{"id":1758,"date":"2022-10-22T17:42:31","date_gmt":"2022-10-22T17:42:31","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1758"},"modified":"2022-10-22T19:40:01","modified_gmt":"2022-10-22T19:40:01","slug":"1758","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1758","title":{"rendered":"Andrea Schiff \/ Hans-Ulrich Dallmann: Ethik in der Pflege"},"content":{"rendered":"\n<p>Andrea Schiff \/ Hans-Ulrich Dallmann: <em>Ethik in der Pflege<\/em>, Pflege studieren 1, M\u00fcnchen: Ernst Reinhardt Verlag, 2021, Pb., 240 S., \u20ac 24,90, ISBN <a href=\"https:\/\/www.reinhardt-verlag.de\/54971_schiff_ethik_in_der_pflege\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.reinhardt-verlag.de\/54971_schiff_ethik_in_der_pflege\/\">978-3-8252-5587-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Das vorliegende Buch begr\u00fcndet die neue Lehrbuchreihe \u201ePflege studieren\u201c. Den ersten Band verfassten die K\u00f6lner Dozentin f\u00fcr Pflegewissenschaft, A. Schiff, und der Ludwigshafener Ethiker H.-U. Dallmann. Mit Grundlagen (Menschenw\u00fcrde, Autonomie, Leiblichkeit, religi\u00f6se Deutungsmuster \u2026) und \u201eDimensionen und Kontexte der Pflege\u201c (15) wie Verantwortung, Migration, Intensivpflege oder Demenz haben sie ihr Werk in zwei Hauptteile gegliedert.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ethik geht es nicht einfach um pflegerisches Handlungswissen, sondern grundlegender um Lebensf\u00fchrung: \u201eDer Unterschied zwischen Alltag und Beruf ist nicht grunds\u00e4tzlicher Natur\u201c (17). Dies gilt im Blick auf die Pflegekr\u00e4fte wie auf die Organisationen, die ethische Leitbilder verabschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgabe der Ethik in der Pflege sei das Fragen nach den Gr\u00fcnden des Handelns und Verhaltens. Dazu braucht es ethische Kompetenz von wahrnehmen, bewerten, schlussfolgern und handeln. Es bedarf einer Grundhaltung, in der sich die Verfasser an den Entwurf des Sozialethikers Andreas Lob-H\u00fcdepohl anschlie\u00dfen: Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Assistenz und Anwaltlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Formal ist das Lehrbuch gut aufgebaut: Jedes Kapitel beginnt mit einer grafisch vorangestellten Zusammenfassung und endet mit kurzen Wiederholungsfragen. Am Ende des Buches wird auf einen erweiterten Online-Bereich verwiesen. Verschiedene Schlagworte (\u201eLebensf\u00fchrung\u201c, \u201eEthik\u201c oder \u201eVerantwortung\u201c) werden in eingef\u00e4rbten K\u00e4sten definiert oder ihre Herkunft erl\u00e4utert. Einzelne Begriffe, die gesellschaftlich manchmal etwas vereinfacht-pauschal gebraucht werden, wie z. B. Autonomie, ordnen die Verf. in den wichtigen Kontext (hier: der Beziehungen) sowie in bestehende Spannungsfelder (hier: gegenpositionelle Sicht des Patienten; F\u00fcrsorge und Schutz) ein. Das gilt auch f\u00fcr andere Themenfelder wie beispielsweise die Frage nach der Pflege in Situationen, in denen gegen oder zumindest ohne Willen des zu Pflegenden gehandelt wird. Hier werden hilfreiche Pr\u00fcffragen gestellt. Um die notwendige und teils schwerf\u00e4llige Theorie m\u00f6glichst einfach in die Praxis zu \u00fcbertragen, werden die Abschnitte durch zahlreiche Fallbeispiele aus dem Pflegealltag aufgelockert, z. B.: \u201eFrau Turgut \u2026 arbeitet als Pflegefachkraft\u2026\u201c (42). Es folgt die Situationsbeschreibung und daraus hervorgehende Fragestellung. Die Verf. stellen Orientierungsfragen anhand der Personalpronomen: reflexiv (1. Pers.), gemeinsamer Raum der Verantwortung (2. Pers.), Sachebene (3. Pers.). Beispiel: Eine Mutter erh\u00e4lt f\u00fcr ihr ungeborenes Kind die pr\u00e4natale Prognose Trisomie 21. \u201eBin ich in der Lage, das Kind auszutragen?\u201c (1. Pers.), \u201eWie denkt meine Partnerin dar\u00fcber und wird sich unsere Beziehung ver\u00e4ndern?\u201c (2. Pers.), \u201eIst ein Schwangerschaftsabbruch \u00fcberhaupt vertretbar?