{"id":1834,"date":"2023-04-21T18:05:27","date_gmt":"2023-04-21T18:05:27","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1834"},"modified":"2023-04-21T18:05:29","modified_gmt":"2023-04-21T18:05:29","slug":"klaus-haacker-zeugnis-und-zeitgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1834","title":{"rendered":"Klaus Haacker: Zeugnis und Zeitgeschichte"},"content":{"rendered":"\n<p>Klaus Haacker: <em>Zeugnis und Zeitgeschichte. Studien zum lukanischen Werk<\/em>, BWANT 235, Stuttgart: Kohlhammer, 2022, kt., 244\u00a0S., \u20ac\u00a069,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/shop.kohlhammer.de\/zeugnis-und-zeitgeschichte-41646.html#147=19\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/shop.kohlhammer.de\/zeugnis-und-zeitgeschichte-41646.html#147=19\">978-3-17-041646-8<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Prof. em. Dr. Klaus Haacker war seit 1975 bis zu seiner Emeritierung 2007 Professor f\u00fcr Neues Testament und seine Umwelt an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal. Die Besch\u00e4ftigung mit der Thematik des Aufsatzbands geht bis ins dritte Semester (1963) seiner eigenen Studienzeit zur\u00fcck, als er f\u00fcr ein Seminar seines sp\u00e4teren Doktorvaters (Gustav St\u00e4hlin) ein zusammenfassendes Protokoll erstellen musste. Hier fanden f\u00fcr Haacker erste Weichenstellungen statt, die seine Arbeit in diesem Forschungsbereich pr\u00e4gen sollten (7).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verfasser hat 2019 einen Kommentar zur Apostelgeschichte in der ThKNT Reihe vorgelegt. Die meisten Beitr\u00e4ge im vorliegenden Band sind aus der Not entstanden, dass die Kommentierung 400 Seiten nicht wesentlich \u00fcberschreiten sollte und somit nicht gen\u00fcgend Seiten zur Verf\u00fcgung standen, um alle Exkurse und Diskussionen einzubringen (8). In <em>Zeugnis und Zeitgeschichte<\/em> hat der Verfasser diese nachgereicht und mit einigen zuvor erschienen Beitr\u00e4gen zum Thema erg\u00e4nzt. Somit setzt sich der Band aus acht neuen und sechs \u00e4lteren Aufs\u00e4tzen zusammen. Da die \u00e4lteren Aufs\u00e4tze manchen schon bekannt sein d\u00fcrften, werde ich in dieser Rezension nur auf die neuen Beitr\u00e4ge eingehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im er\u00f6ffnenden Kapitel mit dem Titel \u201eZur Einstimmung: Wozu ist die Apostelgeschichte gut?\u201c stellt sich Haacker der Frage, welche Informationen aus dem Urchristentum exklusiv in der Apostelgeschichte \u00fcberliefert sind. Hier kommen besonders Elemente der Paulusbiographie zur Sprache, aber auch Fragen wie die nach dem Verh\u00e4ltnis der Apostelgeschichte zum Galaterbrief.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein sehr kurzer Beitrag zum \u201eSchl\u00fcsselwort \u201aZeugnis\u2018\u201c begr\u00fcndet die prominente Position des Wortes im Titel des Buches. Vom offenen Prozess des Paulus am Ende der Apostelgeschichte und anderen Beobachtungen leitet Haacker die These ab, dass es sich bei dem zweiten Teil des lukanischen Doppelwerks auch im juristischen Sinne um ein Zeugnis handle. Die Apostelgeschichte solle demnach als eine Art F\u00fcrsprecher f\u00fcr Paulus vor dem r\u00f6mischen Gericht wirken. In den anderen neu f\u00fcr den Band verfassten Beitr\u00e4gen wird diese These durch weitere Argumente untermauert und im letzten Beitrag auch leicht modifiziert. So bespricht Haacker im Kapitel \u201eJesusgeschichte und \u201aApostelgeschichte\u2018 im Kontext der Zeitgeschichte\u201c die verschiedenen Interaktionen zwischen dem Urchristentum und den Machthabern und argumentiert beispielsweise zur Gallio-Episode, dass Lukas hier Gallios Entscheidung, die Anklage gegen Paulus als innerj\u00fcdischen Disput abzutun (Apg 18,14\u201315), wom\u00f6glich als L\u00f6sung f\u00fcr den Prozess in Rom propagiere (51). Die Unschuld des Paulus erkennen auch Agrippa II. und Berenike (Apg 26,30\u201332), die als lebende Zeugen befragt werden k\u00f6nnten (59).<\/p>\n\n\n\n<p>Unter der \u00dcberschrift \u201eSchicksalsjahr 44 n.&nbsp;Chr.? Die Krise unter Agrippa I. (Apg 12)\u201c fasst Haacker seine Auseinandersetzung mit einer \u00e4lteren literarkritischen These zusammen. Nach dieser These handelt es sich bei Jerusalemreisen des Paulus und Barnabas in Apg 11\/12 einerseits und Apg 15 andererseits um ein und dieselbe Reise, die in verschiedenen Quellen unterschiedlich \u00fcberliefert und von Lukas nicht als identisch erkannt wurde. Wenn demnach das in Kapitel 15 berichtete Treffen in Jerusalem zeitlich vor der Ermordung des Zebedaiden Jakobus durch Herodes Agrippa I. stattfand, dann k\u00f6nnte es sich bei dem Redner in Apg 15,13\u201321 um diesen Jakobus und nicht, wie sonst angenommen, um den Herrenbruder handeln. Daf\u00fcr spreche nach Haacker auch die Autorit\u00e4t, welche die Rede auf die Versammlung, deren Beschluss und Brief (Apg 15,22\u201329) ausl\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Reihe von geographischen Fragen werden im Kapitel \u201eGeographische Probleme im lukanischen