{"id":1867,"date":"2023-04-22T09:29:49","date_gmt":"2023-04-22T09:29:49","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1867"},"modified":"2023-04-22T09:29:50","modified_gmt":"2023-04-22T09:29:50","slug":"irene-dingel-hg-der-synergistische-streit-1555-1564","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1867","title":{"rendered":"Irene Dingel (Hg.): Der Synergistische Streit (1555\u20131564)"},"content":{"rendered":"\n<p>Irene Dingel (Hg.): <em>Der Synergistische Streit (1555<\/em>\u2013<em>1564)<\/em>, bearb. von K\u0119stutis Daugirdas, Jan Martin Lies, Hans-Otto Schneider, Controversia et Confessio 5, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2019, geb., 820\u00a0S., \u20ac\u00a0140,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/52853\/der-synergistische-streit-1555-1564\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/52853\/der-synergistische-streit-1555-1564\">978-3-525-55864-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die Frage einer Mitwirkung des menschlichen Willens bei der Bekehrung ist nicht erst im Neupietismus und bei Freikirchlern in den letzten Jahrzehnten umstritten. Es lohnt sich, tief in die evangelische Theologiegeschichte einzutauchen, um schon vor Melanchthons Tod im Jahr 1560 hei\u00dfe Debatten und tragf\u00e4hige L\u00f6sungen f\u00fcr das Problem zu finden! Doch auch in anderer Hinsicht lohnt sich die Lekt\u00fcre des Bandes f\u00fcr Theologen aus \u201eevangelikalen\u201c Kreisen im Land. H\u00e4tten wir zum Beispiel gewusst, dass schon damals intensiv um das richtige Verst\u00e4ndnis des Begriffs \u201eBekehrung\u201c gerungen wurde (vgl.&nbsp;13)? Die altprotestantische Orthodoxie hat einen schlechten Ruf, weshalb sich nur wenige Studierende und Forschende mit ihr besch\u00e4ftigen. Auch wenn sich die in <em>Controversia et Confessio<\/em> ver\u00f6ffentlichten Dokumente sp\u00e4treformatorischer theologischer Theoriebildung noch nicht zu den H\u00f6chstleistungen scholastischer Systembildung, wie man sie dann bei Theologen des 17. Jahrhunderts findet, aufgeschwungen haben, sind sie doch weitgehend in Vergessenheit geraten und werden nur von wenigen Spezialisten bearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgangspunkt der nur wenige Jahre andauernden, aber intensiven Diskussion \u00fcber die Wahlfreiheit des Menschen in seiner Bekehrung sind zwei gelehrte Disputationen, die der Leipziger Superintendent, Pfarrer an der Nikolaikirche und Theologieprofessor Johannes Pfeffinger im Jahr 1555 abhielt. Zweiter Protagonist im Synergistischen Streit ist der Jenaer und Leipziger Theologieprofessor Victorin Strigel. Haupts\u00e4chliche Regionen der Auseinandersetzung sind das ernestinische Sachsen und W\u00fcrttemberg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage nach der Bekehrung erweitert sich im Lauf der Diskussion zu dem gr\u00f6\u00dferen Thema, ob der Mensch sich frei dem Guten zuwenden k\u00f6nne. Herzog Johann Friedrich der Mittlere von Sachsen versucht, den theologischen Differenzen durch Vermittlungsbem\u00fchungen, aber auch durch Entlassungen von Geistlichen und Professoren entgegenzuwirken.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Kritik lutherischer Theologen an Strigel und Pfeffinger soll eigentlich deren Lehrer Melanchthon getroffen werden (vgl. u.