{"id":1858,"date":"2023-04-22T09:22:57","date_gmt":"2023-04-22T09:22:57","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1858"},"modified":"2023-04-22T09:22:59","modified_gmt":"2023-04-22T09:22:59","slug":"karsten-schmidtke-jonathan-edwards","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1858","title":{"rendered":"Karsten Schmidtke: Jonathan Edwards"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karsten Schmidtke: <em>Jonathan Edwards. Sein Verst\u00e4ndnis von S\u00fcndenerkenntnis, Eine theologische Einordnung<\/em>, N\u00fcrnberg: VTR, 2022, Pb., 414\u00a0S., \u20ac\u00a039,80, ISBN <a href=\"https:\/\/www.buchhandel.de\/buch\/Jonathan-Edwards-9783957761439\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.buchhandel.de\/buch\/Jonathan-Edwards-9783957761439\">978-3-95776-143-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dieser gelehrten Untersuchung wurde der Verfasser 2019 unter der Fachbegleitung von Christof Sauer an der University of South Africa (UNISA) promoviert, nachdem er zuvor 15 Jahre lang als baptistischer Gemeindepastor in Deutschland gearbeitet hatte. Heute ist er in zwei Missionswerken als Gastdozent t\u00e4tig und arbeitet als freier Trau- und Trauerredner sowie als Musiker.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Untersuchung widmet sich dem gro\u00dfen nordamerikanischen Erweckungstheologen und -prediger Jonathan Edwards (1703\u20131758). Dieser hat als puritanischer und kongregationalistischer Gemeindepastor zusammen mit dem methodistischen Evangelisten George Whitefield das sp\u00e4ter sog. Great Awakening (1740\u201342) gepr\u00e4gt und damit den Erweckungsgedanken bis heute in der amerikanischen Fr\u00f6mmigkeit verankert. Obwohl seine Schriften einen wichtigen Bezugspunkt nordamerikanischer Theologie darstellen, wurde Edwards in Deutschland vergleichsweise wenig beachtet. Dass er aber heute bei vielen Evangelikalen diesseits und jenseits des Atlantiks auf Interesse st\u00f6\u00dft, zeigt u. a. die hier zu besprechende Untersuchung. Das Thema \u201eS\u00fcndenerkenntnis\u201c, auf das sich der Verfasser bei Edwards konzentriert, ist nicht allein von historischer oder systematisch-theologischer Bedeutung, sondern auch praktisch-theologisch relevant, wehren sich doch heute viele Christen wie Nichtchristen gegen die negativen Gef\u00fchle, die sie beim Stichwort \u201eS\u00fcnde\u201c beschleichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Verfasser will mit seiner Untersuchung zwei Forschungsfragen beantworten: \u201eWas bedeutete S\u00fcndenerkenntnis im Denken Jonathan Edwards\u2019? Was verbanden seine Zeitgenossen mit dem Begriff?\u201c (21). Der erste Hauptteil (mit 70 Seiten) ist der Beantwortung der ersten Frage gewidmet, der zweite Hauptteil (mit 138 Seiten) der Beantwortung der zweiten Frage. Der dritte Hauptteil (mit 127 Seiten) geht \u00fcber diese Fragen hinaus und fragt nach den Wurzeln von Edwards\u2019 philosophischem und theologischem Denken. Mit diesen \u00dcberlegungen schlie\u00dft der Verfasser seine Untersuchung ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Edwards\u2019 Begriff von S\u00fcndenerkenntnis unterscheidet der Verfasser (leider ohne hinreichende Begr\u00fcndung) zwischen \u201ephilosophischen Voraussetzungen\u201c und \u201etheologischen Grundlagen\u201c. Zu den philosophischen Voraussetzungen rechnet er den sog. \u201eHerzenssinn\u201c des Menschen, der zugleich eine \u201eeinfache Idee\u201c im Sinne John Lockes sein soll, sowie \u00fcberraschenderweise auch die vom Heiligen Geist gewirkte \u201eErleuchtung\u201c des Menschen, obwohl letztere doch wohl eher eine theologische als eine philosophische Kategorie ist. Zu den theologischen Grundlagen z\u00e4hlt der Verfasser (in dieser Reihenfolge!) die reformierte F\u00f6deraltheologie (die Edwards \u00fcbrigens nationalistisch zuspitzt, indem er die Puritaner in Nordamerika \u201eGod\u2019s own people\u201c nennt), die calvinistische Erw\u00e4hlungslehre, die puritanische Pr\u00e4parationslehre (derzufolge der Heilige Geist Menschen durch Weckung von S\u00fcndenerkenntnis auf die Bekehrung vorbereitet), die Lehre, dass das biblische Gesetz zur S\u00fcndenerkenntnis f\u00fchrt, sowie Edwards\u2019 Rhetorik, die auf Stimulation von Gef\u00fchlen zielt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im zweiten Hauptteil vergleicht der Verfasser Edwards\u2019 Philosophie und Theologie der S\u00fcndenerkenntnis mit Personen aus seinem Umfeld, wobei er gewisserma\u00dfen einen zeitlichen Kreis um Edwards und das Great Awakening schl\u00e4gt und darin 16 Autoren versammelt, die in pers\u00f6nlicher oder sachlicher N\u00e4he zu Edwards