{"id":1751,"date":"2022-10-22T17:37:21","date_gmt":"2022-10-22T17:37:21","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1751"},"modified":"2022-10-22T17:37:23","modified_gmt":"2022-10-22T17:37:23","slug":"matthias-petzoldt-sprache-schafft-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1751","title":{"rendered":"Matthias Petzoldt: Sprache schafft Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Matthias Petzoldt: <em>Sprache schafft Wirklichkeit. Zur Rezeption der Sprechakttheorie in der Fundamentaltheologie<\/em>, Darmstadt: wbg Academic, 2020, Pb., 308 S., \u20ac 45,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.wbg-wissenverbindet.de\/shop\/34240\/sprache-schafft-wirklichkeit\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.wbg-wissenverbindet.de\/shop\/34240\/sprache-schafft-wirklichkeit\">978-3-534-40420-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Matthias Petzoldt, inzwischen emeritierter Professor f\u00fcr Systematische Theologie in Leipzig, hat seit \u00fcber 20 Jahren zahlreiche Aufs\u00e4tze zu fundamentaltheologischen Fragestellungen ver\u00f6ffentlicht. Dabei hat er immer wieder Bezug genommen auf die von John L. Austin entwickelte Sprechakttheorie und versucht, diese f\u00fcr die Fundamentaltheologie fruchtbar zu machen. Im vorliegenden Band sind sieben dieser Aufs\u00e4tze \u201egeringf\u00fcgig \u00fcberarbeitet\u201c (7) zusammengestellt und mit einer Einf\u00fchrung in die philosophische Theorie des Sprachhandelns versehen worden. Da es in einer Rezension kaum m\u00f6glich ist, die Aufs\u00e4tze einzeln zu besprechen, werde ich mich darauf konzentrieren, das, was ich f\u00fcr die Hauptgedanken der an der Sprechakttheorie orientierten Aufs\u00e4tze halte, zu einem Gesamtbild zusammenzuf\u00fcgen. (Nicht kommentiert werden die \u201estatt einer Einleitung\u201c vorangestellte Abschiedsvorlesung Petzoldts aus dem Jahre 2013 \u201eVon der \u201aSubstanz\u2018 zum \u201aSubjekt\u2018? Zum Wandel von Denkformen theologischer Diskurse\u201c (9\u201321), welche die Sprechakttheorie nicht thematisiert, und der Aufsatz \u201eVon Gottes Wirklichkeit reden: \u00dcberlegungen zur Orientierung der Theologie im Spannungsfeld zwischen Konstruktivismus und Neurobiologie\u201c (121\u2013136), der sich nur am Rande mit Sprachhandeln besch\u00e4ftigt.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Einf\u00fchrung (23\u2013110) bietet zun\u00e4chst eine gut verst\u00e4ndliche Darstellung von Austins Sprechakttheorie (die weiteren Ausf\u00fchrungen \u00fcber Searle, Derrida und Judith Butler werden hier nicht referiert, da sie f\u00fcr die zu besprechenden Aufs\u00e4tze kaum von Belang sind). John L. Austin (<em>How to do things with Words. The William James Lectures delivered at Harvard University in 1955,<\/em> Oxford: Clarendon, 1962) sieht ein verbreitetes Missverst\u00e4ndnis von Sprache darin, dass man Aussagen einseitig f\u00fcr die Feststellung von Tatsachen h\u00e4lt. Dagegen g\u00e4be es auch F\u00e4lle, in denen eine Tatsache nicht festgestellt, sondern durch den Sprechakt \u00fcberhaupt erst hergestellt wird. Als Beispiele nennt Austin u. a. \u201eIch taufe dieses Schiff auf den Namen \u201aQueen Elizabeth\u2018\u201c oder \u201eIch hinterlasse meinem Bruder meine Uhr\u201c (als \u00c4u\u00dferung in einem Testament). Diese Sprechakte nennt Austin \u201ePerformative\u201c. Performative schaffen soziale Tatsachen: Das Schiff tr\u00e4gt nun den Namen \u201eQueen Elizabeth\u201c, die Uhr geht in den Besitz des Bruders \u00fcber. Sprechakte, die lediglich bereits bestehende Tatsachen feststellen, nennt Austin \u201eKonstative\u201c. Beim weiteren Nachdenken \u00fcber die Funktion von Sprechakten stellt er fest, dass es kaum reine Konstative gibt. Meist wollen wir mit einer Aussage mehr bewirken, als nur eine Tatsache feststellen. Wir wollen damit z.