{"id":1747,"date":"2022-10-22T17:35:10","date_gmt":"2022-10-22T17:35:10","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1747"},"modified":"2022-10-22T17:35:12","modified_gmt":"2022-10-22T17:35:12","slug":"matthias-freudenberg-aleida-siller-hg-emder-synode-1571","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1747","title":{"rendered":"Matthias Freudenberg \/ Aleida Siller (Hg.): Emder Synode 1571"},"content":{"rendered":"\n<p>Matthias Freudenberg \/ Aleida Siller (Hg.): <em>Emder Synode 1571. Wesen und Wirkungen eines Grundtextes der Moderne<\/em>, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2020, Hb., 93&nbsp;S., \u20ac 15,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/55408\/emder-synode-1571?number=VUR0003413\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/55408\/emder-synode-1571?number=VUR0003413\">978-3-525-56726-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Aleida Siller (Hg.): <em>Emder Synode 1571. Erinnerungsort \u2013 Kulturtransfer<\/em>, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2022, Hb., 96 S., \u20ac 15,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/57590\/emder-synode-1571?number=VUR0008776\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/57590\/emder-synode-1571?number=VUR0008776\">978-3-525-51708-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die Synode im ostfriesischen Emden ist vermutlich nur Spezialisten der reformierten Reformationsgeschichte bekannt. Im Unterschied zu ihrem geringen Bekanntheitsgrad hatte die Versammlung jedoch eine enorme Reichweite: Die Emder Synode f\u00fchrte im Jahr 1571 erstmals eine synodale Struktur der Kirchenordnung ein. Ortsgemeinden werden von einem Presbyterium geleitet. Diese versammeln sich wiederum in einer Classis (ein Bezirkskonvent benachbarter Gemeinden), \u00fcber der es f\u00fcr gemeinsame Belange die Provinzsynoden und schlie\u00dflich eine Generalsynode gibt. Diese Leitungsstruktur ist heute in Gemeinden in ganz Deutschland gebr\u00e4uchlich. An der Emder Versammlung nahmen 29 Vertreter niederl\u00e4ndischer Fl\u00fcchtlingsgemeinden aus den s\u00fcdlichen und im Westen gelegenen deutschen L\u00e4ndern, besonders aus der Kurpfalz, aus Flandern und Nordholland teil (2020, 9).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Text der Synodalakten und des Einladungsschreibens zur Synode (2020, 67\u201392) wird in der Jubil\u00e4umsausgabe in einer neuen deutschen \u00dcbersetzung wiedergegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Niederlanden wurde der Protestantismus verfolgt. Deshalb emigrierten Fl\u00fcchtlinge nach England und in deutschsprachige evangelisch regierte L\u00e4nder. In Emden gab es eine Kolonie mit etwa 5.000 franz\u00f6sischsprachigen Fl\u00fcchtlingen (2020, 16f; vgl. 2022, 26). Das synodale Ordnungsprinzip wurde zu dieser Zeit schon angewandt; es sollte sich auch f\u00fcr die niederl\u00e4ndischen Gemeinden als zweckm\u00e4\u00dfig erweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den Verlauf des zehnt\u00e4gigen Treffens in Emden ist relativ wenig bekannt (2020, 22f). Schon der Weseler Konvent reformierter Fl\u00fcchtlingsgemeinden 1568 wollte der Vereinzelung der Gemeinden entgegenwirken und empfahl eine synodale Ordnung im Miteinander von Ortsgemeinden und \u00fcber\u00f6rtlichen Kirchenstrukturen. Auf die Beschl\u00fcsse des Konvents baut die Emder Synode auf (2020, 32f). Prominent dr\u00fcckt sich das Kirchenverst\u00e4ndnis im 1. Emder Artikel aus: \u201eKeine Gemeinde soll \u00fcber andere Gemeinden, kein Pastor \u00fcber andere Pastoren, kein \u00c4ltester \u00fcber andere \u00c4lteste, kein Diakon \u00fcber andere Diakone Vorrang haben oder Herrschaft beanspruchen\u201c (2020, 71). Diese Struktur wurde sp\u00e4ter von weiteren deutschsprachigen reformierten Gemeinden aufgegriffen (2020, 33).