{"id":1846,"date":"2023-04-21T18:16:08","date_gmt":"2023-04-21T18:16:08","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1846"},"modified":"2023-04-21T18:16:10","modified_gmt":"2023-04-21T18:16:10","slug":"peter-mueller-kolosserbrief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1846","title":{"rendered":"Peter M\u00fcller: Kolosserbrief"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Peter M\u00fcller: <em>Kolosserbrief<\/em>, KEK 9\/2, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht 2022, 440\u00a0S., \u20ac\u00a0110,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/57203\/kolosserbrief\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/57203\/kolosserbrief\">978-3-525-57333-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der 16. Auflage des Kolosserkommentars der renommierten Reihe Kritisch-exegetischer Kommentar \u00fcber das Neue Testament wird Eduard Lohses Beitrag (15. Aufl., 1977) durch eine umfangreiche Auslegung von Peter M\u00fcller ersetzt. Wie Lohse will auch M. den Kol vor dem Hintergrund des philosophischen und religi\u00f6sen Umfelds Kleinasiens im sp\u00e4teren 1. Jh. verstehen. Ein Blick auf die Bibliografie l\u00e4sst einen dar\u00fcber staunen, wie viele relevante Forschungsbeitr\u00e4ge in den letzten f\u00fcnfzig Jahren hinzugekommen sind. M. arbeitet sie mit geschultem Auge und gro\u00dfer Kompetenz in seine Auslegung ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kolosser-Forschung der Gegenwart besch\u00e4ftigt sich mit ein paar zentralen Themen. M.s Meinung dazu soll im Folgenden kurz geschildert werden. 1. Er h\u00e4lt den Kol f\u00fcr einen pseudepigraphischen Brief eines \u201eoffensichtlich in paulinischer Tradition\u201c stehenden \u201eChrist[s] der zweiten christlichen Generation\u201c (400), der gegen 80 n. Chr. entstanden ist. Der Autor entstammt dem Lykostal, und der Brief ist an dortige Gemeinden adressiert. 2. Die sogenannte \u201ekolossische Irrlehre\u201c ist nicht, wie \u00f6fters in letzter Zeit erwogen wird, eine Fiktion, die dem Autor als Kontrastfolie zu seiner Lehre dient, sondern sie stellt die Position einer realen Gruppe dar, die Einfluss unter den Gl\u00e4ubigen in Koloss\u00e4 gewonnen hat. Diese Gruppe ist im Detail nicht auszumachen, aber sie legte offensichtlich Wert auf Engelverehrung, Speisevorschriften und Weisheit. Es handelt sich dabei um eine in der hellenistischen Umwelt weit verbreitete \u201eKombination von Traditionen, kultischen Vorstellungen und Verhaltensanweisungen\u201c (272). Diese sind haupts\u00e4chlich paganen Ursprungs, aber j\u00fcdische Einfl\u00fcsse sind nicht auszuschlie\u00dfen. 3. Das Christuslied (1,15\u201320) deutet M. als zweiteiliges fr\u00fchchristliches Traditionsst\u00fcck, das der Autor nur an einer Stelle erg\u00e4nzt habe \u2013 mit \u03c4\u1fc6\u03c2 \u1f10\u03ba\u03ba\u03bb\u03b7\u03c3\u03af\u03b1\u03c2 in 1,18a. Das Lied bedient sich hellenistischer bzw. hellenistisch-j\u00fcdischer Traditionen und will die sich noch im Prozess der Identit\u00e4tsfindung begriffenen Gemeinden von \u201edem unbedingtem Vorrang Christi als Sch\u00f6pfungsmittler und Vers\u00f6hner\u201c \u00fcberzeugen (186). 4. Die Haustafel (3,18\u20134,1) ist eine dem fr\u00fchchristlichen Traditionsgut angelehnte Eigenkomposition des Autors. Sie kann weder einem spezifischen religionsgeschichtlichen Hintergrund noch einer einzelnen antiken Gattung zugeordnet werden. Obwohl sie moderne Leser befremdet, ist ihr als Versuch, den christlichen Glauben im damaligen Kontext alltagstauglich zu machen, Beachtung zu schenken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders hilfreich ist M.s Behandlung der verschiedenen \u201eSinnlinien\u201c bzw. \u201emehrfach wiederkehrende[n] Elemente\u201c in der Einf\u00fchrung (58). Diese lassen den Kol erst ein in sich zusammenh\u00e4ngendes Schreiben werden. Acht Exkurse bereichern die Auslegung. Zwei davon verdienen besondere Beachtung: 1. \u201eDie anti-imperiale Lekt\u00fcre des Briefes\u201c (240\u2013241). M. betrachtet diese \u2013 m.&nbsp;E. zurecht \u2013 mit Skepsis. 