&nbsp;B. tr\u00f6sten, \u00fcberzeugen, warnen, einsch\u00fcchtern, etc. So kann der Satz \u201eIch komme morgen\u201c ge\u00e4u\u00dfert werden, um eine Zusage oder eine Warnung zu geben. Austin kommt daher zu der These, dass eine sprachliche \u00c4u\u00dferung aus drei Akten bestehen kann (Austin, 102 \u2013 die Veranschaulichung durch das Spinatbeispiel stammt nicht von Austin):<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">a) der lokution\u00e4ren Akt, in dem der Sprecher eine Aussage macht, z.&nbsp;B. \u201eSpinat ist gesund\u201c; dieser Akt ist Teil jedes Aussagesatzes;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">b) der illokution\u00e4re Akt, durch den mit dieser Aussage etwas bewirkt werden soll: er argumentiert, dass Spinat gesund ist; dieser Akt ist fast immer mit a) verbunden;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">c) der perlokution\u00e4re Akt, durch den das mit b) angestrebte Ziel erreicht wird: er \u00fcberzeugt mich, dass Spinat gesund ist; dieser Akt wird nur vollzogen, wenn der illokution\u00e4re Akt auch zum Erfolg f\u00fchren. Dies ist nat\u00fcrlich nicht immer der Fall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sowohl in Performativen im engeren Sinn als auch in perlokution\u00e4ren Akten im Allgemeinen schafft Sprache Wirklichkeit. Diese Einsicht versucht Petzoldt nun zur Kl\u00e4rung fundamentaltheologischer Fragen zu nutzen. Fundamentaltheologie versteht er \u201eals systematisch-theologische Reflexion \u00fcber den christlichen Glauben angesichts der Herausforderungen \u00e4u\u00dferer Infragestellung und innerer Suche nach Vergewisserung. Sie vollzieht sich als Besinnung auf den Grundvorgang, in dem und durch den Jesus Christus zum Grund des Glaubens wird\u201c (118).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Grundvorgang hat nach Petzoldt seinen Ursprung in der Begegnung Jesu mit seinen Zeitgenossen. \u201eSo vielseitig das Wirken des Jesus von Nazareth war, ist doch dabei sein Handeln durch Sprache entscheidend\u201c (202). Durch dieses Sprachhandeln kommt es zu \u201elebensbestimmenden Begegnungen\u201c. \u201eMenschen werden von seiner Anrede getroffen, zum Beispiel erfahren sie Vergebung, die er ihnen zusprach; oder sie werden \u00fcber sein heilendes Wort gesund; oder sie werden selig durch seine Zusage der Gottesherrschaft; oder sie werden \u00fcber die Begegnung mit Jesus von Nazareth an ihrem Tisch gl\u00fccklich\u201c (202). Der dadurch entstehende Glauben ist \u201eeine kommunikative Wirklichkeit, welche die Vertrauen erweckende Person und das vom Vertrauen erfasste Subjekt umfasst\u201c (160). Durch die Weitergabe der Zusage Jesu an die Sp\u00e4teren tritt die Person Jesu Christi auch mit diesen in Beziehung und weckt Vertrauen. \u201eDiese durch Sprache geschaffene Wirklichkeit macht den christlichen Glauben auf seiner Grundebene aus\u201c (161).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In \u00dcbereinstimmung mit Austin haben performative Sprechakte aber auch einen konstativen Gehalt. \u201eDer personale Glaube ist ohne das Wissen um seinen propositionalen Gehalt \u2013 hier das Wissen um die Person des Jesus von Nazareth \u2013 nicht m\u00f6glich\u201c (160). \u201eH\u00e4tte Jesus von Nazareth gar nicht gelebt, w\u00e4re dem neutestamentlichen Christus-Kerygma von Jesus der historische Boden entzogen\u201c (242). Allerdings ist historisches Wissen noch nicht christlicher Glaube. Glauben entsteht erst auf der Ebene des personalen Vertrauens (168).