{"id":1767,"date":"2022-10-22T19:00:47","date_gmt":"2022-10-22T19:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1767"},"modified":"2022-10-22T19:00:49","modified_gmt":"2022-10-22T19:00:49","slug":"conrad-krannich-recht-macht-religion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1767","title":{"rendered":"Conrad Krannich: Recht macht Religion"},"content":{"rendered":"\n<p>Conrad Krannich: <em>Recht macht Religion. Eine Untersuchung \u00fcber Taufe und Asylverfahren, <\/em>Kirche \u2013 Konfession \u2013 Religion 76. G\u00f6ttingen: V &amp; R unipress, 2020, geb., 386\u00a0S., \u20ac 55,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/praktische-theologie\/55605\/recht-macht-religion?number=UNI0013476\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/praktische-theologie\/55605\/recht-macht-religion?number=UNI0013476\">978-3-8471-1181-8<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Der Titel ist treffend und spannend. Er macht neugierig und f\u00fchrt in das Herz der Auseinandersetzung dieser leicht erg\u00e4nzten Dissertation hinein, die 2019 in Halle-Wittenberg eingereicht und von Daniel Cyranka betreut wurde. Die Untersuchung h\u00e4lt, was der Titel verspricht. Dem Verfasser ist auf so vielen verschiedenen Ebenen f\u00fcr diese wertvolle Arbeit zu danken. Es ist den Beteiligten und den Betroffenen zu w\u00fcnschen, dass diese Untersuchung gut rezipiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht eben nicht nur um Taufe und Asylverfahren, was der Untertitel etwas lapidar suggeriert. Die Einf\u00fchrung im ersten Teil \u201eA. Iranische Christ\u00b7inn\u00b7en im deutschen Asylverfahren \u2013 Frage, Material und Methode der Untersuchung\u201c (11\u201340) skizziert anregend und auf angemessene Weise die Problemhorizonte. Das Buch bietet mit dem n\u00e4chsten Kapitel \u201eB. Iranischer Protestantismus \u2013 Zur Genealogie einer Religionsformation\u201c (41\u2013195) einen wertvollen Beitrag zu gegenw\u00e4rtigen Dynamiken im Iran, die mit dem Begriff \u201eiranischer Protestantismus\u201c umschrieben werden. Damit wird eine weitverbreitete und scheinbar zunehmende Skepsis gegen\u00fcber dem religi\u00f6sen Regime im Allgemeinen und einflussreicher iranischer Antiklerikalismus im Besonderen eingefangen. Die Unterscheidung von Islam und Iran sowie die Rede von \u201eechten Iranern\u201c kommen hier zur Sprache (87\u201397). Das manifestiert sich dann bei Konvertiten in der \u00dcberzeugung, dass sich \u201eChrist\u00b7inn\u00b7en\u201c als die \u201ebesseren Iraner\u00b7innen\u201c (82\u201386) begreifen (k\u00f6nnen). Ob deswegen die schlussfolgernde Beschreibung Krannichs hilfreich ist, w\u00e4re noch zu diskutieren: \u201eDie Christ-Werdung markiert die Suche nach einer alternativen Lebensgestaltung und performiert diese zugleich mit einer stark regime-kritisch(en); Christ zu werden ist ein politischer Akt\u201c (192). Die Formulierung suggeriert, dass ein Protestimpuls oder auch die Suche nach Alternativen von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung ist, vielleicht sogar eine zentrale Stellung bei der Frage nach der Kausalit\u00e4t einnehmen kann oder soll. Das ist m.&nbsp;E. missverst\u00e4ndlich. Die katalysatorische Wirkung des au\u00dfergew\u00f6hnlichen iranischen Kontextes, der nicht zuletzt von einer reichen und einflussreichen Tradition und dem besonderen Gepr\u00e4ge des mehrheitlich schiitischen Islam im Iran bestimmt ist, kommt mit den Ausf\u00fchrungen gut zur Darstellung. Deswegen kann und muss aber aus einem Katalysator keine Ursache werden. Diese kritische Bemerkung soll die Beurteilung dieses Kapitels nicht schm\u00e4lern, welches \u2013 wie ich meine \u2013 ein schockierendes Defizit adressiert: \u201eEntscheider\u00b7innen f\u00fchlen sich an dieser Stelle unterversorgt. Das amtliche Referenzwissen wird gr\u00f6\u00dftenteils aus den Berichten der Asylbeh\u00f6rden anderer L\u00e4nder heraus generiert; die Arbeit deutscher Institutionen (wie dem Ausw\u00e4rtigen Amt) beschr\u00e4nkt sich demgegen\u00fcber auf lediglich wenige Seiten umfassende L\u00e4nder-Kurzprofile\u201c (366). Man muss also nicht nur ein Dilemma angesichts der Aufgabe konstatieren, etwas Unzug\u00e4ngliches, also die innere Motivation f\u00fcr Handeln und Reden, zu bewerten. Nein, im Rahmen der vorgegebenen Strukturen und Dynamiken wird die Position der Menschen, die \u00fcber das Schicksal anderer entscheiden, geschw\u00e4cht und ihre Aufgabe ins Unertr\u00e4gliche erschwert. Man kann nur hoffen, dass vorliegendes Buch (wie manch andere Studie) zur Kenntnis genommen wird. Schlie\u00dflich leistet Krannich in beispielhafter Form, was er am Ende seines Buches einfordert: \u201eDie taufenden Kirchen k\u00f6nnten in den genannten Punkten einen wichtigen Beitrag leisten. \u2026 [Sie m\u00fcssen] anwaltlich f\u00fcr iranische Christ\u00b7inn\u00b7en in Erscheinung treten und deren spezifischem Christ- und Kirche-Sein, das einfachen asylrechtlichen wie konfessionskundlichen Klassifizierungen widerstrebt, Geh\u00f6r verschaffen\u201c (366).