{"id":1761,"date":"2022-10-22T17:44:30","date_gmt":"2022-10-22T17:44:30","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1761"},"modified":"2022-10-22T17:44:31","modified_gmt":"2022-10-22T17:44:31","slug":"lukas-ohly-ethische-begriffe-in-biblischer-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1761","title":{"rendered":"Lukas Ohly: Ethische Begriffe in biblischer Perspektive"},"content":{"rendered":"\n<p>Lukas Ohly: <em>Ethische Begriffe in biblischer Perspektive<\/em>, T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto, 2022, Pb., 300 S., \u20ac 23,90, ISBN <a href=\"https:\/\/www.narr.de\/ethische-begriffe-in-biblischer-perspektive-45809\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.narr.de\/ethische-begriffe-in-biblischer-perspektive-45809\/\">978-3-8252-5809-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Kann man f\u00fcr heutige ethische Fragen beispielsweise im Blick auf Freiheit und Selbstbestimmung, Politik und Kirche, Krieg und Frieden, Flucht und Migration, Eigentum und G\u00fcterverteilung, Gerechtigkeit und Toleranz, Lebensschutz und F\u00fcrsorge auf die Bibel zur\u00fcckgreifen?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor, Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Religionsphilosophie, ist \u00fcberzeugt: Ja! Zwar sind f\u00fcr ihn die zehn Gebote von selbstbestimmten Menschen verfasst, die inhaltlich miteinander \u00fcbereinkamen (R\u00fcckbezug auf Dtn 30,14: \u201ein deinem Munde und deinem Herzen\u201c). Auch die Bergpredigt ist nach Ansicht des Verf. \u201enur eine Stilisierung des Matth\u00e4usevangeliums\u201c, bei deren Aussagen \u201eman nicht einmal sicher sein\u201c k\u00f6nne, ob sie Jesus wirklich gesprochen hat (11). Doch die Bibel beinhalte religi\u00f6se Erfahrungen und fungiere als \u201eIdeengeberin\u201c (14). \u201eDieses Buch macht sich zur Aufgabe, die ethischen Verbindlichkeiten der Bibel zu entdecken, die einer ethischen \u00dcberpr\u00fcfung standhalten\u201c (12). Dieses Schriftverst\u00e4ndnis ist universit\u00e4r gang und g\u00e4be. Es hinterl\u00e4sst in mir aber auch einen Geruch der Hybris des modernen Menschen, sich und seine \u00dcberpr\u00fcfungsmethoden zum Ma\u00dfstab zu machen und so der Bibel habhaft zu werden. Nichtsdestotrotz, so der Verf., soll \u201edie Orientierungskraft biblischer Texte selbst zur Entfaltung kommen\u201c (13).<\/p>\n\n\n\n<p>Er gliedert sein Buch in drei Teile: 1. Begriffe zu Grundbegriffen der Ethik, 2. Sozialethische Begriffe und schlie\u00dflich 3. Bedingungen des Lebens. Strukturell und formal geht er einheitlich vor: kurze Kapitel, in denen er zun\u00e4chst eine Skizze des aktuellen Diskurses zeichnet, indem er der Frage nachgeht, warum das Thema \u00fcberhaupt eine ethische Frage\/Debatte ist. Es folgt ein biblischer Textabschnitt, jeweils in der Luther\u00fcbersetzung abgedruckt. Der Verf., der neben seiner Professur auch evangelischer Gemeindepfarrer ist, begrenzt sich auf je einen Grundlagentext, erw\u00e4hnt jedoch am Kapitelende m\u00f6gliche Alternativtexte. Literaturhinweise zur Vertiefung mit kurzer Inhaltsbeschreibung runden die Abschnitte ab. Lesefreundlichkeit ist also garantiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst vier kurze Einzeleinblicke: Wertvoll und nachdenkenswert sind Textauswahl und -ausf\u00fchrung zur Frage nach dem wissenschaftlichen Arbeiten in religi\u00f6sen Angelegenheiten. Nachvollziehbarerweise k\u00f6nnen hier meist keine Hypothesen aufgestellt und dann durch Versuchsreihen verifiziert werden. Der Verf. w\u00e4hlt Dtn 18,20\u201322 als Grundlage: Was von Gott ist, wird \u201ewerden\u201c. \u201eWird\u201c es nicht, ist es nicht von Gott. Es baut zum einen auf Bestehendem auf (Vertrauen) und kann zudem Unerwartetes (Neues) bringen. Solange eine Deutung Gott nicht in (m)einen \u201eDenkkasten\u201c sperrt, kann man in dieser Aussage die Frage nach der Bew\u00e4hrung verschiedener Positionen sehen. Was be-wahr-heitet sich: im Blick auf das urspr\u00fcngliche Ziel Gottes mit dem Menschen? Was bew\u00e4hrt sich im Blick auf die ethische Fragestellung? Wo f\u00fchrt sie hin?