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wirken dieses Jesus von Nazareth geht \u00fcber \u201edas Menschenm\u00f6gliche und Weltm\u00f6gliche\u201c hinaus. \u201eEs durchbricht und \u00fcberschreitet menschliche Wirklichkeitserfahrung. \u2026 In diesem Transzendieren wird eine Wirklichkeit sichtbar, die christliche Verstehensbem\u00fchungen mit dem Wort Gott zu erfassen suchen, wie es schon Jesus selbst gebraucht hatte, wenn er von Gott sprach und wenn er zu Gott sprach\u201c (205f). Dass Menschen aber verstehen, dass es sich bei der Begegnung mit Jesus um \u201eeine Begegnung mit dem Gott Jesu Christi handelt\u201c, ist abh\u00e4ngig vom \u201eWirken Gottes selbst, das mir Augen, Ohren sowie Verstand und Herz zum rechten Verstehen \u00f6ffnet\u201c (207).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wirklichkeit des Heils wird also durch Sprachhandlungen geschaffen: durch Sprechakte kann es bis heute zur Begegnung mit der Person Jesu kommen; diese Begegnung kann zum Glauben als einem Vertrauen auf Jesus f\u00fchren; dadurch erf\u00e4hrt ein Mensch Heil.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man k\u00f6nnte vieles an Petzoldts \u00dcberlegungen als eine Weiterf\u00fchrung reformatorischer Theologie verstehen: Der Glaube hat seinen Grund in der historischen Person des Jesus von Nazareth. Er entsteht in einer Begegnung des Menschen mit Jesus, die durch die Verk\u00fcndigung vermittelt wird. Dabei ist Glauben mehr als ein F\u00fcr-wahr-Halten, er ist ein Vertrauen auf eine Person. Petzoldt sieht sich in \u00dcbereinstimmung mit der Reformation, die den \u201efiducia-Charakter des Glaubens wieder in den Mittelpunkt ger\u00fcckt\u201c hat. (238) Dieser Glaube ist auf das Wirken des Heiligen Geistes zur\u00fcckzuf\u00fchren. Das Wirken Jesu transzendiert das Menschenm\u00f6gliche. \u201eJesus als Christus [er\u00f6ffnet] die Begegnung mit der menschliches Begreifen \u00fcbersteigenden Wirklichkeit Gottes\u201c (241).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andererseits gibt es Einseitigkeiten und offene Fragen, die es zweifelhaft erscheinen lassen, ob Petzoldt im Sinne einer klassischen reformatorischen Theologie verstanden werden will. So wird von Heil schaffendem Handeln ausschlie\u00dflich als Sprachhandeln gesprochen. Ist dies der Themenstellung des Sammelbandes geschuldet, oder schlie\u00dft Petzoldt ein Handeln Gottes in der Geschichte \u2013 etwa durch die Auferweckung Jesu \u2013 grunds\u00e4tzlich aus? Haben Tod und Auferstehung Jesu \u00fcberhaupt Heilsrelevanz, oder ereignet sich Heil ausschlie\u00dflich in Sprechakten? Unbefriedigend bleiben auch die Ausf\u00fchrungen dar\u00fcber, was mit \u201eWirken Gottes\u201c gemeint sein soll, wenn \u201eWirken\u201c hier als Metapher zu verstehen ist (294ff). Im Vorwort wird darauf hingewiesen, dass die vorliegenden Aufs\u00e4tze als \u201eVorarbeiten zu einer zusammenh\u00e4ngenden Konzeption von Fundamentaltheologie\u201c zu verstehen sind (8). Man kann also gespannt sein, welche Kl\u00e4rungen dieser Gesamtentwurf noch bringen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was zumindest die vorliegenden Beitr\u00e4ge zeigen, ist eine deutliche \u00dcbersch\u00e4tzung der M\u00f6glichkeiten, durch Sprachhandeln Heil als Wirklichkeit zu schaffen. Wie schon erw\u00e4hnt, geht es f\u00fcr Petzoldt vor allem um das Sprachhandeln Jesu, \u201edurch das es zu lebensbestimmenden Begegnungen mit seinen Zeitgenossen kommt und darin Heil schafft. Menschen werden von seiner Anrede getroffen, zum Beispiel erfahren sie Vergebung, die er ihnen zusprach\u201c (202). Petzoldt nennt noch weitere Beispiele (s.