&nbsp;a. 533, Z. 26f und Amsdorfs Vorwurf 772, Z. 14). Dieser brachte zum Ausdruck, dass der <em>zustimmende menschliche Wille<\/em> einen wichtigen Faktor bei der Bekehrung neben <em>dem Heiligen Geist<\/em> und <em>dem Wort Gottes<\/em> darstelle (7, 21: <em>tres causae concurrentes<\/em>, vgl. BSELK S. 1386, Z.17ff). Von Pfeffinger sind im vorliegenden Sammelband drei Schriften abgedruckt: 1. <em>De libertate voluntatis humanae quaestiones quinque<\/em> (Leipzig 1555, S. 18\u201344), 5. <em>Antwort auf die \u00f6ffentliche Bekenntnis der reinen Lehre des Euangelii und Confutation der itzigen Schw\u00e4rmerei Amsdorfs<\/em> (Wittenberg 1558, S. 146\u2013173), 7. <em>Nochmals gr\u00fcndlicher, klarer, wahrhaftiger Bericht<\/em> (Wittenberg 1559, S. 210\u2013265).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Publikation von Pfeffingers Disputationsthesen in einem Sammelband im M\u00e4rz 1558 gab dem Synergistischen Streit (1555\/58\u20131564) erst richtig Auftrieb. Verschiedene zeitgen\u00f6ssische lutherische Theologen antworteten auf Pfeffingers herausfordernde Thesen mit einer beachtlichen Zahl eigener Schriften, die ihrerseits aber Meinungsdifferenzen untereinander dokumentierten. Abgedruckt sind im vorliegenden 5.&nbsp;Band von <em>Controversia et Confessio<\/em> Beitr\u00e4ge des Weimarer Hofpredigers Johannes Stoltz (eine Ver\u00f6ffentlichung, Nr. 3), drei weitere des bekannteren Theologen Nikolaus von Amsdorf (Nr. 2, 6 und 18), f\u00fcnf von Matthias Flacius (Nr. 4, 11 [Miturheber], 12, 13 und 15), zwei von Nikolaus Gallus (Nr. 8, 10), und Thesen von Simon Musaeus (Nr. 11 [Miturheber]) in selbst\u00e4ndigen Publikationen oder Beitr\u00e4gen zu Sammelwerken. In diesem Zusammenhang wird auch das Weimarer Konfutationsbuch, das ein Viertel des gesamten Bandes einnimmt (Jena 1559, Nr. 9, S. 288\u2013501) erstmals lateinisch und deutsch kritisch ediert. Das Weimarer Konfutationsbuch konnte zwar im ernestinischen Sachsen Frieden stiften (294f). Da Victorin Strigel und der Jenaer Superintendent Andreas H\u00fcgel der von Flacius bestimmten Endredaktion des Weimarer Konfutationsbuchs nicht zustimmen konnten, ging der Streit jedoch weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders die folgenden Schriften von Victorin Strigel zeigen, wie schwierig es ist, in der Synergismusfrage theologische Fallen zu vermeiden. Strigel unterteilt den Bekehrungsvorgang in verschiedene psychologische Prozesse und stellt sich mit seinen Aussagen deutlich in die N\u00e4he Pfeffingers. Auch die Weimarer Disputation von 1560 (<em>Musaeus, Flacius, Strigel: Thesen zur Weimarer Disputation 1560<\/em>, Nr. 11, 528\u2013551) konnte die theologischen Unterschiede zwischen den ernestinischen Theologen nicht beseitigen. Meinungsverschiedenheiten f\u00fchrten zu Entlassungen, ja sogar zu Inhaftierungen von andersdenkenden Theologen. Im Lauf gelehrter Diskussionen wurde der in Jena entlassene Strigel 1562 wieder auf seinen Lehrstuhl berufen. Mehr als vierzig protestierende Geistliche, 1570 sogar 70 W\u00fcrdentr\u00e4ger wurden ihres Amtes enthoben (636, 662). Ein Gutachten der Prediger in der Grafschaft Mansfeld protestierte kurz nach Strigels Rehabilitierung gegen dessen philosophisch gepr\u00e4gte Verwendung von Begriffen (640, <em>Sententia ministrorum verbi in comitatu Mansfeldensi 1562<\/em>, Nr. 14, 632\u2013656).