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie \u201eplural\u201c d\u00fcrfen, sollen, m\u00fcssen wir sein? Am Beispiel der Begegnung von Jesus mit der Frau am Jakobsbrunnen erl\u00e4utert der Verf. dies: Zwei Verwandte, aber doch irgendwie auch unterschiedliche Religionen begegnen sich. W\u00e4hrend Jesus \u201ez\u00e4nkisch\u201c (37) auftritt, schafft der Geist Gottes eine Verbindung, die sogar dazu f\u00fchrt, dass Jesus noch ein paar Tage dort bleibt: gelebtes Miteinander trotz unterschiedlicher Standpunkte. \u201eNicht der Konsens f\u00fchrt zu Gemeinschaften, sondern der Geist, der sie verbindet, auch wenn sie im Dissens liegen\u201c (38). Ein wertvoller Satz, wenn wir ihn in unseren Gemeinden anwenden (Gottesdienstgestaltung, Umgang mit Corona\u2026). Wir m\u00fcssen nicht immer einer Meinung sein. Aber Jesus muss die Mitte bleiben. F\u00fcr weiterf\u00fchrende Fragen, die schnell Grunds\u00e4tze des Welt- und Gottesbilds ber\u00fchren, st\u00f6\u00dft dieses Konzept (der Geist schafft Gemeinschaft) sicher an seine Grenzen, so auch in Joh 4. Ungeachtet des Keils, der hier vom Verf. zwischen Jesus und Geist getrieben wird \u2013 die Gemeinschaft entsteht nicht einfach im Aufrechterhalten verschiedener Standpunkte, sondern durch die (fundamentale!) Erkenntnis der Frau von Jesus als Messias (Joh 4,42). Pluralismus im Sinne eines friedlichen Nebeneinanders ist oft angebracht. Doch ein \u2013 vereinfacht formuliertes \u201eDer Geist in allem, deswegen alle miteinander\u201c ist hier sicher nicht herauszulesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bemerkenswert sind die Ausf\u00fchrungen zu verschiedenen Facetten der Freiheit. Wir haben sie nicht einfach, sondern sie ist uns geschenkt (Exodus). Nicht als Besitz, sondern als Talent, um es einzusetzen und damit ist uns auch etwas zugemutet (Gleichnis der anvertrauten Talente). Als Geschenk ist Freiheit verbindlich \u2013 gebunden an Gott, wie Gal 5 zeigt. \u201eWenn eine Person frei ist, kann sie machen, was sie will. Wenn sie aber <em>zur Freiheit<\/em> befreit ist, dann soll das, was sie machen will, auch die Freiheit bewahren. Und damit kann sie nicht mehr einfach nur machen, was sie will\u201c (48), sondern orientiert sich an Gott.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Theologen gelingt eine oft \u00fcberraschende Textauswahl, die herausfordert, aber auch bereichert. Er er\u00f6ffnet wertvolle neue Aspekte und Blickwinkel. So bedeutet z. B. N\u00e4chstenliebe nicht nur, mich als Handelnden zu sehen, sondern auch als das \u201eOpfer\u201c, dem vom \u201eSamariter\u201c geholfen wird (168). Im weiteren Verlauf der Ausf\u00fchrungen zu \u201eLiebe\u201c geht es darum, sich so die Liebe Gottes \u201egefallen\u201c zu lassen und Beziehung mit ihm einzugehen (174). Oder es findet sich mit Hinweis auf 1. Kor 8 die Erkenntnis, dass auch der Glaubensstarke den Glaubensschwachen zum Erkennen ben\u00f6tigt und deswegen nicht einfach der St\u00e4rkere ist (191f). Insofern liegt hier ein \u201ePool\u201c an erfrischender Inspiration vor. Irritierend, beinahe verst\u00f6rend sind die Ausf\u00fchrungen des Verf. zum Schutz ungeborenen Lebens. Die Berufung Jeremias im Mutterleib (Jer 1,4ff) k\u00f6nne nicht pauschal auf alle Menschen angewendet werden \u2013 hier kann man noch zustimmen. Oft werde Vorsehung Gottes erst sp\u00e4ter sichtbar. Auch ein verstorbenes Kind k\u00f6nne seine Eltern im R\u00fcckblick \u201etreffen, ergreifen und beeinflussen\u201c, sei also immer \u201eanwesend\u201c (202). Abtreibungen sind tragisch, doch: \u201eDas ungeborene menschliche Leben sch\u00fctzt sich \u2026 selbst, n\u00e4mlich durch seine Anwesenheit. Es verliert seine Macht nicht, wenn Frauen auf ihre Rechte dringen. Beides besteht vielmehr zusammen, Frauenrechte und die Macht der Anwesenheit des get\u00f6teten ungeborenen Lebens\u201c (204).