{"id":1861,"date":"2023-04-22T09:24:56","date_gmt":"2023-04-22T09:24:56","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1861"},"modified":"2023-04-22T09:24:57","modified_gmt":"2023-04-22T09:24:57","slug":"christopher-spehr-harry-oelke-hg-das-eisenacher-entjudungsinstitut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1861","title":{"rendered":"Christopher Spehr \/ Harry Oelke (Hg.): Das Eisenacher \u201aEntjudungsinstitut\u2018"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Christopher Spehr \/ Harry Oelke (Hg.): <em>Das Eisenacher \u201aEntjudungsinstitut\u2018. Kirche und Antisemitismus in der NS-Zeit<\/em>, Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte, Reihe B: Darstellungen 82, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2021, geb., 395\u00a0S., \u20ac\u00a039,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/56823\/das-eisenacher-entjudungsinstitut\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/56823\/das-eisenacher-entjudungsinstitut\">978-3-525-55797-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Rezensent kam zum ersten Mal 2006 mit dem Thema \u201eEntjudungsinstitut\u201c in Ber\u00fchrung. \u201eDa soll es eine Einrichtung gegeben haben\u201c \u2013 \u201edeutsch-christlich bearbeitetes Neues Testament\u201c \u2013 \u201eganz schrecklich\u201c und \u00e4hnlich lauteten damals die ersten Kommentare. F\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter zeigt dieser Aufsatzband die Fortschritte in der Erforschung dieses h\u00f6chst problematischen Instituts, das man wie andere peinliche Ausw\u00fcchse der Nazi-orientierten Kirche und Gesellschaft in der Nachkriegszeit sehr schnell vergessen und verschwiegen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die siebzehn Aufs\u00e4tze k\u00f6nnen hier auf dem f\u00fcr Buchbesprechungen vorgesehenen Raum nicht ad\u00e4quat besprochen werden. Aber der Eindruck, den die Beitr\u00e4ge hinterlassen, wird hoffentlich viele zur weiteren Vertiefung des wichtigen Themas ermutigen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle Essays gehen auf eine Tagung \u00fcber das Eisenacher \u201eEntjudungsinstitut\u201c im September 2019 zur\u00fcck, 80 Jahre nach dessen Gr\u00fcndung kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs (Vorwort, 9f; Einf\u00fchrung, 13). Die beiden Herausgeber Christopher Spehr und Harry Oelke skizzieren die Horizonte des Themas in Wissenschaft und Landeskirche bzw. vor Ort in Eisenach. Ein neues Miteinander von Christen und Juden sowie die Zusammenarbeit von Kirchengeschichtlern und Antisemitismusforschern er\u00f6ffnet ein fruchtbares Feld f\u00fcr weitere interdisziplin\u00e4re Untersuchungen (Einf\u00fchrung, 13\u201326).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im 1. Teil der Sammlung beleuchten vier Autoren Vorgeschichte und Kontexte der Eisenacher \u201eEntjudungs\u201c-Programmatik (37\u2013116). Uwe Puschner gibt kenntnisreich einen \u00dcberblick \u00fcber v\u00f6lkische Bewegungen und ihre Weltanschauung, neuheidnische, germanische und deutschchristliche Vorstellungen und Gruppierungen in der langen Jahrhundertwende (39\u201364). Wolfgang Benz stellt Houston Stewart Chamberlain und andere Protagonisten des Antisemitismus im 20. Jahrhundert vor (65\u201381). Vor und neben dem Eisenacher Institut gab es drei weitere \u201eForschungseinrichtungen\u201c mit eindeutig antisemitischer Zielsetzung (78). Thomas Martin Schneider widmet sich mit den \u201eDeutschen Christen\u201c und ihrer \u201eRassentheologie\u201c der Kirchenpartei, die den meisten Theologen durch den Kirchenkampf als gegnerische Position zur Bekennenden Kirche bekannt ist (83\u201398). Schneider deutet die DC als \u201emoderne Bewegung mit konservativen Z\u00fcgen\u201c (92), die trotz volksmissionarischem Interesse Theologie und Bekenntnis vernachl\u00e4ssigt und die Politik in den Vordergrund ger\u00fcckt habe (87). In seinem Beitrag \u00fcber \u201eJudenforschung\u201c im \u201eDritten Reich\u201c stellt Dirk Rupnow \u201eInstitutionen, Konzepte und Dynamiken einer NS-Musterwissenschaft\u201c zusammen (99\u2013116). Institute, universit\u00e4re Lehrauftr\u00e4ge und wissenschaftliche Forschungsarbeiten konnten sich in der kurzen Zeit ihrer Existenz kaum etablieren und haben eher divergente Forschungswege beschritten (106f).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im 2. Teil \u201eDas ,Entjudungsinstitut\u2018\u201c (117\u2013222) besch\u00e4ftigt sich zun\u00e4chst Christian Wiese mit dem j\u00fcdischen geistigen Widerstand gegen die Antisemitismusforschung, besonders am Beispiel von Leo Baeck und Rafael Straus (119\u2013154). In einem weiteren Beitrag fasst Oliver Arnhold die Grundgedanken des \u201eKampfes f\u00fcr die Entjudung des religi\u00f6sen Lebens\u201c zusammen (155\u2013176). Aufgabe des Instituts sollte vorrangig sein, die nationalsozialistische Weltanschauung theologisch zu legitimieren und eine \u201ejudenfreie\u201c Theologie und Kirche zu schaffen (vgl. 163). Die bereitwillige Mitarbeit zahlreicher Theologen und Kirchenm\u00e4nner belegt nach Arnhold u.&nbsp;a., \u201edass die Theologie als geisteswissenschaftliche Disziplin besonders ideologieanf\u00e4llig und instrumentalisierbar ist\u201c (ebd.). Im Gegensatz zu dieser Anbiederung kirchlicher Kreise an NS-Ideologie stand wachsendes Desinteresse und verst\u00e4rkte Ablehnung der Kirchen in f\u00fchrenden Kreisen der NS-Partei (167).