Werk\u201c meist \u00e4u\u00dferst pr\u00e4gnant diskutiert. Auch hier kann man die Charakteristik der Beitr\u00e4ge besser nachvollziehen, wenn man sie als Exkurse zu geographischen Fragen innerhalb eines Kommentars versteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter besch\u00e4ftigt sich Haacker mit dem \u201eRespekt vor den G\u00f6ttern der Anderen\u201c in der j\u00fcdischen Diasporatheologie, der Apostelgeschichte und den Paulusbriefen. Besonders wird hier die Vokabel \u03b5\u1f34\u03b4\u03c9\u03bb\u03bf\u03bd und ihr Gebrauch im Gegensatz zur Rede vom \u201elebendigen Gott\u201c in 1Thess 1,9 diskutiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einigen \u00e4lteren Aufs\u00e4tzen zu den Reden der Apostelgeschichte greift Haacker in einem Beitrag mit dem Titel \u201eLicht aus Athen auf Lukas, Ad Theophilum? Zur Thukydides-Rezeption in der Acta-Forschung\u201c die sprachlichen Herausforderungen des sogenannten Redensatzes von Thukydides auf. Der Beitrag basiert auf einem 2020 in der Zeitschrift Gymnasium erschienenen Aufsatz des Verfassers. Sein Fazit lautet, dass Thukydides \u201eden <em>voluntativen Gehalt<\/em> von Reden kennen oder erfahren konnte, aber dessen <em>sprachliche Gestaltung<\/em> (das Wie [<em>h\u014ds<\/em>] des <em>eipe\u00edn<\/em>) nach seinem Ermessen abgefasst hat\u201c (210, Hervorhebungen im Original). Dass dieser Satz des Thukydides h\u00e4ufig f\u00e4lschlicherweise rein fiktional gedeutet wurde, ist nach Haacker nicht Licht, sondern Schatten, der von dort auf die Reden der Apostelgeschichte gefallen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Den letzten Beitrag widmet Haacker den ersten Versen des Lukasevangeliums: \u201eDer Prolog zum lukanischen Werk (Lk 1,1\u20134) \u2013 neu gelesen\u201c. In der ersten Fu\u00dfnote erkl\u00e4rt der Verfasser, dass sich die Formulierung \u201eneu gelesen\u201c auch auf sein eigenes bisheriges Verst\u00e4ndnis beziehe, denn die \u00dcberlegungen seien erst bei der mehrmaligen Lekt\u00fcre des Kommentars f\u00fcr die Drucklegung entstanden und deshalb noch nicht Grundlage desselben. Im Beitrag greift Haacker die These auf, dass \u03c0\u03b1\u03c1\u03b1\u03ba\u03bf\u03bb\u03bf\u03c5\u03b8\u03ad\u03c9 in Lk 1,3 nicht \u201erecherchieren\u201c, sondern \u201emiterleben\u201c meint und die Augenzeugenschaft des Lukas andeutet. Das m\u00fcsste sich nach Haacker allerdings nicht auf das Lukasevangelium beziehen, wenn man Lk 1,1\u20134 als Prolog f\u00fcr das zweiteilige Gesamtwerk verstehen und darin zwischen den Aussagen zum ersten Teil (Lk 1,2: Evangelium) und zum zweiten Teil (Lk 1,3: Apostelgeschichte) unterscheiden w\u00fcrde (217). Als m\u00f6gliches historisches Szenario schl\u00e4gt Haacker vor, dass es sich bei der Apostelgeschichte um eine Richtigstellung gegen\u00fcber gef\u00e4hrlichen Ger\u00fcchten handle, die einem j\u00fcdisch-r\u00f6mischen F\u00fcrsprecher am Hof als Grundlage f\u00fcr den Prozess des Paulus dienen solle. Der Aufsatzband deckt eine gro\u00dfe Breite an Themen und Ans\u00e4tzen ab. Sprachliche Tiefenbohrungen und beachtliche Detailanalysen stehen hier neben allgemein verst\u00e4ndlichen Einf\u00fchrungen, geographische Exkurse neben \u00dcberlegungen zum Bild der Kirchen in der \u00d6ffentlichkeit der Gegenwart. Die Leserinnen und Leser werden somit auf mehreren Ebenen informiert und herausgefordert, die dargelegten Beobachtungen und Thesen zum lukanischen Werk ebenso breit zu verarbeiten. Obwohl nicht alle Interpretationen in den Beitr\u00e4gen ausf\u00fchrlich begr\u00fcndet werden und daher wohl auch nicht alle Auslegerinnen und Ausleger sofort \u00fcberzeugen werden, versteht es der Autor hervorragend, pr\u00e4gnant in die Fragestellungen einzuf\u00fchren und m\u00f6gliche L\u00f6sungsans\u00e4tze zu skizzieren und h\u00e4ufig auch detailliert zu begr\u00fcnden. Gerade als Erg\u00e4nzung zur Lekt\u00fcre des oben genannten Kommentars ist der Aufsatzband deshalb sehr zu empfehlen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Daniel Gleich, Dozent f\u00fcr Neues Testament, Theologisches Seminar St. Chrischona<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus Haacker: Zeugnis und Zeitgeschichte. Studien zum lukanischen Werk, BWANT 235, Stuttgart: Kohlhammer, 2022, kt., 244\u00a0S., \u20ac\u00a069,\u2013, ISBN 978-3-17-041646-8 Prof.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1835,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-1834","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1834","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1834"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1834\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1836,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1834\/revisions\/1836"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1835"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1834"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1834"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1834"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}