<\/p>\n\n\n\n<p>Strigels theologische Position lud auch au\u00dferhalb von Sachsen zum Widerspruch ein, wie eine Sammlung von Beitr\u00e4gen w\u00fcrttembergischer Theologen zu seinen Aussagen (1563, <em>Etliche Schriften und Handlungen der W\u00fcrttembergischen Theologen und Victorini Strigelij<\/em>, Nr. 17, 740\u2013767) belegt. Die Weimarer Disputation l\u00f6ste ab 1560\/1561 den Streit zwischen Flacius und Strigel \u00fcber die Erbs\u00fcnde aus. Flacius betonte das tiefe menschliche Verderben und seine v\u00f6llige Unf\u00e4higkeit, frei Gutes hervorzubringen. Im Eifer der gelehrten Disputation bezeichnete er die Erbs\u00fcnde sogar als Substanz oder Wesen des Menschen. Dies wurde von Victorin Strigel mit seiner Gegenposition, die Erbs\u00fcnde sei lediglich ein Akzidens, strikt abgelehnt (Vgl. BSELK S.\u00a01189). Der Synergistische Streit geht folgerichtig in den Erbs\u00fcndestreit \u00fcber, ja er kam sogar \u00fcber die Konkordienformel hinaus nicht zur Ruhe (Vgl. BSELK S.\u00a01221, Anm. 12). Die Konkordienformel behandelt das Thema unter Bezugnahme auf zahlreiche Bibelstellen, fr\u00fchere Bekenntnisse der reformatorischen Kirchen und einschl\u00e4gige Luthertexte (BSELK Ep S. 1226\u20131235; SD S. 1346\u20131387; <em>De servo arbitrio<\/em> WA 18, 697,28 und die Genesis-Vorlesung WA 43, 457\u2013463 vgl. 458,25f \u201eEpikur\u00e4er\u201c). Immerhin kam es 1566\u20131570 auch in G\u00f6ttingen zu einem Bekehrungsstreit (BSELK S. 1383, Anm. 409). Der neue Band 5 in der Reihe <em>Controversia et Confessio<\/em> bietet die gute Gelegenheit, das heute in frommen landeskirchlich-pietistischen und in freikirchlichen Kreisen noch oft diskutierte Thema Bekehrung historisch zu vertiefen und zu kl\u00e4ren. Dass in diesem Zusammenhang eine Kl\u00e4rung der Erbs\u00fcndenfrage notwendig sein wird, zeigt der oft d\u00fcrftige S\u00fcndenbegriff von Vertretern der Heiligungsbewegung. Diese wollen ihre S\u00fcndlosigkeit aus eigener Beobachtung von vermiedenen s\u00fcndigen Taten im Sinne eines vom Methodismus inspirierten <em>Higher Christian Life<\/em> herleiten, anstatt zuerst danach zu fragen, was die Bibel und besonders das Neue Testament von der bleibenden S\u00fcndhaftigkeit des Menschen lehrt. Deshalb schlie\u00dft der Rezensent mit einer Bitte an die Kollegen im Lehramt an Theologischen Seminaren und Fachhochschulen: Wenn Ihr \u00fcber das Thema \u201eBekehrung\u201c arbeitet, bleibt nicht an Texten des 19. und 20. Jahrhunderts h\u00e4ngen. Besch\u00e4ftigt Euch mit dem 16. Jahrhundert!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Steinen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irene Dingel (Hg.): Der Synergistische Streit (1555\u20131564), bearb. von K\u0119stutis Daugirdas, Jan Martin Lies, Hans-Otto Schneider, Controversia et Confessio 5,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1868,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1867","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1867","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1867"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1867\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1869,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1867\/revisions\/1869"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1868"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1867"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1867"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1867"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}