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Matthias Morgenstern stellt im folgenden Aufsatz Walter Grundmann als Sch\u00fcler des T\u00fcbinger Neutestamentlers und Judaisten Gerhard Kittel dar (177\u2013195). Siegfried Hermle geht der Frage nach, wie die bekennende Kirche das \u201eEntjudungsinstitut\u201c wahrgenommen hat (197\u2013222). Starken Wirkungen der Institutsarbeit in Th\u00fcringen stehen zur\u00fcckhaltend-abw\u00e4gende bis kritische Stellungnahmen aus den im \u201eLutherrat\u201c zusammengeschlossenen drei \u201eintakten\u201c lutherischen Landeskirchen in Bayern, Hannover und W\u00fcrttemberg und aus Bruderr\u00e4ten deutschchristlich dominierter lutherischer Kirchen gegen\u00fcber (201). Die Beurteilungen durch das organisierte Luthertum zeigen, \u201edass einerseits im Blick auf die generelle Aufgabenstellung des Instituts allenfalls eine vorsichtige Distanzierung erfolgte, w\u00e4hrend andererseits dessen konkrete Arbeitsergebnisse eine klare Zur\u00fcckweisung erfuhren\u201c (203\u2013204).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der dritte Teil enth\u00e4lt vier Fallstudien (223\u2013266), von denen sich nur zwei direkt mit dem Eisenacher \u201eEntjudungsinstitut\u201c besch\u00e4ftigen. Als erste referiert Mirjam Loos \u00fcber die Redewendung \u201ej\u00fcdisch bolschewistische Weltgefahr\u201c im deutschsprachigen Protestantismus (225\u2013233). Als n\u00e4chster beschreibt Dirk Schuster, wie in den Arbeiten des Eisenacher Instituts Religionswissenschaft instrumentalisiert wurde (235\u2013243).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die dritte Autorin, Elisabeth Lorenz, hat eine ausf\u00fchrliche Dissertation \u00fcber das deutsch-christliche Neue Testament \u201eDie Botschaft Gottes\u201c vorgelegt. In ihrem Beitrag zum vorliegenden Aufsatzband untersucht sie, wie durch Rezeption und Redaktion von neutestamentlichen Aussagen in der \u201eBotschaft Gottes\u201c ein deutsch-christliches Jesusbild konstruiert wurde (245\u2013256). Schlie\u00dflich begibt sich Rebecca Scherf auf die Suche nach Spuren des aus Brasilien zur\u00fcckgekehrten Auslandspfarrers Erich B., der w\u00e4hrend des Dritten Reiches in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert war und aufgrund erfolglos verlaufener Bewerbung in Deutschland nach Lateinamerika zur\u00fcckkehrte (257\u2013266).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der vierte Teil ist dem Thema \u201eWirkungen und Aufarbeitung\u201c gewidmet (267\u2013386). Michael Weise sammelt und analysiert in seinem Aufsatz Stellungnahmen und Rechtfertigungsversuche ehemaliger Institutsmitarbeiter (H. Ermisch, H. Dungs, A. von Ungern-Sternberg, H.-E. Eisenhuth, W. Kretzschmar) in der sp\u00e4teren SBZ (269\u2013286). Herbert von Hintzensterns sp\u00e4tere Deutung der Institutsarbeit ist Gegenstand eines Beitrags von Jochen Birkenmeier (287\u2013304). Stephan Linck stellt dar, wie lutherische Kirchen in Norddeutschland mit ihrer NS-Vergangenheit und mit Antisemitismus umgingen (305\u2013329).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00dcberblicksartikel von Susannah Heschel zur Historographie des \u201eInstituts zur Erforschung und Beseitigung des j\u00fcdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben\u201c (331\u2013357) m\u00fcsste sachlich eigentlich den ganzen Aufsatzband er\u00f6ffnen. Deshalb sei dem Leser zumindest empfohlen, diesen Beitrag an den Anfang seiner Lekt\u00fcre zu stellen. Der letzte Beitrag des Buchs stammt aus der Feder von Veronika Albrecht-Birkner, die \u00fcber verschiedene Sichtweisen des Verh\u00e4ltnisses von Christentum und Judentum in DDR und BRD nach dem Zweiten Weltkrieg referiert (359\u2013385). Der Sammelband ist eine praktische Zusammenstellung unterschiedlicher Wege der Forschung zur theologisch fragw\u00fcrdigen Arbeit des Eisenacher \u201eEntjudungsinstituts\u201c. Ein angemessener Verkaufspreis erm\u00f6glich es auch den am Thema interessierten Studierenden, das Buch zu erwerben. Nachdenklich macht die theologiegeschichtliche \u00dcberlegung, dass die fehlgeleitete Hermeneutik und Exegese deutsch-christlicher Kreise nur <em>ein <\/em>Beispiel des generellen Problems einer von gesellschaftlichen und politischen Interessen ausgehenden Theologie darstellt. In dieser Hinsicht g\u00e4be es seit den 1960er Jahren in den Landeskirchen einiges aufzuarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Steinen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christopher Spehr \/ Harry Oelke (Hg.): Das Eisenacher \u201aEntjudungsinstitut\u2018. Kirche und Antisemitismus in der NS-Zeit, Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte, Reihe<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1862,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1861","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1861","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1861"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1861\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1863,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1861\/revisions\/1863"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1862"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1861"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1861"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1861"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}