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Emder Synodalakten behandeln in den ersten 53 kirchenordnenden Artikeln den Bekenntnisstand und den Aufbau der Gemeindestrukturen sowie die Zusammengeh\u00f6rigkeit von Fl\u00fcchtlings- und verfolgten evangelischen Heimatgemeinden \u201eunter dem Kreuz\u201c. Es folgen praktische Fragen der Wahl f\u00fcr die kirchlichen \u00c4mter, sakramentaler Praxis sowie der Ehe und Kirchenzucht. Weitere Themen der 104 Artikel widmen sich \u00fcberwiegend Einzelfragen und organisatorischen Angelegenheiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Emder Synode wurde nicht nur von weiteren reformierten Gemeinden \u00fcbernommen und hat Landeskirchenordnungen bis ins 20. Jahrhundert beeinflusst. Sie hatte mit ihrem Subsidiarit\u00e4tsprinzip m\u00f6glicherweise auch Einfluss auf Staat und Gesellschaft (2020, 42\u201348, vgl. 43). So erweisen sich die Emder Synodalakten als ein \u201eGrundtext der Moderne\u201c (2020, Untertitel 3 unpag.)<\/p>\n\n\n\n<p>Ungeachtet dieser breiten Wirkungsgeschichte sind die Akten der Emder Synode aufgrund von Aufbau und Inhalt nicht in die gebr\u00e4uchlichen Sammlungen reformierter Bekenntnisschriften aufgenommen worden. Heiner Faulenbach begr\u00fcndet dies als Mitherausgeber der <em>Reformierten Bekenntnisschriften<\/em> (BSRK, Neukirchener, 2002ff; V&amp;R, 2022ff) in seiner Einleitung mit dem Hinweis, dass die synodalen Texte keinen Bekenntnischarakter h\u00e4tten. Sie sei jedoch durch die \u00dcbernahme des <em>Heidelberger Katechismus<\/em> \u201ef\u00fcr die Breite der Rezeptionsgeschichte dieses Katechismus wegweisend\u201c geworden (Bd. 1\/1, 2002, S. 17, Anm. 37).<\/p>\n\n\n\n<p>Hochaktuell wurden die Emder Synodalbeschl\u00fcsse in der schwierigen Lage bekennender Kreise im Dritten Reich und bei der Neugr\u00fcndung der EKD nach dem Zweiten Weltkrieg. Deshalb ist der lateinische Text in die Sammlung reformierter <em>Bekenntnisschriften und Kirchenordnungen<\/em> von Wilhelm Niesel (BSKORK, 1938, 277\u2013290) aufgenommen worden und in einer hochdeutschen \u00dcbersetzung von Hermann Klugkist Hesse in die Ausgabe von Paul Jacobs (RBSKO, 1949, 249\u2013266) eingegangen. In den Ausnahmesituationen von Kirchenkampf und Neuordnung der Kirche waren die Dokumente von Emden als Zeugnis f\u00fcr eine \u201enach Gottes Wort ausgerichteten Kirchenordnung\u201c (RBSKO, 251) wichtig geworden. Klugkist Hesse hebt hervor, dass die Emder Versammlung als \u201eechte Synode getagt\u201c und \u201edie Gemeinden des Festlandes zu einer Kirche mit gemeinsamem Bekenntnis und gemeinsamer Ordnung zusammengef\u00fcgt und nach der Schrift einheitlich ausgerichtet\u201c habe (BSKORK, 277). Er findet sich und die anderen Bekennenden des Kirchenkampfs im Dritten Reich in gleicher Lage wie die Versammelten bei der Emder Zusammenkunft: \u201eSie gab den verstreuten Gemeinden die Ordnung, die ihnen nicht nur in den kommenden Notzeiten als starkes Bollwerk diente, sondern ihrer immer wieder notwendig werdenden Reformierung und ihrer Besinnung auf wahrhaft kirchliches Handeln immer neu den von der Heiligen Schrift her zu beschreitenden Weg gezeigt hat\u201c (ebd., 277).