\u201c (3. Pers.). Solche Beispiele helfen in der Tat. Bei diesem stolpert man jedoch dar\u00fcber, dass die Mutter keinen Mann\/Vater des Kindes hat (und in die \u00dcberlegungen einbezieht!), sondern ihre Partnerin\/\u201eCo-Mutter\u201c (21). Dadurch werden m. E. eher ethische Fragen aufgeworfen statt beantwortet (z. B. Mitspracherecht des biol. Vaters). Andere Beispiele sind hier deutlich mehr gelungen und alltagsn\u00e4her. Eine letzte formale Anmerkung: Die Verf. entschieden sich f\u00fcr eine geschlechtergerechte Schreibweise. Ob dies (auch im Blick auf den Lesefluss) unausweichlich ist, mag man differenziert beurteilen, man beachte beispielsweise folgenden Satzauszug: \u201e\u2026Perspektiven von Betroffenen auf der einen und Spezialistinnen und Spezialisten wie Psychiater*innen und Psychologinnen und Psychologen auf der anderen Seite\u2026\u201c (213). Wenn man sich daf\u00fcr entscheidet, sollte es m.&nbsp;E. nach einer einheitlichen Schreibweise geschehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ein paar inhaltliche Streiflichter: In \u201eDimensionen menschlicher Existenz\u201c (ab S. 58) geht es u. a. um \u201eLeiblichkeit\u201c, \u201eKranksein\u201c, \u201eIdentit\u00e4t\u201c und \u201eMenschenw\u00fcrde\u201c. In den vorgestellten Theorien wird zwischen Leib (eigene Wahrnehmung) und K\u00f6rper ([medizinische] Sicht von au\u00dfen) unterschieden. Durch eine \u201eph\u00e4nomenologische\u201c Perspektive soll das dualistische Verst\u00e4ndnis (Seele und Leib) des Menschen \u00fcberwunden werden. Mir stellt sich die Frage, ob es nicht nur verlagert wird. Dem Anliegen stimme ich zu: Pflege soll nicht \u201eden\u201c Patienten behandeln (distanzierend\/klassifizierend), sondern auch \u201eaus der Perspektive\u201c des Patienten. Das Person-Sein definieren die Autoren als Beziehungsbegriff (Kommunikation, Name\u2026). Insofern sei \u201estrittig\u201c (73), ob das Person-Sein bereits dem ungeborenen Menschen zukommt oder erst dann, \u201ewenn eine Mutter mit dem ungeborenen Kind in Formen leiblicher Kommunikation eintreten kann\u201c (73). Mag dies eine gesellschaftlich-diskutierte Meinung sein, erwarte ich in einem Ethikbuch eine Antwort, die (mindestens!) auch den Blick auf das Lebensrecht des Ungeborenen wendet. Erfreulicherweise wird sp\u00e4ter im Rahmen der Risikoschwangerschaft, Fehlgeburt und Schwangerschaftsabbruch (wenn auch eine seltsam anmutende Aneinanderreihung) darauf hingewiesen, dass jede zeitliche Setzung (Wann ist der Mensch ein Mensch) willk\u00fcrlich ist, da es sich bei der Entstehung eines Menschen um einen kontinuierlichen Prozess handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Abschnitt \u00fcber Menschenw\u00fcrde kommen die Autoren auch auf das christliche Menschenbild zu sprechen. Mich beschleicht jedoch der Eindruck, dass es ihnen \u201enicht ganz liegt\u201c und ihrem Verst\u00e4ndnis nach relativiert oder zumindest eingegrenzt werden sollte. So wird die Gottebenbildlichkeit als Begr\u00fcndung der W\u00fcrde des Menschen genannt, gefolgt von der Aussage, es seien allerdings die Kirchen gewesen, die aufgrund ihres negativen Menschenbildes (Mensch als S\u00fcnder) die Durchsetzung der Menschenrechte bek\u00e4mpft h\u00e4tten. Das wirkt dann doch sehr platt und undifferenziert und steht zudem ohne Belege da. Gerade in einem Ethik- und Pflegebuch, dessen Mitautorin an einer konfessionellen Hochschule unterrichtet, h\u00e4tte man durchaus auf die historische Entwicklung und Institutionalisierung von Krankenh\u00e4usern, Altenpflege, Behinderteneinrichtungen oder Armenh\u00e4user hinweisen k\u00f6nnen. Unz\u00e4hlige entstanden durch \u201echristliche H\u00e4nde\u201c, die im Gegen\u00fcber ein von Gott geschaffenes Ebenbild Gottes sahen und deswegen aus der \u00dcberzeugung handelten: Jeder hat eine unantastbare Menschenw\u00fcrde! Eine solche \u00dcberzeugung vermisse ich im vorliegenden Abschnitt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Krankheit und Pflegebed\u00fcrftigkeit stellt sich schnell die Frage nach dem \u201eWarum?