{"id":1739,"date":"2022-10-22T17:30:19","date_gmt":"2022-10-22T17:30:19","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1739"},"modified":"2022-10-22T17:30:21","modified_gmt":"2022-10-22T17:30:21","slug":"kristian-niemietz-sozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1739","title":{"rendered":"Kristian Niemietz: Sozialismus"},"content":{"rendered":"\n<p>Kristian Niemietz: <em>Sozialismus. Die gescheiterte Idee, die niemals stirbt<\/em>, M\u00fcnchen: FBV, 2021, geb., 317 S., \u20ac 22,99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.m-vg.de\/finanzbuchverlag\/shop\/article\/21012-sozialismus\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.m-vg.de\/finanzbuchverlag\/shop\/article\/21012-sozialismus\/\">978-3-95972-440-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Der erste Blick in das Inhaltsverzeichnis der Monographie stellt unweigerlich das Zeugnis aus: Der Rezensent ist alt geworden! Bis auf Stalins Kommunismus kennt er alle vorgestellten sozialistischen Regimes aus den Medien der vergangenen Jahrzehnte. Prominente kommunistische Nachfolger von Stalin waren in den damaligen westdeutschen Medien in den Personen von Leonid Breschnew in der UdSSR und Walter Ulbricht in der DDR bekannt. Breschnew regierte achtzehn Jahre lang, von 1964 bis 1982, und Ulbricht war von 1950 bis 1971 an der Macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Wintersemester 1986\/87 bot Professor Reinhard Slenczka als Ordinarius f\u00fcr Systematische Theologie an der traditionsreichen Erlanger Theologischen Fakult\u00e4t ein Hauptseminar zum Thema Kommunismus \/ Sozialismus an. Die Studenten stimmten mit den F\u00fc\u00dfen ab: Nur etwa halb so viele Teilnehmer wie sonst bei dogmatischen Themen meldeten sich an. Kommunismus \/ Sozialismus interessierte zehn Jahre nach den letzten Vorlesungsstreiks nicht mehr. Ein Thema, das keinen praktischen Zukunftswert hat, nach dem Motto: <em>non scholae, sed vitae discimus<\/em> (wir lernen nicht f\u00fcr die Schule, sondern f\u00fcr das Leben)! Die Einstellung der meisten Studierenden d\u00fcrfte sich in den seither vergangenen 35 Jahren kaum ge\u00e4ndert haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vorwort des Buchs (9\u201314) gibt Rainer Zitelmann zu bedenken, dass mehr als 100 Millionen Menschen dem praktisch verwirklichten Marxismus zum Opfer fielen, die T\u00e4ter aber von f\u00fchrenden Intellektuellen ihrer Zeit begeistert gefeiert wurden (9f). Vollmundigen utopischen Versprechen gerechterer Verh\u00e4ltnisse folgten regelm\u00e4\u00dfig die Ern\u00fcchterung, inhumane, diktatorische Exzesse und allgemeine Armut. Dagegen sieht die Bilanz der in einigen Kreisen hochproblematisierten kapitalistischen Wirtschaftsart besser aus: 200 Jahre nach ihrem Entstehen ist die weltweite Armutsquote auf unter 10 Prozent gefallen (13). 1980 lebten in der parteigelenkten Staatswirtschaft Chinas 88 Prozent der Bev\u00f6lkerung in extremer Armut. Nach der \u00d6ffnung des Systems f\u00fcr die Privatwirtschaft ist ihr Anteil auf unter 1 Prozent gefallen (11, vgl. 115f). Marktwirtschaft und Privateigentum sind erwiesenerma\u00dfen der sozialistischen Wirtschaftsart und dem Gemeineigentum an Produktionsmitteln \u00fcberlegen (12).