<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Situation befanden sich die wenigen Versammelten nicht, die sich zur Feier des 450. Jubil\u00e4ums in Emden zusammenfanden. Die Jubil\u00e4umsfeierlichkeiten 2021, also im zweiten Pandemie-Jahr, wurden jedoch durch Covid-19-Schutzvorkehrungen empfindlich gest\u00f6rt. So mussten die G\u00e4ste f\u00fcr den Festakt in der Johannes a Lasco Bibliothek am 10. Juni 2021 wieder ausgeladen werden. Daf\u00fcr wurde die Veranstaltung aber live \u00fcbertragen (2022, Teil 1, 15\u201341) und liegt jetzt in Buchform vor. Martin Heimbucher, damaliger Kirchenpr\u00e4sident der Evangelisch-reformierten Kirche, er\u00f6ffnete den Festakt in Emden (2022, 17f). In seiner Begr\u00fc\u00dfung findet Heimbucher historische Parallelen zwischen Emden 1571 und den wichtigsten Freiheitsdokumenten der Neuzeit, der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung der Vereinigten Staaten 1776 und der Erkl\u00e4rung der Menschen- und B\u00fcrgerrechte der franz\u00f6sischen Nationalversammlung im Jahr 1789. Nach Heimbuchers Beitrag wurde ein Gru\u00dfwort des damaligen Pr\u00e4sidenten des Deutschen Bundestags Wolfgang Sch\u00e4uble live \u00fcbertragen (2022, 19\u201321).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hauptvortrag der Mainzer Historikerin Irene Dingel w\u00fcrdigt nicht unkritisch die Emder Synode in ihrer Funktion als \u201eErinnerungsort par excellence\u201c (nach Pierre Nora) des reformierten Protestantismus (23\u201333, Zit. 25). Dingel erkennt als Ergebnis der Emder Synode eine doppelte Konsolidierung des europ\u00e4ischen Reformiertentums in Glauben und Lehre sowie in der Kirchenverfassung (2022, 32). Weitere Gru\u00dfworte von Heinrich Bedford-Strohm (damaliger EKD-Ratsvorsitzender), Jeannette Galjaard (Vize-Pr\u00e4ses der Protestantischen Kirche in den Niederlanden) und Tim Kruithoff (Oberb\u00fcrgermeister Emden) vermitteln einen lebendigen Eindruck des Festakts, der nicht wie geplant als Live-Veranstaltung stattfinden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 6. Juni wurde im gleichen a Lasco-Bibliotheksgeb\u00e4ude, der ehemaligen Gro\u00dfen Kirche Emdens, eine Ausstellung zur Emder Synode er\u00f6ffnet. Sie nimmt die Themen \u201eKontexte, Akteure\u201c und \u201eKulturtransfer\u201c auf (2022, Teil 2, 42\u201357). Zwei Vortr\u00e4ge und eine Predigt aus Anlass des Jubil\u00e4ums erg\u00e4nzen den Band (2022, Teil 3, 59\u201394), der etwa den gleichen Umfang hat wie die Textausgabe der Emder Synodalakten aus dem Jahr 2020.<\/p>\n\n\n\n<p>Abbildungen von Originalseiten der \u00e4ltesten Urkunden k\u00f6nnen auch Nicht-Historiker zu dem Versuch animieren, anhand der modernen \u00dcbersetzung die 450 Jahre alten Dokumente zu entziffern (2020, 49\u201356). Das Literaturverzeichnis erm\u00f6glicht den sofortigen Einstieg, ja ein komplettes Eintauchen in das Thema anhand der wichtigsten Ver\u00f6ffentlichungen der letzten Jahrzehnte (2020, 60\u201363). Diese Hinweise sollten ausreichen, um zur Lekt\u00fcre der beiden Jubil\u00e4umsb\u00e4nde zu animieren! Wenn die Emder Synode schon nicht \u201egew\u00fcrdigt\u201c wurde, als Bekenntnisschriften zu gelten, so wird sie durch diese Neuausgabe doch neu im Ged\u00e4chtnis verankert und als bedeutender Text aus der Fr\u00fchzeit reformierter Kirchengeschichte nutzbar. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Steinen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias Freudenberg \/ Aleida Siller (Hg.): Emder Synode 1571. 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