<\/p>\n\n\n\n<p>Das dritte Kapitel \u201eC. Religion, Konversion und die Mechanik des Asylverfahrens\u201c (197\u2013269) stellt wichtige Aspekte der Herausforderungen, Notwendigkeiten und das Dilemma eines Asylverfahrens dar. Diese Darstellung wird dann in den beiden folgenden Kapitel brennpunktartig an zwei Stellen vertiefend problematisiert und diskutiert, bevor Krannich mit \u201eF. Zusammenfassung der Ergebnisse\u201c (361\u2013366) seine Arbeit beschlie\u00dft. Die Vertiefung erfolgt zum einen mit Blick auf das Verh\u00e4ltnis von Staat und Kirche \u201eD. Der Konflikt zwischen Staat und Kirchen \u00fcber die asylrechtliche \u00dcberpr\u00fcfung von Konvertiten\u201c (271\u2013323), zum anderen hinsichtlich innerkirchlicher Diskussionen bei der Tauffrage \u201eE. Tauftheologische Konfrontationen\u201c (325\u2013360).<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Asylantr\u00e4ge muss in Deutschland entschieden werden. Diese Entscheidung stellt alle Beteiligten in ein Dilemma. Die Beteiligten kommen aus grundlegend verschiedenen gesellschaftlichen Situationen. Ein Verst\u00e4ndnis \u00fcber diese Differenz hinweg, die sich nicht zuletzt in der Bedeutung, dem Stellenwert und der Rede \u00fcber Religion im Allgemeinen und im Pers\u00f6nlichen zeigt, wird durch die Sprachbarriere erheblich erschwert. Aber ein Antrag wird gefordert, wird gestellt und wie sagt ein Betroffener: \u201eAn irgendetwas m\u00fcssen wir\u2019s aber festmachen\u201c (281). Die Informationen sind sp\u00e4rlich, Asylsuchende sind Zeugen und irgendwie unter Verdacht, dass sie nur in eigener Sache aussagen. Es kann eine Entscheidung \u00fcber Leben und Tod sein, doch eine Entscheidung muss her: \u201eDie Auseinandersetzung findet ein Ende in der Formulierung, dass man als pr\u00fcfende Beh\u00f6rde eben nicht nicht-pr\u00fcfen k\u00f6nne, weil schlie\u00dflich eine Entscheidung getroffen werden m\u00fcsse\u201c (281). Krannich arbeitet gut heraus, wie dieses Dilemma die kirchliche und staatliche Institution dazu verleitet, ihre Deutungshoheit, die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit oder Rechtsf\u00f6rmigkeit des Verfahrens zu verteidigen. Dabei entsteht bisweilen der Eindruck \u2013 und das gilt f\u00fcr beide Seiten \u2013 dass man hier keinen Zentimeter nachgeben darf und geradezu ein Exemplum zu statuieren ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist bemerkenswert, welche Bedeutung die M\u00f6glichkeit des Missbrauchs in den \u00dcberlegungen und Diskussionen spielt. In einem Asylverfahren gibt es sicherlich zwei m\u00f6gliche \u201efehlerhafte\u201c Ausg\u00e4nge. Entweder es wird zu Unrecht Asyl gew\u00e4hrt oder Menschen werden zu Unrecht in eine lebensgef\u00e4hrliche Situation zur\u00fcckgeschickt. Es ist erschreckend, wie diese beiden Ausg\u00e4nge theoretisch scheinbar von gleichem Gewicht sind und die erste M\u00f6glichkeit in der Realit\u00e4t viel mehr Aufmerksamkeit erh\u00e4lt. Dies wirft viele Fragen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Feststellung des Dilemmas sagt damit wohl weniger etwas \u00fcber die beteiligten und betroffenen Menschen aus. Hier werden Entscheider mit einer Aufgabe belastet, die auf formalrechtlichem Wege Menschen als Schicksale auf Distanz h\u00e4lt, weil es sonst wohl kaum zu (er-)tragen w\u00e4re. Kirchen streiten mit dem Staat \u00fcber eine Deutungshoheit, die lebenswichtige und lebensentscheidende Aussagen \u00fcber Asylsuchende treffen will \u2013 eine Deutungshoheit, bei der die Betroffenen aus dem Blick geraten, falls sie jemals in einem essenziellen Sinne im Sichtfeld waren. Wer sich mit den Diskussionen dieser Institutionen besch\u00e4ftigt, kann allzu leicht den Eindruck gewinnen, dass der Erhalt und der Einfluss, der Fortbestand und die Macht der Institutionen ihr Handeln, Reden und Denken beherrscht. Dazu passt, dass den Betroffenen praktisch keinerlei Kompetenz zugesprochen wird. <em>\u00dcber sie<\/em> wird gesprochen, ihre Aussagen werden bewertet und beurteilt, aber man kommt in der Regel nicht <em>mit ihnen<\/em> ins Gespr\u00e4ch. Das ist kein Dilemma. Das ist schockierend.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Heiko Wenzel, Ph.D. (Wheaton), ist Mitarbeiter an der Akademie f\u00fcr Kirche und Gesellschaft in Wien.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Conrad Krannich: Recht macht Religion. Eine Untersuchung \u00fcber Taufe und Asylverfahren, Kirche \u2013 Konfession \u2013 Religion 76. G\u00f6ttingen: V &amp;<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":1768,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1767","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1767","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1767"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1767\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1769,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1767\/revisions\/1769"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1768"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1767"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1767"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1767"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}