standen. Dazu rechnet er nicht nur Edwards\u2019 Gro\u00dfvater S. Stoddard (1643\u20131729) und Edwards\u2019 Enkel T. Dwight (1757\u20131817), sondern auch Theologen und Prediger wie N. L. Graf von Zinzendorf, J. Wesley, Ch. G. Finney und Ch. H. Spurgeon. Diese Autoren befragt er nach den drei philosophischen und den f\u00fcnf theologischen \u00dcberzeugungen, die er bei Edwards gefunden hat. Das Ergebnis des Vergleichs lautet wenig \u00fcberraschend, dass sich sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede feststellen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessanter ist der dritte Hauptteil. Der Verfasser greift hier auf Augustinus, Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin, Johannes Calvin, die altreformierten Theologen Fran\u00e7ois Turrettini (der Verfasser schreibt immer Francisco Turretino) und Petrus van Mastricht, die Cambridge Platonists sowie die Philosophen Alexander Richardson, John Locke, George Berkeley und Nicholas Malebranche zur\u00fcck. Bei einer solchen Menge an Vergleichsgr\u00f6\u00dfen kann der Verfasser kaum in die Tiefe gehen. Dementsprechend endet die Untersuchung zu den \u201ephilosophischen\u201c Begriffen mit dem Ergebnis, \u201edass es schon vor Jonathan Edwards viele Denker gab, die sowohl eine Illuminations-, als auch eine Sinnes- und Ideenlehre vertreten haben\u201c (304). Der Vergleich der \u201etheologischen\u201c Konzepte deckt erneut sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede auf. Als Ergebnis dieses Hauptteils h\u00e4lt der Verfasser fest, \u201edass das Verst\u00e4ndnis von S\u00fcndenerkenntnis bei Jonathan Edwards letztlich auf den philosophischen Voraussetzungen der vorreformatorischen Zeit und den theologischen Grundlagen der Reformation beruht\u201c (367). F\u00fcr das Vorreformatorische steht vor allem Augustinus. In seiner \u201eBilanz\u201c f\u00fchrt der Verfasser noch weitere Vergleiche durch. So wird dort Edwards\u2019 Bekehrungsverst\u00e4ndnis mit zahlreichen Konversions- und Emotionstheorien von heute verglichen \u2013 mit dem Ergebnis, dass einige Theorien zu ihm passen, andere wieder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Fazit des Verfassers steht als wesentliches Ergebnis der Untersuchung: \u201eS\u00fcndenerkenntnis geschieht [bei Edwards] letztlich als Illumination durch das Wirken des Heiligen Geistes und durch das Vergleichen des Menschen mit dem Gesetz Gottes\u201c (365). Das klingt, als sei S\u00fcndenerkenntnis eine Erleuchtung, die durch das Handeln Gottes und das Handeln des Menschen zustande kommt. Andererseits soll Edwards aber gelehrt haben, dass die Bekehrung des S\u00fcnders allein Gottes Handeln sei. Aber vielleicht will der Verfasser gar nicht sagen, dass der Mensch sich selbst mit dem g\u00f6ttlichen Gesetz vergleicht, sondern dass Gott den Menschen an seinem Gesetz misst und ihn deshalb verurteilen muss. Dann w\u00fcrde die S\u00fcndenerkenntnis durch ein zweifaches g\u00f6ttliches Wirken zustande kommen, n\u00e4mlich durch den Geist und durch das Gesetz. Daraus entst\u00fcnde dann die Frage, welches der spezifische Beitrag des Geistes und welches der des Gesetzes ist, bzw. ob der Heilige Geist neben oder durch das Gesetz die S\u00fcndenerkenntnis wirkt. Und warum kommt S\u00fcndenerkenntnis aus dem Gesetz und nicht aus dem Evangelium? Wie also bestimmt Edwards das Verh\u00e4ltnis von Gesetz und Evangelium sowie von Wort und Geist Gottes? Diese Fragen werden leider gar nicht oder nur oberfl\u00e4chlich behandelt. Lesevergn\u00fcgen bereitet die Arbeit nicht. Dazu ist der Stil zu h\u00f6lzern und redundant, und die Methodik wird allzu mechanisch angewandt. Inhaltlich dominiert die Materialdarbietung, die sich stark auf den Begriffsgebrauch konzentriert und mit zahlreichen Bez\u00fcgen auf Sekund\u00e4rliteratur verbunden ist. Obwohl man in der Menge des Stoffs nur schwer das Wesentliche entdecken kann, ist die Materialf\u00fclle doch auch der Grund, warum man das Buch nicht ohne Nutzen liest, und warum es in wissenschaftlichen Bibliotheken nicht fehlen sollte. Wenn man sich vom Verfasser etwas w\u00fcnschen d\u00fcrfte, dann eine Untersuchung zum Bekehrungsverst\u00e4ndnis, in der er die Linien vom Puritanismus bis heute zieht. Die Voraussetzungen daf\u00fcr h\u00e4tte er, und f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis erwecklicher Fr\u00f6mmigkeit in Deutschland (speziell in den Freikirchen) w\u00e4re damit viel gewonnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Professor Dr. Uwe Swarat, Berlin<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karsten Schmidtke: Jonathan Edwards. 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