<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Kapitel schildert Niemietz, wie der Sozialismus trotz grandioser Fehlschl\u00e4ge in den letzten Jahrzehnten wieder zum Hoffnungstr\u00e4ger westlicher Eliten werden konnte (15\u201338). Der Sozialismus hat ein positives Image, Verstaatlichungsw\u00fcnsche sind popul\u00e4r, ebenso die Forderung nach staatlicher Regulierung, Lenkung von Unternehmensentscheidungen und nach h\u00f6heren Staatsausgaben (16\u201319).<\/p>\n\n\n\n<p>Sozialismus und Kommunismus werden seit Lenin als zwei aufeinander folgende Stufen der erhofften neuen Gesellschaft verstanden (33). Niemietz geht vorwiegend von der Situation in Gro\u00dfbritannien aus und erw\u00e4hnt auch die Lage in den USA. Die deutsche \u00dcbersetzung des Buchs verweist auch auf den f\u00fcr seine kreativen Verstaatlichungsideen bekannten Kevin K\u00fchnert und auf Saskia Esken (23\u201329, 41f, passim). Zumindest die Familienministerin Lisa Paus vom linken Parteifl\u00fcgel der Gr\u00fcnen und die SPD-Innenministerin Nancy Faeser h\u00e4tten hier auch erw\u00e4hnt werden k\u00f6nnen. Faeser sympathisiert mit vom Verfassungsschutz beobachteten Linksextremen und hat zum Beispiel kein Problem damit, einen Gastbeitrag im Magazin \u201eAntifa\u201c zu ver\u00f6ffentlichen (zum Antifaschismus der DDR vgl. 179f).<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem Schlagwort \u201eDie Irrt\u00fcmer der Sozialisten\u201c (39\u201373) bespricht der Verfasser die Unterscheidung zwischen \u201eechtem\u201c und \u201eunechtem\u201c Sozialismus. Damit sollen gescheiterte Gesellschaftsexperimente wegerkl\u00e4rt und neue propagandistisch gef\u00f6rdert werden. Realisierte sozialistische Gesellschaften haben die Tendenz, sich zu technokratischen, hierarchischen Systemen zu entwickeln (62). Dies zieht die Einschr\u00e4nkung individueller Freiheiten nach sich (64).<\/p>\n\n\n\n<p>Westliche Intellektuelle bewunderten fast alle sozialistischen Experimente, bis sie scheiterten. Ausgangspunkt der derzeitigen Sozialismus-Schw\u00e4rmerei ist die Annahme, dass die sozialistische Theorie noch nie richtig versucht oder verwirklicht worden sei (39). Niemietz arbeitet drei Phasen intellektueller Deutungen heraus (72\u201373): Zuerst gibt es eine weltweite Begeisterung f\u00fcr junge, noch nicht ausgereifte Projekte. Dann werden deren Schw\u00e4chen auch im Westen bekannt; sie werden von ihren Bewunderern verteidigt. In der dritten Phase kann das Scheitern des Experiments nicht mehr verteidigt werden. Dann reden ehemalige Bef\u00fcrworter davon, es sei \u201ekein echter Sozialismus\u201c gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Niemietz hat acht Versuche, den Sozialismus zu verwirklichen, gepr\u00fcft: Die Sowjetunion unter Stalin (Kap. 3, 74\u201399), China unter Mao Tse-Tung (Kap. 4, 100\u2013118), Kuba (Kap. 5, 119\u2013134), Nordkorea unter Kim Il Sung (Kap. 6, 135\u2013149), Albanien unter Enver Hoxha (Kap. 7, 150\u2013158), Kambodscha unter den Roten Khmer (Kap. 8, 159\u2013173), die DDR unter der SED (Kap. 9, 174\u2013192) und schlie\u00dflich Venezuela unter Ch\u00e1vez und Maduro (Kap. 10, 193\u2013230). Bis auf die DDR lassen sich an den Modellen die drei Phasen von intellektueller Bewunderung zur endg\u00fcltigen Distanzierung ablesen. Bei der Beurteilung der Faszination des DDR-Regimes passt das Drei-Stufenschema allerdings nicht (190\u2013192). Mit dem Fall der Berliner Mauer beginnt jedoch die dritte Phase mit dem Urteil, die Variante auf deutschem Boden sei nie \u201eechter Sozialismus\u201c gewesen (190).