\u201c, nach der Deutung des Sinns dahinter, evtl. nach der Schuldfrage. Hier kommt auch die Religion zur Sprache. Sie bearbeite diese Fragen, indem sie innerweltliches Geschehen auf eine Dimension beziehe, die der Welt entzogen ist (Immanenz und Transzendenz). Hier weisen die Verf. darauf hin, dass Rituale eine wichtige Rolle spielen und deswegen \u201ein Einrichtungen des Gesundheitswesens R\u00e4ume und Zeiten zur Verf\u00fcgung gestellt werden\u201c (92) sollten, in denen diese gelebt werden k\u00f6nnen. Entgegen der \u00fcberwiegenden gesellschaftlichen Tendenz, den Tod lieber auszuklammern, ermutigen die Autoren dankenswerterweise dazu, sich mit dem Sterben auseinanderzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den praktischen Pflegealltag nennen die Verfasser vier ethische Prinzipien als Strukturhelfer: Nicht-Schaden, F\u00fcrsorge, Autonomie und Gerechtigkeit. Diese Grunds\u00e4tze bilden einen ethischen Reflexionsrahmen der Pflege. Die einzelnen Werte werden beschrieben und ihre Zusammenh\u00e4nge erkl\u00e4rt. Sie sensibilisieren gut f\u00fcr die besondere Situation der Pflege, in der die Pflegenden den Pflegebed\u00fcrftigen stets \u201e\u00fcberlegen\u201c scheinen (professionelle Berufskleidung trifft den \u201eauf Hilfe angewiesenen\u201c) und in die Privatsph\u00e4re eindringen (Pyjama, k\u00f6rperliche N\u00e4he bis zu Intimpflege).<\/p>\n\n\n\n<p>Gut, sensibilisierend und praxisnah gehen die Autoren auf verschiedene spezifische Kontexte der Pflege ein, z. B. Notfall- und Intensivpflege, H\u00e4usliche Pflege, die spezielle Herausforderung von Demenz, Pflege im Kindes- und Jugendalter oder Palliativsituationen. Wie kann bei der Notwendigkeit schnellen Handelns in Notsituationen ethisch gut entschieden werden? Wie kann Angeh\u00f6rigen eines sterbenden Menschen erm\u00f6glicht werden, ihn w\u00fcrdig und pers\u00f6nlich zu begleiten (Duft, Musik, ablenkende Monitore abh\u00e4ngen\u2026). Was hilft Risikoschwangeren oder Frauen mit drohender\/nach Fehlgeburt, die Situation zu verarbeiten (pr\u00e4partale Elternbetreuung, Besuch auf Neointensivstation\u2026). Wie kann Menschen mit Demenz in \u201eihrer Welt\u201c begegnet werden, ohne \u201eumherzul\u00fcgen\u201c? Freilich sind Situationen individuell. Einfache, pauschale Antworten sind unm\u00f6glich. Aber es regt angehende Pflegefachkr\u00e4fte zum Nachdenken (und hoffentlich Handeln) an. Es gibt Situationen, bei denen erst im Nachhinein klar wird, ob das Handeln richtig\/gut war. Umso wichtiger \u2013 da ist den Autoren ausnahmslos zuzustimmen \u2013 sind Supervisions- und Gespr\u00e4chsangebote f\u00fcr Pflegekr\u00e4fte, um mit spezifischen Begleiterscheinungen\/Folgen (Schuldgef\u00fchle, Abschiedsschmerz, Umgang mit Leid\u2026) umgehen zu k\u00f6nnen, aber auch, um f\u00fcr eine grunds\u00e4tzlich gute N\u00e4he-Distanz-Regulierung (Burn- oder Cool-Out) zu sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Summe liefern die Autoren ein Werk mit viel gutem Hintergrundwissen, Reflexions- und Handlungsm\u00f6glichkeiten, intensiv recherchiert. Teilweise ist es etwas \u201esperrig\u201c geschrieben und stellt einfach \u201eMeinung A\u201c und \u201eMeinung B\u201c gegen\u00fcber, ohne eine klare Orientierung zu geben. Genau das jedoch w\u00fcnsche ich mir von einem Ethikbuch f\u00fcr angehende Pflegekr\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Michael Schwantge, Gemeinschaftspastor in Oppenheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrea Schiff \/ Hans-Ulrich Dallmann: Ethik in der Pflege, Pflege studieren 1, M\u00fcnchen: Ernst Reinhardt Verlag, 2021, Pb., 240 S.,<\/p>\n","protected":false},"author":58,"featured_media":1759,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1758","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1758","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/58"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1758"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1758\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1794,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1758\/revisions\/1794"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1759"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1758"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1758"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1758"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}