&nbsp;o.), ich werde mich aber in meiner kritischen Kommentierung auf dieses erste beschr\u00e4nken (\u00e4hnliche Anfragen lassen sich auch f\u00fcr andere von ihm genannte Beispiele formulieren). Wie k\u00f6nnen Menschen durch die Zusage Jesu Vergebung erfahren? Setzt das nicht voraus, dass bereits vor dem Zuspruch der Vergebung Jesus als dazu autorisiert erwiesen wurde, dass also bereits Wirklichkeit geschaffen wurde, die diesen Zuspruch erst erm\u00f6glicht? Petzoldt r\u00e4umt zwar ein, dass Austin als eine Bedingung f\u00fcr das Gelingen eines performativen Sprechaktes die Kompetenz des Sprechers nennt. Im Falle des Redens Jesu, das Heil schafft, behauptet er aber, \u201edass die Vollmacht Jesu gerade nicht vorg\u00e4ngig begr\u00fcndet ist, sondern im Vollzug der Sprachhandlung personal sich ereignet\u201c (180). \u201eDie Kompetenz Jesu konstituiert sich im Gl\u00fccken der Sprechakte, d.&nbsp;h. im Vollzug der in den Sprechakten sich konstituierenden Wirklichkeit\u201c (203). Nun gibt es sicherlich Sprechakte, in denen die Kompetenz des Sprechers sich im Gelingen des Sprechaktes erweist: Wenn etwa jemand eine andere Person durch einen Zuspruch tr\u00f6sten will, dann erweist sich die Kompetenz des Sprechers durch das Gelingen des Sprechaktes, d.&nbsp;h. dadurch, dass die Person tats\u00e4chlich Trost erf\u00e4hrt. Im Falle des Zuspruchs von Vergebung ist dies aber nicht der Fall. Es gibt zwar durchaus Performative, die Vergebung Wirklichkeit werden lassen. \u201eWenn ich zu einer Person sage \u201aIch vergebe dir\u2018, informiert dieser Satz nicht nur \u00fcber meine Vergebungsbereitschaft, sondern zwischen uns beiden wird damit Vergebung Wirklichkeit\u201c (200). Diese Performative setzen aber voraus, dass ich zu dem Satz \u201eIch vergebe dir\u201c autorisiert bin, und das ist nur dann der Fall, wenn mir selbst ein Unrecht widerfahren ist. Nur dann kann ich vergeben. Es w\u00e4re grotesk, wenn ich einem Verbrecher, der nicht mich, sondern meinen Nachbarn verletzt hat, zusprechen w\u00fcrde: \u201eIch vergebe dir.\u201c Ein solcher Sprechakt m\u00fcsste genauso scheitern, wie der Performativ \u201eIch vermache dir Schloss Sanssouci\u201c, wenn ich nicht Eigent\u00fcmer des Schlosses bin. Sprechakte des Tr\u00f6stens unterscheiden sich von Sprechakten des Vergebens und Vermachens dadurch, dass die Sprachhandlung des Tr\u00f6stens dann gegl\u00fcckt ist, wenn sich die angesprochene Person getr\u00f6stet f\u00fchlt. Sprechakte des Vergebens und Vermachens sind aber noch nicht gegl\u00fcckt, wenn ich mich so f\u00fchle, als ob ich Vergebung oder ein Erbe empfangen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist daher nicht erstaunlich, dass in den beiden einzigen Evangelientexten, in den Jesus Vergebung zuspricht (Mk 2,1\u201312 par; Lk 7,36\u201348), sofort die Frage nach seiner Vollmacht laut wird. \u201eWer kann S\u00fcnden vergeben als Gott allein?\u201c (Mk 2,7). Jesus beantwortet die Anfrage an seine Vollmacht durch die Heilung des Gel\u00e4hmten \u2013 eine Handlung, die gewiss nicht als performativer Sprechakt zu verstehen ist, durch den soziale Tatsachen geschaffen werden. Die Vorstellung, dass Heil ausschlie\u00dflich durch die wirklichkeitsschaffende Kraft von Sprechakten entsteht, greift eindeutig zu kurz. Auch hier kann man mit Interesse einer m\u00f6glichen Weiterentwicklung dieses Konzept in einer zuk\u00fcnftigen Fundamentaltheologie entgegensehen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Ralf-Thomas Klein, Lehrbeauftragter an der FTH Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias Petzoldt: Sprache schafft Wirklichkeit. 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