entdecken gibt. In umfangreichen Recherchen in der Herzog August Bibliothek Wolfenb\u00fcttel und in anderen Bibliotheken hat der Ruhestandspastor anonym erschienene Schriften und \u00dcbersetzungen von Tersteegen ausfindig gemacht und in sein neu verfasstes Bild des Lebenslaufs von Tersteegen integriert (30f). Neben den existierenden Tersteegen-Biografien sind die Briefe, seine namentlich und anonym ver\u00f6ffentlichten Werke und Gedichte Quellen f\u00fcr die vorliegende Darstellung (29f). Besonderes Augenmerk legt Ludewig auf Tersteegens Anleitungen, mit denen Christen das Gebet ein\u00fcben k\u00f6nnen (33f). Ludewigs Darstellung ist trotz ihres beachtlichen Umfangs gut lesbar. Die in sechzehn Kapitel eingeteilten 476 Textseiten werden durch die 91 beigegebenen historischen Abbildungen anschaulich.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon Pfarrer Wilhelm Hoffmann, zu dessen Sch\u00fclerkreis T. geh\u00f6rt, praktiziert das Herzensgebet: \u201eDoch mu\u00dft du jederzeit am meisten und haupts\u00e4chlich die Augen deiner Seele hineinkehren zu Gott, der in deiner Seele gegenw\u00e4rtig ist\u201c (77). Erste Zug\u00e4nge zu dieser Gebetsweise findet er in den Schriften von Madame Guyon und Gregor Lopez. In Experimenten mit dem Herzensgebet (Kap. IV) versucht Tersteegen, das Ideal eines Eremiten zu leben (101f). \u00dcbungen des inwendigen Gebets gehen einher mit kontinuierlicher Verleugnung des Geschaffenen und des Eigenen (131). Nach seiner Blutsverschreibung f\u00fchlt er sich zur Ehelosigkeit berufen (144), er wagt es nach diesem Gr\u00fcndonnerstag im Jahr 1724, seine Eremitenzelle zu verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der \u201en\u00e4chsten Stufe des Herzensgebets\u201c (191) lebt er in seinen Jahren des Aufbruchs 1727 bis 1734 aktiv und kontemplativ zugleich (Kap. VII). Nun gibt es mehrere \u201eFreunde Gottes\u201c, die experimentell gemeinsames Leben in der Pilgerh\u00fctte Otterbeck pflegen (225, vgl. Kap. VIII, 235ff). Von 1740 an wird seine erwecklich-seelsorgerliche Arbeit durch ein Konventikel- und Predigtverbot behindert (300ff).<\/p>\n\n\n\n<p>Ludewig stellt in den folgenden Kapiteln Tersteegens Leben in den Zusammenhang lokaler und regionaler Erweckungen in Barmen, im Bergischen Land, Holland, Rheydt und 1750 in M\u00fclheim (Kap. X\u2013XI, vgl. 334f, 339f, 340f). Zwar endet 1744 das Experiment der \u201ePilgerh\u00fctte\u201c (319\u2013323). Aber Tersteegens Arbeit w\u00e4chst, sodass sich bis zu 600 Menschen, die nicht nur aus seiner Region kommen (396f), in seinem Haus versammeln (359). Es wird unumg\u00e4nglich, das Konventikelverbot nicht einzuhalten (348). Die lokale Erweckung dauert vier Jahre an (405).<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz labiler Gesundheit erreicht Tersteegen ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hohes Alter (473, Kap. XVI). Besonders seine letzten Lebensjahre sind von einem Zustand der inneren Dunkelheit gepr\u00e4gt (476). Die meisten seiner Manuskripte bleiben ungedruckt. (457)<\/p>\n\n\n\n<p>Hansg\u00fcnter Ludewigs Darstellung von Tersteegens Lebensgang nach seiner geistlichen Seite ist aus enormen Forschungsanstrengungen entstanden. Eine starke Anverwandlung des Autors an sein Vorbild verhindert allerdings, dass Tersteegens mystisches Glaubensleben auch kritisch gesehen wird. So sind f\u00fcr seine Fr\u00f6mmigkeit die Heilsmittel Taufe und Abendmahl (\u201esolches tut\u201c, Lk 22,19) kaum bis gar nicht relevant. (Dagegen spielt die Eucharistiefeier bei den Mystikern der Ostkirche eine tragende Rolle.) Das Vaterunser als Lehrgebet Jesu f\u00fcr die Fr\u00f6mmigkeit seiner J\u00fcnger (Lk 11,1) hat \u2013 so der Anschein \u2013 keine Relevanz. Warum lehrt Jesus das Vaterunser, wenn f\u00fcr die Christen eigentlich das Herzensgebet wichtig ist? Das Bibellesen als Bestandteil des Tagesablaufs wird zwar erw\u00e4hnt (148f, 233, 254), andererseits scheint nach Ludewigs Darstellung das Bibel<em>studium<\/em> keine erw\u00e4hnenswerte Dimension von Tersteegens geistlichem Leben gewesen zu sein. Tersteegens Fr\u00f6mmigkeit f\u00fchrt ihn nicht missionarisch in die Landeskirche seiner Zeit hinein, sondern aus ihr heraus, wie ein Zitat von Goebel illustriert: \u201eEr zog sich daher [um 1724] g\u00e4nzlich von der Kirche, ihrer Predigt und ihren Gnadenmitteln zur\u00fcck, weil er in seinem Gewissen Bedenken trug, dieselben mit offenbaren Weltkindern und Gottlosen zu gebrauchen, ging von da an <em>nie <\/em>mehr zum heiligen <em>Abendmahle <\/em>und \u2013 wie es scheint, erst in sp\u00e4teren Jahren wieder \u2013 nur selten und nur ausnahmsweise in die <em>Kirche<\/em> &#8230; (Max Goebel: <em>Geschichte des christlichen Lebens in der rheinisch-westf\u00e4lischen evangelischen Kirche<\/em>, Bd. 3, 1860, ND Gie\u00dfen 1992, 307). Der pers\u00f6nliche Eindruck des Rezensenten ist, dass diese kritischen Punkte Tersteegen in einem Seitenstrom evangelischer Fr\u00f6mmigkeit positionieren. Diese gab es zwar \u00e4hnlich schon in der Alten Kirche, damals als innerkirchliche Erneuerungsbewegung, sie wurde aber von den Reformatoren zurecht nicht aufgenommen. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Steinen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hansg\u00fcnter Ludewig: Mein Leben sei ein Wandern. 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