<\/p>\n\n\n\n<p>Es macht einen beklemmenden Eindruck, wenn man die Lobhudeleien von Politikern, Schriftstellern und Wissenschaftlern beispielsweise \u00fcber Stalins Sowjetunion liest. \u201ePilger\u201c in die sozialistisch gewordenen L\u00e4nder verkl\u00e4rten entweder die Zust\u00e4nde, oder sie verharmlosten die Verbrechen als Kollateralsch\u00e4den (86f). Nachdem Chruschtschow 1956 in seiner \u201eGeheimrede\u201c den Stalinismus kritisiert hatte, verteidigten nur noch Splittergruppen diese Form des Sozialismus (92). Wie die Sowjetunion wurde auch die maoistische Volksrepublik zur \u201efernen Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr Revolutionsromantiker\u201c, obwohl China nach Maos Tod ein Armenhaus war, die vergleichbaren L\u00e4nder Taiwan und Hongkong es aber zu Wohlstand gebracht hatten (103). Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre w\u00fcrdigten \u2013 wie andere vor und neben ihnen \u2013 Maos Staat oder auch den kubanischen Sozialismus (109, 111, 114, 127, 130). Luise Rinser (142, s. a. 240) verglich ein nordkoreanisches Arbeitslager mit einer Jugendherberge (144\u2013147), Noam Chomsky verteidigte das Khmer-Regime in Kambodscha (169f). \u2013 Die Best\u00fcrzung \u00fcber politische Fehleinsch\u00e4tzungen w\u00e4chst mit jedem weiteren Staat, den Niemietz darstellt. Im Fall der DDR wuchs die politische Popularit\u00e4t des deutschen Sozialismus mit wachsender geographischer Distanz von dem Land (179), auch wenn bekannte Pers\u00f6nlichkeiten wie Bertolt Brecht zumindest zeitweise anerkennende Worte f\u00fcr den ostdeutschen Sozialismus fanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum lassen sich Menschen wenigstens am Anfang durch sozialistische Gesellschaftsversuche t\u00e4uschen (Kap. 11, 231\u2013264)? Niemietz spricht im Anschluss an Paul Hollander und andere von Selbstmanipulation der sozialistischen \u201ePilger\u201c (231). Probleme der eigenen Position werden ausgeblendet, Fehler bei kontr\u00e4ren Positionen gezielt gesucht und hochgespielt. Politisches Wunschdenken gleicht herk\u00f6mmlichen Religionen, indem es ein Gef\u00fchl der Geborgenheit verleiht (vgl. 237). Oft soll ein \u201eGef\u00fchl der moralischen \u00dcberlegenheit\u201c gen\u00e4hrt werden (242). Mit Peter Foster nimmt Niemietz an, dass sich \u201eantikapitalistische\u201c Intuitionen schon in urzeitlichen archaischen Stammesgesellschaften herausgebildet haben (250f): \u201eDer Kapitalismus <em>f\u00fchlt <\/em>sich einfach falsch an\u201c (252). Positive Ergebnisse, die man vom zuk\u00fcnftigen \u201eechten\u201c Sozialismus <em>erhofft<\/em>, werden dagegen im Begriff vorausgesetzt. Wenn ein Projekt scheitert, war es aus sp\u00e4terer Perspektive \u201eunechter\u201c Sozialismus (253f).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Epilog (265\u2013300) schildert der Vf. augenzwinkernd in Form einer Erz\u00e4hlung, wie die ostdeutsche Geschichte ab 1990 in Form eines \u201eechten Sozialismus\u201c weiter verlaufen sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ver\u00f6ffentlichung von Niemietz macht mit dem angewandten Drei-Phasen-Schema verbl\u00fcffende Ergebnisse bekannt; sie verdienen weitreichende Beachtung. Ein Welt- und Staatsbild, das dezidiert ohne Bezug auf Gott auskommt, wird permanent Menschen, \u201edie Gesellschaft\u201c oder das staatliche System mit quasig\u00f6ttlichem Glanz \u00fcberh\u00f6hen und seine Gegner einem vorgezogenen