<\/p>\n\n\n\n<p>In anderen Bereichen gibt der Autor hilfreiche Orientierung. Beispielsweise kl\u00e4rt er das landl\u00e4ufige Missverst\u00e4ndnis auf, Toleranz bedeute, die Meinung oder das Verhalten des anderen gut zu finden oder zu f\u00f6rdern. Dementgegen gilt: \u201eToleranz beschreibt eine Haltung, Positionen und Praktiken zuzulassen, die man ablehnt. Wer Toleranz \u00fcbt, muss \u2026 keine Pluralistin sein\u2026\u201c (146). Mit Lk 16,10\u201313 erinnert der Verf. an einen wertvollen Grundgedanken im privaten wie gewerblichen Verm\u00f6gens-\/Finanzbereich: Besitz und Wachstum sollten nicht das H\u00f6chste sein, dem man dient, sondern zum \u201eGeringsten [geh\u00f6ren], dem man treu ist\u201c (142).<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt aber auch einige Gedanken, bei denen f\u00fcr mich der Orientierungsgewinn unklar bleibt, weil sich nahezu gegens\u00e4tzliche Positionen begr\u00fcnden lassen. Warum? Mein Eindruck ist, der Autor tendiert dazu, geistliche Hintergr\u00fcnde in zwischenmenschlichen\/sozialen Aspekten aufgehen zu lassen: So beziehe sich Jesu Weinen \u00fcber Jerusalem (Lk 19,41\u201348) \u201ezun\u00e4chst nur [auf] die \u2026 soziale Situation\u201c der Stadt (93). Gott zu sehen, geschehe anhand 1Joh 3,1\u20136 im Sehen des anderen Menschen (23) und im Blick auf 1Kor 6 \u2013 Leib als Tempel des Heiligen Geistes \u2013 in der Begegnung mit uns selbst, z. B. beim Sport (158). Dies ist vielleicht eine Grundschw\u00e4che \u201eneuerer\u201c Theologie bis in kirchliche Lehre und Gottesdienste hinein. Zum anderen ist klare Orientierung schwierig mit der Annahme, dass die in der Bibel vermittelten Gebote, Richtlinien und Werte nicht \u201egesetzt\u201c, sondern menschengemacht seien. Selbst Gott k\u00f6nne das \u201eGute\u201c nicht einfach f\u00fcr sich beanspruchen, \u201ees entsteht <em>zwischen<\/em> den Lebewesen\u201c (61) und nur, wenn sie es nachvollziehen k\u00f6nnen und danach handeln. Daraus schlie\u00dft der Autor: \u201eWas dem Leben dient, wei\u00df vielmehr jeder Mensch selbst. Wir alle k\u00f6nnen selbst bestimmen, welche Ordnungen f\u00fcr das Leben gut sind\u201c (72), und an anderer Stelle: \u201eWas wir Menschen vereinbaren, das bekommt ein heiliges Gewicht wie die Worte Gottes\u201c (80). Richtig ist, dass die Gebote Gottes nur gute Frucht bringen, wenn man nach ihnen handelt. Doch selbst, wenn alle anders handeln w\u00fcrden, ist meine \u00dcberzeugung: Die Gebote sind und bleiben gut (spiegeln sie doch das Wesen Gottes wider), das vom Geist inspirierte Wort Gottes ist die Bibel (2Tim 3,16), und das Gute ist vom Guten \u2013 n\u00e4mlich von Gott \u2013 \u201egesetzt\u201c (vgl. Mi 6,8).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Michael Schwantge, Gemeinschaftspastor in Oppenheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lukas Ohly: Ethische Begriffe in biblischer Perspektive, T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto, 2022, Pb., 300 S., \u20ac 23,90, ISBN 978-3-8252-5809-2 Kann<\/p>\n","protected":false},"author":58,"featured_media":1762,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1761","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1761","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/58"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1761"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1761\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1763,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1761\/revisions\/1763"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1762"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1761"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1761"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1761"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}