2. \u201ePaulusschule\u201c (407\u2013412). M. z\u00f6gert aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden davon zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Frage der Verfasserschaft f\u00e4llt auf, mit welchem Nachdruck M. seine Position darlegt. Die stilistischen und theologischen Unterschiede zu den unumstrittenen Paulinen \u201elassen keinen anderen Schluss als den zu, dass der Kolosserbrief nicht von Paulus geschrieben sein kann\u201c (392). M.s Zuversicht ist eher f\u00fcr das letzte Viertel des 20. Jhs. charakteristisch. Neuere Kommentare pr\u00e4sentieren ihre Ergebnisse vorsichtiger. Diese neue Vorsicht ist angemessen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das betrifft zun\u00e4chst die Diskussion der \u201eSprach- und Stileigent\u00fcmlichkeiten\u201c des Kol. Diese f\u00fchrten Walter Bujard in seiner 1973 Dissertation (Stilanalytische Untersuchungen zum Kolosserbrief) zum Schluss, dass der Brief nicht vom Apostel stammt. Bis heute beruft sich die deutsche Forschung auf ihn. Laut M. k\u00f6nne z. B. hinter Bujards Untersuchung \u201enicht zur\u00fcckgegangen werden\u201c (72). Aber M. rezipiert die wissenschaftliche Diskussion der Stylometrie nur bis in die 1990er Jahre. Neuere Studien, unterst\u00fctzt durch ausgereiftere Computeranalysen, stellen Bujards Schl\u00fcsse neu zur Diskussion. B. White bezweifelt, dass das Corpus Paulinum einen Mindestumfang hat, der es stilistischen Untersuchungen erm\u00f6glichen w\u00fcrde, belastbare Ergebnisse zu erzielen. J. van Nes konnte zeigen, dass einige der Protopaulinen im selben Ausma\u00df von einer stilistischen Norm abweichen wie die vermeintlichen Deuteropaulinen. S. McKnight erhebt aufgrund von Untersuchungen zum Briefschreiben in der Antike den Einwand, dass wir keine rein paulinischen Paulusbriefe haben, die als Kontrollinstanz in Fragen der Sprache und des Stils dienen k\u00f6nnen. Es ist n\u00e4mlich davon auszugehen, dass alle unter dem Mitwirken einer sich abwechselnden Gruppe von Mitarbeitern verfasst wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gr\u00f6\u00dfere methodische Vorsicht ist auch im Umgang mit den theologischen Besonderheiten des Kol geboten. M. vergleicht dreizehn \u201etheologischen Hauptlinien\u201c des Kol mit Aussagen in den unumstrittenen Paulinen (366\u2013392) und stellt fest, dass der Kol in allen Themenbereichen \u201echarakteristische Unterschiede\u201c aufweist. Dabei behandelt er die unumstrittenen Paulinen als w\u00e4ren diese ein einheitliches Werk. Er macht auch keine Gegenprobe; das ist aus methodischer Sicht ein Manko, das die Aussagekraft seiner Analyse ernsthaft in Frage stellt. Wir wissen n\u00e4mlich nicht, ob nicht der Gal oder der 1Kor im Vergleich zu den anderen unumstrittenen Paulinen vergleichbare \u201echarakteristischen Unterschiede\u201c aufweist, und k\u00f6nnen deswegen auch keine Schl\u00fcsse \u00fcber den Kol ziehen. Meine eigenen vorl\u00e4ufigen Gegenproben lassen Zweifel aufkommen, dass die theologischen Besonderheiten des Kol so auff\u00e4llig sind, wie M. behauptet. Der Phil z. B. erw\u00e4hnt den Geist genauso selten wie der Kol und besch\u00e4ftigt sich genauso wenig mit der Macht der S\u00fcnde, und der 2Kor scheint genauso wenig am Geschick Israels interessiert zu sein wie der Kol. Alle Paulusbriefe weisen im Vergleich zum Corpus Paulinum als Ganzes theologische Eigent\u00fcmlichkeiten auf. Das macht sie so interessant und vielf\u00e4ltig anwendbar. Wer die unumstrittenen Paulinen zum monotonen Ma\u00dfstab der Authentizit\u00e4t macht, traut Paulus, einem der geistreichsten Theologen in der Geschichte des Christentums, zu wenig zu. Er spricht dem Apostel die F\u00e4higkeit ab, seine Christologie kosmisch, seine Ekklesiologie universal und seine Eschatologie (auch) realisiert zu denken. Er ist gezwungen, solche kreativen L\u00f6sungen f\u00fcr die theologischen Herausforderungen der Gemeinden im Lykostal einem namenslosen Nachahmer der zweiten Generation zuzuschreiben. Ich tippe eher auf Paulus.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Joel White, Professor f\u00fcr Neues Testament an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter M\u00fcller: Kolosserbrief, KEK 9\/2, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht 2022, 440\u00a0S., \u20ac\u00a0110,\u2013, ISBN 978-3-525-57333-4 In der 16. 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