J\u00fcngsten Gericht zuf\u00fchren. Aus theologischer Sicht w\u00e4re weiter zu erg\u00e4nzen, dass der Mensch immer wieder neue Hoffnungsbilder erfinden muss, wenn er die christliche Hoffnung verloren oder noch nie gekannt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer das quellenges\u00e4ttigte Werk von Niemietz gelesen hat, wird allerdings eine zumindest kurze Darstellung der ver\u00e4nderten Situation sozialistischer Theoriebildung, die in den letzten Jahrzehnten durch die Kritische Theorie der Frankfurter Schule geschaffen wurde, vermissen. Sie ist die Grundlage des gegenw\u00e4rtigen identit\u00e4tspolitischen Trends, der den Sozialismus umgeformt und weiterentwickelt hat. Dies hat zwar noch nicht zu neuen Staatenbildungen, aber in manchen L\u00e4ndern schon zu bedenklichen gro\u00dfen politisch-medialen Meinungsmonopolen gef\u00fchrt. Niemietz geht, ohne von \u201eIdentit\u00e4t\u201c zu sprechen, an einigen Stellen zwar auf die neusten Entwicklungen ein (\u201eMillennial Socialism\u201c, \u201eBlack Lives Matter\u201c, vgl. 16, 19\u201321, 235f, 256) und spricht von Utopismus (264, vgl. Hayek 257). Er ber\u00fccksichtigt aber nicht, wie stark sich die Identit\u00e4tspolitik zum neusten erfolgreichen Kampffeld sozialismusaffiner Eliten entwickelt hat \u2013 Phase&nbsp;1 in seinem dreistufigen Schema.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist das k\u00fcrzlich erschienene popul\u00e4rwissenschaftliche Taschenbuch \u201e<em>Die Utopia-Methode \u2013 der neue Kulturkampf gegen Freiheit und Christentum<\/em>\u201c (Basel: Fontis, 2022, 90 S.) des Schweizer Schriftstellers und Wissenschaftsjournalisten Giuseppe Gracia eine wichtige Erg\u00e4nzung. Gracia zeigt, wie das sozialistische Ziel gesellschaftlicher Transformation den neuen Verh\u00e4ltnissen in reichen westlichen Gesellschaften und der durch Klimawandel hervorgerufenen Situation angepasst wurde. Nicht mehr Arbeiter und Bauern, sondern die zu Wohlstand gekommene bildungsb\u00fcrgerliche Mittelschicht tr\u00e4gt jetzt die Revolution, die im Namen h\u00f6herer moralischer Ziele mit den bekannten Mitteln sozialistischer Vergesellschaftung erreichte Freiheiten einschr\u00e4nken oder abschaffen will. Es ist dringend n\u00f6tig, dass sich jeder mit den Hintergr\u00fcnden der gegenw\u00e4rtigen politischen Trends besch\u00e4ftigt! Bewahrheitet sich hier wom\u00f6glich das Sprichwort: \u201eDie Hoffnung stirbt zuletzt\u201c? <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Steinen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kristian Niemietz: Sozialismus. Die gescheiterte Idee, die niemals stirbt, M\u00fcnchen: FBV, 2021, geb., 317 S., \u20ac 22,99, ISBN 978-3-95972-440-1 Der<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1740,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1739","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1739","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1739"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1739\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1742,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1739\/revisions\/1742"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1740"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1739"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1739"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1739"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}